Angst und Bange

Nachdem unsere Charlotte ihr erstes coronales Schockerlebnis beim Einkaufen in Krisenzeiten verbalisiert hat [mehr dazu hier], folgt nun das nächste. Wie schön Alltagsbanalitäten sein können, wurde ihr erst bewusst, als der Alltag wegen Corona bereits ein anderer geworden war und sie sich ordnungsgemäß in die Schlange vor der Supermarktkasse einreihte.

[Text & Illustration: Charlotte Karnasch]

Dass alltägliche Tätigkeiten wie Einkaufen gehen oder Pfand wegbringen wirklich wundervoll sind, fällt einem erst auf, wenn es zu spät ist. Wenn dieser sonst so unspektakuläre Trott durch etwas Unfassbares – derzeitig bekannt unter dem temperamentvollen Namen Corona, der nur leider nicht auf eine heißblütige Latina, sondern auf ein fieses Virus verweist – schwerwiegend gestört wird. Ach, hätte ich doch die sich stetig wiederholenden und wunderbar langweiligen Abläufe des hiesigen Supermarktsystems zuvor etwas mehr zu schätzen gewusst! Beginnend bei dem Verfassen einer Liste, auf der gesammelt wird, was man wirklich braucht, gesund ist und im finanziellen Rahmen bleibt, über das Flanieren durch mit Produkten und Menschen vollgestopfter Gänge bei gleichzeitiger Abkehr seiner schriftlich fixierten, gutgemeinten Vorsätze, erreicht man schließlich den Gipfel der Alltagsbanalität mit dem Einreihen in die lange Schlange vor der Kasse, welches mit vorwurfsvollen Blick auf alle, die noch vor einem abkassiert werden, zelebriert wird.

Kontaktprobleme

Meinem primären Ingwerschockerlebnis folgte direkt im Anschluss der nächste Supermarkt-Supergau: Schlangestehen. In der einen Hand ein Paket Klopapier und in der anderen fest umschlungen den Ingwer näherte ich mich immer noch etwas verstört aufgrund der Ingwerknappheit im Markt nun endlich dem Kassenbereich. Vor mir standen etwa zehn Personen. Schon ohne sie bewusst mit den gemeinhin bekannten Sinnen wahrzunehmen, sirrte bereits meine atmosphärische Antenne und ich presste das Klopapierpaket wie ein Schutzschild vor die Brust. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Die stickige Luft klebte zäh in meiner Lunge und ich spürte wieder diesen Kloß im Hals. Die Wartenden standen in absurd großem Abstand voneinander entfernt. Sie bildeten eine endlos lange, traurig lückenhafte und total zerstückelte Schlange. Das, was ich hier sah, durfte sich eigentlich überhaupt nicht Schlange nennen. Vielmehr bot sich mir ein Bild, dessen willkürliches und loses Muster aus wartenden Personen, mich an Malen nach Zahlen erinnerte: Gestandene Hausfrauen- und männer, routinierte Spirituosenliebhaber, Klopapiervorratshalter sowie Fleischsalat-und-Energiedrink-Studenten – alle waren irritiert, unsicher und überfordert mit diesen neuen anderen Regeln.

Verlegen aus dem Weg gehen

Meine sensible Antenne sendete mir noch eine weitere Information: Orientierungslosigkeit, weil niemand wirklich wusste, was jetzt richtig und was falsch ist. Auch in meinem Kopf war ein ziemlich dickes Fragezeichen, weil diese Situation so unfassbar widersprüchlich war und man plötzlich dazu aufgerufen wurde, einen inneren Konflikt zu führen, den man nie für möglich gehalten hatte. Das, was alle so immens irritierte, war das Bedürfnis, sich einerseits an die nun geltenden neuen Regeln zu halten, also mindestens 1,50 Meter Abstand zu wahren, aber gleichzeitig auch niemanden damit vor den Kopf zu stoßen. So eine große physischen Distanz zueinander einzuhalten, sind wir schließlich gar nicht gewohnt. Denn was würde das unter „normalen“ Umständen aussagen?  Wenn jemand einen großen Bogen um mich macht, frage ich mich doch, was der denn jetzt für ein Problem mit mir hat oder gar mit meinem Geruch?! Ob ich vielleicht auf Vanessas ultimatives Knoblauchdressing im Salat hätte verzichten sollen? Immerhin sind die meisten von uns soziale Wesen und möchten die anderen nicht mit ihrem Knoblauchdunst belästigen oder ihnen das Gefühl geben, dass man sie meidet. Unsere Sozialisation im Sinne eines freundlichen Miteinanders steht dann plötzlich im Spannungsfeld zu coronalen Verhaltensregelungen, die bei Nichtbeachtung strafbar sind. Weil man sich eben an das Abstandsgesetz halten muss, warfen sich die Wartenden in den langen Reihen vor den Kassen immer wieder entschuldigende Blicke zu. Einige schienen auch verlegen zu sein, weil sie sich überhaupt an die neuen Vorschriften hielten. Plötzlich ist Corona in den heiligen Alltag eingedrungen und ich glaube, wirklich jeder fühlte sich sehr unwohl. Dabei standen wir noch am Anfang der Pandemie und tapsten unsicher wie Kinder, die ihre ersten Schritte tun, durch eine neu zu entdeckende, gefährlich virale Welt.

Liebesbekennnis zum Alltäglichen

Da stand ich also isoliert zwischen meinen Mitmenschen und hielt mich an meinem Ingwer fest. Er wurde matschig. Die weit auseinander klaffenden Lücken zwischen den Schlange stehenden Menschen schrieen geradezu danach, sie mit meiner Person zu füllen, um dadurch einen Hauch von Normalität zu erzeugen und gleichzeitig der belastenden Situation schneller zu entfliehen. Ich tat es natürlich nicht. Niemand tat es und das ist auch der Grund, warum mir mittlerweile nicht mehr angst und bange in der Schlange wird. Vonwegen es ist schwer, Gewohnheiten zu verändern. Sowas geht ratzfatz, wenn man keine Wahl hat. Stehe ich heute in der Schlange, ist mir nicht mehr angst und bange. Das wird mir aber stattdessen, wenn ich bemerke, wie normal es mittlerweile ist, auf Abstand zu gehen, Menschen mit Atemschutzmasken zu sehen oder gar durch verwaiste Innenstädte zu spazieren. Corona verändert den Alltag, aber wenn Corona so alltäglich wird wie früher mal Körperkontakt in langen Schlangen vor der Kasse oder gar Händeschütteln war, dann ist es vielleicht etwas zu viel der Anpasserei. In Krisenzeiten gestehe auch ich mir jetzt ein bisschen Pathos und Nostalgie zu und komme zu der Erkenntnis: Meine Hassliebe zum Alltäglichen war noch nie so wenig Hass und so sehr Liebe wie heute, denn ich vermisse den berührend bereichernden und doch verkannten Kreislauf des alltäglichen Lebens. Sehr.

 

Veröffentlicht am: 28.04.2020
Autor: vanessa

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