↑ Wenn wir doch alle so friedlich zusammen sitzen würden wie die rasende Reporterin Vanessa mit ihren Barbies und dem bauchfreien Ken. Mehr Barbie-Power erwartet Dich im nächsten VONWEGEN-Magazin.
Immer öfter stolpert man über Schlagzeilen, die klingen, als hätte jemand den Irrsinn zum Chefredakteur ernannt, und man fragt sich schon beim ersten Kaffee: Wann ist uns eigentlich die Empathie abhanden gekommen? Haben wir sie irgendwo zwischen Kapitalismus, Krieg und Katastrophen liegen gelassen wie einen alten Hut?
Alle reden, keiner hört zu, und irgendwo in der Ecke da liegt sie: die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Sie wedelt matt mit einem weißen, blutbeschmierten Taschentuch. Man möchte sie trösten und streicheln, ihr ein Glas Wasser reichen und sie in den Arm nehmen. Doch so einfach ist es leider nicht. Die Empathie hat ein Problem. Sie zerbröselt. Langsam, schleichend, beinahe unbemerkt – wie ein Küstenstreifen, den man erst vermisst, wenn das Meer schon das Wohnzimmer überschwemmt hat.
Digitale Apathie
Ein Teil dieser Erosion beginnt schon in den Kinderzimmern. Wo früher fröhlich miteinander gespielt wurde, leuchten heute Displays. Und das sind schlechte Lehrmeister, wenn es um Zwischenmenschlichkeit geht. Wer Konflikte wegwischt, anstatt sie auszutragen, Freundschaften in Likes misst und Gefühle für Emojis hält, lernt nicht, was es heißt, einem Menschen wirklich zuzuhören und ihm nachzuspüren. Empathie entsteht im Reiben, im Aushandeln, im gemeinsamen Scheitern beim Versuch, ein Baumhaus zu bauen. Sie wächst dort, wo man sich in die Augen schaut – nicht in die Kamera.
Deshalb war auch die Pandemie so verheerend. Distanz wurde zur Tugend und Nähe zum Risiko erklärt. Wer Begegnungen vermeidet und Gespräche filtert, trainiert nicht seinen Empathiemuskel, sondern seine Angstantenne. So verkümmerte mit dem gesunden Menschenverstand auch der Gemeinschaftssinn.
Seltsame Parallelwelten
Leider leben wir in einer Gesellschaft, die Zuspitzung belohnt. Differenzierung klickt schlecht. Zweifel sind unsexy. Propaganda ist gefragt. Wer heute gehört werden will, muss laut schreien, komplexe Sachverhalte zu fadenscheinigen Parolen vereinfachen, maßlos übertreiben und zähnefletschend polarisieren. Und da haben wir sie: diese seltsamen Parallelwelten, in denen unser Gegenüber nicht mehr anderer Meinung sein kann, ohne gleich als Gegner, wenn nicht sogar als Feind da zu stehen. Empathie aber gedeiht schlecht im Feindbildmodus. Sie braucht Grautöne und Regenbogenfarben. Doch leider haben sich viel zu viele von uns angewöhnt, nur noch in Schwarz und Weiß zu malen.
Im permanenten Krisenmodus
Eine erschreckende Form der Abstumpfung hat sich breit gemacht. Wenn jeden Tag irgendwo die Welt untergeht – politisch, moralisch oder ganz konkret – dann wird selbst die größte Katastrophe irgendwann zur Hintergrundmusik. Das Entsetzen nutzt sich ab wie ein Paar zu oft getragener Schuhe. Und so laufen wir weiter, Schritt für Schritt über Dinge hinweg, die uns eigentlich in eine Schockstarre versetzen müssten.
Empathie ist kein unerschöpflicher Rohstoff. Sie braucht Pausen, Regeneration, manchmal auch Schutz vor der Wucht der Welt. Wenn wir all das zusammen denken, wird eines klar: Das Erodieren der Empathie ist nicht nur ein individuelles Phänomen, es ist ein systemisches Problem. Und genau deshalb nützen wohlmeinende Appelle ungefähr so viel wie ein Regenschirm aus Papier, und dennoch:
Macht mal mehr Liebe!
Vielleicht setzen wir dort an, wo Empathie entsteht: in echten Begegnungen in der analogen Welt. Weniger Bildschirm, mehr Wirklichkeit. Vielleicht brauchen wir eine neue Wertschätzung für das pure Sein im Hier und Jetzt. Für das Zuhören. Für das Nicht-sofort-bewerten. Für das Leben und leben lassen. Empathie hat ein anderes Tempo als Empörung. Sie braucht Zeit, um sich zu entfalten – und den Mut, Ambivalenz auszuhalten.
Am Ende läuft alles auf eine unbequeme Wahrheit hinaus: Eine empathischere Welt fällt nicht vom Himmel. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen. Täglich, mühsam, manchmal gegen den eigenen Impuls. Es ist leichter, hart zu sein. Schneller, kälter, effizienter. Aber es ist auch so viel armseliger und noch dazu brandgefährlich für den Frieden.
Wenn wir also nicht wollen, dass diese Welt endgültig verroht, dann reicht es nicht, den Irrsinn da draußen zu beklagen. Dann müssen wir ihm etwas entgegensetzen. Keinen Pathos, keine großen Gesten – sondern eine stille, hartnäckige Weigerung, sein Gegenüber nur als Profil, Position oder Problemfall zu begreifen, statt als einen Menschen wie Dich und mich. Empathie ist kein Luxus. Sie ist die Brücke, die uns voneinander trennt oder verbindet. Sie ist die Macht, die uns daran erinnert, dass wir über unseren eigenen Tellerrand hinaus fühlen können. Und genau darin liegt unsere größte Stärke.
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