11 Freunde

Abseits der Spielergebnisse und mit viel geistreichem Humor knöpft sich das Magazin „11 FREUNDE“ die verschiedenen Aspekte der Fußballkultur vor. Im April 2016 sammelte die rasende Reporterin Vanessa 11 Fragen von 11 fußballbegeisterten Freunden und stellte sie dem „11 Freunde“-Chef vom Dienst Jens Kirschneck. Anlässlich unserer Tschutti Heftli-Verlosung [mehr Infos weiter unten] präsentieren wir Euch hier und jetzt seine Antworten. 

[Interview: Vanessa Pegel | Foto: 11 Freunde]

1. Jens, Fußball ist doch vitaler Krieg, wird Dir das auf Dauer nicht zu stumpf?

Ich würde es eher als die spielerische Form von Krieg bezeichnen, die mir auf keinen Fall zu stumpf wird. Denn wie der Ex-Bundestrainer Sepp Herberger schon sagte: „Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Und da Fußball ein Spiel ist, das sich ähnlich wie Schach auf dem ganzen Feld relativ frei entfaltet, kann alles Mögliche passieren und das macht es für mich jedes Mal wieder spannend. Dazu kommt natürlich die emotionale Bindung, wenn ein Team auf dem Platz steht, an das man sein Herz gehängt hat – was bei Kollege Köster und mir bedauerlicherweise der DSC Arminia Bielefeld ist, weil wir aus der Ecke kommen und damit sozialisiert worden sind. Wir sind also allerlei Kummer gewohnt.

2. Wenn man das Verhalten nach dem gefoult werden von Hand- und Fußballern vergleicht – wieso sind dann so viele Fußballer Weicheier?

Das ist eine sehr gute Frage, die ich neulich mit dem Handball-Bundestrainer diskutiert habe. So richtig konnte der sich da auch keinen Reim drauf machen, aber wir haben uns dann darauf geeinigt, dass die einzelne Szene im Fußball eben einfach mehr bedeutet, denn ein Tor kann alles entscheiden. Im Handball heißt es „Mund abputzen, weitermachen“ und dann steht es meinetwegen 30:31 – da hat man immer noch die Chance etwas zu reparieren. Aber ein Tor im Fußball bringt das Drama gelegentlich auf den Punkt. Möglicherweise ist deshalb die ganze Nummer mit dem Foulen im Fußball theatralischer als im Handball. Oftmals wird ja auch nur gejammert, damit der Schiedsrichter den Gegner sanktioniert. Daraus ist dann wahrscheinlich so eine Art allgemeine Weinerlichkeit entstanden, die man definitiv beklagen kann.

3. Was hältst Du davon, dass es Planungen für eine Europäische Elite-Liga nach dem Vorbild der NFL gibt?

Gar nichts! Weil das den Wettbewerb in der Bundesliga zu einem Wettbewerb zweiter Klasse machen würde. Außerdem wäre das die endgültige Konzentration auf das Geld und würde den  Fußball in seiner letzten spätkapitalistischen Ausprägung zeigen, bevor er sich selbst abschafft.

4. Geld schießt Tore – geht die Schale in den nächsten zehn Jahren ausschließlich zu den Bayern?

Das Schöne ist, dass man beim Fußball nie zehn Jahre in die Zukunft blicken kann, aber mit ihren ökonomischen Möglichkeiten werden die Bayern wahrscheinlich in acht von zehn Jahren die Schale holen. Allerdings könnten sich auch die Bayern mal einen Managementfehler erlauben und dann für ein, zwei oder auch drei Jahre nicht Erster werden. Aber im Moment sieht das Ganze schon sehr nach gepflegter Langeweile aus.

↑ Philipp Köster und Jens Kirschneck vom Magazin 11 Freunde | Foto©11 Freunde

5. Das Fußballspiel welcher Gegner hat Deines Erachtens das Potenzial, die krasseste und geilste fußballkulturelle Erfahrung zu bieten?

Wenn ich Arminia Bielefeld jetzt mal außen vor lasse, wäre wahrscheinlich ein Derby – also ein Lokalduell in seiner reinsten Form – wie z. B. in Buenos Aires zwischen River Plate und Boca Juniors die vermutlich extremste und vielleicht auch gefährlichste Erfahrung, die man im Fußball machen kann. Wobei die Argentinier ja insgesamt in dieser Hinsicht ganz proper drauf sind. Bei einem Derby der beiden Clubs in La Plata ging es mal so dermaßen zur Sache, dass die örtliche Erdbebenwarte ein Erdbeben gemessen hat, weil die Leute bei einem Tor so unglaublich abgegangen sind. Das habe ich so auf der Bielefelder Alm noch nicht erlebt.

6. Nenne drei Namen oder Begriffe, die Deiner Ansicht nach für den Verfall von Fußballkultur stehen – verboten sind Sepp Blatter, FIFA und Franz Beckenbauer. 

Retortenclubs, kreativer Torjubel von den Spielern, wie z. B. Pfeil und Bogen oder am schlimmsten ist die Babyschaukel, und Karl Heinz Rummenigge, weil der immer sehr humorlos auf jeden auch nur gefühlten Angriff auf seinen Verein reagiert und daher für mich das Sinnbild eines Fußballtechnokraten ist, der mit Fußballkultur nicht viel am Hut hat.

7. Im legendären Film „Lambock“ will Moritz Bleibtreu Memmet Scholl einen blasen, weil er so ein geiler Fußballspieler ist. Wem würdest Du gerne einen blasen?

Ihr habt Euch ja schöne Fragen ausgedacht! Also im Grunde geht es um meinen liebsten Spieler aller Zeiten … Ich persönlich war immer ein riesengroßer Fan von Gerd Müller. Das hat mich im Alter zwischen sechs und zehn Jahren sogar auf den Irrweg geführt, „Bayern München“-Fan zu sein, was sich aber, als ich zu Verstand gekommen bin, schnell gelegt hat. Gerd Müller sah eigentlich immer so aus, als ob er nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort stand, aber er hatte unglaubliche Bewegungen drauf, sodass er im Sitzen, im Liegen und was weiß ich nicht wie Tore gemacht hat. Mit dem habe ich mich ein bisschen identifiziert, weil auch ich immer nur Chancen hatte, auf obskure Weise Tore zu schießen, da in mir nicht gerade ein Athlet verloren gegangen ist.

8. Was hältst Du vom Videobeweis?

Nichts. Die Befürworter führen ins Feld, dass es schließlich um sehr viel Geld ginge, was da auf dem Spiel stünde, aber meiner Ansicht nach wäre der Videobeweis so ziemlich der letzte Sargnagel, um das Spiel noch als Spiel zu betrachten. Danach ist es dann endgültig durchleuchtet und wahrscheinlich nur noch ein Geschäft. All das, worüber wir uns Wochen, Jahre und Jahrzehnte die Köpfe heiß reden, wie das Wembley-Tor oder 100 andere Beispiele, würde es mit dem Videobeweis einfach nicht mehr geben. Man würde einmal den Film zurückspulen und dann wüsste man es. Das ist eine Fußballwelt, die mir nicht mehr viel Spaß machen würde.

9. Inwiefern ist das eigene Fan-Dasein für die Magazinidee und -gestaltung verantwortlich? Oder anders gefragt: Könnte man auch als Fan von RB Leipzig ein Magazin wie „11Freunde“ publizieren?

Diese Frage ist insofern schwierig zu beantworten, weil es mir sehr schwer fällt, mich in die Psyche eines „RB Leipzig“-Fans hineinzuversetzen … Der Impuls, aus dem „11 Freunde“ entstanden ist, hat sehr viel mit „Arminia Bielefeld“-Fantum zu tun – wobei man sich nicht unbedingt auf diesen Verein festnageln muss, denn es hätte genauso gut Göttingen 05, VFL Osnabrück oder Alemania Aachen gewesen sein können – also ein Verein, der mit Entbehrung, Leid und Selbstironie als Überlebensstrategie zu tun hat. Denn das war schon sehr wichtig für die Entstehung von „11 Freunde“. Bei RB Leibzig geht es ja einfach nur darum, wie man ein Maximum an vorhandenen Mitteln möglichst effizient einsetzt. In der Anfangsgeschichte von „11 Freunde“ ging es aber eher darum, wie man ein Minimum an Mitteln möglichst ineffektiv einsetzt und dann kurz vorm Abgrund steht.

10. Die Beilage „11 Freundinnen“ wurde eingestellt. Habt Ihr den Frauenfußball aufgegeben?

Das ist jetzt eine bisschen schmerzhaft für mich, weil das mein Baby war, in das ich sehr viel Herzblut gesteckt habe. Aber leider hat sich der Frauenfußball mit der WM 2011 im Grunde selbst beerdigt, weil sich alle großen Hoffnungen nicht erfüllt haben. Danach war der Anzeigenmarkt für die anzeigenfinanzierte Beilage „11 Freundinnen“ schlicht und ergreifend nicht mehr existent. Ich hätte das gerne weitergemacht – obwohl ich irgendwann auch ziemlich genervt vom DFB war. Am Anfang konnte man da noch ganz normal reinmarschieren und mit jemandem reden. Später musste dann alles doppelt und dreifach autorisiert und auf irgendwelche heiklen Stellen abgeklopft werden. Damit ist das, was der Frauenfußball zu seiner Stärke hätte machen können – also eine ungezwungene Art des Fußballs – vom DFB komplett gekappt worden. Außerdem war da auch noch diese unsägliche Anzeigenkampagne „Dritte Plätze sind was für Jungs“. Als die Frauenmannschaft dann bei der WM im Viertelfinale unter den letzten acht ausgeschieden sind, war dadurch die Fallhöhe natürlich noch größer und ein bisschen peinlich war es auch.

11. Was erwartet die Besucher auf Euren Lesungen und amüsieren sich dort auch Nicht-Fußballfans?

Da ich mich ähnlich schwer in die Psyche eines Nicht-Fußballfans hineinversetzten kann wie in die eines „RB Leipzig“-Fans, kann ich nur auf Stimmen dritter zurückgreifen. Beispielsweise hat die des Fußballfantums gänzlich unverdächtige Mutter meiner Frau, sprich meine Schwiegermutter, nach der Lesung in Meppen gesagt: „Mensch, da können sich ja auch Leute, die nichts mit Fußball am Hut haben, richtig toll amüsieren!“ Das nehme ich jetzt mal als Maßstab, deshalb scheint es wohl so zu sein. Wahrscheinlich liegt das daran, weil Fußball natürlich auch immer Geschichten über das alltägliche Leben erzählt, und man das, was im Fußball passiert, quasi auf alles Übrige runterbrechen kann. So ähnlich läuft das auch auf unserer Lesung, in der wir aus aus den Anekdoten, die uns im Laufe unserer Fußball-Journalisten-Karriere passiert sind, und einigen Filmfundstücken einen ziemlich bunten Mix machen, sodass auch Nicht-Fußballfans durchaus Spaß haben können.

Tschutti Heftli Verlosung

Wie sich bei unserer Leser*innenumfrage u. a. herausgestellt hat, wünschen sich einige von Euch mehr Sport im VONWEGEN. Darum werden wir uns kümmern und fangen schon mal damit an, den Fußball-Fans unter Euch eine Freude zu bereiten, indem wir fünf Tschutti Heftli-Sticker-Sammelalben plus jeweils drei Stickertüten mit je 10 super-stylisch illustrierten Bildern verlosen. Bei diesem Sammlerstück, das vom Fußball-Kultmagazin 11 Freunde präsentiert wird, ist tatsächlich jeder Sticker ein Kunstwerk, weil jedes Team von einem anderen Illustrator gestaltet wurde. Außerdem gehen 9 Cent pro verkaufter Stickertüte [erhältlich im Bahnhofsbuchhandel sowie auf www.tschutti.de] an karitative Projekte. Wer ein Tschutti Heftli gewinnen will, schreibt uns einfach bis zum 11.06.2018 eine charmante E-Mail an tschutti@vonwegenverlag.de und drückt sich selbst die Daumen.  Allen Nicht-Fußballfans unter Euch, die sich fragen, warum das Sammelalbum so einen seltsamen Namen hat, sei gesagt: „tschutten“ bedeutet „kicken“ auf Schwyzerdütsch.

↑ Kevin Kurányi und Benjamin Adrion präsentieren vollkommen zu Recht mit Stolz das super-stylische Tschutti-Sammelalbum, das Ihr bei uns gewinnen könnt. | Foto©Tschutti Heftli

Veröffentlicht am: 23.05.2018
Autor: vanessa

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