Gleichstellung ist kein Frauenthema.Es geht um die Frage, ob unsere Stadtfür alle Menschen funktioniert – oder nurfür diejenigen, die keine Kinder haben, keineCare-Arbeit leisten, nicht diskriminiert werden, nicht krank sind oder zufällig die richtigeBeratungsstelle für ihr Anliegen kennen.Was die fünf Göttinger Oberbürgermeister-Kandidat:innen zum Thema Gleichstellunggesagt haben – und woran wir sie nachder OB-Wahl am 13. September 2026 erinnern werden.
Von Vanessa Pegel [Text und Fotos]
Eine Stadt ist nicht gleichberechtigt, nur weil irgendwo ein Sternchen steht. Sie ist gleichberechtigt, wenn die Krippe nicht um 14 Uhr schließt, während beide Eltern arbeiten. Wenn Alleinerziehende nicht erst drei Ämter, zehn Formulare und einen Nervenzusammenbruch erleiden müssen, um Hilfe zu bekommen. Wenn Beratungsstellen nicht jedes Jahr aufs Neue um ihre Existenz bangen müssen. Wenn Männer Elternzeit nehmen können, ohne dabei innerlich ihre Karriere zu beerdigen. Wenn Frauen nicht um ihr Leben fürchten müssen, nur weil sie eine Frau sind.
Deshalb war die gleichstellungspolitische Gesprächsrunde mit den fünf Göttinger Oberbürgermeister-Kandidat:innen wahrscheinlich die spannendsten Veranstaltung dieses Wahlkampfs. Nicht, weil dort alle plötzlich die gleichstellungspolitische Weltrettungsformel aus der Jackentasche gezogen haben. Sondern weil zwei Stunden lang sichtbar wurde, wie unterschiedlich Gleichstellung gedacht werden kann: als Rechtsfrage, als Bildungsfrage, als Klassenfrage, als Verwaltungsfrage, als Haushaltsfrage, als Heimwegfrage, als Gesundheitsfrage – und natürlich allem voran als Machtfrage.
Auf dem Podium saß als einzige Frau Onyeka Oshionwu von Die Grünen neben Dr. Florian Dinger von der SPD, Dr. Ehsan Kangarani von der CDU mit Unterstützung der FDP, Dr. Thomas Goes von Die Linke und Mathias Rheinländer von Die PARTEI. Organisiert wurde dieser grandiose Nachmittag federführend von der Leiterin vom Gleichstellungsbüro GöttingenChristine Müller und dem Frauen Forum. Moderiert hat die Diskussion Lea Lang, die mit Fragen, Stoppuhr und freundlicher Strenge dafür sorgte, dass aus Wahlkampf nicht einfach Wortteppich wurde.
↑Die Leiterin des Gleichstellungsbüro Göttingens Christine Müller und die aus Funkund Fernsehen bekannte Journalistin Lea Lang
Wir haben zugehört und weil Wahlkampf die Zeit der großen Sätze ist, Gleichstellung aber die Zeit danach, folgt hier nun unser großer VONWEGEN-Versprechens-Check: Wer hat was gesagt und woran kann man die Kandidat:innen nach der Wahl erinnern?
Wenn die Kitakeine Lösung ist
Wenn die Kita um 14 Uhr schließt und sogenannte Randzeiten nur in Dokumenten, aber nicht im Alltag existieren, dann steht die Erwerbsbiografie vieler Elternteile unter einem schlechten Stern, oder?
↑ Dr. Florian Dinger von der SPD
Dr. Florian Dinger kennt diese Situation aus dem eigenen Familienalltag: Kita-Ausfälle, Krankenstand, der Anruf am Vormittag, heute ist früher Schluss. Seine Antwort: mehr Personal, bessere Ausstattung, attraktivere Arbeitsbedingungen. Wer stabile Betreuung will, muss diejenigen stärken, die diese Betreuung leisten.
Oneyka Oshionwu warnt davor, die momentan rechnerisch vorhandenen freien Kita-Plätze als Sparanlass zu nehmen. Jetzt müsse die Qualität gesichert und das Personal gesundheitlich geschützt werden. Außerdem weist sie darauf hin, dass die finanzielle Unterstützung beim Quereinstieg in den Erzieher:innen-Beruf bereits verbessert wurde.
Dr. Thomas Goes betont die Vorbildfunktion städtischer Kitas. Er spricht über mehr Personal, bessere Betreuungszeiten, höhere Stipendien für angehende Erzieher:innen und bezahlbaren Wohnraum für Menschen in systemrelevanten Berufen. Denn wenn man es sich nicht leisten kann, in Göttingen zu wohnen dann hilft auch die schönste Personaloffensive nur bis zur nächsten Mieterhöhung.
Mathias Rheinländer wirft den Blick auf Personalgewinnung, Zuwanderung, Ausländerbehörde und administrative Hürden. Es müsste Menschen generell erleichtert werden, überhaupt nach Göttingen zu kommen und hier arbeiten zu dürfen. Seine Erfahrung: Das scheitert oft nicht am Willen, sondern an der überbordenden Bürokratie.
Dr. Eshan Kangarani nimmt das Land Niedersachsen in die Pflicht, die Ausbildung attraktiver zu machen. Gleichzeitig stellt er die berechtigte Frage, ob es richtig war, dass sich die Stadt in den vergangenen Jahren so stark aus dem Kita-Bereich zurückgezogen hat.
Alleinerziehend:Armutsrisiko mit Stundenplan
Alleinerziehend zu sein ist in Deutschland immer noch ein Armutsrisiko mit Stundenplan, fehlenden Busverbindungen, Betreuungsproblemen und Papierkrieg. Ob Frau, Mann oder Diverse – wer seine Kinder allein großzieht, braucht nicht nur Durchhalteparolen, sondern Geld, Zeit, verlässliche Betreuung, Mobilität, Beratung, Arbeit, Qualifizierung und eine Verwaltung, die nicht mit Zuständigkeiten jongliert, während zuhause das Kind Fieber bekommt. Was also tun für Alleinerziehende, für existenzsichernde Arbeit, gegen Kinderarmut und für bessere Zugänge zu Unterstützung?
Kangarani erzählt von seiner Mutter, die nach Migration und Scheidung mit zwei Kindern – eines davon schwerbehindert – alleine dastand. Eine Vollzeitstelle im Christophorus-Haus und eine verständnisvolle Chefin wurden zur Rettung. Ohne diese Chance, sagt er, säße er vermutlich nicht hier. Förderung entscheidet Lebenswege. Außerdem warnt er vor einem neuen Rollenbild-Hype in den sozialen Medien: Mann arbeitet, Frau bleibt zuhause. Gegen diese Rückwärtssehnsucht müsse man mit größter Kraft angehen.
Dinger definiert Alleinerziehendsein als Armutsrisiko und spricht von Qualifizierung, verlässlicher Betreuung und individueller Arbeitsplatzgestaltung. In seiner Schule gebe es Gespräche mit alleinerziehenden Lehrkräften, um Stundenpläne entsprechend zu gestalten. Aufs Rathaus übertragen hieße das: Menschen nicht als abstrakte Vollzeitäquivalente behandeln, sondern als Menschen mit Lebenslagen.
Oshionwu setzt genau dort an und beklagt: Viele kennen die bestehenden Hilfsangebote gar nicht. [Hier fehlt noch ein Link]. Onyeka wünscht sich eine Verwaltung, die nicht fragt, welche Abteilung zuständig ist, sondern welche Lebenslage vorliegt. „Ich bin alleinerziehend“ müsste reichen, damit Menschen schnell sehen, welche Angebote helfen können.
↑Dr. Thomas Goes von Die Linke
Goes möchte als erstes die Betroffenen befragen: Woran hapert es wirklich? Dann nennt er Lösungen wie Ganztags- Kitas, Sprachkurse und Weiterqualifizierung.
Rheinländer beschwert sich über unüberwindbare Wege zur Ausblildung, schlechte Busverbindungen, überflüssige Formularen und die absurde bürokratische Zettelwirtschaft, die Menschen daran hindert, Arbeit aufzunehmen oder Unternehmen davon abhält, Nachwuchs auszubilden.
Gewalt gegen Frauen: Wenn Gleichstellung lebenswichtig wird
Gewalt gegen Frauen ist kein Randthema. Sie ist tödlich. Eine Stadt, die Gleichstellung ernst nimmt, muss Strukturen schaffen, die Gewalt verhindern, Hilfe ermöglicht und Täter in Verantwortung nimmt. Wie wollen die OB-Kandidat*innen den Gewaltschutz stärken? Welche Maßnahmen zur Istanbul-Konvention sind ihnen wichtig? Und wie verbindlich soll das Ganze werden?
Oshionwu betont die Bedeutung der Koordinierungsstelle zur Istanbul-Konvention, Täterarbeit und gendersensible Jugendbildung. Aus ihrer Arbeit im offenen Jugendvollzug weiß sie, dass Workshops und therapeutische Reflexion bei jungen Männern tatsächlich Veränderung bewirken können.
Goes stellt die Finanzierungsfrage. Viele gute Einrichtungen seien fördermittelbasiert und damit unsicher. Genau da müsse man raus. Hilfsangebote müssten dauerhaft finanziert werden. Er spricht über fehlende Frauenhausplätze, besonders für Frauen mit mehreren Kindern, und über toxische Männlichkeit. Sein Sohn sei 15 und natürlich ebenfalls all den problematischen Männlichkeitsbildern ausgesetzt. Deshalb brauche es Jugendzentren, Bildung undErziehungsarbeit.
Rheinländer übersetzt Gewaltschutz in Prioritätensetzung: Wenn etwas wichtig ist, muss Personal und Geld her. Man könne dafür andere Dinge auch abschaffen – am liebsten die halbe Stadtverwaltung.
Dinger setzt stark auf Prävention in Schulen, Kitas und Bildungseinrichtungen. Rollenbilder, Gendersensibilität und Gewaltprävention müssten früh thematisiert werden.
↑Dr. Ehsan Kangarani von der CDU mit Unterstützung der FDP
Kangarani bringt die Strafverfolgungsperspektive ein. Er hatte als Oberstaatsanwalt mehrere Jahre mit häuslicher Gewalt zu tun und spricht sehr deutlich von zunehmender Gewalt gegen Frauen, jungen Tätern, Femiziden und Frauenverachtung als Motiv. Dagegen helfe nur „Geld, Geld, Geld“ für Hilfsstrukturen, freiwilligen Diensten und Zugängen für Frauen mit Sprachbarrieren. Denn Gewaltprävention gebe es nun mal nicht zum Nulltarif.
Soziales Zentrum,Gesundheitskollektiv und die Verwaltungsbremse
Soziale Initiativen sind meistens schneller, mutiger und und kreativer als jedes Rathaus. Sie haben häufig schon eine Lösung gefunden, während die Stadtverwaltung das Problem noch nicht einmal richtig erfasst hat. Scheitern sie dann an bürokratischen Hürden, ausbleibenden Antworten, fehlenden Schreiben, mangelnder Anerkennung oder in einem undurchdringlichen Zuständigkeitsnebel – wie das #Soziale Zentrum –, verliert am Ende nicht nur die Initiative, sondern auch die ganze Stadt.
Wie gehen die Kandidat:innen künftig mit zivilgesellschaftlichen Initiativen um, die Konzepte, Engagement und niedrigschwellige Angebote mitbringen und sich von der Stadt aber zu oft ausgebremst fühlen?
Kangarani spricht von verlorenem Vertrauen in die Verwaltung. Dabei seinen Quartiers- und Gemeinwohlarbeit überaus wichtig. Anerkennung sei die Mindestvoraussetzung. Wer sich ehrenamtlich oder zivilgesellschaftlich engagiert und immer nur gegen Wände redet, verliere irgendwann nicht nur die Geduld, sondern auch das Vertrauen in die Demokratie.
Dinger nimmt den Vorwurf auf, dass kreative Wege in der Vergangenheit zu selten gegangen worden seien. Er wolle das als Oberbürgermeister anders machen und verweist auf eigene Erfahrungen mit lokalen Kooperationen.
↑Onyeka Oshionwu von Die Grünen
Oshionwu spricht über Gesundheitskioske, kommunale MVZ, Bürgerbudgets und Innovationslabore. Bürger:innen sollen barrierefrei Ideen einbringen können, für die dann Geld bereitgestellt wird, sofern sie Wirkung zeigen – ein Versuch, Beteiligung nicht nur als Gesprächskreis zu denken, sondern mit Budget und Umsetzung zu verbinden.
Goes möchte als Oberbürgermeister der Verbündete von Initiativen sein. Er schlägt eine Beschwerdestelle für schlechtes Verwaltungshandeln vor. Außerdem bringt er ein Vorschlagswesen ins Spiel, bei dem Initiativen Anliegen einbringen können und der Rat sich dazu verhalten muss. Das würde die Logik umdrehen: Nicht Bürger:innen müssen endlos bitten, sondern Politik muss öffentlich begründen, warum sie etwas ablehnt.
Rheinländer wird am grundsätzlichsten. Die kreativen Wege seien längst da. Initiativen hätten fertige Konzepte in der Schublade. Die Bürokratie stehe auf der Bremse. Und dieses Verhindern koste Geld, Vertrauen, Chancen und vernichte häufig ganze Projekte.
Antidiskriminierung: Ein Gesetz hilft nur, wenn man es auch anwenden kann
Das #Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz [AGG] nützt nix, wenn die Betroffenen keine qualifizierte Beratung und Unterstützung bekommen, um es auch anzuwenden. Denn seine Rechte muss man kennen, verstehen und durchsetzen können. Wer diskriminiert wird und allein bleibt, hat theoretisch ein Gesetz und praktisch ein Problem. Wie geht es mit der #Antidiskriminierungsberatungsstelle weiter? Wird ihre Arbeit verstetigt – oder bleibt sie abhängig von Projektförderung?
Kangarani bezeichnet das AGG als möglichen „Papiertiger“, der ursprünglich dazu gedacht gewesen sei, dass Frauen und Männer beim Friseur das gleiche bezahlen. Das Gesetz müsse aktiv angewendet werden, sagt er. Bei der Beratungsstelle sei Verstetigung natürlich die beste Variante, aber dafür brauche es Ratsmehrheiten. Gleichzeitig betont er, dass Antidiskriminierungsberatung faktisch eine Voraussetzung für gerechte Teilhabe ist. Außerdem verweist er auf Menschen mit Migrationshintergrund: Auch das sei Gleichstellung und Teilhabe.
Dinger macht klar, dass Antidiskriminierungsarbeit notwendig sei und sicherte Unterstützung zu. Allerdings blieb er bei der genauen Finanzierungsform vorsichtig – irgendwas zwischen Projektmitteln und Verstetigung.
Oshionwu macht deutlich: Diskriminierung könne sich eine Stadt einfach nicht leisten. Institutionelle Absicherung und zusätzliche Fördergelder müssten zusammen gedacht werden.
Goes warnt davor, im Wahlkampf allen alles zu versprechen. Kommunen könnten ihre finanzielle Austrocknung nicht allein stemmen. Man müsse mit Land und Bund verhandeln. Gleichzeitig stellt er sich grundsätzlich auf die Seite sozialer und kultureller Dienste.
↑Mathias Rheinländer von Die PARTEI
Rheinländer widerspricht der Verschiebung nach oben mit seiner Bürokratiekritik: Göttingen könne selbst einiges tun, etwa durch Digitalisierung, Verwaltungsumbau und den Abbau unnötiger Tätigkeiten in der Stadtverwaltung.
Der nächtlicheHeimweg im Test
Wer den Heimweg plant wie eine Risikoreise mit Pfefferspray in der Hand, wer Haltestellen meidet oder Feiern früher verlässt als ihm:ihr lieb ist, lebt in dieser Stadt nicht unbeschwert. Die Nachtbusse sind weggefallen und nicht nur Frauen meldeten zurück: So geht das nicht! Was wollen die OB-Kandidat:innen unternehmen, damit alle Menschen nachts sicher nach Hause schlendern können?
Oshionwu verweist auf den bei der Stadtverwaltung bereits eingereichten Antrag Göttingen sicher bei Nacht. Sie nennt als Vorbild einen Night Hub, wo man warten kann, das Handy laden, auskatern oder im Notfall Unterstützung bekommen kann. Außerdem befürwortet sie entschieden Frauenruftaxis und die schnelle Wiedereinführung der Nachtbusse.
Dinger stimmt ihr zu und betont, dass der ÖPNV [öffentlicher Personennahverkehr] als Daseinsvorsorge gelten soll, macht aber auch auf die Lage der GöVB-Beschäftigten [Göttinger Verkehrsbetriebe] aufmerksam. Arbeitsbedingungen, Baustellenchaos, Druck, große Fahrzeuge, enge Takte, Krankenstand – all das müsse berücksichtigt werden.
Kangarani erzählt von Gesprächen mit Schüler:innen, deren größte Sorge der Nachhauseweg sei. Er brachte ein geschütztes Bus- oder Flow-Angebot ins Spiel, eine Art Frauenflow oder Angebot für gefährdete Menschen. Dann relativierte er: Auch junge Männer hätten Angst. Also brauche es am Ende sichere Angebote für alle, ohne die besondere Lage von Frauen aus dem Blick zu verlieren.
Rheinländer erinnert an PUK Minicar und genossenschaftliche Strukturen, die man einbinden könne. Mit Taxizuschüssen könnten Fahrten deutlich günstiger gemacht werden, findet er. Und wenn es am Buspersonal hapert, müsse man eben andere Wege suchen, um an welches zu kommen. Die PARTEI hätte übrigens gerade einen Busfahrer nach Göttingen entstand.
Goes visioniert das Taxiwesen grundsätzlich als ein Teil des öffentlichen Nahverkehrs. Er spricht von On-Demand-Shuttle-Systemen und sagt klar: Natürlich ist es auch ein Geldproblem. Wenn der Job bei der GöVB nicht attraktiv genug sei, fehlen Leute, Menschen werden krank, Takte fallen aus.
Wer bringt Frauen an die Macht?
Macht sitzt dort, wo Stellen ausgeschrieben, Menschen beurteilt, Arbeitszeiten geregelt, Karrieren gefördert und Führungspositionen vergeben werden. Eine Verwaltung kann auf dem Papier wunderbar modern aussehen und trotzdem in ihren Routinen alte Nachteile reproduzieren. Besonders dann, wenn Führung immer noch so gedacht wird, als hätte die ideale Führungskraft keine Kinder, keine Pflegeverantwortung, keine Teilzeit und keinen Alltag.
Was wollen die OB-Kandidat:innen konkret tun, damit innerhalb der Stadtverwaltung mehr Frauen in Führungspositionen kommen? Und wie lässt sich verhindern, dass Frauen in Teilzeit, nach Elternzeit oder durch alte Beurteilungsmuster weiterhin ausgebremst werden?
Oshionwu setzt hier auf Vorbild, Qualifizierung und proaktive Ansprache. Ihre wissenschaftlich belegte These: Frauen bewerben sich oft nicht, wenn sie nicht alle Kriterien erfüllen. Männer hingegen turnen mit viel Selbstbewusstsein über ihre Lücken hinweg. Für Onyeka heißt das: Frauen müssen gezielt angesprochen, ermutigt und gefördert werden.
Kangarani macht es, „ein bisschen technisch“. Er spricht über Beurteilungswesen, Elternzeit, Teilzeit, fiktive Nachzeichnung und mögliche Benachteiligungen im Beamten- und Tarifbereich. Das klingt zwar nach Verwaltungsvokabular mit Einschlafgarantie, ist aber hochpolitisch. Denn Karrieren scheitern nicht immer an offener Diskriminierung. Manchmal scheitern sie an vermeintlich neutralen Bewertungsmechanismen, die die Lebensrealität von Frauen schlechter abbilden.
Dinger setzt den Hebel bei der Teilzeitfähigkeit von Führungspositionen an. Führung dürfe nicht automatisch Vollzeit plus ständige Verfügbarkeit bedeuten. Aus seiner eigenen beruflichen Praxis verwies er darauf, dass Führungsaufgaben anders organisiert werden können, wenn man es wirklich will.
Goes fordert transparente Auswahlverfahren und weistauf männerbündische Strukturen hin. Zudem zieht er die Verbindung zur Kinderbetreuung: Wer Frauen in Führung will, muss auch die Bedingungen schaffen, unter denen Frauen ihren Beruf ausüben können.
Rheinländer kommt nicht aus dem öffentlichen Dienst und macht daraus kein Geheimnis. Er verweist auf seine Erfahrung in einem kollektiv geführten Betrieb, wo mehrheitlich Frauen die Verantwortung tragen, was sehr gut sei. Wer Personalentscheidungen trifft, müsse sich eben richtig entscheiden.
Quote, Aufsichtsräte und die Erkenntnis, dass die CDU unsexy ist
In den Aufsichtsräten städtischer Betriebe sitzen deutlich zu wenige Frauen. Dabei ist die städtische Beteiligung kein dekorativer Nebenschauplatz. Dort wird mitentschieden, wie öffentliche Unternehmen arbeiten, investieren, wirtschaften und Verantwortung übernehmen. Wenn dort überwiegend Männer sitzen, bestimmen sie die politische Kultur. Welche Stellschrauben gibt es, damit sich das ändert?
Florian Dinger spricht von Kulturwandel, Netzwerken, Familienfreundlichkeit, Betreuung und Wohnen als Standortfaktoren. Er sagt nicht: Der Oberbürgermeister könne alles „weghexen“. Aber das Rathaus könne Kultur prägen und Vorbild sein.
Onyeka Oshionwu, die selbst im Aufsichtsrat der Göttinger Stadtwerke sitzt, betont Schulung, Vorbereitung und Empowerment. Wer in einen Aufsichtsrat geht, müsse wissen, was die Aufgabe bedeutet, aber auch, dass man nicht allein ist. Außerdem müssten sich Parteien fragen, wen sie in solche Gremien entsenden.
Ehsan Kangarani bekennt sich erstaunlich klar zur Quote. Er wolle prüfen, ob Satzungen so geändert werden können, dass städtische Aufsichtsräte paritätisch besetzt werden. Und er sagt sinngemäß: Die Leistung ist da, nur die Durchsetzung fehlt. Die Quote brauche es.
Mathias Rheinländer wundert sich, dass die Umsetzung von Quoten plötzlich so einfach erscheint und fällt fast vom Glauben ab, dass ausgerechnet die CDU-Seite so viel Quotenfreundlichkeit an den Tag legt.
Kangarani korrigiert prompt: „Nee, von mir wird das gefordert.“ Gewählt werde ja der Oberbürgermeister, nicht die Partei.
Das ist einer dieser Sätze, die man sich hübsch ausdrucken und nach der Wahl im Rathausflur laminieren könnte. Noch schöner wurde es, als Kangarani später über die eigene Partei sprach. Bei der CDU fänden sich schlicht wenige Frauen, die kandidieren wollten, sagte er – weil die CDU einfach „total unsexy“ sei. Das war sehr lustig. Aber es war auch entlarvend. Denn wenn eine Partei für viele Frauen unsexy ist, reicht es nicht, irgendwo ein paar Frauen auf Listen zu setzen. Dann muss man, wie es Kangarani mit dieser Äußerung versucht, an die politische Kultur ran. An Sprache, Auftreten, Netzwerke, Themen, Machtverteilung und die Frage, wer sich willkommen fühlt – und wer eher denkt: Och nö, dann doch lieber Wurzelbehandlung.
Thomas Goes setzt in dieser Runde einen wichtigen Kontrapunkt und sagt sinngemäß: Ja, Frauen in Führung sind wichtig. Aber wenn er über Frauen und Erwerbsarbeit nachdenke, denke er zuerst an seine alleinerziehende Mutter, an Frauen in prekären Jobs, in Gastro, UMG-nahen Bereichen, Klinikservice, Reinigung, Küche, schlecht bezahlter Arbeit. Damit zieht er die Debatte nach unten – dorthin, wo Gleichstellung nicht im Aufsichtsrat beginnt, sondern beim Lohnzettel.
Frauengesundheit:Der weibliche Körper darf nicht längerignoriert zu werden
Frauengesundheit kommt im Wahlkampf nur selten vor, obwohl sie Leben prägt. PCOS, Endometriose, ME/CFS, psychische Folgen von Gewalt, fehlende Therapieplätze, gynäkologische Unterversorgung, Hormonmedizin, Brustkrebsaufklärung – all das ist nicht privat im Sinne von politisch egal. Es ist privat im Sinne von: Es trifft Körper, Biografien, Arbeit, Familien, Beziehungen und Lebensqualität. Eine Frau aus dem Publikum spricht über PCOS, fehlende Forschung, Endokrinologie, Gewaltfolgen, Psychotherapie und Versorgungslücken. Was kann eine Stadt wie Göttingen tun – gerade als Universitätsstadt?
Kangarani zieht ME/CFS als weiteres Beispiel heran und spricht darüber, dass Frauen mit Erkrankungen noch immer nicht ernst genommen werden. Er erzählt von einer Frau, die im Rollstuhl sitzt und von einem männlichen Behördenleiter sinngemäß zu hören bekam, er habe auch mal schlechte Tage. Das ist genau die Sorte Satz, die zeigt, wie medizinische und gesellschaftliche Abwertung zusammenarbeiten. Außerdem beklagt er lange Psychotherapie-Wartelisten. Eine Stadt könne nicht einfach Kassensitze schaffen, aber sie könne Bedingungen für Niederlassungen, Räume und Angebote beeinflussen.
Goes wirbt ausdrücklich für das Soziale Zentrum. Er nennt den unterbesetzten sozialpsychiatrischen Dienst, stärkere Netzwerke, gynäkologische Grundversorgung in Stadtteilen und Frauengesundheitszentren. Hier wird er konkret in Richtung kommunaler Struktur: Wenn Stadtteile keine Versorgung haben, müsse man über Satellitenlösungen nachdenken.
Oshionwu bleibt ebenfalls realistisch. Die Stadt könne keine Kassensitze schaffen, aber bestehende Praxen bei Außenstellen unterstützen, Mieten mitdenken, Gesundheitskampagnen fördern und die therapeutische Frauenberatung stärken. Sie nennt auch Brustkrebsaufklärung und die Frage, wie gut Menschen über Risiken wie Brustdichte informiert sind.
Dinger nimmt den Faden Gesundheit von der Arbeitsseite auf. Welche Belastungsfaktoren machen Menschen krank? Wie kann eine Stadt als Arbeitgeberin frühzeitig hinschauen? Nicht jede Krankheit entsteht am Arbeitsplatz, aber Arbeitsbedingungen können Gesundheit massiv beeinflussen.
Rheinländer betont, eine Stadtspitze müsse auch dort Druck machen, wo sie formal nicht allein entscheiden kann. Bei medizinischer Versorgung ebenso wie bei anderen Formen der Daseinsvorsorge.
Das Geld: Wo landet Gleichstellung im Haushalt?
Wie sich auch bei dieser Diskussion zeigte, finden im Wahlkampf Gleichstellung natürlich fast alle gut. Doch später zeigt sich im Haushalt, wer es wirklich ernst meint. Denn Gleichstellung kostet Geld – nicht immer viel. Manchmal kostet sie vor allem Wille, Zuständigkeit und Tempo, aber oft eben auch Personal, Räume, Beratungsstellen, Dolmetschung, Busse, Kita-Zeiten, Prävention, Frauenhausplätze und Gesundheitsangebote. Wer Gleichstellung will, muss irgendwann den Stadtsäckel aufmachen. Wenn alle um Förderung bangen und alle Ideen Geld brauchen: Welche Top-3-Themen würden die Kandidat*innen zuerst finanzieren?
Rheinländer antwortet am konkretesten: Queeres Zentrum, AIDS-Hilfe und Soziales Zentrum. Diese drei stünden bei Der PARTEI weit oben. Er spricht von radikaler Umschichtung der Stadtfinanzen und davon, über den Stadtrat weiter zu sticheln und zu stacheln.
Kangarani verweigert die schnelle Projektliste. Es sei unredlich, drei Projekte herauszugreifen, solange unklar sei, wie viel Geld im kommenden Haushalt zur Verfügung stehe. Erst müsse ein stabiler Haushalt 2027 her. Gleichzeitig sagt er, an freiwilligen Leistungen solle möglichst gar nicht gekürzt werden, weil die meisten Einrichtungen schon jetzt ums Überleben kämpfen.
Oshionwu setzt an anderer Stelle an: zentrales Fördermittelmanagement, schnellere Teilhabeleistungen und Systeme, die langfristig Geld sparen oder einbringen. Ihr Beispiel für Verwaltungstempo: Nachhilfeanträge über Bildungs- und Teilhabeleistungen dürfen nicht vier Monate dauern, wenn andere Städte das in zwei Wochen schaffen. Das ist kein kleines Verwaltungsthema. Das entscheidet über Bildungschancen.
Dinger nimmt die Frage als Gedankenexperiment und nennt Bildung, Prävention, Kita-Ausbau, Wohnen und eine Sporthalle im Westen. Nicht alles davon ist eng gleichstellungspolitisch, aber alles beeinflusst Lebensqualität, Familienalltag und Teilhabe.
Goes warnt vor der Kürzungslogik. Man könne sich im Wahlkampf nicht überall hinstellen, alles wichtig finden und dann nach der Wahl sagen, leider sei kein Geld da. Mit ihm solle es die möglichen Kürzungen nicht geben. Das Haushaltsdefizit lasse sich nicht durch Sparen wegsanieren. Es brauche Verhandlungen mit dem Land, Schuldenschnitt und letztlich bundespolitische Lösungen.
Wir erinnern uns
Diese Podiums-Diskussion vom Gleichstellungsbüro und Frauen Forum war kein Schlussstrich. Sie war ein grandioser Auftakt. Ein öffentlicher Zettel an der Rathauswand: Das wurde gesagt. Dies wurde versprochen. Jenes wurde in Aussicht gestellt. Was wurde elegant offengelassen?
Wer Oberbürgermeister:in werden will, übernimmt nicht nur ein Amt. Sondern auch die Verantwortung für unsere schöne Stadt, in der Menschen nachts sicher nach Hause kommen wollen, Kinder verlässliche Betreuung bekommen und Beratungsstellen nicht jährlich um Fördermittel betteln müssen, damit sie weiterhin weiterhelfen dürfen. Eine Stadt, inder Alleinerziehendsein kein Armutszeugnis ist, in der kranke Frauen ernst genommen werden, Mädchen ohne Angst aufwachsen können und zivilgesellschaftliche Initiativen nicht als lästige Sonderwünsche behandelt werden.
Nach der OB-Wahl am 13. September 2026 zeigt sich dann, was dieser Nachmittag der vielen Worte wert war. VONWEGEN hat zugehört. Und wir werden uns erinnern.
↑Illustration: Fräulein Freud mit freundlicher Unterstützung von ChatGPT
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