Rulebreaker

Wer im berühmt-berüchtigten Göttinger Iduna Zentrum ein Hotel mit maximal minimalen Zimmern ohne Fenster eröffnet, der ist entweder des Wahnsinns fette Beute oder verfolgt einen verwegenen Plan. Nach einem Gespräch mit Oliver Blume und einer abenteuerlichen Nacht in seinem BoxHotel wissen wir, dass beides der Fall ist.

[Text: Vanessa Pegel | Fotos: Vanessa Pegel, Jonas Höfgen]

„Ich habe schon viele verrückte Sachen gemacht, weshalb ich von den meisten Leuten als Spinner betrachtet wurde“, sagt Oliver Blume und zündet sich genüsslich eine Zigarre an. Als er den Arzneimittelmarkt revolutionierte, indem er die Online-Apotheke etablierte, wurde er sogar ernsthaft bedroht. Doch die Interessen irgendwelcher Hardcore-Lobbys gehen dem Hannoveraner Unternehmer am Aller-wertesten vorbei, wenn er erst mal in Fahrt gekommen ist. „Vielleicht ist es ein Gen-Defekt, dass ich mich ständig frage, wie man alles anders machen kann“, sagt Blume und bläst Rauchringe in die Luft. „Aber glücklicherweise bin ich damit nicht allein, und seitdem es die Rulebreaker Theorie gibt, hat mein Leben auch offiziell ein Sinn.“

Kreative Zerstörung

Rulebreaker schwimmen mit gefletschten Zähnen und einem Lächeln auf den Lippen gegen den Strom. Ihre disruptiven Geschäftsideen zielen darauf ab, bestehende Märkte aus den Angeln zu heben, indem sie die Verhältnisse auf den Kopf stellen. Nachdem die Financial Times neben Oliver Blume 39 weitere Unternehmer als „kreative Zerstörer“ – und damit als Rulebreaker – identifiziert und portraitiert hatte, erblickte die Wirtschaftstheorie der kreativen Zerstörung das Licht der Welt. Kurz darauf gründete Blume gemeinsam mit dem innovativen Zukunfts- und Trendforscher Sven Gabor Janszky die Rulebreaker Society. Diese illustre Gesellschaft aus querdenkenden Unternehmern, wie dem AIDA-Gründer Horst Rahe, Kelly Ryan von Ryan Air oder Media Markt-Gründer Walter Gunz, sowie Philosophen und anderen intelligenten Chaoten fungiert jenseits des Establishments und trifft sich vierteljährlich zum Rulebreaker Dinner, um sich ihren Visionen hinzugeben, wie zum Beispiel der Idee, einen Bachelor-Studiengang in kreativer Zerstörung anzubieten. „Wir sind gewissermaßen eine weltverändernde Selbsthilfegruppe, die sich einzig und allein der Intelligenz verpflichtet fühlt“, sagt Blume. Um selbige weltweit zu unterstützen, gründete er mit Gabor Janszky und dem ehemaligen CEO von Sartorius, Utz Claassen, darüber hinaus die Rulebreaker Management GmbH, die in disruptive Ideen investiert.

Lerne die Regeln, um sie zu brechen.

Irgendwie angetörnt von dieser kreativen Zerstörung rückten wir in einem disrup­tiven Zustand im BoxHotel an. Weil die Anmeldung per App an einer fehlenden Kreditkarte [wird noch optimiert] gescheitert war, kamen wir in den Genuss, vom BoxHotel-Manager Jonas Höfgen herzlich in Empfang genommen zu werden. Wie sich später herausstellen sollte, hatte er sogar extra seine derzeitige Unterkunft – Comfort-Box 15 inklusive Doppelbett – für uns geräumt. Als wir die Tür unseres neuen Refugiums hinter uns in Schloss fallen ließen, passierte etwas Seltsames, das erfreulicherweise rein gar nichts mit Platzangst zu tun hatte: Wir wurden Teil eines Mikrokosmos, der uns geschmeidig und ziemlich stylisch in sich aufnahm. Problem- und passwortlos lockten wir uns ins BoxHotel-WLAN ein, um unsere Duschexperience mit Musik zu untermalen. Kleiner Tipp: Die Duschtür sollte unbedingt geschlossen sein, denn dieser Strahl kommt mit gehörigem Druck! Auch interessant: Das fehlende Fenster vermisste ich erst, als Alayna nach mir in die Dusche stieg und unsere 4 m2 sich merklich aufheizten. Um uns abzukühlen, klopften wir an Standard-Box 7, wo Desi und Phil mittlerweile bereits so sehr mit ihrem Mikrokosmos verschmolzen waren, dass sie sich weigerten, mit uns durch die Clubs zu ziehen [mehr dazu auf www.vonwegenverlag.de]. Dann stellten wir fest, dass auch der Bewohner von Box 5 seine von Stiftung Warentest als Testsieger ausgezeichnet Matratze nicht mehr verlassen wollte, aber es dennoch tat, um uns der nächtlichen Ruhestörung zu bezichtigen. Kommentar des Hotelmanagers, den wir später übrigens noch im Exil trafen: „Ihr fallt also positiv auf?“

Die Leidenschaft macht’s

Aber wie um Himmels Willen kommt man denn nun eigentlich auf die wahnwitzige Idee, 47 Zimmer auf 450 m2 zu bauen? Was treibt einen dazu, den ehemaligen Pflaumenbaum im Iduna Zentrum zum wahrscheinlich kompaktesten Hotel der Welt umzufunktionieren? „Das muss man sich als Prozess vorstellen. Es war also kein Drogenerlebnis, das mich dazu gebracht hat“, erklärt Blume bei unserem Gesprächs in seinem provisorischen Büro, das sich in der Tiefgarage des Induna Zentrums befindet und dem Wort „Führerbunker“ eine ganz neue Bedeutung verleiht. „Meistens spielen bei solchen Ideen natürlich auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle“, führt der 51-jährige Freigeist weiter aus, während er seinen Blick über die riesige Weltkarte von anno dazumal schweifen lässt und sich wahrscheinlich zurück nach Tel Aviv wünscht, wo er sich noch vor ein paar Tagen an den innovativen Ideen vieler Start-up-Unternehmer erfreuen durfte. Blume, der bis heute von seinem ausschweifenden Unternehmertum davon abgehalten wurde, sein Studium fertig zu machen, mischt in vielen Branchen mit – aber nur, wenn er dafür brennt. „Mit Leidenschaft kriegt man alles hin“, sagt er. „Man darf nur nicht den Anspruch haben, mit allem Geld verdienen zu wollen.“ Aber versuchen kann man es sehr wohl, deshalb knüpft er sich nun das Iduna Zentrum vor. „Der vordere Teil, wo sich unter anderem die PFH, das Exil und das Alpenmax befinden, ist schon seit langer Zeit in unserem Familienbesitz, aber lässt sich trotz seiner geilen Lage schlecht vermieten“, beschreibt Blume seinen Ideenfindungsprozess. „Außerdem gibt es in den Innenstädten kaum noch Standorte für bezahlbare Hotels, während sich gleichzeitig eine neue Bewegung des Reisens etabliert: Junge Leute sind heutzutage in der ganzen Welt vernetzt und benutzen gerne preisgünstige Fernbussen, um ihre Freunde zu besuchen. Doch wenn sie dann 50 Euro für ein Hotelzimmer bezahlen müssen, finde ich das scheiße. Also habe ich mir zuerst überlegt, dass 25 Euro ein cooler Preis wäre, und mich dann gefragt, wie ich das realisieren kann. Daraufhin habe ich die Boxen entwickelt und patentieren lassen.“ Und das ist erst der Anfang. Noch in diesem Jahr sollen in Hannover und Hamburg die nächsten BoxHotels eröffnet werden und für den Standort Iduna Zentrum hat Blume auch noch so einiges in petto, über das wir leider noch kein Wort verlieren dürfen.

Living in a box

Nachdem wir die Stadt unsicher gemacht hatten, kehrten wir angetüddelt in unseren maximal minimalen Mikrokosmos zurück und baldowerten aus, wie man in so einer Box am besten Sex haben könnte. Sowohl die Single- als auch die Standard-Box schienen mit ihren schmalen Betten nicht besonders bums­fidel, erwiesen sich aber wohl als durchaus brauchbar. Des Weiteren konnte in der Standard– und Comfort-Box ein Fellatio-Stützpunkt ausfindig gemacht werden. „Das Leben ist ein Spiel. Erkenne die Regeln, brich sie und erfreu Dich an den dummen Gesichtern.“ Mit diesen Worten, die sich nach meinem Gespräch mit Oliver Blume in meinem Kopf als Mantra manifestiert haben, tröstete ich meinen Freund, als ich mir in unserer fensterlosen Nichtraucher- Comfort-Box disruptiv eine anzündete.

↑ Bei der VONWEGEN-Visite im BoxHotel mit von der Partie/-y, von unten nach oben und links nach rechts: Desi, Andreas, Vanessa, Phil und ganz oben auf sowie bester Stimmung: Alayna.

↑ Nach einer disruptiven Nacht bomben wir uns mit Gratis-Kaffee guter Dinge wieder zurück in die Gegenwart.

↑ „Wenn man die geistige Freiheit hat, sich Regeln zu widersetzen, kann das eine Revolution sein“, sagt Oliver Blume, der für sein BoxHotel übrigens noch coole Mitarbeiter*innen sucht, die den Gästen hilfreich zur Seite stehen und sich um die Reinigung der Boxen kümmern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

↑ Hier an der Handy-Aufladestation ahnte Jonas Höfgen offensichtlich bereits, dass an diesem Abend noch so einiges auf ihn zukommen würde.

Veröffentlicht am: 14.04.2018
Autor: vanessa

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