Skate or die

#Sport #Gleichberechtigung #Lokales

Warum trauen sich eigentlich so wenige Frauen auf’s Board, fragte sich unsere Autorin und Fotografin Marlin, die selbst so eine ist, die gerne skaten würde, aber nicht wagt, es zu probieren. 

[Text & Fotos: Marlin Helene]

Draußen regnet es. Ich liege mit meinem Laptop auf dem Sofa und schaue mir mal wieder die berühmten Bilder von Jonathan Rentschler im LOVE Park und Skate-Videos auf YouTube und Instagram-Streams von talentierten Skater*innen an. Attraktiven Menschen in coolen Klamotten bei entspannter Musik dabei zuzugucken, wie sie scheinbar total easy krasse Tricks auf ihren Boards performen und sich dabei alle gegenseitig feiern, ist eindeutig eine unterschätzte Freizeitbeschäftigung. Damit kann ich Stunden verbringen. Während die ausgestrahlte Leidenschaft für diesen Sport und den dazugehörigen Lifestyle auf mich abfärbt, kommt draußen plötzlich wieder die Sonne raus. Ob das ein Zeichen ist? Ich beschließe, dass nun die Zeit für mich gekommen ist, in, die Göttinger Skaterszene einzutauchen, und schnappe mir kurzerhand meine Kamera.

Skater*innen sind auch nur Menschen

Leichter gedacht als gemacht, denn diese Subkultur hat in der Realität eine fast schon einschüchternde Wirkung auf mich. Viel zu cool und in sich geschlossen wirken auf mich die Skatecommunities, die sich an den Göttinger Skatespots versammeln. Liegt das an mir oder an den Skater*innen? Auch wenn ich eigentlich alles andere als schüchtern bin, fällt es mir schwer, an eine Gruppe heranzutreten, mit der ich auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeit habe. „Dass die Skaterszene verschlossen oder arrogant auf Menschen wirken kann, ist, glaube ich, eine Schutzhaltung als Reaktion auf das schlechte Feedback der Allgemeinheit“, meint Michi [33], ein Göttinger Skater-Urgestein, mit dem ich dann doch ziemlich schnell ins Gespräch komme. Als Fahrradfahrer*in habe man es in Göttingen teilweise schon echt nicht leicht und als Streetskater erst recht nicht. So wurde ihm schon oft und eingängig von Passant*innen mitgeteilt, dass er mit seinem Board stört. Weil mein Interesse seitens der Skater positiv und freundlich erwidert wird, lösen sich meine stereotypischen Vorstellungen ziemlich schnell in Wohlgefallen auf und ich versuche, verschiedene Untergruppierungen dieser Subkultur auszumachen. „Jeder Mensch ist individuell – also auch jede*r Skater*in“, sagt Antonio [21]. Die einen achten mehr auf Style und Skate­marken, die anderen machen sich das Board aus sportlichem Interesse zum Untertan. Auch, dass alle HipHop hören und Sprayen gehen, ist ein Klischee und politisches Interesse muss man auf den Skateplatz ebenfalls nicht zwangsläufig mitbringen. „Die meisten Skater sind allerdings eher links“, fügt Antonio hinzu. Aber egal, aus welcher Motivation und mit welchen Klamottenmarken man Skaten geht – das, was alle gemeinsam haben, ist die Leidenschaft für diesen Sport, die so sehr verbindet, dass alles andere nebensächlich wird. „Es ist wie eine eigene Philosophie“, sagt Michi. „Skater sehen die gleichen Spots und fühlen diese besondere Atmosphäre beim Skaten zusammen. Das ist kaum zu beschreiben, fast magisch.“

Und wo sind die Girls?

Aber wenn alle so offen, tolerant und supportive sind, woran liegt es dann, dass ich kaum Frauen auf Boards sehe und mich auch selbst nicht traue, auf eins zu steigen? Gibt es da eine unsichtbare Mauer, über die man als Mädchen erstmal drüber springen muss? Das frage ich Schnegge, die mir im Skatepark über den Weg rollt. „Es ist für alle geil, wenn neue Skater*innen dazukommen. Die Hürde, damit anzufangen, lag eher in mir selbst, weil ich wusste, dass so viele zuschauen würden“, sagt die 22-Jährige, die erst vor zwei Monaten den Sprung auf’s Board gewagt hat und sich mittlerweile im Skatepark schon wie zuhause fühlt. Für sie ist die Community wie eine Familie. Dass nur so wenig Frauen skaten, läge wahrscheinlich auch an der Angst vor Verletzungen, vermutet sie. Die 23-jährige Sabrina hat jahrelang in München und diversen anderen europäischen Städten geskatet und erzählt mir, dass eine seltsame Art von Sexismus aufkam, nachdem sie besser wurde als die meisten männlichen Skater auf dem Platz. Denn plötzlich wurde mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen. Aussagen wie „für ein Mädchen skatet sie echt gut“ oder „sie skatet fast so gut wie ein Typ“ sind vielleicht nett gemeint, aber nerven eben auch irgendwie extrem. In Städten wie Barcelona, in denen Frauen auf Boards sehr etabliert seien, würde sich das keiner erlauben, sagt Sabrina und empfiehlt zu diesem Thema den Film Skate Kitchen, der die wahre Geschichte einer Girl-Skate-Crew aus den USA erzählt. Hier in Göttingen scheint Sexismus kein Problem zu sein, auch wenn nur eine Handvoll Skaterinnen regelmäßig im Skatepark anzutreffen sind. „Ich freue mich immer über jede*n, der*die hier fährt, egal ob Mann oder Frau“, betont Antonio. 

Skater*innen und ihr Wohnzimmer

In eine große Krise gerieten die Skater*innen vor ein paar Jahren, als der Platz vor dem Neuen Rathaus umgestaltet wurde. Denn dieser Ort war bis dahin das Wohnzimmer der Göttinger Skaterszene, bis es 2015/16 zu den Umbaumaßnahmen kam und die meisten Hindernisse für Tricks entfernt worden sind. Daran konnte auch der monatelange politische Protest einer kleiner Skatergruppe rund um den international bekannten Göttinger Skater Jan Kliewer nichts ändern. Doch die Lords of the Boards gaben nicht auf, sammelten 1.000 Unterschriften, ernteten deutschlandweit Aufmerksamkeit und konnten schließlich den Geschäftsführer der Göttinger Sport und Freizeit GmbH [GoeSF], Alexander Frey, von der Idee begeistern, den Skater*innen am Schützenplatz ein neues, noch viel schöneres Wohnzimmer zu bauen. „Ich skate seit acht Jahren, aber seit der Park da ist, fahre ich viel öfter. Vorher gab es einfach nicht so gute Möglichkeiten in Göttingen“, sagt Antonio. Dank des Parks sei die Skaterszene in Göttingen auch wieder deutlich größer geworden. 

Ab auf’s Brett …

… oder auch nicht. Obwohl ich mich mittlerweile intensiv mit dem Thema beschäftigt habe und jede Menge Gelegenheiten gehabt hätte, das Skaten endlich mal auszuprobieren, stand ich tatsächlich immer noch nicht auf einem Board. Vielleicht ist auch das ein Zeichen. Möglicherweise ist Skaten einfach ein Level zu hoch für mich und ich würde sterben. Deshalb vergnüge ich mich doch lieber damit, die Lords of the Boards zu fotografieren.

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 12. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Juli 2018.

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