Wie man eine Welt rettet

Brandschrift für die Eigenverantwortung 

Wenn die Menschheit ein Ferrari wäre und die Welt der Nürburgring, dann donnern wir gerade mit Tempo 200 in der Nordschleife auf die Böschung zu. Wie Niki Lauda 1976 bei seinem verheerenden Unfall. Allerdings mit zwei Unterschieden: 1. Wir haben alle, als gesamte Gesellschaft, den Fuß auf dem Gas und 2. scheinen wir zu glauben, die Böschung sei gut zu uns. Und das ist sie auf eine ge­wisse Weise auch. Denn sie reißt uns – wenn wir sie dann erreicht haben – nicht nur aus dem Leben, sondern auch aus der Verantwortung. Der Verantwortung für die nächsten Generationen.

[Text: Manfred Langer aka Manni | Illustration: Niclas Kersting]

Die Europawahlen sind gelaufen. Die Ergebnisse wie immer unbefriedigend. Wer hat nicht schon die Feststellung gehört „ach, als Einzelner kann man doch sowieso nichts ausrichten”? Vielleicht kam diese Feststellung sogar von Dir selbst? Egal, ob Europa-, Bundestags- oder Landtagswahlen – viele fühlen sich machtlos. Und gehen deswegen gar nicht erst hin. Die Logik, die dem Verhalten des Nicht-Wählens immanent ist, erschließt sich mir nur bedingt. Nicht wählen als Protest. Aha. Weil man ja sowieso nichts ändern kann. Soso.

Der Bonsai-Weltretter

„Wer die Welt verändern will, der gehe zuerst dreimal durch das eigene Haus“, so heißt es in der chinesischen Philosophie. Ins Hochdeutsche übersetzt, klingt das nicht ganz so wohltönend: „Pack Dir erst mal an Deine eigene Nase.“ Der eigene Riechkolben dient hier als Synonym für Eigenverantwortung. Und manchmal ist diese weiter weg als die Rückseite des Mars. Doch um sich an die eigene Nase zu fassen, muss erst einmal ein gewisser Leidensdruck vorhanden sein. Vielleicht liegt da der Hase im Pfeffer. Denn es geht uns einfach sehr gut. Wir gehören zu dem einen Prozent der Weltbevölkerung, dessen Wohnung keinen Lehmboden hat. Wir haben Chancen auf Bildung und in unserer Kindheit dürfen wir spielen und müssen nicht mit Chemikalien Modeketten-Kleidung färben oder auf Computer-Schrotthalden herum klettern und Platinen aus alten PCs aus Europa ausbauen. Von daher: Alles tutti. Nix Leidensdruck. Tempo 200? Böschung? Vergiss es. Es geht uns – um den imaginären Berliner wieder einmal zu bemühen – „janz jut“. Bauen wir alle vielleicht deswegen weiterhin so viel Scheiße mit dem Planeten?

Glückliche Sklaven

Vor ein paar Tagen las ich an einer Hausfassade in der Wiesenstraße: „Glückliche Sklaven sind die größten Feinde der Freiheit.“ In diesen 120 Jahre alten Zeilen von Marie von Ebner-Eschenbach steckt viel Wucht. Und Brisanz. Sie werfen neben vielen anderen auch die Frage auf, inwiefern wir selbst einer dieser Sklaven sind. Vielleicht war es uns bislang einfach nicht bewusst. Kann ja sein. Man hört schließlich die dollsten Dinger. Neulich las ich von einer Frau im Osten, die plötzlich einen Bub gebar, von der Schwangerschaft aber bis zu diesem Tag nichts wusste. Da kann man auch schon mal Sklave werden, ohne es zu merken. Und vielleicht sind unbewusste Sklaven eine größere Gefahr für die Welt, als diejenigen, die sie in dieser Sklaverei halten?

Der Fuß auf dem Gaspedal

Wir brüsten uns mit Schnäppchenpreisen für Flugreisen. Erklären, wir hätten zwei Wochen Tunesien für 600 Euro geschossen. Drei Sätze später schimpfen wir über die Ausbeutung von Arbeitern in Südeuropa und Nordafrika und über Umweltbelastung durch Luftverpestung. Auch wettern wir gern darüber, dass die Nahrungsmittelindustrie uns systematisch und mit politischem Segen vergiftet und  ermordet. Denn genau das tut sie. Trotzdem kaufen wir bewusst und freiwillig exakt die Produkte, die uns krank machen und töten. Das gab es in der Menschheitsgeschichte noch nie. Der Überlebenstrieb unserer Spezies ist aufgeweicht, streckenweise abgestellt. Was spielt sich da in unseren Köpfen eigentlich ab? Wir regen uns über den zunehmenden Schwerlastverkehr auf den Autobahnen auf, kaufen jedoch gleichzeitig wohlklingende Mineralwasser aus Frankreich, Italien, Bayern und anderen nicht deutschsprachigen Gebieten, die in giftigen Plastikflaschen zu uns gekarrt werden. Und das, obwohl die Qualität dieses Wassers nachweislich deutlich schlechter ist, als unser Göttinger Leitungswasser. Und: Für jede in Deutschland verkaufte Flasche Mineralwasser wird 1/4 Liter Rohöl in Form von LKW-Diesel verbraucht. Wir vergiften uns durch den „Genuss” dieses Wassers also nicht nur selbst, sondern fördern außerdem die Herstellung von Plastikzeugs, killen die Umwelt und bezahlen dafür auch noch horrende Preise von unserem sauer verdienten Geld. Ein Kubikmeter [m³] hervorragendes Leitungswasser kostet in unserer schönen Universitätsstadt 1,93 Euro. Ohne Schlepperei. In Saskia Mineralwasser [Lidl] umgerechnet kostet 1 m³ schlappe 190 Euro. Gerolsteiner  530 Euro. Das erklär mal einem Außerirdischen, der von dem Theater, das wir hier auf der Erde veranstalten, keine Ahnung hat. Oder noch schlimmer: Erklär es zukünftigen Generationen.

Jammern auf unter­irdischem Niveau

Wir jammern über Mikroplastik in den Ozeanen und die armen Fischchen und Vögelchen, die daran verenden – falls wir sie nicht vorher schon gegessen haben. Trotzdem kaufen wir ohne Bedenken Zahnpasten, Duschgele und Kosmetika, in denen sich eben dieses Mikroplastik befindet. Duschgele bestehen fast ausschließlich aus Wasser. Und auch diese werden mit LKW durch halb Europa gefahren. Darf ich Dir – wenn schon nicht das Wasser – so doch wenigstens die Seife reichen?

Die Tatsache, dass sich ein Begriff wie „Konsumgesellschaft“ so vollkommen normal etabliert hat, lässt uns noch immer nicht aufhorchen. Immer häufiger hört man Menschen berichten, sie wollten „Samstach inne Stadt, shoppen”. Wenn man fragt, was sie holen wollen, lautet die Antwort oft: „Och, nichts Konkretes. Einfach mal gucken. Irgendwas findet man doch immer.” Irgendwas findet man immer. Wir schlagen also Zeit tot, indem wir Dinge kaufen. Irgendwas. Hauptsache konsumieren. Ja, ok, kann man machen. Aber dann bitte die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen. Denn wenn wir uns auf dem Weg zu IKEA über die riesigen gerodeten Waldflächen in Nord-Schweden und dem Amazonas-Delta echauffieren, dann ist das eine Doppelmoral, die entfernt an die katholische Kirche erinnert.

Stacheldraht 

schlucken

Ich weiß, Du hast nur drauf gewartet, dass dieses Thema noch kommt. Und ich will Dich nicht enttäuschen. Also, bitteschön: Billigfleisch.

Jedesmal, wenn Du „normales” Fleisch aus dem Kühlregal in Deinen Einkaufswagen legst, macht der Teufel in seiner Kladde hinter Deinem Namen einen Strich. Und für jeden Strich musst Du nach Deinem Ableben eine Rolle Stacheldraht schlucken. Leider ist es so, dass das sogenannte „normale” Fleisch im Supermarkt von Tieren stammt, deren Erzeugung, Aufzucht, Schlachtung und Verarbeitung unter Bedingungen geschah, die von A bis Z gegen jedes gesunde moralische und ethische Empfinden verstoßen. Aber nicht gegen geltende Tierschutzgesetze. Kaufen wir dieses Fleisch weiterhin, setzen wir bei unserem moralisch-ethischen Fußabdruck ein Häkchen bei:

Ja, ich bin für Tierfolter.

Ja, ich bin für die Ausbreitung multiresistenter Keime.

Ja, auch ich bin dafür, dass unser tierlieber Gesetzgeber einem ausgewachsenen Schwein 1,5 m² Betonfußboden als „artgerechten“ Lebensraum zugesteht. Natürlich ohne  Sonnenlicht. Das Kilo Nackensteak  heute übrigens im Angebot für nur  noch 3,99 Euro.

Ja, mir ist es egal, unter welchen Bedingungen Tiere gelebt haben. Hauptsache es schmeckt.

Ja, ich bin dafür, dass Tiere – ach, leckt mich doch am Arsch.

Manchmal nerven wir mich so dermaßen an. Wir wissen das alles und essen es trotzdem. Nicht nur bezogen auf Tierhaltung und Umweltschutz. Wählen wir nicht gerade wieder Parteien, die in anderen Ländern Völkermord finanzieren und durch Waffenlieferungen sowie andere Dienstleistungen ermöglichen? Welche Fragen werden wir uns von späteren Generationen gefallen lassen und ihnen vor allem auch beantworten müssen, wenn die Welt im Arsch ist? Was werden wir dann sagen? Was wirst Du dann sagen?

Eine meiner Schwächen ist: ich neige zu Moralpredigten. Alles richtig mache ich aber  auch nicht. Ich glaube, darum geht es auch gar nicht. Es geht ums Anfangen. Es geht darum, dass wir die Böschung heran rasen sehen. Dass wir den Fuß vom Gas nehmen müssen. Jetzt. Du. Ich. Alle. Heute. Sofort nachdem Du diesen Artikel zu Ende gelesen hast.

Solidarität als Waffe

An einer anderen Hausfassade in der Gartenstraße las ich den Schriftzug: „Solidarität ist eine Waffe.“ Ja, klar, das verstehe sogar ich. Aber haben wir das vergessen? Oder nur vorübergehend aus den Augen verloren? Kommt schon, lasst uns wieder solidarisch sein! Lasst uns einen Anfang machen. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Ich bin fast 50. Seit drei Monaten esse ich 95 Prozent weniger Fleisch und wenn, dann von Biohöfen aus der Region. Ich dusche mit Seife, kein Duschgel mehr. Ich kaufe mir kein Auto, fahre seit 18 Monaten nur noch Rad und Bahn. Lasse in der Gemüseabteilung die Plastiktüten weg und klebe die Preisschilder alle auf eine Paprika. Kaufe viel weniger neu, eher gebraucht, auf Flohmärkten zum Beispiel. Und: ich schreibe manchmal aufwieglerische Artikel, die hoffentlich provozieren. Was anderes schlägt bei vielen von uns doch schon lange nicht mehr ein.

Illustration©Niclas Kersting ♥

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 17. Nummer des VONWEGEN-Magazins Anfang Juni 2019.

✿ Weiterschmökern auf der Startseite

Veröffentlicht am: 05.11.2019
Autor: admin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.