Was wäre, wenn

Was wäre, wenn wir sehen, wofür wir sonst blind sind

Was wäre, wenn ein Kind Kind sein darf und sich nicht die kleinen Finger blutig arbeiten muss, damit ein kleines Stück Brot in acht Händen liegt

Was wäre, wenn es total egal ist, wie viel man wiegt und in welcher Form sich ein Körper grad befindet

Was wäre, wenn dein hin nicht mein weg ist

Was wäre, wenn ich fick‘, wen ich ficken mag, weil ich tun und lassen kann, was ich will und das ist ja Selbstbestimmung und Freiheit und Leben und „schon alles irgendwie okay so“* und „mein Herz“ ist halt „eine kleine Hure“**

Was wäre, wenn ich die pure Leidenschaft genießen kann, ohne an den nächsten Morgen zu denken, an dem die Unbeschwertheit der letzten Nacht bleiern als Grenze zwischen uns liegt

Was wäre, wenn flieht, was oft nicht fliehen will, … die Vernunft vor der Verliebtheit

Was wäre, wenn wir ficken sagen und lieben meinen

Was wäre, wenn wir weinen, weil etwas so schön sein kann

Was wäre, wenn jemand dann und wann, dich einfach mal streichelt und berührt und du dadurch spürst, dass dieser jemand dich mag

Was wäre, wenn du, obwohl du nicht fragst,  in den Arm genommen wirst, wenn dir danach ist und du das grad so einfach mal brauchst

Was wäre, wenn du rauchst, und es keinen Krebs macht und du es tust, weil du willst und nicht weil du süchtig bist

Was wäre, wenn du die Flagge hoch hisst, obwohl sie in dir drinnen auf Halbmast steht

Was wäre, wenn geht, wer gehen sollte

Was wäre, wenn der Mensch, der dir keinen Respekt zollte, 5m weiter auf die Fresse fliegt und du ihm hilfst, beim Aufstehen

Was wäre, wenn wir gehen, wenn wir wollen und nicht bleiben, weil wir müssen und sich das so gehört

Was wäre, wenn du nicht verstört bist, wenn jemand dir sagt, dass er dich mag und du das so nicht kennst, weil du das so nicht gelernt hast und weil du gerade übst, das selber so zu sagen

Was wäre, wenn Fragen keiner Antwort bedürfen

Was wäre, wenn wir nach Gold schürfen, da wirklich welches ist, wir uns Titel kaufen und du  dann „von und zu“ bist und ich „Prinzessin“ heiße

Was wäre, wenn du dir Scheiße einfach mal am Arsch vorbeigehen lässt

Was wäre, wenn du dich öffnest, wenn sich jemand verschließt und du später siehst, dass genau das nötig war, um Vertrauen zu schaffen

Was wäre, wenn wir die Waffen nieder legen und trotzdem keiner verliert

Was wäre, wenn du weißt, dass meine Reserviertheit nur das kühlt, was brodelt, um zu verhindern, dass es ausbricht, weil ich Angst habe, damit umzugehen und wenn ich das vielleicht nicht kann, wie sollst dann du …

Was wäre, wenn du kämpfst für was es sich zu kämpfen lohnt und du genau weißt, wann das der Fall ist

Was wäre, wenn der Hall und Klang eines Akkords oder einer Stimme dir Gänsehaut macht

Was wäre, wenn ein Wesen in dir einkracht wie ein Blitz, nichts zum Löschen da ist und du lichterloh in Flammen stehst

Was wäre, wenn ein toter Körper nicht verwest, sondern nach Flieder duftet

Was wäre, wenn man schuftet und schuftet und es egal ist, ob man den Lohn dafür erhält

Was wäre, wenn dir gefällt, was als hässlich gilt

Was wäre, wenn du im Bild von Falten in einem Gesicht nicht das Alter siehst, sondern gespannt die Geschichte liest, die das Leben dort hinein gemalt hat

Was wäre, wenn du nicht rückwärts schaust, was da alles war, sondern vorwärts

Was wäre, wenn sich Schmerz nicht auf Herz reimt und sich das nicht irgendein Vollidiot ausgedacht hat und nicht irgendwelche anderen Vollidioten dafür sorgen, dass es immer wieder so ist und ich nicht einer von ihnen bin

Was wäre, wenn der Sinn ist, dass wir lieben, einfach so, weil es schön ist und gut tut und das Wenn und Aber in die Knie geht

Was wäre, wenn steht, was wir sonst treiben

Was wäre, wenn wir bleiben um zu kommen und kommen und dann bleiben

Was wäre, wenn wir über Dinge schreiben, die uns aufstoßen und uns danach wirklich leichter ist

Was wäre, wenn du bist, wer du bist und sein willst und nicht, wer du sein sollst und dich das befreit

Was wäre, wenn die Zeit für uns so unendlich ist, dass wir genug davon haben und nicht am Ende sagen „Was wäre doch gewesen, wenn…“  und  „Ich habe doch noch gar nicht genug geliebt!“

 [Text: Conni Fauck | Foto: Blachura Photography]

Zur Autorin:
Dass Conni Fauck, Jahrgang ’76, ihr Studium mit der Fächerkombination Philosophie, Germanistik und Erziehungswissenschaft nicht beendete, sondern stattdessen Krankenschwester wurde, war unter anderem der Frage des täglichen Broterwerbs geschuldet. Dazu Conni: „Meine ganzen in mir vereinten Ichs im täglichen Alltagswahnsinn unter einen Hut zu bekommen, ist wie einen Sack Flöhe hüten. Das eine Ich will schlafen, das andere hat Hunger, das nächste muss Pipi, noch eins ist aus Prinzip gegen alles – ganz zu schweigen von dem, das beleidigt in der Ecke hockt, weil es meint, nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Dieses und ihr Beruf sorgen immer wieder dafür, dass Texte entstehen, die zum Großteil als Spoken Word Poetry bei Poetry Slams oder Lesungen vorgetragen werden.

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*Zitat von Felix Römer
** Zitat von Theresa Hahl

Veröffentlicht am: 10.07.2017
Autor: admin

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