Von Bitch zu Bitch

#Kulturtipps #Musik #Bücher #HipHop #Feminismus #Interview

Was ist los mit dieser Frau, die sich selbst Bitch nennt und explizit Tabus bricht? Entweder ist Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray, die am 10. Januar 2020 das Literarische Zentrum bzw. wegen großem Andrang das Neue Rathaus aufmischen wird, schlichtweg genial oder sie hat einige tiefsitzende Probleme mit ihrer Persönlichkeit. Vielleicht trifft beides zu. Jedenfalls beweist sie in ihrem jüngst erschienenen Buch Yalla Feminismus eindrucksvoll, dass harter Rap und feministischer Aktivismus durchaus miteinander vereinbar sind.

[Text: Charlotte Karnasch | Fotos: Alexander Fanslau, Tropen Verlag]

 

Frauen im Deutschrap. Äh ja … wo sind sie? Diese Frage wird gerne und häufig gestellt. Denn trotz einiger Ausnahmen sind Frauen in der männerdominierten Rapszene immer noch eine Seltenheit – zumindest am MIC. Anders verhält es sich allerdings, wenn es explizit um Bitches geht, die provokativ-reduktionistisch in sexistischen Texten und Musikvideos mit irritierender Selbstverständlichkeit nicht nur ihre Köpfe, sondern auch diverse andere interessante Körperteile hinhalten, um das Selbstverherrlichungsbedürfnis der Rapper zu befriedigen [man lausche mal Sex-Sellern wie Sido, Frauenarzt oder KingOrgasmus]. Die dort vorherrschende, recht einseitige Interpretation der Bitch steht allerdings nicht allein, denn die Rapperin und promovierte Linguistin Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray weiß es besser: Bitch bedeutet für sie schon lange nicht mehr einfach nur Schlampe, Miststück oder – wörtlich übersetzt – Hündin. Unter dem Neologismus Bitchism stellt sie einen neuen Weiblichkeitsentwurf vor: Eine modern-feministische Philosophie für Frauen, die gegen Diskriminierung rebellieren und keine Lust mehr haben, das zu schlucken, was ihnen von sexistischen Systemen, Branchen und Institutionen so bitter in den Mund gelegt wird. Demzufolge ist Bitch eine positive, selbstbewusste Bezeichnung für unabhängige Frauen. Von Bitch zu Bitch, vom Schimpfwort zum Kompliment und von Slut-Shaming [greift Frauen an, die nicht dem gesellschaftlich erwarteten Verhalten bezüglich Sexualität entsprechen] zu selbstbewussten Sexpositivismus: Das ist kein leichtes Unterfangen in Branchen, die von Geschlechterdiskriminierung durchzogen sind, oder wie in der Rapszene, die Sexismus als fundamentalen Aspekt der HipHop-Kultur erklärt. Ganz besonders schwierig ist ein Wandel der Geschlechterrollen, wenn frau dabei nicht verstanden wird. Unverständnis von Seiten der Öffentlichkeit scheint nämlich das generelle Problem von Reyhan Şahin zu sein. Nicht allen, die ihren pornprovokanten Songs lauschen, offenbart sich die eigentliche Triebfeder ihres Künstlerdaseins: einen Beitrag zum selbstbewussten und offenen Umgang mit der weiblichen Sexualität zu leisten.

 

Der Gipfel der Klitoris

Sex sells und zwar vor allem im HipHop. Genau hier setzt die Künstlerin an, um ihre Botschaft zu vermitteln, indem sie sich mit Wortwahl, Auftreten und Erscheinungsbild dem Milieugehabe anpasst, um es von Innen heraus zu demontierten. Den „Gipfel der Klitoris“ erreichte sie 2007 mit „Hengzt Arzt Orgi“, einem Track, der von einer imaginären Sexparty mit Rappern handelt, die durch frauenfeindliche Texte bekannt sind. Das Resultat: Lady Bitch Ray verlor ihren Job als Moderatorin bei Radio Bremen wegen der Verbreitung pornografischer Inhalte. Dass sie mit ihrer Musik nicht nur Arbeitgeber, sondern auch den einen oder anderen potentiellen Hörer verschreckt – denn nicht jede*r möchte sich freiwillig anhören, wie Monsterm*sen Köpfe fressen –, ist ein unausweichlicher Nebeneffekt ihrer Mission. Dennoch Hut ab vor ihrer Wortgewalt! Es ist absolut erstaunlich, wie sie mit hochsexualisierter Sprache die Ohren bluten lässt, aber gleichzeitig als Wissenschaftlerin argumentativ schlüssig einen bereichernden Beitrag zur Metoo-Debatte leistet, der auf persönlichen Erfahrungen mit Mehrfachdiskrimierung beruht: Als Rapperin in der Hiphopszene, als Frau im Wissenschaftsbetrieb [diesen bezeichnet sie als „Fuckademia“] und als alevitische Muslimin in Deutschland erlebte sie sowohl Sexismus als auch Rassismus. Da Mehrfachdiskriminierung [Intersektionalität] im feministischen Diskurs bisher nur am Rande diskutiert wurde, insbesondere im Zusammenhang mit türkischen und alevitischen Frauen, ist Yalla Feminismus gerade in dieser Hinsicht eine große Bereicherung. Auch das medial präsente Thema Kopftuch füllt einige der über 300 Seiten ihres Buchs. Denn darüber schrieb die Linguistin auch ihre Doktorarbeit und gibt in Yalla Feminismus einen guten Überblick zu den religiösen, politischen und feministischen Bedeutungsmöglichkeiten der reich diskutierten Kopfbedeckung. Insbesondere prangert sie die einseitige Auslegung des Kopftuchs im Feminismus als „Flagge des Islams“ an. Beispielhaft und argumentativ nachvollziehbar kritisiert sie einen ausgrenzenden und festgefahrenen feministischen Diskurs und stellt die berechtigte Frage: Ist Feminismus überhaupt noch kritikfähig? Neue Impulse sind notwendig, um einseitige Sichtweisen zu erweitern und vor allem, um den Feminismus von seinem altbackenen Image zu befreien. Mit Blick auf bekannte Feministinnen der ersten und zweiten Generation plädiert Şahin dafür, dass Feminismus eben nicht nur ein Privileg für „ältere, weiße Frauen“ sein darf, sondern offen geführt und wissenschaftlich erforscht werden müsse. Dabei labelt sich die sprachgewandte Autorin, Rapperin und Wissenschaftlerin nicht mit der Bezeichnung Feministin, ist aber zweifelsohne eine und sie beschert dem festgefahrenen feministischen Diskurs diverse neue Impulse und explizite Reize – zum einen durch wissenschaftliche Forschung zu Phänomenen wie Intersektionalität, Sexismus im HipHop und in der Wissenschaft und zum anderem, wenn sie im Rahmen ihres „subversiven Feminismus via expliziten Sexrap“ knallhart und kilometerweit unter der Gürtellinie absolute No-Gos flowt.

Am 10. Januar 2020 um 20 Uhr wird Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray im Literarischen Zentrum ihr Buch Yalla Feminismus vorstellen und mit der Pornoforscherin Madita Oeming über Fuckademia, HipHop und Klischees zwischen Kopftuch und Klitoris diskutieren. 

 

↑ Ebenfalls überaus interessant: Lady Bitch Rays Buch BITCHSM – EMANZIPATION. INTEGRATION. MASTURBATION

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 20. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Januar 2020.

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