Die Akzeptanz der Machtlosigkeit

Es ist die Göttinger die Berufsfeuerwehr [BF], die ausrückt, wenn es irgendwo brennt, wie zum Beispiel bei Verkehrsunfällen und anderen Rettungsaktionen. Diese Feuerwehrmänner und -frauen sind immer für uns da. Das ist doch klar, denken wir. Aber wer ist für sie da, wenn ein Einsatz auch im Nachhinein noch extrem belastet? Wenn die Bilder nicht mehr aus dem Kopf verschwinden? Dann ist Dirk Behrends für seine Kolleg*innen zur Stelle. Er ist Fachkraft für psychosoziale Notfallversorgung [PSNV]. Was das genau ist und welche Herausforderungen sich stellen, darüber haben wir mit ihm gesprochen.

[Text: Manfred Langer aka Manni | Foto: Dirk Behrends]

 

Herr Behrends, was genau ist die PSNV und wie können unsere Leser*innen den Begriff 
von anderen wie 
Notfallseelsorger [NFS] oder Krisen-Interventionsteam [KIT] abgrenzen?

Bei den Krisen-Interventionsteams handelt es sich um einen Zusammenschluss verschiedener Einrichtungen. Die psychosoziale Notfallversorgung ist hierbei ein Teilbereich der KITs. Zu diesen gehören neben der PSNV auch Notfallseelsorger.

Worin besteht der Unterschied zwischen PSNV und Notfallseelsorgern?

Die Leute, die man an Unglücksorten mit dem ‚Notfallseelsorger‘ oder einfach ‚Seelsorger‘ hinten auf der Warnweste sieht, sind für Opfer, Angehörige und Betroffene zuständig. Die psychosoziale Notfallversorgung ist ein Tool, das für die Rettungskräfte eingerichtet wurde.

Wie viele Kräfte gehören der PSNV aktuell hier in der Wache an?

Derzeit bin ich der einzige mit einer solchen Ausbildung. Und es hat sich gezeigt, dass diese Form der Versorgung effektiver ist, wenn sie von jemandem aus den eigenen Reihen angeboten wird.

Die Alarmierung des PSNV – wie findet die statt?

Wenn ich selbst Dienst habe, bin ich vor Ort und jederzeit ansprechbar. Wenn ich frei habe, werde ich in schweren Fällen auch schon einmal angerufen , um die Betreuung der Kolleg*innen zu übernehmen.  Falls ich selbst verhindert bin, greifen wir auf die Notfallseelsorger zurück, die dann zu uns kommen. Dieses Notfallseelsorger-System erstreckt sich von Hann. Münden über Göttingen bis nach Osterode. [Wenn … immer gleicher Satzbau, deshalb geändert]

Wie sind Sie bei der Berufsfeuerwehr gelandet?

Nach der Schule habe ich damals eine Ausbildung zum KFZ Mechaniker und -elektriker absolviert und in dem Job dann auch eine Weile gearbeitet. Als ich mitbekam, wie viel technisches Know-how man bei der Berufsfeuerwehr benötigt, bin ich 1987 dorthin umgeschwenkt. Denn mein Interesse für Technik war schon immer groß. So flog ich dann auch fünfzehn Jahre für die Deutsche Rettungsflugwacht [DRF] im Rettungshubschrauber Christoph 44 mit. In jener Zeit wurde ich erstmals mit dem Thema Seelsorge und PSNV konfrontiert.

Wie kann man sich eine Situation vorstellen, die nachher durch einen PSNV aufgearbeitet werden muss? 
Was geschieht da?

Stellen Sie sich vor, man wirft Ihnen bunte Plastikbälle zu. Sie sollen die Bälle fangen und farblich in bereitstehende Kisten sortieren. Nun wirft man die Bälle aber immer schneller. Das mag zu Anfang noch gut gehen, nach einiger Zeit tritt jedoch eine Überforderungs- oder gar eine Überlastungssituation ein. Spätestens, wenn zwei oder drei Bälle gleichzeitig geworfen werden, kapituliert man. Ebenso verhält es sich mit dem Limbischen System in unserem Gehirn. Es verarbeitet Eindrücke und Bilder. Kommen diese Eindrücke in zu schneller Abfolge, sind zu massiv oder abnorm, kommt es zur Überlastung. Es tritt eine Kommunikationsstörung ein. Schlimmstenfalls eine Traumatisierung.

Welchen Umfang hat die Ausbildung zum PSNV?

Sie besteht aus zwei Modulen, eines umfasst einen Zeitraum von 14 Tagen, das zweite noch einmal 10. Zum Abschluss wird eine Prüfung absolviert.  Aus den Teilnehmern dieser Ausbildung wird ein Netzwerk aufgebaut, von dem jedes Mitglied in der Folge zehren kann.

Wie oft pro Jahr wird Ihre Nachversorgung in Anspruch genommen?

Wenn ich nur darauf warten würde, dass ich angesprochen werde, hätte ich gar keine Einsätze. Ich muss nach schwierigen Notfällen auf die Kolleg*innen zugehen. Das wird jedes mal dankbar in Anspruch [weil sonst zweimal angenommen] und ich höre im Nachhinein, dass das Gespräch sehr gut war. Und hilfreich. Was  wiederum dazu führt, dass dieses Angebot mehr und mehr angenommen wird. Die Kolleg*innen verstehen immer besser, dass ihr Verhalten auf eine Stresssituation normal ist.  So nimmt die Bereitschaft, darüber zu sprechen,  zu.

Inwiefern ändert sich denn die Art der Einsätze?

Ja, die Häufigkeit steigt und das ist erst einmal positiv. Allerdings haben wir in den letzten Jahren  auch mehr Einsätze – vor allem durch die schweren Verkehrsunfällen auf der A7.

Was ist bei diesen Nachversorgungen besonders wichtig?

Besondere Bedeutung hat es, alle Kollegen, die in der Rettung arbeiten – und hierzu zählen auch die freiwilligen Feuerwehren – klarzumachen, dass sie bestimmte Ereignisse nicht beeinflussen können. Denn auch wenn sie  im Einsatz einhundert Prozent ihrer Leistung abrufen, kann es  dennoch passieren, dass jemanden nicht gerettet werden kann. Dieser Umstand ist oft schwer zu akzeptieren. Manche fragen sich dann, ob sie etwas anders hätten machen können. Und dieser Frage liegt immer die Idee zugrunde, dass man durch noch mehr Engagement, noch mehr Konzentration oder noch mehr irgend etwas denjenigen doch hätte retten können. Aber diese Rechnung geht nicht auf. Je jünger die Opfer sind, desto heftiger ist für alle Beteiligten der Verarbeitungsprozess und desto schwieriger ist auch die Akzeptanz der eigenen Machtlosigkeit.

An wen wenden Sie sich, wenn Sie selbst eine Nachversorgung benötigen?

Ich kann jederzeit auf die Seelsorger der Kirche zurückgreifen. Der Bedarf an Notfallseelsorgern ist derzeit hoch. Es wird auch hier, wie in allen Branchen, nach Verstärkung gesucht, nach Nachwuchskräften.

Rund dreißig Prozent der Deutschen sind ehrenamtlich tätig, das stimmt zuversichtlich.
Wie geht es denn weiter, wenn man sich als NFS bei Ihnen bewirbt?

Man wird von der Berufsfeuerwehr zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Bei diesem geht es ausführlich um die Frage, wieso derjenige gerade diese Art von Ehrenamt ausüben will. Und darum, welche Erfahrungen derjenige selbst schon mit schwierigen Situationen gemacht hat. Die Belastbarkeit ist ein wichtiges Thema. Stehen von unserer Seite aus dann alle Ampeln auf grün, folgt die Ausbildung. Wenn der Bewerber später in den aktiven Dienst übergeht, bekommt er einen Melder und andere Ausstattung für den Einsatz und es werden Dienstzeiten vergeben und geplant.

Welches sind die schönsten Momente – wenn man das so sagen kann – in ihrer bisherigen Laufbahngewesen?

Am schönsten ist es zu sehen, wenn die Kollegen nicht mehr so viel Druck aufgrund der Belastungssituation entwickelt haben. Viele Kollegen sagen nachher, dass sie nicht erwartet hätten, dass sie das Ereignis so sehr beschäftigt. Für mich ist es dann wichtig zu sehen, wo die Kollegen emotional stehen. Dann weiß ich, wie ich weiter mit ihnen umgehen kann.

Was glauben Sie, welche Bedeutung diese Tätigkeit für die Gesellschaft hat?

Ich glaube, dass die Gesellschaft mehr und mehr lernt, über Emotionen zu sprechen. Auch glaube ich, dass die Einsatznachgespräche beispielsweise dafür sorgen, dass die Menschen  mehr sichtbar machen, wie sie sind. Und es geht auch darum, Respekt vor dem zu haben, der das Belastende erlebt hat.

Welche Institutionen gibt es, an die Sie im Anschluss an Ihre Tätigkeit
Klienten zur weiteren Betreuung empfehlen?

Eine wichtige Adresse ist hier das Göttinger Trauernetz. Nicht nur für meine Kolleg*nnen und mich. Das kann jeder in Anspruch nehmen. Beispielsweise findet man auf der Seite  der evangelischen Familienbildungsstätte [www.fabi-goe.de] eine Rubrik Abschied/Trauer. Darüber gelangt man zu Trauergruppen, die versuchen, einen Verlust gemeinsam aufzuarbeiten. Hier findet man erst einmal Verständnis. Und auf Verständnis zu stoßen, heißt auch immer Hilfe zu finden. Oder über die Trauerbegleitung in Süd-Niedersachsen [www.trauerbegleitung.wir-e.de]

Was würden Sie sich wünschen, das bei den VONWEGEN-Leser*innen durch dieses Interviews geschieht?

Ich würde mir – und nicht nur von Ihren Lesern – wünschen, dass die Belastungen, die auf die menschliche Seele und Psyche wirken, anerkannt werden wie jede physische Verletzung. Bei physischen Verletzungen ist der genommene Schaden sofort sichtbar und jeder hat Verständnis für den Schmerz. Psychische Belastungen sind hingegen unsichtbar. Und sie werden – vielleicht auch wegen ihrer Unsichtbarkeit? – häufig negativ bewertet. Oder verunglimpft. Stell dich nicht so an, hört man noch immer sehr oft. Mein Wunsch an die Leser*innen lautet daher: steter Tropfen höhlt den Stein; setzt Euch mit diesem Thema auseinander. Werdet offener für die Bedeutung der Psyche, die der anderen und auch der eigenen. Und für ihre Grenzen.

Was wäre Ihr Appell an die Gesellschaft im Umgang mit solchen psychischen Stressbelastungen?

Zu erkennen, dass Stress mit allen Facetten in jedem einzelnen sehr individuell entsteht. Dass alle Menschen unterschiedliche Stress-Grenzen haben und Stress daher sowohl anders empfinden als auch verarbeiten. Und das Wichtigste aus dieser Erkenntnis ist: weniger verurteilen, mehr akzeptieren, mehr tolerieren.  Was das betrifft, darf ich aus meiner langen Erfahrung sagen, dass positive Veränderungen stattfinden.  Außerdem ich gehe davon aus und wünsche uns allen, dass in zehn Jahren die Offenheit und die Akzeptanz von psychischen Belastungen deutlich höher ist als in der Gegenwart.

Vielen Dank für das Gespräch!

Veröffentlicht am: 15.03.2020
Autor: admin

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