Eine Lobby für den Slobby 

Zeit haben wir ja alle nicht und wenn überhaupt, dann vielleicht später. VONWEGEN! Im Zeitalter von Stress und Hektik bahnt sich die Entschleunigung ihren Weg, den die sogenannten Slobbies jenseits von Burnout entspannt beschreiten. 

Text: Ralf Holzmann | Illustration: Roman Sawatzki

Für alle Vorschnellen, die jetzt schon keine Zeit mehr haben, um weiterzulesen, das Wichtigste zuerst: Slobby steht für slow but better working people und bezeichnet einen generell langsameren bzw. entschleunigten Lebensstil. Der Begriff entstand im Umfeld der Slow-Bewegung, die wiederum von der Slow-Food-Bewegung inspiriert wurde und mittlerweile ein Sammelbecken verschiedener Slow-Lebensphilosophien darstellt. Den zentralen gemeinsamen Nenner aller Ausrichtungen des Slow-Movement bildet der Widerstand gegen die zunehmende Beschleunigung aller Bereiche unserer alltäglichen Lebenswelt.

Slobbies vs. Zeitsklaven 

Für mich als Entschleunigungs-Experten, der in seiner Doktorarbeit die Zeit gründlich erforscht hat, und selbst bekennender Slobby ist, war die Anfrage für diesen Artikel kurz vorm besinnlichen Weihnachtsfest eigentlich eine Zumutung. Erst dachte ich, „einmal klicken, weiterschicken“, doch irgendwie wollte ich dann doch kein Spielverderber sein und entschloss mich, ein paar Zeitperlen vor die Säue zu werfen. Denn auch ein Quickie kann ja so seinen Reiz haben – vorausgesetzt, er dauert lange genug. Doch eigentlich interessieren mich die überkandidelten Lebensdramen der meisten beschleunigten Zeitgenossen nicht die Bohne! Denn die zwangsgesteuerten, beschleunigten Mitbürger kommen dem wahren Slobby vor wie eine Horde hirnloser Zeitsklaven, die sich gierig an einem Bankett aus Stress zu verlustieren versuchen, aber eigentlich gar keine Zeit mehr dazu haben, ihr Leben wirklich wahrzunehmen.

Slobbies hingegen wenden sich im Gegenzug viel lieber den angenehmen Seiten des Daseins zu und schöpfen aus dem Vollen, indem sie auf jedweden Zeit- und Arbeitszwang zu verzichten suchen.

Im übergreifenden Spektrum der Slow-Bewegung können die Slobbies also sozusagen als fundamentalistischer Flügel identifiziert werden, der sich der Umsetzung der reinen Lehre verschrieben hat. Nicht nur, weil sie einen Lebensstil frönen, der es ihnen ermöglicht, sich in möglichst vielen Lebensbereichen generalisierter Langsamkeit und gepflegtem Müßiggang (slow food, slow travel, slow retail, slow sex !!! etc.) hinzugeben. Sondern vor allem auch, weil sie selbst in der Höhle des Löwen, dem Arbeitsplatz, an ihren Prinzipien festhalten und sich dem Downsizing und der Entschleunigung widmen. Anders als ihr Name es vielleicht vermuten lässt, gehören Slobbies somit zu den Aktivsten unter den Entspannten.

Kein rosa Frottee-Schlafanzug

Dass diese Vorgehensweise in einer kapitalistischen Arbeitsgesellschaft, die auf dem Prinzip: „Zeit ist Geld“ basiert, schnell an ihre Grenzen stößt, ist dabei offensichtlich. Die Formel: „Weniger ist mehr“ funktioniert daher auch für Slobbies nur, weil sie, neben dem Verzicht auf Zeit- und Arbeitszwang, auch generell Verzicht üben und versuchen, sich in allen Lebensbereichen auf das Wichtigste zu reduzieren. Dass dieser Prozess eines ausbalancierten Zurechtstutzens der Lebensbedingungen bzw. des Downsizings in einem auf Überfluss getrimmten Gesellschaftsmodell wiederum auch kein Zuckerschlecken ist, erscheint ebenfalls offensichtlich.

Auch für Slobbies gilt also: Das Leben ist kein rosa Frottee-Schlafanzug. Leider! Letztendlich wäre das jedoch alles gar nicht so schlimm, wenn die frustrierten kopflosen Zeitsklaven einem nicht immer das eigene Dasein madig machen würden, indem sie einen anzutreiben versuchen. Dabei bedeutet Slobby sein gar nicht permanent im Schneckentempo durchs Leben zu ziehen, faul zu sein oder absolut nichts zu tun. Sondern vielmehr einfach, einem angemessenen Lebenstempo zu folgen und eine möglichst große individuelle Selbstbestimmung über die Verwendung der eigenen Lebenszeit zu erlangen.

Vor allem im für das individuelle und gesellschaftliche Selbstverständnis so bedeutsamen Arbeitssektor zeigen sich die damit einhergehenden Vorteile unmittelbar: Slobbies geht es in erster Linie darum, alle Arbeiten so gut wie möglich zu erledigen und nicht so schnell wie möglich. Entspannte und geduldige Beschäftigte, denen ausreichend Zeit zur Verfügung steht, erweisen sich dabei als kreativere und motiviertere Arbeitskräfte, die umsichtigere und ausgereiftere Entscheidungen zu treffen vermögen, weniger Fehler begehen und viel seltener krankheitsbedingte Ausfalltage (Burnout etc.) in Anspruch nehmen als beschleunigte „Effizienz-Idioten“.

You only live once 

Dass man mit Langsamkeit oftmals viel besser ans Ziel kommt, weiß letztendlich aber eigentlich jeder, der schon mal Bekanntschaft mit den grauen Herren aus Michael Endes „Momo“ gemacht hat. Denn Momo holt sich die gestohlene Zeit zurück und gilt damit als bekannteste deutsche Ikone gechillter Daseinspolitik, für die es sich lohnt, sich Zeit zu nehmen.

Also dann: Yolo – neulich, gerade eben, immer und überall.

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Glaubt Ihr nicht? Ist aber so!
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Veröffentlicht am: 22.03.2017
Autor: admin

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