Die Fotografin Kat Hackenberg macht Menschen nicht schöner, als sie sind. Sie macht ihr inneres Strahlen nach außen sichtbar. So hat sie dem 36. VONWEGEN-Magazin, das noch in diesem Monat das Licht der Welt erblicken wird, mit ihren Fotos und Illustrationen einen magischen Kat-Kick verliehen.
Von Vanessa Pegel [Text] & Kat Hackenberg [Selbstportrait]
Es gibt Menschen, die vor der Kamera augenblicklich wissen, wohin mit ihren Händen, wie am besten gucken und wann der eigene Mund nicht aussieht, als würde er eine Grimasse performen. Die Autorin dieser Zeilen gehört nicht zu diesen Menschen. Sobald ein Objektiv auf mich gerichtet ist, verwandelt sich mein Gesicht zuverlässig in eine Mischung aus Atemnot, Zahnarzttermin und Fluchtreflex und mein Körper erstarrt zur Salzsäule. Kat hat trotzdem fantastische Bilder von mir geknipst. Nicht, weil sie mir dreißigmal zugerufen hätte, ich solle mich doch bitte mal entspannen. Sondern weil der Stock in meinem Arsch und der Kloß in meinem Hals irgendwann tatsächlich verschwunden waren.
Das ist vermutlich Kats größte fotografische Begabung: Sie knipst nicht einfach Gesichter. Mit ihrem humorvollen Berliner Slang erschafft sie einen Raum, in dem Menschen sich frei fühlen. Ohne Fotolächeln, verkrampfte Lieblingsseite oder den verzweifelten Versuch, für einen Moment jemand anderes zu sein. „Die Bilder können nur gut werden, wenn die Menschen mir vertrauen“, sagt sie. „Das muss ich als Erstes schaffen.“ Und dann redet sie, lacht, beobachtet, probiert, verwirft – bis plötzlich dieser eine Moment da ist. Der, in dem Haltung, Blick, Bewegung und Umgebung zusammenpassen wie der Tusch zum Auftritt und ein Bild nicht nur gut aussieht, sondern etwas erzählt.
Auf der Mauer, auf der Lauer
Seit unserer 36. Magazin-Ausgabe gehört Kat zum VONWEGEN-Team. Und man könnte sagen: Das sieht man. Sie hat Menschen fotografiert, Orte entdeckt, Stimmungen eingefangen und Illustrationen kreiert, die dieses Heft nicht bloß bebildern, sondern entscheidend mitprägen. Denn Kat liefert keine dekorativen Lückenfüller. Ihre Bilder haben einen eigenen Verve. Sie sind mal laut, mal leise, mal schräg, mal zart – und meistens so eigensinnig, dass man noch einmal hinschaut. Und dann noch einmal.
Vielleicht beginnt dieser Blick in Berlin-Mitte, wo Kat aufgewachsen ist. Mit elf erlebt sie den Mauerfall am Brandenburger Tor, sitzt auf einem Autodach und sieht Menschen auf der Mauer tanzen. Kurz darauf verändert sich ihr Viertel. Die Stadt wird lauter, bunter, widersprüchlicher. Kat beobachtet.
Die Poesie des Gewöhnlichen
Bis heute ist sie eine bekennende „Oldschool-Hip-Hop-Tante“. Run-D.M.C., Ice-T und Ice Cube hörte sie noch auf Platte. Kat liebt Graffiti, Tags, Sticker und all die kleinen Botschaften an Laternen, Wänden und Straßenschildern. Street-Art ist für sie das Herz einer Stadt, das verrät, wie die Leute gerade ticken, worüber sie wütend sind, was sie feiern und welche Stimmung zwischen Häuserzeilen und Bushaltestellen wabert. Wenn Kat in eine fremde Stadt kommt, fotografiert sie deshalb häufig zuerst deren Wände.
Auch sonst zieht es ihren Blick nicht unbedingt dorthin, wo alle hinschauen, sondern auf das Wasserglas, den Eierbecher, das seltsame Licht auf einer Tischkante. Auf Situationen, die niemand arrangiert hat, und Dinge, die nicht um Aufmerksamkeit bitten und trotzdem welche verdient haben. Kat nennt das „Poetry of the ordinary“ – die Poesie des Gewöhnlichen. Während andere das Spektakuläre suchen, entdeckt sie das kleine Bild am Rand, das schon die ganze Zeit eine Geschichte erzählt.
Der Blick auf das Erstaunliche
Kat bewundert den britischen Fotografen Martin Parr und dessen Blick auf das Ungeschönte, Absurde und all die Gewohnheiten, die so normal geworden sind, dass niemand sie mehr bemerkt. Auf Plastikstühle, hochgezogene Socken, Pommes mit Ketchup, Konsum und die herrlich merkwürdigen Verrenkungen des modernen Lebens. Sie schaut stiller hin als Parr, weniger grell und mit mehr leiser Nähe. Ihre Bilder sagen nicht: Seht her, wie lächerlich! Sie sagen eher: Guck mal. Ist das nicht erstaunlich?
Dass Kat Fotografin werden würde, war keineswegs vorgezeichnet, auch wenn sie schon immer kreativ war. Nach dem Abi absolvierte sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, verbrachte 2001 eine großartige Zeit in Irland, arbeitete später zehn Jahre bei der Deutschen Bank und studierte nebenbei Erziehungswissenschaften. Eine erstaunlich solide Laufbahn für jemanden, in dessen Kopf sich längst die Bilder tummelten.
Die große Liebe
Als sie 2012 mit ihrem Mann nach St. Louis zog, beschloss sie mit Anfang dreißig: Jetzt ist die Zeit für Kunst gekommen. Am College belegte sie Fotografie und gewann mit einem Bild ihrer alten Chucks vor dem Gateway Arch einen Wettbewerb für internationale Studierende. Das Foto hing anschließend im Kapitol von Missouri. Aus unerfindlichen Gründen hatte Kat schon vorher gespürt, dass es gewinnen würde. Ein seltener Moment glasklaren Selbstvertrauens in einem Leben, in dem sie sich selbst lange eher unterschätzt hatte. In St. Louis fand sie außerdem ihre erste große fotografische Liebe: das Theater. Sie fotografierte Inszenierungen für eine freie Company, arbeitete an Requisiten mit und assistierte hinter der Bühne.Theaterfotografie sei ihre „Herzöffnung“ gewesen, sagt sie. Kein Wunder: Dort kommt alles zusammen, was sie liebt: Geschichten, Menschen, Licht, Bewegung und dieser eine unwiederholbare Moment, der eine Sekunde später für immer verschwunden ist.
Nach dreieinhalb Jahren in den USA zog die Familie nach Leicester. Kat war zu diesem Zeitpunkt bereits hochschwanger – und kurz darauf nicht nur Fotografin mit großen Plänen, sondern auch Mutter von ihrem lange ersehnten Wunschkind. Während ihr Leben plötzlich zwischen Baby, Alltag und neuer Heimat stattfand, setzte sie ihre fotografische Ausbildung fort, machte einen praxisorientierten Abschluss mit Business-Schwerpunkt am College Leicester England und fotografierte Familien, Projekte und Menschen in ihrem Umfeld.
Mutter zu werden, hat dabei nicht nur Kats Leben, sondern auch ihren Blick auf sich selbst verändert. „Wenn du ein Kind bekommst und erziehst, ist das die größte Aufgabe überhaupt“, sagt sie. Aus dem Gefühl, eine gute Mutter zu sein, wuchs ein Selbstbewusstsein, das sich irgendwann auch auf den Rest ihres Lebens ausbreitete: Wenn sie das schafft, kann sie verdammt noch mal auch alles andere schaffen.
Ende 2020 führte der nächste Umzug ausgerechnet nach Göttingen. Sicher, ordentlich, überschaubar – wunderbar für ein Kind, aber nicht unbedingt der Ort, an dem Kats innerer Oldschool-Hip-Hop von allein zu tanzen beginnt.
Misfits und Underdogs
Also suchte sie sich die kreative Energie bei Menschen. In Gründerinnenkursen, Frauennetzwerken und Begegnungen mit Selbstständigen entdeckte sie, was viele Frauen miteinander verbindet: Sie haben großartige Ideen, aber hadern mit ihrer Sichtbarkeit. Sie fragen sich, ob sie gut genug, professionell genug oder überhaupt ihr Geld wert seien. Kat kennt diese Zweifel. Bei anderen erkennt sie allerdings sehr viel schneller, wie unbegründet sie sind. Daraus entstand ihre Spezialisierung auf Personal-Branding-Fotografie – vor allem für Gründerinnen, Künstlerinnen, Kleinunternehmerinnen und alle, die keine Lust auf austauschbare Businessporträts vor beigefarbenen Wänden haben. „Misfits und Underdogs – das ist meine Spezialität“, sagt Kat. Sie will nicht die nächste Vorstandsetage mit verschränkten Armen ausleuchten. Sie will Frauen sichtbar machen, die etwas Eigenes in die Welt bringen und sich dabei noch nicht selbstverständlich in die erste Reihe stellen ...
Eine Sichtbarkeitserklärung
Personal Branding bedeutet für Kat weit mehr als ein hübsches Profilfoto. Bevor sie die Kamera auf jemanden richtet, fragt sie: Wofür stehst Du? Was sollen Menschen fühlen, wenn sie Deine Bilder sehen? Welche Farben, Orte und Gegenstände erzählen von Dir und Deiner Arbeit? Aus den Gesprächen entwickelt sie ein Storyboard. Während des Shootings lässt sie diesen Plan jederzeit fahren, sobald aus der Situation heraus ein besserer entsteht. Kat arbeitet vorbereitet, aber nicht festgezurrt. Sie folgt der Energie, dem Menschen und ihrem Bauchgefühl.
Am liebsten fotografiert sie die Menschen dort, wo sie etwas tun: in ihrer Werkstatt, ihrem Atelier, ihrem Laden, an ihrem Schreibtisch oder mitten in der Arbeit. Natürlich ist auch das bis zu einem gewissen Grad inszeniert. Aber Kat sucht nicht die perfekte Pose. Sie sucht die Sekunde, in der jemand aufhört, eine Rolle zu spielen.
Scharf kann jede Kamera
Dabei weiß sie sehr genau, wann sie das Bild im Kasten hat, und das hat nichts mit Blende, Schärfe oder goldenem Schnitt zu tun. Sie fühlt es. „Wenn der Hintergrund mit dem Gesichtsausdruck, mit der Geste zusammenkommt und man diesen Menschen so gefasst hat, wie er ist, dann ist es vollbracht.“ Bis dahin bleibt sie dran – nicht verbissen, sondern aufmerksam. Vielleicht entsteht genau deshalb bei ihren Shootings diese seltene Mischung aus Konzentration und Quatsch, Tiefe und Blödsinn, Professionalität und Dramödie – Kats bevorzugtes Genre für das ganze Leben. Denn technisch scharfe Fotos kann heute fast jede Kamera einfangen. Entscheidend ist, ob der Mensch darauf ebenfalls in all seiner Authentizität zum Vorschein kommt. Und dafür braucht es Vertrauen und eine Wellenlänge. Jemanden, bei dem man nicht das Gefühl hat, vor einer Linse abliefern zu müssen.
Kat glaubt deshalb auch nicht, dass Fotograf:innen zwingend miteinander konkurrieren. Jede Person fotografiert anders, verbindet sich anders, holt etwas anderes aus einem Menschen heraus. Die richtige Fotografin ist nicht unbedingt die mit der teuersten Kamera, sondern die, vor der man sich traut, kurz die Rüstung auszuziehen.
Netzwerken auf dem Gepäckträger
Kennengelernt haben wir uns auf einer Netzwerkveranstaltung für Frauen. Unsere Wellenlänge stimmte sofort. Kat war lustig, klug, ein bisschen flippig und genau die Sorte Frau, bei der ich nach wenigen Minuten denke: Mit der möchte ich unbedingt noch zwei bis drei Drinks genießen. Oder ein Magazin machen. Später brachte sie mich auf ihrem Gepäckträger nach Hause. Das ist vermutlich die magischste Form von Personal Branding: Eine Fotografin, die Menschen nicht nur sichtbar macht, sondern auch transportiert.
Zusammengearbeitet haben wir trotzdem nicht sofort. Gute Verbindungen brauchen manchmal Zeit und den richtigen Augenblick, um sich zu entfalten. Kat kannte VONWEGEN damals längst. Als sie frisch nach Göttingen gezogen war, entdeckte sie das Magazin im Kellerkiosk und war ein bisschen beruhigt: So langweilig kann diese Stadt nicht sein, dachte sie, wenn hier offenbar schräge Veranstaltungen, kreative Menschen und ein Magazin mit Herz, Hirn und Humor existieren. Sie abonnierte es, sammelte die Ausgaben und war bei unserem ersten Treffen nach eigener Aussage bereits ein kleines Fangirl. Das beruht inzwischen auf absoluter Gegenseitigkeit.
↑ Schwimmen auf einer Wellenlänge: die Bild-Poetin Kat und die rasende Reporterin Vanessa
Von der Vogue zum VONWEGEN
Kat bringt genau das mit, was VONWEGEN braucht: einen wachen, liebevollen Blick für Menschen, eine große Liebe zum Gedruckten, eine erfreulich geringe Ehrfurcht vor glatten Oberflächen und die Fähigkeit, im vermeintlich Nebensächlichen das wirklich Besondere zu finden. Sie kreiert nicht nur Personal Branding und Porträts, sondern auch Kunstdrucke und Illustrationen. Sie liebt Magazine, weil man sie anfassen, riechen, aufschlagen und Bilder daraus wie kleine Poster bewahren kann.
Auf ihrem Vision Board stand zwar ursprünglich die Vogue. Doch bestimmt ist es ein gutes Zeichen, dass VONWEGEN ebenfalls mit V anfängt und zufälligerweise nur ein paar Häuser weiter von ihr wohnt. In dieser Ausgabe hat Kat sich ausgetobt. Und hoffentlich noch in vielen weiteren. Denn gute Fotografie zeigt nicht einfach, wie jemand aussieht. Sie lässt uns einen Menschen, einen Ort oder eine Sache durch ihre magische Linse sehen und macht sogar von fotografischen Härtefällen wie mir Bilder, die sich sehen lassen können. Denn Kat knipst nicht einfach Fotos. Sie ist eine Bild-Poetin.