Genug gekreuzigt!

Die fulminante Malerin Gudrun Brüne hat vor 50 als eine von sehr wenigen Frauen an der Kunsthochschule in Leipzig studiert. In unserer vierten gedruckten VONWEGEN-Ausgabe präsentieren wir ihr grandios-famoses Ölgemälde „Genug gekreuzigt“ als Miniposter in unserer Kühlschrankkunst. Mehr über Gudrun Brüne und ihren Werdegang als Künstlerin erfahrt Ihr in diesem Interview und in ihrer aktuellen Ausstellung, die vom 03.03. bis zum 01.04. in der Galerie Ahlers, Düstere Straße 21, zu sehen ist. Zur Vernissage am 03. März ums 20 Uhr wird Gudrun Brüne persönlich anwesend sein.  

Interview: Vanessa Pegel

Frau Brüne, was hat Sie zu Ihrem Ölgemälde „Genug gekreuzigt“ inspiriert?
Menschen werden immer wieder gekreuzigt, indem sie geistig an den Pranger gestellt werden. Und wie der Titel schon heiß „Genug gekreuzigt“. Dabei ist der Grundgedanke des Bildes: Setzt Euch zur Wehr, lasst Euch nicht alles gefallen. Es ist ein Gemälde, das für die Freiheit des Andersdenkenden eintritt.

In den 1960er Jahren haben Sie als eine von insgesamt zwei Frauen in Ihrem Studienjahr an der Kunsthochschule in Leipzig studiert. Wie war das?
Damals wurde man als Frau mitunter für ziemlich dumm verkauft. Einmal kam Werner Tübke, einer meiner Dozent, an meine Staffelei und sagte: „Fräulein Brüne, glauben Sie bloß nicht, dass Frauen es in der Kunst zu etwas Großem gebracht hätten. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Paula Modersohn-Becker oder Käthe Kollwitz! Das waren Ausnahmen!“ Ich habe ihm geantwortet: „Ja, Herr Tübke, allerdings waren Rembrandt und Michel Angelo auch Ausnahmen.“

Dann wird der Tübke aber ganz schön große Augen bekommen haben, als er gesehen hat, was aus Ihnen geworden ist.
Immerhin hat er mich als Studentin stets gut beurteilt, und später war er auf ein einer meiner Ausstellungen, wo mich seine Frau gefragt hat: „Hat der Werner dir denn nun mal gesagt, wie gut ihm deine Bilder gefallen?“ Das musste ich mit „Nein“ beantworten. Daraufhin sagte sie: „Das kriegt er eben einfach nicht über seine Lippen. Aber ich weiß es, sie gefallen ihm.“ Und diese Einstellung, dass Frauen in der Kunst nicht so bedeutend sind wie ihre männlichen Kollegen, hat er, nie abgelegt.

Gibt es solche schrägen Vorurteile heute immer noch?
Es ist vielerorts Besserung eingetreten, aber nicht überall. Letztens habe ich im Spiegel folgendes Zitat von Baselitz gelesen: „Frauen können sowieso nicht so gut malen wie Männer“.

Was für eine Frechheit! War für Sie schon immer klar, dass Sie Malerin werden wollen, und wurden Sie darin von Ihren Eltern unterstützt?
Ich habe mich schon in meiner frühen Jugend auf die Malerei gestürzt. Mein Vater ist im Krieg gefallen, daher war meine Mutter alleinerziehend, und sie hat zu mir gesagt: „Du bist nicht begabt. Dein Opa war es nicht, ich bin es nicht, und Du bist es auch nicht.“ Aber vielleicht hatte das sogar was Gutes, weil ich mir daraufhin gesagt habe: Der werde ich es zeigen!

Und das haben Sie geschafft! Hat Ihre Mutter ihr falsches Urteil denn später mal revidiert?
Nicht direkt! Aber immerhin hat sie mich gegenüber anderen Leuten immer sehr verteidigt.

Also waren Sie am Anfang Ihres Weges ziemlich auf sich allein gestellt. Wie haben Sie sich damals Ihr Kunststudium finanziert?
Ich habe ein Stipendium bekommen und außerdem haben wir in unseren Semesterferien immer für die Leipziger Messe Werbeflächen bemalt. Deshalb hatten wir als Studenten eigentlich keine finanziellen Probleme.

Bis zu seinem Tod vor sechs Jahren waren Sie 50 Jahre mit dem berühmten Maler der Leipziger Schule, Bernhard Heisig, zusammen. War es für Sie schwierig, in gewissem Sinne immer im Schatten Ihres Ehemannes zu stehen, oder hat Ihre Liebe das überwogen?
Es schien für viele Leute ein Problem zu sein, mich als selbstständige Künstlerin zu verordnen. Aber ich habe mir gesagt: Ich stehe nicht in seinem Schatten, ich stehe in seinem Licht. Wir haben uns sehr gut verstanden und gegenseitig unterstützt. Mein Mann fehlt mir noch immer sehr. Wahrscheinlich werde ich nie wirklich über seinen Tod hinwegkommen, aber meine Malerei tröstet mich sehr. Nach seinem Tod habe ich mehrere Bildnisse von ihm gemalt, währenddessen  entstand er vor mir und war dann für mich wieder da.

Wie haben Sie Ihren Mann kennengelernt?
Diese schicksalhafte Begegnung ereignete sich gleich bei meiner Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule.

Welche Einstellung hatte er zum Thema „Frauen in der Kunst“?
Mein Mann hat mir immer zugeredet und auch andere Studentinnen sehr kulant und nie abwertend behandelt. Wenn er das nicht vorher schon so gemacht hätte, dann hätte er das bei mir gelernt.

Sie leben in einer einsamen Gegend im Havelland. Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Mein Mann hat immer gesagt: „Kunst entsteht nicht ohne Einsamkeit.“ Ich glaube, er hatte dieses Zitat von Picasso. Außerdem gehe ich natürlich auch auf andere Ausstellung und habe eine Zweitwohnung in Berlin, wo mich mitunter Dinge auf- und anregen. Manchmal inspiriert mich auch die Zeitung. Außerdem bin ich von Puppen fasziniert, und es sind keine Spielzeugpuppen, die ich male. Diese Puppen stehen für mich für den manipulierten, wehrlosen Menschen.

Woran glauben Sie?
Ich bin in keiner Kirche, aber ich fühle mich zur Religion und zu ideologischen Lebensplänen hingezogen. Ich würde gerne an Gott glauben, aber es gelingt mir nicht. Denn es gibt so viel Schreckliches in der Welt, was dagegen spricht. Aber ich glaube schon an eine höhere Idee, weiß sie nur nicht zu benennen.

Weil sonst alles sinnlos wäre?
Vielleicht.

Wie generieren Sie den Sinn für Ihr eigenes Leben?
Ich strebe für unser aller Leben nach Gerechtigkeit und ich versuche in meinen Bildern, den Betrachter dazu anzuregen, für Gerechtigkeit einzutreten. Wenn ich für mich selbst behaupten würde, ich lebe für die Kunst, dann wäre das übertrieben. Denn ich lebe nicht nur für die Kunst, aber sie ist für mich der wichtigste Faktor.

Malen Sie jeden Tag oder haben Sie manchmal auch keinen Bock?
Da es mir ein inneres Bedürfnis ist, male ich, wenn möglich, jeden Tag.

Was ist Ihrer Ansicht nach das Schöne am Älterwerden?
Viel Schönes finde ich daran leider nicht – außer, dass man über mehr Erkenntnisse und mehr Urteilsfähigkeit verfügt. Und dass man durch die langjährige Übung im Alter besser malen kann – allerdings trifft das nicht auf alle Maler zu, denn bei manchen lässt die Kraft auch nach.

Was würden Sie jungen Kunststudent*innen raten?
Als ich viele Jahre Studenten ausgebildet habe, sagte ich ihnen Folgendes: „Ich kann Ihnen nur davon abraten. Machen Sie diesen Beruf nicht! Machen Sie ihn nur, wenn Sie gar nicht anders können. Aber versprechen Sie sich nicht unbedingt große Erfolge.

„Genug gekreuzigt“, Ölgemälde von Gudrun Brüne aus dem Jahr 2011

Veröffentlicht am: 03.03.2017
Autor: vanessa

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