Von hier unten an die vorderste Front
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Hinterm Bahnhof in Göttingens Weststadt beginnt ein anderer Blick auf die Menschen. Einer, der schneller urteilt als versteht. Tine Tiedemann arbeitet seit über 25 Jahren im Kulturzentrum MUSA dagegen an. Mit Konzerten, Gesprächen und der sturen Überzeugung, dass Kultur kein Luxus ist, sondern das, was uns zusammenhält, wenn alles auseinander driftet.
Von Vanessa Pegel
Wer mit Tine Tiedemann spricht, bekommt keine glattgebügelten Antworten, sondern Haltung, Hoffnung, Zweifel. Und diesen starken Blick, der nicht ohne Schmerz ist, und sagt: Ich weiß, was ich kann – auch wenn ich es mir selbst nicht immer glaube. Tine ist Geschäftsführerin des Kulturzentrums MUSA in Göttingens Weststadt. Ein Haus mit 5.500 Quadratmetern, großem Konzertsaal, kleinerem Veranstaltungsraum, Übungsräumen und einer Kreativetage mit 18 Ateliers und Büros. Ein Ort zum Zusammenkommen, der immer größer wurde, weil sie nicht aufhören konnte zu denken: Da geht doch noch was. Heute ist die MUSA fertig gebaut. Mehr passt nicht rein. Aber Tine denkt trotzdem weiter.
Eine, die Räume schafft
Als sie vor über 25 Jahren dort anfing, bestand die MUSA aus zwei Räumen, einem Mini-Büro, viel Improvisationstalent und ehrenamtlichen Engagement. Eierkartons an den Wänden der Proberäume. Idealismus, der von der Decke tropft. 800 Mark hat sie pro Monat bekommen für offiziell 20 Stunden – tatsächlich waren es 60. „Es war nie ein Job“, sagt sie. „Es ist ein Lebenskonzept.“
Sie kam über Umwege. Aufgewachsen in Ratzeburg am See mit viel Sport als Kompensation für eine Kindheit, die „nicht geradeaus ging“. Zweite bei den Landesmeisterschaften im Tischtennis – und zu Hause dann der Satz: Es gibt eben immer Verlierer. Eingeimpfte Selbstzweifel als Grundrauschen, vielleicht aber auch als Motor.
Wegen einer vermaledeiten Beziehung, einer guten Freundin und Basketball besucht sie Göttingen und hört beim Chillen auf dem Wilhelmsplatz zufällig vom Studium ihrer Träume: Sozialwissenschaften – Politik, Publizistik, BWL und Jura inklusive. Sie kommt mit einer Matratze und einem Regal, wohnt in einer WG, arbeitet fünf Tage pro Woche nachts im APEX in der Küche. Wäscht Baumwurzeln für die Forst-Uni in Russland. Und landet dann irgendwann in der MUSA bei dem lieben Schluffi aka Michael Schluff, ihrem „Working Husband“ für über 20 Jahre. „Ich glaube, da habe ich meine Vorliebe fürs Bauen entdeckt“, sagt sie. „Größer machen. Mehr Platz schaffen für mehr Menschen.“
Bauen gegen das Vergessen
Die MUSA steht auf historischem Boden: ehemalige Heeresbäckerei, NS-Architektur, Munitionsfunde im Erdreich. Aus einem Ort militärischer Infrastruktur wurde ein Haus für Kunst, Musik, Begegnung: zuerst der große Saal, die Übungsräume, später der Ausbau zur Kreativetage – 18 Büros und Ateliers, ressourcenschonend aus einer alten Halle herausgeschält. Dreifachverglasung, abgeschliffener Estrich, eigenes Blockheizkraftwerk. Bauherrin war die MUSA selbst. Bauherrin war Tine.
Heute arbeiten hier u.a. Fotograf:innen, Filmer, Start-ups, ein Social-Media-Watchblog, Künstler:innen. Und seitdem das HAUS DER KULTUREN nebenan um seine Existenz kämpfen muss, finden hier u.a. auch Deutschkurse statt. Denn Bleiberecht kann nicht warten. Demokratie will gelebt werden. Integration braucht Räume. Tine öffnet die Türen. Immer.
Selbstzweifel als Haltung
Trotz aller Erfolge, zweifelt sie des Öfteren an sich selbst. Und dann tröstet sie sich damit, dass Selbstzweifel auch ein Gut sind. Weil sie verhindern, dass man sich für unfehlbar hält. Weil sie Fehler zulassen. Weil sie einen daran erinnern, „dass man nicht so unfassbar cool ist wie manche alten weißen Männer“. Doch wie kriegt man sie in den Griff diese elendige Selbstzweifelei? „Indem man mit sich selbst spricht wie mit einer guten Freundin.“
Tine ist impulsiv. Chaotisch. Optimistisch. Rebellisch. Vorsichtig. Alles zugleich. Sie haut raus, was sie im Kopf hat – und steht manchmal später unter der Dusche und denkt: Das war jetzt aber nicht so gut. Sternzeichen Löwe, manchmal störrisch und dominant, aber nicht aus Eitelkeit, sondern aus Verantwortungsbewusstsein für eine bessere Welt.
Kultur ist kein Kostenfaktor
Was sie wütend macht, ist der Rechtfertigungsdruck, das ewige Infragestellen kultureller Arbeit. Dieser absurde Ausdruck in der Politik: freiwillige Leistungen. „Kultur spielt Geld rein in eine Stadt und übernimmt eine gesellschaftspolitische Rolle“, sagt sie. Kultur bewegt im Kopf, in den Füßen, schafft Auseinandersetzung, Begegnungen und holt Menschen aus der Isolation. Allein die MUSA lockt im Jahr fast 100.000 Besucher:innen an. Eintritt, Gagen, Gastronomie, Hotels, lokale Händler:innen – ein keineswegs zu unterschätzender Wirtschaftskreislauf. „Aber man sieht immer nur, was es kostet.“
Die MUSA finanziert sich zu einem Drittel aus Zuschüssen, den Rest erwirtschaftet sie selbst. Zwölf Festangestellte, rund 20 Minijobber, zwei Geschäftsführungen: Sie und Steff. Außenvertretung und Presse – das ist ihr Bereich. Finanzen und Struktur – seiner. Personal machen beide. Dazu gehören Gabi in der Projektleitung, Dani als Veranstaltungsleiter, Tim in der Gastro, Franziska und Jörg in der Technik, Gregor für Kultur im Landkreis, Frank in der Buchführung, Anneke schmeißt das Büro, Barbara, Anne und Pitchen sind die Seelen des Hauses und dann gibt es noch den Beirat und Vorstand. „Ohne Team geht das nicht“, sagt sie. Und meint es ernst. Sie spricht über Schluffi, über Gonzo, über Menschen, die viel zu früh gestorben sind. „Kultur frisst auch Menschen.“ Trauer gehört dazu.
Von hier unten
Was Tine umtreibt, ist nicht nur die MUSA, sondern auch deren Heimat: die Weststadt, die man auch Blümchenviertel nennt. „Von hier unten“, nannten es Jugendliche vor 20 Jahren als sie dort einen Dokumentarfilm drehte. Und meinten: Du wirst in der Schule anders behandelt, wenn du von hier unten kommst.
Tine will dieses Narrativ drehen, weil es den vielen tollen Menschen und dort ansässigen Initiativen nicht gerecht wird. Sie will noch mehr vernetzen: Schulen, Sportvereine, Familienzentren, soziale Träger, Obdachlosenhilfe, migrantische Initiativen, Künstler:innen. „Vielleicht kann man ein kleines Weststadtuniversum bauen“, sagt sie. Eines, das zeigt, was längst da ist: Diversität, Queerness, migrantisches Leben, Jugendkultur, Integration, Zusammenhalt. Sie ärgert sich über politische Rhetorik, die Stadtbilder in den Dreck zieht. Über das Gefühl, dass rechte Narrative salonfähig geworden sind. „Wir sehen live, wie Faschismus entsteht“, sagt sie. Nicht als historische Schwarzweißfolie, sondern in Farbe, im Feed. Manchmal spricht sie, als würde sie etwas festhalten wollen, das schon längst verrutscht ist.
Sie redet mit allen – außer der AfD. Netzwerken ist für sie Demokratiepraxis. Zuhören, Schnittmengen finden, Kompromisse aushalten. „Dass hätten wir auch in Corona-Zeiten mehr machen müssen“, sagt sie rückblickend. „Wir dürfen nicht noch mehr auseinander driften.“ Kultur tritt an, um Räume zu geben. Hörbar zu machen. Sichtbar zu machen. Zu vereinen. Demokratie zu leben, statt nur darüber zu reden.
Viele Sorgen, noch mehr Liebe
Sie ist alleinerziehend. Zwei Söhne, die drei zusammen ein Team Extreme. Viel erlebt, viel gesehen und allzu viel durchgestanden. Weil das Leben seinen eigenen Weg geht, der brutal sein kann.
Auf die indiskrete Frage nach Männern sagt sie: „Ich kann gut ohne.“ Freiheitsliebend, unabhängig, finanziell eigenständig, geprägt von guten Beziehungen und welchen, die gefährlich wurden. Zwei, drei gute Freundinnen sind oft besser als ein Mann. Gegen Stress macht sie Pilates, fährt mit dem Fahrrad an der Leine entlang zur MUSA, hört Rap mit Haltung und manchmal Klaviermusik. Ihren Idealismus hat sie bis heute nicht verloren, „aber diese Zeiten fordern Realismus“. Trotzdem glaubt sie daran, dass man Dinge noch „hinzwiebeln“ kann. Dass Lösungen möglich sind. Dass man größer bauen darf – zuerst im Denken, dann im Handeln.
Am Ende unseres Gespräches in ihrer gemütlichen Küche sitzt sie da, verschmitzt lächelnd, zweifelnd die Stirn krausend, die Katze kraulend, weiter denkend. Eine Frau, die nie ganz ankommt, weil sie immer schon ihren nächsten Schritt ausbrütet. Die mit sich ringt und trotzdem vorangeht. Von hier unten an die vorderste Front im Kampf für ein bisschen mehr bessere Welt.

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