Nacht des (Un)Wissens

Universität Göttingen ohne Studenten. 25.000 Besucher und 320 Veranstaltungen auf der 3. Nacht des Wissens am 21. Januar 2017.

Ein Kommentar von Anna Melamed

Für Klaustrophobiker wäre dieses Event der sichere Tod. Die Konzentration der Experimentierstationen, Informationsstände und Bühnen machen es aber auch mir schwer, einen nüchternen Überblick über die Gesamtsituation zu erhaschen. Also lasse ich mich bei meinem Rundgang spontan treiben und übergebe die Kontrolle an die Infrastruktur des ZHGs. Etwas fehl am Platz fühle ich mich als Anfang-20-Jährige schon – das Durchschnittsalter der Besucher liegt gefühlt bei 50 und das auch nur, weil erstaunlich viele Schulkinder hier rumspringen. Das Programm ist ausschließlich auf diese Zielgruppe ausgerichtet, denn es handelt sich entweder um schrille Mitmachstationen, die sagen wollen „In jedem steckt ein kleiner Einstein!“ oder um Food-Trucks mit teurem Wein. Es scheint, als sei dies die größte Party der Müslimütter und deren praktisch veranlagten Ehemänner, die gerne wandern, dazu passend Jack Wolfskin in verrückten Farben tragen und am lautesten über die eigenen Bemerkungen lachen. Nur nicht für Studenten. Sie stehen verloren rum und betrachten mit passiver Verwunderung, was aus ihrer Universität gemacht wurde.

Besonders viele tummeln sich vor der großen Attraktion der Informatik-Fakultät: die Virtual Reality Brille. Uh, man darf sie sogar live ausprobieren, wie aufregend. Als ich die 10-Euro-Version unbeeindruckt absetze, ist der Informatiker etwas verdutzt. „Erklär mir bitte mal, wofür brauche ich so ein Ding? Das lässt doch allenfalls die Porno-Industrie wieder aufleben, oder?“, frage ich, nicht unabsichtlich provokativ. Der Informatiker dreht sich beleidigt weg und murmelt: „Du siehst auch aus wie jemand, der ein Mac-Book besitzt.“ Ich sehe ein, dass mein Kommentar in etwa so gemein war, wie einem Taschentuch-Hersteller zu sagen, dass sein Produkt nur zum Masturbieren gut ist, und gehe deshalb schnell weiter.

Die Biologen locken mit niesenden Maschinen, die auf den Händen der Besucher grünen Schleim voller Bakterien hinterlassen und so Kinder erziehen wollen. Vor einem Vortragsraum steht ein Tisch mit Fritz-Cola, keine Kasse in Sicht, also ist es umsonst. Nur zögerlich greifen die Besucher zu, als fürchteten sie, dass auch dies eine Experimentierstation für gieriges Konsumverhalten sei.

Die Neurologen beweisen mit zwei Geruchsproben, dass, sobald man sich schon nach 5 Sekunden an einen Geruch gewöhnt hat, ihn nicht mehr rausriecht oder als störend empfindet. Ein Mädchen kichert: „Ich rieche meinen Pups auch nie, aber der von Papa ist echt mies.“ Ich lobe sie für ihr logisches Denken, ihre Eltern sehen mich böse an.

Von der 3. Nacht des Wissens ging ich mit mehr Fragen, als Antworten. Und die dringendste war: Wo zur Hölle kommen all diese Rentner und Schulkinder aus Göttingen plötzlich her?

[Foto: Fassade des Klinik-Hauptgebäudes während der UMG-Lichtshow ©Uni Göttingen]

Veröffentlicht am: 06.02.2017
Autor: admin

2 Antworten zu “Nacht des (Un)Wissens”

  1. Gesch sagt:

    Ich war zum ersten Mal bei der Nacht des Wissens und sehr enttäuscht und genervt. Gut, ich kann schon keine Menschenmassen ab, das ist mein Problem. Aber ich wollte interessante Dinge sehen und hören, wollte etwas lernen und fasziniert mit neuen Denkanstößen nach Hause gehen. Stattdessen hatte ich das Gefühl, es ging nur darum, Laien zu zeigen „Hey, guck mal, das leuchtet und knallt, Wissenschaft ist voll cool!“. Gelernt habe ich gar nichts, die Vorträge waren nicht besonders gut oder überhaupt halbwegs professionell und die Stände stinklangweilig (Hauptsache lebensnah! Bloß nicht zu wissenschaftlich!). Ich hatte das Gefühl, von der Zielgruppe Welten entfernt zu sein. Schade, hätte mir etwas mehr Input erhofft. Nichts für wirklich Wissbegierige (außer vielleicht Kinder). Und im Übrigen ist es nicht besonders schlau, die Shuttlebusse erst so zu starten, dass man frühestens um 20 nach 5 an der Norduni ist, wenn es um 5 (auch mit Vorträgen) losgeht…Sorry für den Rant, aber ich war hinterher echt frustriert und habe mich (als Wissenschaftlerin) eher geschämt, dass die Wissenschaft sich so disqualifiziert, indem sie sich verzweifelt an die doofe Masse heranschmeißt und scheinbar bloß keinen überfordern will, sondern nur eine geile Show abliefern muss. Man kann auch mit echten Inhalten begeistern. Aber die Chance wurde nicht genutzt.

    • Anna Melamed sagt:

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ich bin da ganz bei dir. Für den „Rant“ brauchst du dich nicht zu entschuldigen–der ist vollkommen berechtigt und beim VonWegen Magazin sogar herzlich erwünscht. Hier darf man frei von der Leber weg reden und ich freue mich schon auf weitere Kommentare von dir. Stay tuned–es kommen noch kontroversere Themen auf VonWegen zu.

      Liebe Grüße
      Anna

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