Afro.Deutschland

Alltagsrassismus oder „Wo kommst du eigentlich her?“: Die Moderatorin und Journalistin Jana Pareigis sprach beim interkulturellen Fest im Haus der Kulturen über Schwarzsein in Deutschland und zeigte ihren neuen Film „Afro.Deutschland“.

Text und Fotos von Sarah Elena Kirchmaier

Der unter unseren Leser*innen vermutlich recht überschaubaren Anzahl an Frühstaufstehern ist Jana Pareigis als Moderatorin im zdf mo:ma bekannt. Aber auch denjenigen unter uns, die sich um 5:30 Uhr immer noch höchstens in der ersten REM-Schlafphase befinden, ist sie vielleicht seit einer Woche ein Begriff: Durch ein Video, in welchem sich die Oldtimer-Freundin und Weltenbummlerin Heidi Hetzer im Gespräch mit Jana Pareigis rassistisch-stereotypisierend im ZDF-Morgenmagazin über Schwarze in Südafrika äußerte und behauptete, diese würden „alles klauen“. Das Video, im Netz hunderttausendfach angeklickt, zeigt, wie Pareigis der Unmut deutlich ins Gesicht geschrieben steht, wenn auch nur für eine Millisekunde. Sofort darauf hat sie eine entwaffnende Antwort parat und leitet gekonnt-souverän zu einem anderen Thema über.

Keine Hetze gegen Hetzer

Diese Souveränität ist beeindruckend und vor allem für eine schwarze, weibliche Person öffentlichen Interesses leider unentbehrlich, um nicht dem Stereotyp der angry black woman oder des hysterischen Mädchens in die Hände zu spielen. Jana Pareigis scheint den Vorfall selbst auf Nachfragen hin nicht weiter diskutieren zu wollen: „Ich möchte eigentlich gar nicht mehr so viel zu Frau Hetzer sagen.“ Zu Recht! Denn aller Sensationsgeilheit zum Trotz war der Grund, warum die 35-Jährige am 18. März von Berlin ins beschauliche Göttingen kam, die – erst zweite öffentliche – Vorstellung ihres knapp einstündigen Dokumentarfilms Afro.Deutschland im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus im Haus der Kulturen.

Von Schubladendenken und Übergriffigkeit

Die gebürtige Hamburgerin sah sich schon immer Mikro-Aggressionen durch weiße Deutsche ausgesetzt, welche in missglückten Späßen auf ihre vermeintlich afrikanische Herkunft verwiesen, ihr mit den Worten „Das fühlt sich an wie ein Vogelnest!“ ungefragt in die Haare fassten oder nicht glauben wollten, dass ihre Eltern aus Schweden und Deutschland kommen. Im Gespräch mit dem VONWEGEN-Magazin betonte sie, dass rechte physische Gewalt zwar die extremste Form von Rassismus sei, aber dass auch verallgemeinernde Sprüche über schwarze Menschen das Schubladendenken fördern – und ja, liebe Leser*innen, das gilt auch für die so weit verbreitete Annahme, alle Schwarzen könnten gut singen und tanzen, wogegen Jana Pareigis laut eigener Aussage das „lebende Beispiel“ sei. Als sie früher von ihrem Wunsch, Journalistin zu werden, erzählte, bekam sie die Antwort „dann geh doch zum Musiksender“ zu hören – eine Entgegnung, die aufgrund ihres Interesses an Politik jeglicher Grundlage entbehrt.

Pareigis‘ „Herzensangelegenheit“

Genau um auf diese normalisierten Instanzen von Rassismus aufmerksam zu machen, hat Jana Pareigis Afro.Deutschland gemeinsam mit der Deutschen-Welle-Redakteurin Susanne Lenz-Gleißner und der Regisseurin Adama Ulrich realisiert. Darin sprechen Afrodeutsche verschiedenster Hintergründe über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus: HipHop-Legende Samy Deluxe erzählt von seinen Problemen in jungen Jahren, sich aufgrund seiner Hautfarbe irgendwo zugehörig zu fühlen. Die Mitbegründerin des Onlinemagazins KrauseLocke, Esther Donkor, berichtet von der Unterrepräsentation schwarzer Frauen in dem sonst so allgegenwärtigen Geschäft mit der Schönheit und der Wichtigkeit des natural hair movements. Der NS-Zeitzeuge Theodor Wonja Michael teilt seine Erinnerungen an die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gängigen Völkerschauen, in denen er als pseudo-typisch-afrikanisches Kind auftreten musste. Außerdem berichten viele weitere berühmte und unbekannte schwarze Deutsche über ihre Erfahrungen mit Rassismus im Alltag.

Ein weiter Weg

Die Quintessenz des Films kurz heruntergebrochen: Wir sind noch lange nicht dort, wo wir im 21. Jahrhundert stehen sollten. Denn Deutschland hinkt trotz seiner kolonialen Vergangenheit noch immer sehr hinterher, was die Auseinandersetzung mit Rassismus betrifft. Dies äußert sich darin, dass schwarze Menschen sich permanent Othering [also der Distinktion als „andersartig“] seitens Weißer ausgesetzt sehen. Umso verblüffender: Selbst nach der berührenden, witzigen und lehrreichen Filmvorführung bewerteten noch Teile des Publikums das Stellen von Fragen wie „Woher kommst du?“ ohne Kontext als „nett gemeint“ und „interessiert“. Doch tatsächlich kann die fragende Person noch so ehrlich interessiert sein, die Frage bleibt verletzend, weil sie Afrodeutschen das Deutschsein abspricht.

Ab dem 27.03. gibt es die absolut empfehlenswerte Doku online auf DW.com oder Ihr schaltet am 2. April Phoenix beziehungsweise 5. April ZDFinfo an.

Weitere Infos: http://www.dw.com/de/themen/afrodeutschland/s-37071793

Jana Pareigis und die VONWEGEN-Autorin Sarah Elena Kirchmaier.

Der Vorsitzende des Vereins Zukunfts-Werkstatt im Haus der Kulturen, Jawed Yazdani, und Jana Pareigis.

Veröffentlicht am: 22.03.2017
Autor: admin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.