Klez.e kann Cure

Eine ganz und gar nicht düstere Nachlese

Letztes Jahr im Herbst kamen Klez.e mit ihrer an das 1989 erschienene Cure-Album Disintegration angelehnten Scheibe Desintegration sowie einer ordentlichen Prise Schwermut des Weges und trafen scheinbar einen Nerv der Zeit. Wir trafen den Sänger Tobias Siebert sowie seine beiden Mitstreiter Daniel Moheit und Filip Pampuch nach ihrem fulminanten, ausverkauften Konzert Anfang März am nächsten Morgen zum Gespräch über Helden der Jugend, den Prozess des Songwritings und den Retrocharme der Göttinger Stadthalle. 

Von Stefanie Garbs [Text] und Raffael Siegert [Fotos]

Zufrieden schauen sie aus, die drei schwarzen Vögel. Nach ihrem Gig am Vorabend im Nörgelbuff auch kein Wunder. Ihre gesamte Tour ist ausverkauft und die aktuelle Platte wurde extrem wohlmeinend – nicht bloß vom Feuilleton – aufgenommen. Wo nur ein passendes Foto von den drei machen? Das Angebot, die Band thematisch passend vor dem Nebenportal der Albanikirche zu knipsen, wird just in dem Moment verworfen, als die Stadthalle von Weitem erblickt wird. Regelrecht entzückt ist Klez.e von dem retrohaften Charme des 1970er-Jahre-Baus, und auch das 1960er-Jahre-Projektorobjektiv mit Offenblende von unserem Fotografen Raffael hat es ihnen sichtlich angetan. So richtig in die „schwarze-Szene-Ecke“ wollen sich die drei nicht stecken lassen, also ab zur Stadthalle. An Göttingen gäbe es bisher nur gute Erinnerungen, so der Klez.e Sänger Tobias Siebert. Mit seinem anderen Projekt And The Golden Choir war er schon im APEX und Nörgelbuff zugegen.

Zu den Wurzeln von Klez.e 

Musikalisch geprägt wurde Tobias hauptsächlich von Depeche Mode, der ersten Band, die seinen Kopf verstehen ließ, dass es bei Musik auch um etwas anders gehen kann als reine Unterhaltung: um Harmonien und Gefühle, die irgendwie ganz tief reingehen. Tatsächlich spürte er das schon recht früh, nämlich als er in der dritten Klasse eine Kassette von Depeche Mode in die Finger bekam. Diese Melodien brannten sich ein. Die anderen Helden seiner Jugend, The Cure, hat er erstmalig 1992 in Berlin gesehen und seither kommt er nicht mehr von ihren Konzerten los – zumal überraschende Wendungen in der Setlist auch jetzt noch jeden Gig vom zauseligen Robert Smith und seinen Mannen einzigartig machen.

Flammen, Drohnen, Mauern 

Nach über 250 Konzerten mit dem englischsprachigem Projekt And The Golden Choir hat Tobias wieder große Lust, Texte auf Deutsch zu verfassen: „Ich wollte dann auch einfach mal meine Stimme in einer anderen Klangfarbe hören. Aber man muss schon aufpassen, dass es nicht in eine hässlich-kitschige-Richtung abdriftet“, sagt er. Die Songs werden kollektiv im Proberaum geschrieben. Die Texte entstehen mal vor oder erst nachdem die Musik schon eingespielt ist. Beim aktuellen Album Desintegration waren die Texte allerdings schon vorher präsent. 2015 ist nicht nur durch die Flüchtlingspolitik viel passiert, was Tobias Siebert bewegt hat. Vorweg gab es 2010 ein Projekt am Maxim Gorki Theater in Berlin, wo Klez.e ein paar Instrumentalstücke live eingespielt haben. Scheinbar ein sehr offenes Stück, bei dem die Schauspieler die Texte auf der Bühne immer mal abgewandelt haben. Diese Erfahrung führte dazu, dass bei den aktuellen Klez.e-Konzerten live auch viel mehr variiert wird, als man es sich früher getraut hat. „Es fängt an sich zu bewegen, nach Stimmung, nach Club, nach Publikum“, sagt Tobias. Das macht auch den Reiz des Konzerterlebnisses bei Klez.e aus. Die Stücke wirken dichter als auf der CD, gehen noch mehr unter die Haut.

Der besondere Desintegration-Sound

Während die ersten drei Platten eher „indiebetont“ waren, zeichnete sich schon auf der vorletzten ein eher düsterer Stil ab. Von ursprünglich fünf Bandmitglieder sind es mittlerweile nur noch drei und die Musik „destillierte, was so tief eigentlich immer in uns war“, reüssiert Tobias Siegert. Diese Art der Cure-Reminiszenz war nicht von Anfang an geplant, sondern entwickelte sich eher versatzmäßig. Als im Proberaum die Stücke gespielt und die Texte mit eingearbeitet wurden, war klar: Der Sound dazu muss düster sein. Dann wurden „die Modulationspedale hochgeschraubt und Soundeffekte wie Flangers kamen zum Einsatz“, erinnert sich die Band. Man sei plötzlich im Sound steckengeblieben, es fühlte sich bekannt, richtig und gut an, so wie die musikalischen Einflüsse von vor 20, 30 Jahren. Die Funken sprühten. Und das nicht nur im Proberaum, auch auf der Tour. „Wir leben das in dem Moment, wo wir das spielen“, sagt Tobias. Eine Art kalter, verschwurbelter 1980er Jahre Sound ist also durchaus gewollt. „Wir wollten den im Proberaum entdeckten Klangkosmos komplett machen – nicht nur mit den Instrumenten, sondern auch mit einem verwaschenen Gesang. Wenn der deutsche Text an einigen Stellen schon so eindeutig ist, dann ist es einfach schön, wenn er durch dieses Verwaschene ein wenig verzaubert wird.“

Zu guter Letzt

Will man die Klischeeschublade einfach mal weit aufmachen und sich fragen, welche Bedeutung  die Desintegration für die „Dark-Wave-Ecke“ hat, so bringt die Antwort von Tobias Siebert auf die Frage, was denn eines der erinnerungswürdigen Komplimente in Bezug auf die letzte Platte sei, ein wenig Licht ins schummerige Dunkel: „Dass es seit Langem mal wieder eine wichtige Platte der schwarzen Szene ist, die ohne Fassaden oder ein gespieltes Irgendwas auskommt – eine Band, die einfach Musik macht und im Text etwas auszudrücken hat, was nicht krampfhaft genauso von Anfang an konzipiert sein muss.“

Eines wird an diesem Vormittag auf jeden Fall sichtbar: Die Bandchemie stimmt und Desintegration ist schön und ergreifend, ein melancholisch, poetisches Werk, das lange nachhallt. VONWEGEN freut sich auf alles, was da noch kommen mag. Mit oder ohne Robert-Smiths-Gedächtnisfrisur.

Und so klingt Klez.e:

Veröffentlicht am: 06.04.2017
Autor: admin

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