Sex aneinander vorbei

Warum Schweigen nicht immer Gold ist und wie Reden über Sex sich auszahlt – davon erzählt uns Larissa aus einschlägiger Erfahrung.

[Text: Larissa Bolz | Illustrationen: Micky Bartl]

Der Club ist groß und voll, die Musik zum Davonlaufen und statt eines Stempels bekomme ich am Eingang eine weiße Plastikkarte, mit der ich drinnen bezahlen kann. Nachdem ich eine Runde über die zwei Dancefloors und den Außenbereich gedreht habe, verstaue ich meine Jacke in einem viel zu sauberen Waschraum und setze mich an die Bar, wo ich ein Wasser bestelle. Auf der Tanzfläche drängen sich die Körper springend und tanzend aneinander. Dafür sind wir schließlich auch hier. Die Besucher sind sehr jung – wahrscheinlich eine Studentenparty oder so etwas in der Art. Während ich an meinem Wasser nuckele und meinen Blick schweifen lassen, fällt mir ein schlaksiger Typ auf, der am Rand der Tanzfläche steht und mich anschaut. Als er sich erwartungsgemäß bald darauf zu mir gesellt, legt er keck seinen Arm um meine Taille. Wir philosophieren über das Tanzverhalten im Club, er kauft mir ein Bier und erzählt langatmig von seinem gerade angefangenen Studium. Ich beschließe, ihn in meinen Bus abzuschleppen, der ganz in der Nähe steht.

Vorspiel

 

In der kleinen Höhle meines Wohnmobils angekommen, fängt er wieder an, irgendwas zu plappern, während er mein Bein streichelt. Leicht belustigt schaue ich ihn an. „Und ich dachte, du willst erstmal ein bisschen rumknutschen“, versuche ich ihm auf die Sprünge zu helfen, aber anstatt das als Aufforderung aufzufassen, stammelt er: „Ja, also … das wollte ich eigentlich schon, aber tut mir leid, wenn das jetzt so rübergekommen ist.“ Ich muss lachen und fange an, ihn zu küssen. Das funktioniert so mäßig, weil er mir ständig viel zu doll in die Unterlippe beißt, bis ich ihn bitte, dabei ein bisschen sanfter vorzugehen. Er strahlt eine seltsame Mischung aus tollkühnem Übermut und verunsicherter Schüchternheit aus, während er mir beim Knutschen immer wieder zwischen die Beine greift. Ich merke, dass ich keine Lust habe, mit ihm zu schlafen, und das sage ich ihm auch – lasse mir aber gedanklich ein kleines Hintertürchen offen. „Darf ich dich trotzdem ein bisschen geil machen?“, fragt er. Oha, dass das funktioniert, bezweifle ich. Aber andererseits bin ich auch neugierig auf seine Berührungen. Also ziehe ich meine Sachen aus und lasse ihn mich erkunden. Mit trockenen Fingern fängt er an, wie wild an
meiner Muschi rumzureiben, was jedes Wohlfühlgefühl meinerseits sofort verjagt. „Hey, hey, hey,“ sage ich sachte, „nicht so schnell. Und nimm ein bisschen Spucke dazu.“ Er führt seine Hand zum Mund, aber anstatt den Finger anzulecken, spuckt er sich umständlich auf seine Hand, was mich entrüstet: „Sag mal, findest du meinen Geschmack an deinen Fingern etwa eklig?! Los jetzt nimm deine Finger in den Mund!“ Er nuschelt „okay“, tut wie ihm geheißen und sieht mich fragend an. „Gut, probieren wir‘s noch mal. Schön sanft und langsam, okay?“, necke ich ihn. Er widmet sich wieder meiner Pussy. „Das ist viel angenehmer“, sage ich während seine Finger sanfte Kreise um meinen Kitzler ziehen und ab und an einer davon leicht in mich hineingleitet … Aber wirklich prickelnd ist das Ganze nun auch nicht. Ich habe kein großes Vertrauen in die Liebeskünste meines Gegenübers und meine Lust, weiterhin die Lehrerin zu spielen, schwindet. Also nehme ich seine Hand in meine, führe sie zu meinem Mund und lecke demonstrativ die Finger, die er eben noch in meiner Möse hatte, ab. „Mmmh, lecker“, kommentiere ich und er muss lachen. „Hast du ein Kondom?“, fragt er. „Ich habe immer noch nicht vor, mit dir zu schlafen“, antworte ich freundlich. „Kannst du mir dann einen runterholen? Ich bin doch noch so geil“, setzt er nach. Zuerst kann ich mich nicht entscheiden, ob ich das aufrichtig oder bescheuert finden soll, komme dann aber zu dem Entschluss, dass es sich dabei doch um eine legitime Frage handelt – ich habe ihn ja nicht zum Kaffeetrinken eingeladen und sein Schwanz kann schließlich auch nichts dafür. Trotzdem verspüre ich nicht das Bedürfnis, ihm nach der Unterrichtsstunde auch noch einen Orgasmus mit auf den Weg zu geben, denn das wäre irgendwie unverhältnismäßig. Also gebe ich ihm einen kleinen Kuss auf den Schwanz und verabschiede mich herzlich von ihm. „Soll ich dir meine Nummer geben?“, fragt er. „Ähhm …“, sage ich, aber er fängt schon an, laut eine Handynummer aufzusagen. Dann fragt er augenzwinkernd, ob ich sie mir gemerkt habe. „Klaro“, sage ich lachend. Uns ist wohl beiden klar, dass wir keine Fortsetzungsgeschichte werden …

Nachspiel 

 

Was in meiner Erzählung vielleicht locker wirkt, fiel mir in Wirklichkeit ziemlich schwer. Denn in solchen Situationen miteinander zu reden erfordert wirklich Mut. Noch vor ein paar Jahren hätte ich wahrscheinlich – aus Angst, den anderen zu verletzen und selbst als unsexy dazustehen – einfach irgendwie Sex mit ihm gehabt. Später hätte ich das Ganze als „na ja, hat eben nicht gepasst“ abgetan, aber mich nichtsdestotrotz verletzt gefühlt. Deshalb bin ich froh, anders reagiert zu haben. Denn mittlerweile ist mir klar geworden, dass viele wichtige Themen zwischen Männern und Frauen oft totgeschwiegen werden, weil sie mit großen Ängsten behaftet sind.

Männer stehen stets unter Druck, im richtigen Moment einen hoch zu kriegen, während sie Stärke demonstrieren wollen und gleichzeitig feinfühlig und verständnisvoll sein sollen. So gibt sich kaum
einer die Blöße nachzufragen, wenn er unsicher ist, weil das schließlich nicht sexy wirken könnte. Frauen hingegen neigen dazu, das Spiel mitzuspielen, weil sie glauben, vom Urteil der Männer abhängig zu sein, und es ihnen oftmals wichtiger ist, scharf gefunden zu werden, statt selber scharf zu sein.

Während beide Seiten unter Druck stehen und wir versuchen, füreinander Bilder zu erfüllen, haben wir dann Sex aneinander vorbei statt miteinander. So kann sich keiner zeigen, wie er*sie wirklich ist, und seinem Gegenüber die eigenen Wünsche und Bedürfnisse offenbaren, weil wir befürchten, unser Gesicht zu verlieren. Was daraus resultiert sind unbefriedigte Frauen, die wütend auf die Männer sind und ihnen kein Vertrauen schenken, und zutiefst verunsicherte Männer, die zunehmend Angst kriegen vor der „Prüfungssituation Sex“, was Erektionsprobleme, Orgasmusschwierigkeiten und später dann Unlust zur Folge haben kann.

Wir dürfen vielleicht alle ein bisschen mutiger sein, uns zu zeigen, schließlich geht es um eines der wichtigsten Dinge im Leben: eine erfüllende und wirklich lustvolle, sexuelle Kommunikation, die das Vertrauen zwischen Männern und Frauen wachsen lässt.

Ich bin jedenfalls total dankbar für die Begegnung mit meinem Studenten, der mich zum Sprechen und später zum Reflektieren gebracht hat. Man trifft schon immer auf die Richtigen.

Veröffentlicht am: 14.09.2017
Autor: admin

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