Rave-Regelwerk

Im „normalen“ Leben studiert unsere Autorin Anna BWL, doch in ihrem tiefsten Inneren ist die von Ironie und Sarkasmus Besessene für’s Eskalieren wie geschaffen. Letzten Sommer entdeckte sie Göttingens geheime Open-Air-Raves und lernte, nicht aufzufallen. Damit andere Rave-Anfänger*innen in die gleichen Fallen tappen wie sie, verfasste sie kurzerhand dieses Rave-Regelwerk. 

[Text: Anna Melamed | Foto: Olaf VonDoris aka Nano Arts]

1. Du hast versehentlich die Rave-Koordinaten bekommen, aber es gibt noch keine offizielle Facebook-Veranstaltung? „Dann wird doch keiner kommen!“, sorgst Du Dich. Erstelle das Event „Super illegaler und geheimer Rave“, mach es öffentlich und vergiss nicht, auch Deinen alten Schulfreund einzuladen, der gerade bei der Polizei seine Ausbildung macht. Schließlich soll niemand diskriminiert werden.

2. Du kanntest Raves bisher nur aus 90er-Dokus, wo Menschen mit Neon-Bomberjacken und Schnauzer zu Scooter epileptisch zucken? Das ist vielleicht zu viel für den Anfang. Variante 1: Zieh Dein ordentlichstes Polohemd an. Damit machst Du überall einen guten ersten Eindruck. Variante 2: Such den nächsten Second-Hand-Laden auf und kauf alles, was Du Dich früher geweigert hast anzuziehen: Opas Cordhosen, kratzige Rollkragenpullis und Mickey-Mouse-Unterwäsche. Mittlerweile stehen auch Dir diese Klamotten garantiert.

3. Du findest die aufgelegte Musik etwas zu eintönig? Bitte den DJ, David Guetta aufzulegen. Erlöse die Massen von der öden Monotonie des Basses und schrei: „Put your hands up in the air!“ Du wirst bestimmt dankbare Blicke ernten.

4. Frag in regelmäßigen Abständen nach dem Partyfotografen. Wenn er sich aus unerklärlichen Gründen trotzdem nicht blicken lässt, zücke selbst Dein Handy und mache so lange Selfies mit Blitz, bis Du auf die Fresse bekommst.
Challenge für Fortgeschrittene: Versuch die Raver zu einem Gruppenfoto zusammenzuschaufeln.

5. Pflege unauffällige Begriffe wie „credibility “, „wack“ oder „basslastiger Track“ inflationär in Deine Sprache ein. Dir hört zwar sowieso niemand zu, aber wiederhol sie ruhig so oft, bis Du Dir selbst glaubst, die Musik-Monotonie zu verstehen.

6. Auch wenn Du es trotz etlicher YouTube-Tutorials nicht gelernt hast: Shuffle! Shuffle bis Deine Schuhsohlen brennen! Shuffle bis es nach Epilepsie aussieht! Shuffle Dir Deine Basic-Bitchness weg! Shuffle um Dein Leben, Du verdammter Amateur! 

7. Du bist nüchtern, die Musik ist laut, Dein Nebenmann träumt von Weltfrieden, der Rest macht große Augen, kaut wie besessen Kaugummi und hält Dich im besten Fall für ein glitzerndes Einhorn. Schwierige Situation, wenn Du eine ernste Konversation starten möchtest, aber das willst Du natürlich nicht wahrhaben. Schubse Deine auserwählten Gesprächspartner, um sie zurück in Deine Realität zu holen, bis Du wieder auf die Fresse bekommst. 

8. Nun willst auch Du endlich die ultimative, authentische Rave-Erfahrung machen, aber weißt immer noch nicht, wie das geht und was dazu notwendig ist? Kein Problem, Du erbärmlicher Technotourist, die Regel ist einfach: Frag einfach solange herum, bis Du drauf und dran bist, endlich alles zu verstehen.

9. Umgebe Dich mit weiteren deplatzierten Amateuren. Besonders anzuraten sind Medizin- oder Lehramt-Studenten im ersten Semester, die nicht drauf klarkommen, plötzlich unter so coolen Leuten wie Dir zu sein. Lästert gemeinsam über peinliche Rave-Amateure, die Eurer Meinung nach hier nichts zu suchen hätten und alles kaputt machen, um geschickt von Dir selber abzulenken.

10. Eigentlich ist es ziemlich schwierig, auf einem Rave einen auf die Fresse zu bekommen, aber wenn Du diese Regeln befolgst, könnte es Dir möglicherweise gelingen.

Veröffentlicht am: 25.01.2018
Autor: admin

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