Bibliotheksgeflüster

Klausurenphase ist für mich die Zeit, in der alle Studierenden, ganz unabhängig vom Studiengang, vollkommen gleich sind: alles gleichsam erbärmliche und jämmerliche Gestalten. 

Ein Erfahrungsbericht von Anna Melamed

Die Klausurenphase ist wie eine zusätzliche Jahreszeit, die unabhängig von den vier herkömmlichen parallel existiert. Vivaldi hätte sie sicher mit melancholisch-klingenden Geigen bespielt und bedrohliche Klausuren-Paukenschläge eingebaut. Mehr Romantik kann man dieser Zeit nicht abverlangen. Denn tatsächlich lebe ich in einer großen Lüge der Lernplan-Vorsätze, die lautet: „Das nächste Mal schreibe ich schon während der Vorlesungen mit. Ganz sicher.“ Am Arsch. Natürlich stehe ich trotzdem Semester für Semester vor dem selben Punkt: Ich habe noch vier Tage bis zur Klausur und atme panisch in eine Tüte.

Ausschlafen ist mir sehr wichtig. In einer Zeitschrift habe ich gelesen, dass die Regeneration des Körpers fast noch wichtiger ist als tatsächliche Produktivität. Vielleicht habe ich den besagten Artikel auch selbst geschrieben. Klausurenphase ist eben die Zeit des dauernden Selbstbetrugs.

TAG 1

Gegen 12 Uhr erscheine ich ausgeruht und voller guter Dinge in der Bibliothek. Solange ich noch einen Bibliothekskorb finde, bin ich hoffnungsvoll, den Kampf um einen Sitzplatz nicht vollkommen verloren zu haben. Während ich die Gänge suchend ablaufe, sehe ich die verächtlichen Blicke, die mir sagen sollen, dass ich ein wenig realistischer werden muss. „Um diese himmlisch-späte Uhrzeit noch einen Sitzplatz finden? Wer glaubst du denn, wer du bist? Morgen früher aufstehen, Darling! Faulheit bestraft das Leben.“ Zur Enttäuschung aller Frühaufsteher finde ich heute einen Platz. Das ist mein Mittelfinger des Tages. Mein Tagesziel ist somit erreicht, ich kann nach Hause gehen.

TAG 2

Heute kann ich mir so einen Ausfall wie gestern nicht mehr leisten. Bin bereits um 11:45 Uhr in der Bibliothek und gebe mir ein High-Five für meine Disziplin. Um ein halbes Jahr aufzuholen, habe ich sieben Stunden Zeit. Das ist doch eine ganze Menge. Schon wieder eine Lüge.

Stunde 1: Ich schreibe meine To-Do-Liste. „Ordnung ist schließlich das halbe Leben!“, beruhige ich mich.

Stunde 2: Ich überlege, was ich streichen, auf morgen oder meine schlimme Kindheit schieben kann. Und dennoch ist meine To-Do-Liste wie ein Tischlein-Deck-Dich – habe ich eine Sache weggestrichen, kommen drei neue hinzu. Ich habe es satt.

Stunde 3: Vor mir sitzt einer, der schwitzt beim Atmen. Ich finde ihn dennoch spannender als das vor mir liegende Skript. Ich zähle seine Hemdenfalten. 13,5. Ich zähle nun seine Nackenhaare, die eigentlich zu seiner Rückenbehaarung gehören und unter seinem schwitzigen Hemd nach Luft zu schnappen scheinen. Leider hat er nicht besonders viele, also bin ich schnell fertig. Es ist alles sehr deprimierend.

Stunde 4: So kann es nicht weitergehen. Ich muss etwas dagegen tun. Grenzen der Vernunft überschreiten, zum Beispiel. Ich nehme Ritalin. Ihr könnt mich verurteilen, wie ihr wollt, aber für Koks bin ich nun mal zu arm. Ja, ist peinlich, ich versuche für die nächste Klausurenphase vielleicht das Geld besser einzuteilen. Die Wirkung lässt trotzdem nicht lange auf sich warten.

Stunde 5: Ich arbeite das komplette Skript durch, verzichte freiwillig auf Facebook, bewerbe mich auf drei Stipendien, vier Jobs und entdecke die Formel gegen Schwerkraft. Meine Kaffee-Verabredung vergesse ich und merke nicht, wie meine Sitznachbarin schon seit fünf Minuten versucht, meinen Kugelschreiber auszuleihen.

Stunde 6: Ich zwinge mich, eine Pause einzulegen. Hyperaktiv kommentiere ich auf Instagram. Unter einem „Outfit-of-the-day“-Selfie einer Freundin steht nun: „Das Foto ist nicht ideal, um zu vertuschen, dass du zugenommen hast.“ Nicht mal ein Emoji. Ritalin macht mich eindeutig zum Autisten. Zeit, Heim zu gehen.

TAG 3

Es fängt grässlich an. Mein Lieblingsplatz ist bereits belegt. Ich habe doch gestern extra Krümelberge und anderen Abfall hinterlassen, um genau dieses Desaster zu verhindern. Wie abgestumpft muss dieser Mensch sein, dass ihn mein Müll nicht stört?! Ach ja, Klausurenphase.

Stunde 1: Ich war etwas nachlässig bei meiner Sitzplatzwahl. Wie konnte ich nur übersehen, dass ich nun neben zwei besten Freundinnen sitze, die sich bereits seit einer halben Stunde nicht gesehen haben und natürlich viel Gesprächsstoff aufholen müssen? Ausgerechnet hier. Und es ist nicht mal spannend. Ich stöpsele mir provokativ Oropax ein.

Stunde 2: Der erneute Versuch, das Kapitel zu verstehen, scheitert an fehlender Intelligenz. Ich schiebe es auf die Abstinenz des Zuckers in meinem Hirn. Es folgen panische „Jetzt mensen???“-Nachrichten an meine 50 besten Whatsapp-Freunde.

Stunde 3: Das bekannte Mittagstief. Mein Tipp: Wenn Du einen Durchhänger hast, zieh den Bauch ein.

Stunde 4: Meine Fingernägel sind weg. Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter mir gedroht hat, dass ich mit abgekauten Nägeln niemals einen Mann finden werde. Dann werde ich traurig.

Stunde 5: Es ist Freitag. Wer lernt schon länger als vier Stunden? Ich bin natürlich längst daheim.

TAG 4

Hinter mir in der Kaffee-Schlange steht jemand mit einem so heftigen Hustenanfall, dass ich schwören könnte, nun seinen linken Lungenflügel im Nacken kleben zu haben. Erotischer wird es heute nicht mehr. Als neue Lernmethode habe ich aufgehört, die Tage in Stunden aufzuteilen. Denn Zeit existiert schließlich nur in unserer Vorstellung, nicht tatsächlich. Und schon bin ich viel entspannter. Ich fühle mich so montessori. Neben meiner Sitznachbarin steht eine Plastikflasche mit dickbreiiger, hellbrauner Flüssigkeit. Diese Nahrung hätte sie als Kind verweigert. Aber jetzt heißt das ,,Detox“ und „Detox“ ist Trend. Und wenn man Trends sogar in der Klausurenphase befolgt, hat man sein Leben fest im Griff. Ich reflektiere: Habe auch ich mein Leben im Griff? Hätte ich einen Plan B, wenn ich die Prüfungen verhaue? Statt einer Consulting-Firma könnte ich eine Insulting-Firma gründen und gegen ein geringes Entgelt Menschen beleidigen. Also Journalistin werden. Genial.

Wenn man besonders ineffektiv arbeiten möchte, so nimmt man einen Laptop mit zum Arbeitsplatz und nennt es „die aufgezeichnete Vorlesung noch mal anhören“ oder „Recherche zur Vertiefung des Stoffs“. Wenn dem so wäre, so studierten die meisten Facebook-Wissenschaften, YouTube-Philosophien oder Online-Shopping-Studies, und ich wäre sehr neidisch. Ich wäre so neidisch wie ein Kind auf dem Schulhof mit einem labbrigen Salami-Toast, das auf den Schokomuffin des Mitschülers lugt. Ich studiere BWL, das ist noch schlimmer als labbriges Toastbrot.

Foto©Tobias Möller-Walsdorf [Pressestelle der SUB Göttingen]

Veröffentlicht am: 17.03.2017
Autor: admin

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