Aus den Tagebüchern einer rasenden Reporterin #2

#Tagebücher #Lokales #Magazin #ÜberUns #Seelenleben 

Manche Menschen bezeichnen das Nikolaiviertel in der Göttinger Fußgänger­zone als Kunstquartier, andere nennen es den Niki-Kiez. Für den VONWEGEN-Verlag ist es sein neues Zuhause – ein magischer Ort inmitten der Mitte und gleichzeitig ganz weit vorn. Wie wir dort gelandet sind und was danach geschah, erfahrt Ihr hier und jetzt aus den geheimen Tagebüchern einer rasenden Reporterin.  

[Text: Vanessa Pegel | Fotos: Marlin Helene]

Während die rasende Reporterin Vanessa immer noch daran glaubt, dass unser verschwundenes VONWEGEN-Schild wie durch ein Wunder wieder zu uns zurückkommt, befindet sich die illustrierende Autorin Charlotte mittlerweile bereits im Agro-Modus ...

 

Was bisher geschah … wurde bereits ausführlich offenbart – zu finden hier. 

 

Unzensierte Auszüge aus den geheimen Tagebüchern einer rasenden Reporterin, Mai 2021

[...] Auch wenn mittlerweile so einige Läden in der Fußgängerzone leer stehen, scheint vielen Immobilienbesitzer*innen die gähnende Leere lieber zu sein, als sie kurzfristig mit kulturellem Leben zu füllen, um sie für neue Intessent*innen attraktiver zu machen. Heute scheiterten wir schon daran, dem Eigentümer vom ehemaligen Cocktail-Corner an der Ecke Hospitalstraße/Kurze Straße das Konzept der kulturellen Zwischennutzung auch nur ansatzweise begreiflich zu machen. Stattdessen erreichten wir einen neuen Höhepunkt in Sachen utopische Mietpreisvorstellungen. So kamen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als uns der Besitzer vom Cocktail-Corner darüber aufklärte, dass er 800 Euro Miete für dieses schon seit Jahren ungenutzt vor sich hin dümpelnde, ca. vier Quadratmeter winzige Kabuff einzustreichen gedachte. […]

 

[…] Nach der epochalen gestrigen Erfahrung hatte unser Plan mit der Pop-up-Redaktion weiteren Fahrtwind verloren. Während ich mich schon vor meinem geistigen Auge auf dem Sofa in unserer Küche an unserer 26. Magazin-Ausgabe herumschrauben sah, kam Charlotte auf die geniale Idee, einfach mal ein bisschen bei WG-Gesucht herumzustöbern. Dort entdeckte sie sogleich den Traum unserer schlaflosen Nächte: eine schnuckelige Atelierwohnung im Erdgeschoss eines zauberhaften Fachwerkhaus inmitten des Nikolaikirchhofs zu einem ziemlich moderaten Preis. Charlotte griff sofort zum Telefon und siehe da: Wunder geschehen immer wieder! Nicht nur wir waren sofort Feuer und Flamme für dieses 22 Quadratmeter große Kleinod im schönsten Viertel der Stadt, die resolute Vermieterin begeisterte sich auch ziemlich schnell für uns, die zwei kleinen Frauen mit den großen Plänen. Übermorgen haben wir den Besichtigungstermin, doch in Gedanken sind wir schon eingezogen. [...]

 

[...] Wir kamen, sahen und besiegelten unverzüglich den Mietvertrag. Scheiß auf kulturelle Zwischennutzung, Pop-up-Redaktion und den ganzen Firlefanz mit diesen Immobilien-Heinis! Glücklicherweise gibt es auch noch seelenvolle Hausbesitzer*innen wie unsere neue Vermieterin, die sich darüber freut, dass wir nun kommen, um zu bleiben. [...]

 

Juni 2021

[...] Nachdem ich aufgrund der coronalen Vereinsamung schon fast vergessen hatte, wie gut es sich anfühlt, netten Menschen zu begegnen und mit ihnen zu reden, wird es mir nun dank unserer offenen Fenster zum Nikolaikirchhof ständig vor Augen geführt. So lernte ich zum Beispiel den Hubert persönlich kennen, der immer im Roten Buchladen seine Bücher kauft und uns in der Vergangenheit bereits so manchen Leserbrief geschrieben hat. Seither kommt er fast täglich zu einem inspirierenden Fenstertalk bei uns vorbei. Außerdem geht mir regelmäßig das Herz auf, wenn uns der Axel auf seinem Nachhauseweg gute Unterhaltung und Flutschfinger serviert, oder wenn Christa vom Quick mit ihrem Hackenporsche zum Einkaufen unterwegs ist und ein kleines Plausch-Päuschen bei uns einlegt. Seit ihrem 16. Lebensjahr steht diese „Ikone der Göttinger Kneipenszene“, wie unsere Autorin Jana sie vollkommen zurecht bezeichnet, schon hinter der Theke in ihrem Quick. Heute entzückte sie mich mal wieder, als sie mir offenbarte, dass sie noch nie in ihrem ganzen Leben so richtig betrunken gewesen sei – außer einmal fast, aber da war sie im Urlaub und es hatte mit Cocktails zu tun. Seit sage und schreibe 63 Jahren hat Christa für jeden Gast ein offenes Ohr und in der Not auch eine Zigarette, obwohl sie sich das Rauchen mittlereile so gut wie abgewöhnt hat. „Ich bin von Kopf bis Fuß lädiert“, stellte sie neulich stirnrunzelnd fest und fügte mit sichtlicher Zufriedenheit hinzu: „Aber ich schließe trotzdem jeden Tag mein Lokal auf und zu, und meistens bin ich die Letzte in der Straße, die das Licht ausknipst, weil ich mir mein Leben gar nicht anders vorstellen kann.“ Man muss diese Frau einfach lieben. Es geht nicht anders. [...]

↑ Wer dieses zauberhafte Wesen noch nicht kennt, hat gründlich was verpasst. Denn Christa ist das Herz und die Seele vom Niki-Kiez. Seit 63 Jahren trifft man sie mittags beim Zeitunglesen und abends hinterm Tresen in ihrem geliebten Quick

 

Juli 2021

[...] Nach einem super chilligen Geburtstags-Wochenende am Meer erwartete mich heute Morgen eine schöne Bescherung vor unserem Büro. Als ich das von Roman liebevoll mit Geschenkpapier verhüllte, knallorange Wunderwerk eines VONWEGEN-Schilds enthüllt hatte, fühlte ich eine Art radikale Freude in mir aufsteigen. Natürlich hatte er es im typischen Roman-Style [mehr davon in seiner selbst designten Eisdiele Smiles in der Nikolaistraße] nicht etwa gerade, sondern schräg an der Hauswand festgemeißelt. Doch seine Begründung, dass für den VONWEGEN-Verlag ein bisschen schräg ja wohl total recht sei, überzeugte mich geradewegs. [...]

 

[...] Als Charlotte und ich heute Morgen um kurz vor 12 Uhr an der Nikolaikirche in der Sonne saßen und Kaffee schlürften, überraschte uns die charmante Steffi aus dem liebevollen Café Birds mit zwei Gläsern Rosen-Sekt [mit echten Rosenblüten!], um uns im Niki-Kiez willkommen zu heißen. Davon waren wir total entzückt und kurz darauf leicht beschwipst. Also schlenderten wir erst mal zum Shawama, um bei Manuel leckere Makali und Falafel zu schnabulieren und dann träge-satt ins Weltladencafé nebenan, wo ich den Hafercino so gerne mag, und Renate, die herzensgute Granate. Nachdem wir ein bisschen über das geplante Niki-Kiez-Straßenfest und das Konzept des sexistischen Feminismus geplaudert hatten, tranken wir aus Solidarität ein Soli-Bier und lugten durch die Fenster vom neuen Literaturhaus schräg gegenüber, bevor wir uns das schöne ZeitZeug-Schaufenster nochmal ansahen und die furiose Charlie trafen ... So ging es dann weiter und führte dazu, dass dieser Tag zuende ging, bevor wir mit der Arbeit anfingen. Das war natürlich Steffis Schuld, wofür wir ihr herzlich danken. [...]

 

↑ Hier seht Ihr zwar nicht Renate, die Granate, aber ebenfalls zwei wundervolle Menschen vom Weltladencafé, wo es übrigens schon seit über 40 Jahren fair produzierten Kaffee, Seife und Geschenkartikel gibt. Cara und Tobi vom Weltladencafé schätzen am Niki-Kiez besonders das solidarische, nachbarschaftliche miteinander und damit sind sie nicht allein. 

 

[...] Gestern erläuterte mir unsere super sweete Autorin Jana, die aus guten Gründen schon seit Jahren in der Nikolai-straße lebt und liebt, ihre ultimative Theorie über die Niki-Kiez-Geographie und die ging so: „Wenn man Europa vom All aus betrachtet, dann könnte man sagen, dass Deutschland so ziemlich in der Mitte liegt. In der Mitte von Deutschland befindet sich bekanntlich Göttingen und in der Mitte von Göttingen ist die Nikolaistraße verortet. Demzufolge liegt der Niki-Kiez also in der Mitte von Europa. Soweit alles klar, oder?“ Zuerst lachte ich und dann dachte ich, dass sich inmitten der Mitte die Energie bestimmt besonders zusammenballt. [...]

 

[...] Letztens las ich ein spannendes Interview mit Gerd Steidl im Handelsblatt, wo er seine Vision von einer lebenswerten Innenstadt in den schillerndsten Farben ausmalte. Sein Bild gefiel mir ziemlich gut. Gestern flanierte er weiß bekittelt und wahrscheinlich über sein Kunstquartier referierend mit seiner Gefolgschaft direkt an unserem Büro vorbei, wo ich mit Martin von ZeitZeug stand und einen Kaffee trank. Ich hätte Herrn Steidl gerne nachbarschaftlich zugewunken, obwohl er mich schon seit Jahren wegen eines Interviews vertröstet, aber leider hatte er keine Augen für uns. „Wie immer“, seufzte Martin und dann kam ihm in den Sinn, dass er ja gerade eine kecke KuQua--versus-Niki-Kiez-Ausstellung in seinem ZeitZeug-Schaufenster installiert hatte, was ihn kurz nervös werden ließ. Doch die hat Steidl bestimmt auch nicht gesehen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätten wir keinen Platz in seinem Bild. Vielleicht braucht er aber auch einfach bloß eine neue Brille, um in seinem Kunstquartier auch mal den Niki-Kiez zu sehen. [...]

 

↑ Selbst wenn Martin froh ist, dass er seine Nächte nicht im gerne auch mal zur Partymeile mutierenden Niki-Kiez verbringen muss, weiß er die schöne Atmosphäre und die nette Nachbarschaft am Tag doch sehr zu schätzen. Seit 17 Jahren findet man in seinem Laden ZeitZeug besondere Antiquitäten, liebevolles Retro-Gedöns, kunstvolle, von Martin selbst gezeichnete, Postkarten und furiose Schaufensterdekorationen.

 

Wenn Ihr nun darauf brennt, noch mehr über das Leben und Lieben und die Menschen im Niki-Kiez aka Kunstquartier zu erfahren, dann schaut Euch die nachfolgenden Fotos an oder taucht am besten mal persönlich dort auf und ab. Spätestens anlässlich des Niki-Kiez-Straßenfests, das Renate, die Granate vom Weltladencafé, initiiert hat, weshalb es natürlich gleich eine ganze Woche lang zelebriert wird  – nämlich vom 27.09. bis zum 03.10. Derzeitig befindet sich die Festivität noch in der heißen Planungsphase. Christa vom Quick plant ein Konzert, der Rote Buchladen liebäugelt mit Lesungen, das Kulturkollektiv Disco Flausch will Musik auflegen und der VONWEGEN-Verlag träumt von einer Fotoaustellung mit den anlogen Bildern, die Marlin Helene von den Menschen im Niki-Kiez geknipst hat, und von anderen Sachen, die Freude machen. Mehr erfahrt Ihr as soon as possible auf dieser Webseite und bei Instagram@vonwegenverlag.

 

↑ Falls Ihr Euch schon mal gefragt habt, wo die rasende Reporterin ihre heißen fummel herkriegt, dann ist Renés Laden Big Lebowski in Kombination mit Nadines Scannerblick in Sachen die richtige Hose für jeden Arsch definitiv ganz vorne mit dabei. 

 

 

↑ Auch der Klaus vom Buchladen Rote Straße – selbiger befindet sich übrigens trotz seines Namens schon seit 1996 am Nikolaikirchhof – weiß das Gemeinschaftsgefühl am Niki-Kiez ganz besonders zu schätzen und freut sich, wenn er seine Nachbar*innen nach Feierabend im Quick trifft.

 

↑ In der Wäscherei Heißmangel kümmert sich Frieda Kaser aus Moringen im stolzen alter von 85 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann seit über 13 Jahren darum, dass die schmutzige Wäsche der Stadtbewohner*innen wieder sauber und ordentlich wird. 

 

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