Lacher inklusive

Mit unglaublicher Liebe zum Detail, vielen musikalischen Höhepunkten und dem Herz auf der Zunge inszeniert die Göttinger Theatergruppe Schmetterlingseffekt, bestehend aus Menschen mit und ohne Behinderung, ihr selbstgeschriebenes Stück Und mit den Clowns kamen die Strähnen. Im Rahmen des 7. inklusiven Theaterfestivals wird es am 30. April uraufgeführt. 

[Text: Sarah Elena Kirchmaier | Fotos: Schmetterlingseffekt, Boing!]

Depressiv und mordlüstern, weil sie in unserer heutigen Gesellschaft überflüssig geworden sind, treffen die Clowns auf den Grund für ihre Entbehrlichkeit: Models. Denn wer braucht bei dem Klum’schen Spektakel noch den Zirkus? Gewohnt gesellschaftskritisch zeichnet das Stück die schönen Damen und Herren als egomanisch, zickig und oberflächlich und karikiert diese bis zur Groteske. Ein traumatisiertes, ostdeutsches Model etwa drückt für den Showeffekt besonders auf die Tränendrüse, um sich mit Stories über seine vermeintlich schreckliche Vergangenheit von Job zu Job zu hangeln und erinnert dabei an so manche Castingshow-Teilnehmer, die dem Fernsehpublikum – nicht gerade aus Talentgründen – im Gedächtnis hängengeblieben sind. Das Ganze wäre dann aber doch irgendwie zu platt, würde nicht irgendwann aufgelöst werden: Eigentlich sind die meisten der neurotischen Mannequins hinter der Kamera ganz normale Menschen, doch ohne ein bisschen Show wäre das Leben eben nur halb so lustig.

Momentbezogen und musikalisch 

Neben der Seitenhiebe auf das momentane Geschehen punktet die Theatergruppe Schmetterlingseffekt außerdem mit liebevoll ausgeklügelten musikalischen Nummern. Hits, die anfangs nur aus „Herumblödelei“ umgetextet wurden, werden im Prozess des Schreibens zu festverankerten Highlights im Stück. Eigens dafür wurden binnen einer Woche circa ein dutzend Lieder neu auf CD eingespielt, von denen die Zuschauer*innen sicherlich einige bekannte Melodien trotz frecher, neuer Texte wieder erkennen werden, sobald die Truppe die ersten Töne anstimmt.

Handgemachter Humor

Überhaupt ist beim Schmetterlingseffekt enthusiastische Eigenarbeit der Schlüssel zum Erfolg: Das Stück ist selbstgeschrieben – dieses Jahr im Gegensatz zu den vorherigen Malen hauptsächlich von einer Person, aber natürlich im ständigen Dialog mit allen Beteiligten – und passt wie die Faust auf’s Auge. Aus beschwipsten Witzen wird so schnell das Fundament für ein neues Stück, fixe Ideen werden zu Handlungssträngen, Albernheiten zu Dialogen. Die Rollen sind Maßanfertigungen für ihre Schauspieler*innen, abhängig von deren Möglichkeiten und ihrem Charakter.

Progressive Aggressivität

Trotz aller eventueller körperlicher Einschränkungen möchte die Truppe weg von den Vorstellungen, welche die breite Masse von Projekten hat, die durch Menschen mit Behinderung realisiert werden. Mitleidsklatscher wollen sie nicht – und haben sie auch gar nicht nötig, denn in der Tradition des politischen Theaters sparen sie nicht an schwarzem Humor und einer ordentlichen Prise derber Sprüche, um ihre progressiven Messages rüberzubringen. Trotz aller Bezüge auf Missstände in der heutigen Welt – in früheren Stücken ging es etwa um Wohnungsnot oder Massentierhaltung – haben sie sich politische Korrektheit keinesfalls auf die Fahne geschrieben. Was gesagt werden muss, wird gesagt, manchmal anprangernd, manchmal humorvoll, manchmal frivol – aber immer mit einem Augenzwinkern.

Das 7. Inklusive Theaterfestival Göttingen findet am 30.04.2017 statt. Beginn ist um 17 Uhr im Gemeindesaal der Evangelisch-Reformierten Kirche in der Unteren Karspüle. Neben Mit den Clowns kamen die Strähnen wird zudem Die Schlümpfe und der Rechtsruck, ein politisches und brandaktuelles Stück über die Gefahren des Populismus von der Theatergruppe BOING! zu sehen sein. Die Aftershowparty mit DJ Maulwurf findet ab 20:30 Uhr im Weltladencafé statt.

↑ Schmetterlingseffekt

↑ BOING!

Veröffentlicht am: 27.04.2017
Autor: admin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.