Mut zur Kündigung! 

#Arbeit+Leben #Seelenleben

Der folgende Text richtet sich nicht an Arbeitsmenschen, die vor dem Frühstück mit einem glücklichen Pfeifen durch die Wohnung tänzeln, sondern an Arbeits­sklaven, die nicht mehr daran glauben, dass dieser Zustand überhaupt existiert. Hier kommt Dein Guide zur der vielleicht gesündesten Entscheidung Deines Lebens.

[Text: Anna Melamed | Illustrationen: The Holstee Manifesto]

Ich dachte, es wäre mein Traumjob nach dem Studium: freundschaftliche Kollegen, kreatives Büro und eine Power-Chefin. Dennoch schleppte ich mich jeden Tag ins Büro, konnte es kaum abwarten bis ich wieder gehen durfte und fühlte mich am frühen Abend unglücklich ausgelaugt. Es war einfach nicht meins. Mit Anfang 20 wollte ich diesen resignierten Zustand nicht als mein Schicksal akzeptieren. Ich kündigte. Was sich anhört wie eine Hals-über-Kopf-Kündigung war tatsächlich eine solide, weise, idealistische Entscheidung, die ich seither zu keinem Zeitpunkt bereut habe. Vielleicht bist Du aktuell in der selben Lage wie ich vor ein paar Monaten: Die regelmäßig eintreffende Summe auf Deinem Konto, die sich am Anfang noch belohnend angefühlt hat, ist nun eine Last geworden und motiviert Dich nicht mehr, in der Früh aufzustehen. Deshalb möchte ich Dir diesen Guide an die Hand geben, der Dir Mut macht, vielleicht ebenfalls die gesündeste Entscheidung Deines Lebens zu treffen. Bedenke: Selbst wenn Du nicht mehr Anfang 20 bist, wirst Du noch verdammt viel Zeit in Deinem Leben mit Deiner Arbeit verbringen. Stell also lieber sicher, dass sie Dir möglichst gut gefällt.

[Randnotiz von Anna: Natürlich bin ich privilegiert, weil ich aus der Sicht einer mitteleuropäischen Akademikerin mit wirtschaftlichem Studiengang schreibe, aber ich bin sicher, dass sich mein Denkmuster nicht nur auf hochqualifizierte Digitaljobs anwenden lässt.]

 

Schritt 1: Das Eingeständnis

Stell Dir die folgenden Fragen und beantworte sie ehrlich, ohne sofort an alle „Aber“ zu denken. Erlaube Dir fünf Minuten hypothetisches Träumen.  

  1.  Welcher Gedanke lässt Dich gerne früh aufstehen und bei beruflichen Niederlagen weitermachen?
  2. Erzählst Du Fremden gern von Deinem Job? Möchtest Du mit Deiner Tätigkeit assoziiert werden?
  3. Welche Deiner Eigenschaften und Hobbys betonst Du beim Vorstellen?
  4. Hast Du eine Leidenschaft, der Du Dich am liebsten den ganzen Tag widmen würdest?
  5. Wenn Du die freie Wahl hättest und Geld erstmal keine Rolle spielen würde – was wäre Dein Traumjob?
  6. Bringt Dich das, was Du gerade arbeitest, überhaupt Deinem großen Ziel ein Stückchen näher oder gäbe es Abkürzungen? 
  7.  Weil Frage sechs ohne Frage sieben nicht funktioniert: Was ist Dein großes Ziel?

 

Schritt 2: Selbstvertrauen

Ich bin zu häufig vollkommenen Hochstaplern und Taugenichtsen begegnet, die ihr Altbau-WG-Zimmer, ihr Bioessen und ihr Koks problemlos finanzieren konnten, als dass ich nicht mehr daran glaube, einen Arbeitsplatz für mich finden zu können. Zuversicht kann auch durch Vergleich entstehen, à la „Wenn die es schaffen, kann ich es schon lange!“ Ich verstehe das Bedürfnis nach Sicherheit, das vielleicht erst mal hinderlich wirken kann. Dein weichgefurzter Bürostuhl sieht auf den ersten Blick zu bequem aus, um das Abenteuer zu wagen – irgendwie ist das Umfeld doch zu verlockend und stabil. Das Vertrauen in scheinbar „sichere“ Jobs auf dem Arbeitsmarkt ist jedoch unsicherer als das Vertrauen in Deine immer weiter wachsenden Fähigkeiten und Träume. Auf das eine hast Du nämlich direkten Einfluss, damit Du Dir das andere erfüllen kannst. Warum nicht also mehr Energie in Selbstvertrauen investieren? „Aber ich lasse doch meine Firma nicht im Stich“, schreist Du, „diese Idioten werden das Projekt doch niemals ohne mich voranbringen können!“ Merke: Du hast immer die Wahl. Du schuldest niemanden etwas, besonders nicht Deinem Arbeitgeber. Früher oder zu spät überkommt nämlich alle das Eingeständnis: Jeder Mensch ist ersetzbar. Auch man selbst. Außerdem arbeitest Du anscheinend unter Idioten, was langfristig gar keinen guten Einfluss auf Dich haben kann. Deshalb solltest Du mehr Angst vor einer sich einschleichenden Depression haben, weil Dich Dein Job apathisch macht, als Dich vor der wirtschaftlichen Depression zu fürchten. Deine Selbstliebe sollte groß genug sein, um einer deprimierenden Arbeitsstelle auf der Stelle den Mittelfinger zu zeigen. Dabei geht Selbstliebe übrigens über einen Spa-Besuch und ein üppiges Dinner, das man sich „gönnt“, hinaus. Sich selbst seine Wünsche zu erlauben und seine Berufsträume zu verfolgen – das ist reales Selbstvertrauen. Manchmal muss man groß und absurd denken, um überhaupt Befriedigendes zu bekommen.

 

Schritt 3: Actio – Reactio

Angenommen, Du hast den Entschluss gefasst, die Arbeitstapeten zu wechseln. Was nun? 

  1. Wenn Du kündigst, stelle sicher, im Guten auseinanderzugehen. Die Kündigungsfrist sollten möglichst schmerzfrei verlaufen. Sonst wird das so unangenehm, wie mit dem Expartner noch einen weiteren Monat in einer Wohnung zu leben. 
  2. Signalisiere Deinem Umfeld, dass Du aktiv auf Jobsuche bist und erzähle, wann immer es passt, von Deinen Berufswünschen oder der Richtung, die Du einschlagen möchtest. Viele gute Jobs werden privat unter der Hand vergeben, also erzähl am besten jedem, den Du triffst, wonach Du suchst! 
  3. Unterschätze nicht Dein Netzwerk, das Du Dir in den letzten Jahre auch informell aufgebaut hast. Staube Deinen LinkedIn-Account ab, krame in Deinen Schubladen nach alten Visitenkarten mit Eselsohren und rufe alte Freunde an, die vielleicht Deine Expertise in ihrem Unternehmen brauchen oder jemanden kennen, der jemanden kennt …
  4. Dir bereitet der Gedanke an ein Bewerbungsanschreiben Kopfschmerzen und Angst? Kann ich nachvollziehen. Ich trickse mein Hirn damit aus, dass ich meine Anschreiben so formuliere wie Liebesbriefe: Ehrlich, Deine Situation erklärend und mit Hoffnung auf Antwort. 
  5. Wenn Liebesbriefe nichts helfen und die Schreib­blockade zu groß ist: Es gibt Bewerbungsportale wie karriere-suedniedersachsen.de oder campusjaeger.com. Bei Letzterem wird vom Bewerber nicht mehr als einen Lebenslauf verlangt. Drei schmerzfreie Klicks und Du hast schon mehr gewonnen, als vor der Bewerbung. 
  6. Und am wichtigsten: Übernehme Verantwortung für Deine Zeit. Spiel nicht die unterwürfige Praktikanten-Rolle! Führe Regie in Deinem Leben! 

Viel Erfolg und love yourself more than some dumb duties! 

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 15. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Januar 2019.

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