Als Hippiekind wurde sie ausgegrenzt, als Führungskräftetrainerin bei einem Großkonzern jettete sie um den Globus,mit 43 brachte sie ihren Sohn zur Welt. Jetzt ist Janka Essi auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Ihre Geschichte handelt von Mut, Klarheit und der Kunst, sich selbst nicht kleiner zu machen, nur weil andere gern engstirnige Schubladen bauen.
Jankas Geschichte beginnt barfuß. Wild. Laut. Frei. Ihre Eltern: Menschen mit einer wundervoll unangepassten Vorstellung davon, wie Leben aussehen darf. Ihre Welt ist eine kleine, liebestolle Bubble aus Chaos, Wärme und guter Laune. Dann kommt die Grundschule in Reinhausen: konservativ, eng, pupsklein. Und plötzlich ist Janka nicht mehr das glückliche Kind aus der Hippie-WG, sondern eine, die aus der Reihe tanzt und dafür vermöbelt wird. Andere Kinder können grausam sein, besonders wenn jemand leuchtet, ohne um Erlaubnis zu fragen. Als sie später mit ihrem besten Freund und Leidensgenossen Nils im Bus zur IGS nach Göttingen sitzt, rechnen die beiden mit dem Schlimmsten und schwören sich: Das passiert uns nie wieder. Wir tun so etwas niemals jemandem an. Und wenn jemand Probleme hat, dann helfen wir.
Man könnte sagen: Dort wird die Personalentwicklerin geboren. Nicht im Seminarraum, sondern in einem Schulbus, zwischen verletztem Stolz und einer sehr frühen Ahnung von Gerechtigkeit. Glücklicherweise stellt sich dann heraus, dass auf der IGS in Geismar alle so bunt sind, wie sie selbst.
Manege frei
Janka studiert Sozialwissenschaften in Göttingen, mit psychologischem Schwerpunkt. Schon damals war ihr klar, dass sie später mit Menschen arbeiten will, die mehr können, als sie glauben, die sich selbst im Weg stehen und jemanden brauchen, der sie klarer sehen lässt.
Nach dem Studium landet sie bei VW. Großkonzern. Fettes System. Alles, was eigentlich nicht zu ihr passt. Und doch wird es gut. Sie trainiert Führungskräfte, begleitet Manager:innen, reist um die Welt, ist monatelang in Peking, coacht, lernt, wächst über sich hinaus. Und trotzdem bleibt da dieses Gefühl: Irgendwie gehöre ich hier nicht richtig hin.
Ihr erster Chef sagt: „Unterschreib den Vertrag nicht. Leute wie du, die so wild und frei sind, werden eingelullt von der Sicherheit.“ Er hat recht. Janka unterschreibt trotzdem. Fünfzehn Jahre lang bleibt sie. Nicht aus Feigheit, sondern weil ihr Job spannend ist, die Kolleg:innen großartig, die Welt weit offen. Nur der Rahmen ist zu eng. Ein externer Trainer fragt mal: „Wo habt ihr die denn her? Aus dem Zirkus?“ Andere wären beleidigt. Janka nicht. Vielleicht, weil sie weiß: Zirkus ist auch Kunst. In der Manege braucht man Mut und die Fähigkeit, auf einem Seil zu tanzen, während andere noch die Sicherheitsbestimmungen studieren.
Spermiogramme und der Alchemist
Zwischendurch nimmt sich Janka für zwei Jahre eine Auszeit von VW – mit Wiedereinstellungszusage. In dieser Zeit arbeitet sie für Tensorscope, ein junges Göttinger Start-up, das mithilfe künstlicher Intelligenz Spermiogramme für Gynäkologen und Kinderwunschzentren analysiert. Ein völlig anderer Kosmos: agil, schnell, jung, chaotisch, hochambitioniert. Janka will wissen, wie Führung außerhalb der Konzernlogik funktioniert. Schließlich hat sie jahrelang Führungskräften gepredigt, sie sollten ihre Komfortzone verlassen. Nur logisch, dass sie selbst ausprobiert, was sie anderen empfiehlt.
Dann kehrt sie zurück zu VW und wird mit 42 das, woran sie schon nicht mehr geglaubt hat: schwanger. So drängt sich plötzlich eine ganz neue Lebensfrage auf: Was ist mir so wichtig, dass ich dafür Zeit mit meinem Kind verpasse? Die Antwort kommt nicht als Blitz, sondern als Roman. Über Weihnachten liest sie noch einmal Der Alchemist. Diese Geschichte vom Schafhirten, der alles hat und trotzdem loslässt, weil er seinem Traum traut. Janka klappt das Buch zu und weiß: Jetzt ist die Zeit gekommen. Sie kündigt, mit 45, aus einer sicheren Stellung heraus. Wobei Sicherheit, sagt Janka, sowieso oft immer ein Konstrukt im Kopf ist. Am Ende bleibt vor allem das Vertrauen in sich selbst.
Veränderung beginnt im Kopf, doch will auch verkörpert werden
Schon während ihrer Zeit bei Tensorscope arbeitet Janka nebenbei im Coachingunternehmen Biniasz & Partner. Kennengelernt hat sie Thomas Biniasz in einem Führungskräfteprogramm bei VW: sie als interne Personalentwicklerin, er als externer Trainer. Es passte sofort. Über Jahre arbeiten sie zusammen, oft international, besonders in China.
Mittlerweile ist Janka geschäftsführende Partnerin und die Firma heißt demnächst Biniasz & Essi. Das Herzstück ihres Angebots ist eine systematisch-integrative Coachingausbildung. Systemisch, weil der Mensch nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern immer in seinen Beziehungen, Rollen und Zusammenhängen. Integrativ, weil jede Veränderung zwar im Kopf beginnt, doch danach verkörpert werden will. Denn wir Menschen wissen oft erstaunlich viel – und handeln trotzdem nicht danach. Die Ausbildungrichtet sich an Menschen, die klarer und tragfähiger in ihrer Rolle sein wollen, und andere dabei begleiten möchten, sich selbst nicht mehr auszuweichen. Sie umfasst acht Module und findet vor allem in Berlin statt. Kleine Gruppen, viel Tiefe, wenig Tschakka. Ein weiteres tolles Format heißt „On y va“ – ein Wanderretreat mit Coachinganteil in den Pyrenäen.
Momentan überlegt Janka sehr genau, welche Formen ihre weiteren Angebote künftig haben sollen. Klar ist: Führung, Verantwortung, Selbstreflexion – das ist ihr Revier.
Die wichtigste Führungskompetenz? Ehrlichkeit sich selbst gegenüber
Fragt man Janka, was eine gute Führungskraft ausmacht, redet sie nicht zuerst von Strategie, Konfliktmanagement oder Entscheidungsfreude. Alles wichtig, natürlich. Aber nicht entscheidend. Was wirklich zählt ist für sie etwas anderes: sich selbst klar zu sehen. Denn wer weiß, dass er Konflikte meidet, kann sich Hilfe holen. Wer weiß, dass er schlecht organisiert ist, kann Strukturen bauen. Wer weiß, dass seine Ehrlichkeit manchmal in Respektlosigkeit kippt, kann lernen, nicht jede innere Durchsage ungefiltert ins Freie zu jagen. „Jede Stärke ist bei unreflektiertem Ausleben auch eine Schwäche“, sagt Janka weise.In großen Systemen erlebte sie viele Menschen, die auf hohen Positionen saßen und genau daran scheiterten: am blinden Fleck. An der Unfähigkeit, Feedback wirklich an sich heranzulassen. An einem Ego, das jede Irritation als Angriff versteht. Dabei ist Führung ohne Selbstreflexion wie Autofahren mit beschlagener Scheibe: Man kommt voran, aber fährt dabei womöglich jemanden um.
Der stärkste Mann, den sie finden konnte
Niklas, ihr Mann, ist für Janka nicht einfach Partner, sondern Korrektiv. „Ich habe mir den stärksten Mann gesucht, den ich finden konnte“, sagt sie. Nicht nur stark im Muskelshirt-Sinn, sondern stark genug, ihr die Wahrheit zu sagen und sich nicht von ihrer Energie einschüchtern zu lassen. Stark genug, sie zu sehen und dabei zu unterstützen, noch besser zu spüren, was sie wirklich will.
Dass Janka heute Mutter ist, war lange nicht selbstverständlich. Sie wollte immer ein Kind, doch es klappte nicht. Mit 40 macht sie innerlich Frieden damit. Kein Drama, keine Hormonhölle, kein Kampf gegen den eigenen Körper. Dann, mit 42, wird sie schwanger. Im Urlaub in Schweden spürt sie morgens plötzlich: Da passiert gerade was. Sie beschreibt es wie eine kleine Hexenküche im Bauch, ein Uhrwerk, das leise zu arbeiten beginnt. Kurz darauf schwimmt sie in einem klaren See weiter hinaus als je zuvor und spürt pures, helles, vollkommenes Glück. Später denkt sie: Mein Körper wusste es schon. Mit 43 wird sie Mutter. Per Kaiserschnitt, medizinisch notwendig, weil ihre Gebärmutter nach mehreren Operationen vernarbt ist. Und selbst daraus macht Janka keine Leidensoper. Sie ist dankbar. So sehr, dass sie während der OP vor lauter Freude lacht und von der Ärztin ermahnt werden muss, damit sie wieder zusammengenäht werden kann.
Moralapostel in einer Bubble of Joy
Janka ist laut, frech, wild, humorvoll, selbstbewusst. Eher Drama als Komödie, eher Partyhase als Couch Potato. Und sie ist voller Gegensätze. Eine, die lachen kann, bis die Wände wackeln, und gleichzeitig bei Ungerechtigkeit zur moralischen Naturgewalt wird. „Das macht man nicht!“, sagt sie dann mit gerunzelter Stirn. Und meint es verdammt ernst.
2015 absolvierte sie eine Ausbildung zur Yogalehrerin bei einem indischen Yogi, der ihr etwas Entscheidendes mitgab: Du kannst alles tun, aber übernimm die Verantwortung dafür. Keine Dogmen, keine Heiligkeit auf Bestellung. Nur radikale Selbstverantwortung. Sein schönstes Bild: Wenn Dich ein Vogel ankackt, wischst Du es ab. So sei es auch mit negativen Erfahrungen. Man darf verletzt sein, wütend, traurig. Aber irgendwann ist man verantwortlich für die Energie, die man weitergibt. Der Sinn des Lebens? Eine „Bubble of Joy“ sein. Janka fand: Ja! Genau so.
Rebellpunk und Viking Queen
Gerade beschäftigt sie sich mit Archetypen, mit Identität, mit den Anteilen, die in einem Menschen wohnen und oft viel zu lange in irgendwelche gesellschaftlichen Abstellkammern gesperrt werden. Ihre eigenen tragen wunderbare Namen: Rebellpunk, Tarantino-Leader, Viking Queen, Nomadic Soul, Feminine Boheme, Archaic Woman, Grounded Magic. Klingt nach Festival, Fellmantel, Lagerfeuer und Glitzerschnitter. Ist aber auch Business. Denn Janka fragt sich: Wie kann Arbeit aussehen, wenn alle persönlichen Anteile Platz haben? Wenn man nicht nur die konzernkompatible Version von sich selbst zeigt? Wenn Frauen nicht früh lernen müssten, brav, hübsch, lieb und passend zu sein?
Vielleicht ist genau das ihr roter Faden: Menschen in Führungspositionen dabei zu begleiten, sich ihrer ganzen Kraft bewusst zu werden und sie auszuleben – radikal ehrlich, warmherzig, manchmal unbequem. Janka hat lange in einem Konzern gearbeitet, in den sie nie ganz gehörte. Jetzt baut sie sich eine berufliche Welt, die ihr gefällt und endlich groß genug ist für sie selbst. Und wenn man ihr zuhört, hat man plötzlich den Verdacht: Genau da beginnt gute Führung. Nicht oben. Nicht im Organigramm. Sondern dort, wo ein Mensch aufhört, sich vor sich selbst zu verstecken.