Rolle oder Knolle?

Vor etwa einer Woche hat unsere Autorin Charlotte klopapierhamsternde Menschen noch amüsiert belächelt. Während ihr Instagram-Thread vor Klopapierwitzen wie „Dealer im Park stellen auf Desinfektionsmittel und Klopapier um“, „Neue und kostenfreie Klopapier-App gegen die Knappheit“ oder „10 Einfache Rezepte für Nudeln mit Klopapier“ überquoll, hat sie sich schlapp gelacht. Das macht sie jetzt nicht mehr. 

[Text & Illustration: Charlotte Karnasch]

Gestern war es dann soweit und meine letzte Rolle Klopapier ging zur Neige. Also ging ich los, um neues zu kaufen, plus eine Knolle Ingwer. Während meines Ausflugs habe ich Erfahrungen gemacht, die mich absolut unvorbereitet auf mich selbst zurückwarfen.

Das routinierte Einkaufsverhalten der Bevölkerung und ihre gängigen, durch das Produktsortiment ausgelösten, affektiven Reaktionen haben sich grundlegend verändert. Ich stellte schnell fest, dass ich scheinbar ein Klopapier-Glückspilz bin, denn im Laden meiner Wahl stapelte sich Dienstagabend um ca. 20 Uhr jede Menge davon, auf Paletten präsentiert. Ich bestaunte den irrwitzig hohen, geradezu majestätischen Turm aus Klopapier und nahm dann eine Packung mit. Sehr schön, dachte ich, denn ich muss gestehen, dass sich auch in mir ein etwas mulmiges Gefühl ausgebreitet hatte, ausgelöst durch eine diesbezüglich mögliche persönliche Unterversorung. Ich überlegte auch, ob ich gleich zwei Packungen kaufen sollte, aber nach einem kurzen inneren Zwiegespräch, schaffte ich es gerade noch, dieser Versuchung zu widerstehen und meiner aktuellen Leitlinie treu zu bleiben: Ich hamstere kein Toilettenpapier!

 

Rolle oder Knolle?

Ich war nun also mit Klopapier versorgt und positiv überrascht, dass es immer noch so viel davon gab. Erleichtert schlenderte ich in die Gemüseabteilung. Mein Ingwer war nämlich aufgebraucht und weil ich diesen so inflationär verwende, wie andere ihr Toilettenpapier, brauchte ich dringend eine neue Knolle. Und dann kam er doch. Der Schockmoment. Scheiß auf Klopapier! Augenscheinlich ist die Versorgungslage mit Ingwer viel problematischer! In der sonst mit saftig-prallen Bioknollen gefüllten Kiste fand ich nur zwei kümmerlich schrumpelige Ingwerabbruchstücke mit einem jeweiligen Durchmesser von höchstens einem Zentimeter.

Da stand ich also, allein und verloren in der Gemüseabteilung und spürte eine Beklemmung in der Brust, die zu einem Panikgefühl anschwoll. Verdammt, warum traf mich das so im Kern meiner selbst? Warum bloß diese Angst? Und warum ist mir Ingwer eigentlich so wichtig? Ich vermute Folgendes: Was für viele heutzutage der häusliche Klopapiervorrat stellvertretend bedeutet, nämlich mentale Sicherheit und Halt, ist in meinem Fall anders gelagert. Ich brauche Ingwer, um mir in so unsicheren Zeiten wie diesen selbst bestätigen zu können, dass die Grundstrukturen unseres Systems noch funktionieren. Zumindest mehr Ingwer als das traurige Etwas, dass ich lange Zeit verstört betrachtete. Natürlich schloss ich meine Faust trotzdem fest um meine karge Beute und trottete in Richtung Kasse. Was mir dort widerfuhr, möchte ich übrigens zu einem anderen Zeitpunkt [es braucht Verarbeitungszeit] unter dem Titel Angst und bange in der Schlange genauer ausführen.

 

Halt Dich an Deinem Ingwer fest

Was man in Corona-Zeiten so alles erlebt, braucht wahrscheinlich selbsttherapeutische Aufarbeitung und passende mentale Bewältigungsstrategien. Das wurde mir auf dem Weg nach Hause klar und um diese Verlusterfahrung in meiner praktisch veranlagten Art in eine bereichernde Lernerfahrung umzuwandeln, googelte ich erstmal nach den Wachstumsbedingungen von Ingwer. Dabei stellte ich fest, dass dieses Gewächs sehr simpel ist. Ich würde ja eine detaillierte DIY-Ingwer-Pflanzanleitung an dieser Stelle ausführen, aber das ist gar nicht nötig. Denn dazu muss man die Knolle quasi einfach in die Erde stecken und darauf warten, dass sie sogenannte Rhizome bildet. Da ich ingwerautark durch die Krise kommen möchte, werde ich nun möglichst viele Knollen in der Erde versenken. Die zwei schrumpelige Ingwerstückchen, die sich in meiner Faust befinden, werden der Anfang sein, auch wenn sie wahrscheinlich nicht mehr sonderlich vermehrungsfreudig sind. Mist. Erde habe ich keine und Baumärkte sind jetzt für Privatpersonen verboten. Leider bin ich in der Unternehmensplanung offensichtlich noch weit davon entfernt, einen Gewerbeschein für eine Ingwerzuchtfarm ausstellen zu lassen und stehe somit vor einem weiteren Problem in der Umsetzung meines Vorhabens. Vielleicht gibt es Blumenerde im Supermarkt. Mal sehen. Weil sich in diesem Zusammenhang schon wieder so ein ungutes Gefühl breit macht, googele ich jetzt auch noch, wie man sich seinen eigenen Kompost baut. Was bleibt ist die Erkenntnis: Auch ich wachse an der Krise.

Weiter geht’s hier mit Angst und bange in der Schlange.

 

Rolle oder Knolle? Das ist hier die Frage.

Veröffentlicht am: 25.03.2020
Autor: vanessa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.