Mediation statt Eskalation

Manchmal schaukelt sich ein Streit so hoch, dass man ohne fremde Hilfe gar nicht mehr wieder runterkommt. Gefangen in einer dunklen Wolke aus Wut, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht und trifft sich am Ende womöglich vor Gericht. Oder man schaltet einen Gang zurück und wendet sich an einen Mediator. In der Mediation beginnt alles damit, dass sich die Streithabenden die Zeit und den Raum eröffnen, um aufeinander zuzugehen, anstatt gegeneinander anzutreten. Das kann sehr heilsam sein.

[Text: Vanessa Pegel | Illustrationen: Anika Gehrmann]

Groll mit uns herumtragen ist wie das Greifen nach einem glühenden Stück Kohle in der Absicht, es nach jemandem zu werfen. Man verbrennt sich nur selbst dabei.
Buddha

Mediation ist ein vertrauliches, strukturierendes Konfliktlösungsverfahren, bei dem zwei oder mehrere Menschen mithilfe eines Mediators freiwillig und eigenverantwortlich einen Streit bereinigen wollen“, erklärt uns der Göttinger Mediator und Rechtsanwalt, Matthias Wilhelm. Und damit sind wir auch schon bei der wichtigsten Voraussetzung für jede Mediation: Die Streitparteien müssen sich miteinander einigen wollen. Anstatt den anderen zornig vor Gericht zu zerren, wo sich die Fronten noch mehr verhärten, entscheiden sie sich für ein Verfahren, das darauf abzielt, die Fronten zuerst aufzuweichen und dann zu vereinen. Auch wenn sich die Streitenden, die man Medianten nennt, vielleicht [noch] nicht vorstellen können, wie das gehen soll, sind sie dennoch so besonnen, um sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und wie Erwachsene miteinander zu reden.

Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise 
lösen durch die sie entstanden sind.
Albert Einstein

Als oberste Priorität steht bei der Mediation das gegenseitige Zuhören auf dem Programm. So schlicht das klingt, ist es doch in vielen Fällen schon der halb erklommene Berg, an dem die zwischenmenschliche Kommunikation am häufigsten scheitert. „Um zu verhindern, dass ein Wort das andere gibt und sich die Situation hochschaukelt, rede ich zuerst nur mit einer Person, während die andere zuhören muss und nicht reinreden darf“, erklärt Matthias den Mediationsprozess. Dann fasst er die gehörten Argumente und geschilderten Emotionen zum allseitigen Verständnis noch mal zusammen und hält sie visualisierend auf Karteikarten fest, bevor er sich der anderen Person widmet, die nun ebenfalls ausführlich ihre Sicht der Dinge schildern darf. „Diese Vorgehensweise hat eine beruhigende Wirkung und entschleunigt die Situation, weil Missverständnissen vorgebeugt wird und bei den Beteiligten der Impuls, etwas Unüberlegtes zu sagen, meistens schon wieder vorüber ist, wenn sie an der Reihe sind“, erläutert unser Media­tionsexperte Matthias Wilhelm.

Man kann auf seinem Standpunkt stehen, 
aber man sollte nicht darauf sitzen.
Erich Kästner

Nur, wer gehört wird, hat eine Chance, verstanden zu werden, und nur wenn man einem Menschen aufmerksam zuhört, kann man herausfinden, worum es ihm tatsächlich geht. Danach kann man dann versuchen, ihn zu verstehen. „Dabei ist verstehen nicht im Sinne von einverstanden sein gemeint“, betont Matthias. „Es soll viel mehr heißen, dass man in der Lage ist, die Position seines Gegenübers nachvollziehen zu können.“ Hinter einem ausgewachsenen Konflikt verbirgt sich meistens mehr als das, worüber man offenkundig streitet. Aber während man sich anschreit, anschweigt oder versucht, sich gegenseitig fertig zu machen, doktert man häufig nur am Symptom herum, anstatt sich der Ursache zu widmen. Um des Pudels Kern auf die Schliche zu kommen, versucht der Mediator die Interessen, Bedürfnisse, Motive und Wünsche aus den Konfliktparteien herauszukitzeln und ihnen vor Augen zu führen. „Denn sobald die Medianten einen Zugang zueinander gefunden haben, ist die Basis für eine gemeinsame Lösung bereits geschaffen“, weiß der Göttinger Mediator Matthias Wilhelm aus Erfahrung.

Es gibt nur eine falsche Sicht der Dinge:
der Glaube,
meine Sicht 
sei die einzig richtige.
Nagarjuna

Zur besseren Veranschaulichung machen wir an dieser Stelle eine kleine Exkursion zu einem fiktiven Fallbeispiel: Zwei Nachbarn liegen im Clinch. Der von unten hält den von oben für einen ignoranten Egomanen und hämmert regelmäßig um 22 Uhr mit einem Besenstiel an seine Zimmerdecke, um auf die Nachtruhe hinzuweisen. Deshalb hat der von oben den von unten als cholerischen Miesepeter eingestuft, der es nur darauf abgesehen hat, ihm den Spaß zu verderben. Während der Mediation erfährt der Egomane von oben, dass der Miesepeter von unten eigentlich auch lieber sein Leben bis tief in die Nacht hinein genießen würde, aber leider morgens extrem früh aufstehen muss und dringend seinen Schlaf braucht, um auf der Arbeit keinen Mist zu bauen – was ihm in der Vergangenheit schon des Öfteren passiert ist, weshalb er nun Angst hat, seinen Job zu verlieren. Weil diese Geschichte ganz anders klingt als das dumpfe Hämmern eines Besenstiels, haben sich die Wogen bereits geglättet, sodass eine Basis für eine gemeinsame Lösung geschaffen ist.

Es sind nie die Tatsachen, die uns beunruhigen und ärgern, 
es sind immer unsere eigenen Bewertungen.
Marshall Rosenberg

„Wenn erst mal klar ist, worum es dem anderen eigentlich geht, herrscht oft schon eine ganz andere Gesprächsatmosphäre“, sagt Matthias. Nachdem der Nachbar von oben weiß, dass der von unten in Wirklichkeit gar kein fieser Miesepeter, sondern ein armer Wicht ist, der um seinen Job bangt, kann er schon ganz anders mit ihm umgehen. Dann landen die divergierenden Interessen – frühe Bettruhe, weil Angst vor Jobverlust versus Lust auf Spaß – in einer Waagschale und die Sachlage sieht schon ganz anders aus. „Plötzlich eröffnet sich die Möglichkeit, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, weil man die Motive des anderen eher nachvollziehen kann“, sagt Matthias.

Den Kopf in den Sand zu stecken, 
verbessert die Aussicht nicht.
Anais Nin

In der Mediation legen die Streitenden ihr Schicksal nicht in die Hände eines Dritten und überlassen ihre Zukunft dem Urteil eines Richters, sondern entscheiden selbst, was für sie das Richtige ist. „Bei der Mediation – und das ist der Unterschied zu anderen Konfliktlösungsstrategien – ist der Mediator neutral zum Sachverhalt und allparteilich gegenüber den Konfliktparteien“, erklärt Matthias. „Als Mediator habe ich also keine Meinung zum Sachverhalt zu haben und es ist auch nicht meine Aufgabe, eine Lösung vorzuschlagen“, betont er. „Ich maße es mir nicht an zu wissen, was für die Beteiligten das Richtige ist, weil sie das selbst am besten wissen. Ich unterstütze sie lediglich dabei, es herauszufinden.“ Der Mediator stellt sich nicht auf eine der beiden Seiten, sondern befindet sich direkt in der Mitte. Von dort aus fungiert er als eine Art Moderator, der die Medianten strukturiert durch ihr Konfliktgespräch navigiert und sie in die Lage versetzt, selbst einen Weg aus ihrem Dilemma zu finden. „Dabei entfaltet die Mediation ihr größtes Potenzial, wenn die Beteiligten ein Interesse daran haben, sich wieder in die Augen sehen zu können oder wenn sie darauf angewiesen sind, auch zukünftig noch miteinander klarzukommen, wie zum Beispiel bei Nachbarschaftsstreitigkeiten, Unstimmigkeiten über die Ausübung des Sorgerechts bei getrennten Eltern oder Erbschaftszwistigkeiten unter Geschwistern“, sagt Matthias Wilhem, der seit seiner Zusatzausbildung im Jahre 2015 in Göttingen als Mediator tätig ist. Denn in vielen Fällen gibt es gar kein eindeutiges Richtig und Falsch, keinen Gewinner und es kommt auch nicht darauf an, einen Schuldigen ausfindig zu machen, weil letztendlich alle verlieren, wenn sie sich nicht zusammenraufen. Natürlich gestalten sich die meisten Konflikte in der Realität ein bisschen komplexer als zwischen dem ignoranten Egomanen und dem cholerischen Miesepeter aus unserem fiktiven Fallbeispiel. Dennoch machen die beiden klar, worum es bei der Mediation geht:

Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. 
Dort treffen wir uns.
Rumi

Veröffentlicht am: 22.01.2019
Autor: vanessa

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