Aus dem Tagebuch einer reisenden Reporterin

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Wenn Vanessa mit ihrem Van durch die Republik tuckert, dauert es meist nicht lange, bis das Schicksal die Regie übernimmt. Zwischen Campingplatz, Küstenwind und kuriosen Begegnungen sammelt die rasende Reporterin Geschichten, die das Leben schreibt. Nebenbei erfährst Du natürlich auch noch allerlei Unvorhergesehenes über die Orte, an denen sie strandet – dieses Mal: Grömitz an der Ostsee.

Von Vanessa Pegel (Text & Fotos)

Tag 1: Keilriemen, Krisenmanagement und Kontaktförderung

Mein Plan lautet wie folgt: Mit meinem Van Steffi an die Ostsee fahren und dort das nächste VONWEGEN-Magazin liebestoll vollenden. Zwischendurch ein bisschen am Strand spazieren und aufs Meer schauen. Eine sogenannte Workation. Also Arbeit mit Aussicht. 

Ich will um elf Uhr in Göttingen Richtung Grömitz losfahren. Um halb zwölf sitze ich tatsächlich im Auto. Für meine Verhältnisse ist das bereits eine organisatorische Meisterleistung von olympischem Format. Anfangs läuft auch alles hervorragend. Nur dieses seltsame Quietschen macht mich ein bisschen nervös. Irgendwo in Steffis Innerem scheint etwas seinen Unmut kundzutun. Ich beschließe, die Sache aufmerksam zu beobachten und gleichzeitig irgendwie zu verdrängen. Eine Strategie, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht.

Kurz darauf wird die A7 nach einem Unfall gesperrt. Google Maps reagiert schnell und schickt mich über eine Umleitung. Leider erinnert sich die App dann auch plötzlich an meine letzte Einstellung, nach der ich Autobahnen offenbar grundsätzlich ablehne. Was dazu führt, dass ich zunächst eine ausgedehnte Pilgerreise durch die Provinz absolviere. Als mein Handy schließlich verkündet, ich bräuchte noch sechs Stunden bis Grömitz, werde ich misstrauisch. Zu Recht.

Nachdem ich die Autobahnvermeidungsstrategie beendet habe, geht es deutlich schneller voran. Und das komische Quietschen ist auch weg, worüber ich mich sehr freue. Doch bei meinem standardmäßigen Blick auf Steffis Temperaturanzeige, werde ich bald darauf stutzig. Stets darauf bedacht, dass wir nicht zu heiß laufen, stelle ich nun fest, dass Steffi laut Instrumententafel so kalt ist wie das Herz der meisten Finanzbeamten. Sollte ich vielleicht lieber mal anhalten und irgendwie herausfinden, was da los ist? Allerdings würde mir das wahrscheinlich eh keine Erkenntnisse bescheren und außerdem trennen mich von meinem Ziel mittlerweile nur noch 55 Kilometer, also fahre ich stoisch weiter.

Spoileralarm: Im Nachhinein betrachtet war das auf jeden Fall die richtige Entscheidung, denn die Katastrophe hatte ohnehin bereits begonnen und nimmt so einen viel erträglicheren Verlauf.

Als ich im Campingparadies Neumann vorfahre, werde ich herzlich in Empfang genommen. Freundliche Menschen, gute Stimmung, idyllische Umgebung, feinste Ostseeluft. Doch als ich meinen Stellplatz in der Floddergasse 4 einnehmen will, beschließt Steffi, ihren Dienst einzustellen. Einfach so. Kein Röcheln. Kein letztes Aufbäumen. Nichts. Während ich noch versuche zu begreifen, warum mein frisch getüvter, 33 Jahre alter und heiß geliebter Van plötzlich keinen Muchs mehr macht, werden Steffi und ich schon vom netten Platzwart und einem weiteren hilfsbereiten Herrn mit vereinter stahlharter Körperkraft bis in die Floddergasse 4 geschoben. Herzlichen Dank nochmal an dieser Stelle! Auch für diesen Straßennamen, denn allein deswegen hat sich die Reise übrigens schon gelohnt.

Schnell wie ein geölter Blitz erscheint Martin vom ADAC. Beziehungsweise Matthias, auch wenn ich ihn leider mehrfach Martin nenne. Matthias ist einer dieser Menschen, die in einen Motorenraum blicken und sofort Bescheid wissen. „Keilriemen weg“, sagt er. Einfach weg. Als hätte ihn unterwegs jemand gemopst. Siedend heiß wird mir klar, warum das Quietschen in Wirklichkeit aufgehört hatte: Es war nicht das Problem, das verschwunden war, sondern der Keilriemen. „Kann man das nicht mit einer Strumpfhose reparieren?“, frage ich Matthias mit nicht vorhandener Hoffnung. „So alt ist dein Auto nun auch wieder nicht“, sagt er und winkt ab.

Nachdem Matthias die Diagnose gestellt und einen Reparatur-Plan entwickelt hat, zudem ich später noch kommen werde, verlässt er mich mit den Worten: „Wenn ich morgen nicht in den Urlaub fahren würde, könnte ich dir auch anders helfen.“ Erst als er schon weg ist, frage ich mich, wie das wohl gemeint war und ziehe los Richtung Strand, um mein Schicksal zu verarbeiten.

Der Weg zum Strand ist glücklicherweise nicht sehr lang. 

Statt in Selbstmitleid zu verfallen, was ich sehr gut kann, schalte ich in den Krisenmanagement-Modus, der ausnahmsweise hervorragend funktioniert. Dort stelle ich fest, wieviel Glück ich hatte, dass ich überhaupt noch mit letzter Kraft im Campingparadies angekommen bin, und dass ein verlustig gegangener Keilriemen erstaunlich kontaktfördernd wirkt. Innerhalb einer Stunde lernte ich mehr nette Leute kennen als andere Menschen in einem ganzen Monat.

Mal abgesehen von den freundlichen Campingplatzbetreiber-Ehepaar und dem netten Steffi-Schieber, ist da Andy aus der Floddergasse 1 mit seinem geilen Concorde-Wohnmobil, das genauso alt ist wie Steffi und dessen Schaltgetriebe nur noch sporadisch funktioniert. Warum Matthias vom ADAC ihn einfach stehen ließ, ohne in den Rückspiegel zu schauen, werden wir wohl nie erfahren. „Wahrscheinlich wollte er schnell in den Urlaub“, vermutet Andy.

Außerdem sind da meine freundlichen Campingnachbarn Carmen und Andy2 aus der Floddergasse 3, die leider morgen schon wieder abreisen. Carmen hatte früher ebenfalls einen T4, den sie sehr liebte. Deshalb tröstete sie mich mit der liebevollen Gewissheit, dass diese Fahrzeuge zwar wunderbare Begleiter seien, aber leider gelegentlich ihre ganz eigenen Vorstellungen von Zuverlässigkeit entwickeln.

Während meines Strandspaziergangs lerne ich dann noch Johannes kennen. Er eröffnet das Gespräch mit der Frage, ob ich nicht diese Claudia aus Hamburg sei. Totale Verwirrung oder ungewöhnliche Flirtstrategie? Wir spazieren gemeinsam ein Stück am wunderschönen Strand entlang und geraten ins Plaudern. Er sieht ganz annehmbar aus und ist unterhaltsam. Und irgendwie sehr seltsam. Also nett seltsam. Oder seltsam nett. Jedenfalls verdächtigt er zuerst Martin aka Matthias, dass er mich mit seinem Spruch bestimmt nur angraben wollte, und will sich dann gerne selbst auf ein Bier in meinen Van einladen. Ich denke: „Nö, einfach Nö.“ Wie es auf meinem Kühlschrank-Magnet geschrieben steht. Zu meiner eigenen Überraschung gelingt es mir, dass auch ohne Umschweife genau so zu sagen. Ein persönlicher Triumph! Leider höre ich unmittelbar darauf noch diesen Satz meinen Mund entweichen: „Aber wir können ja morgen einen Kaffee trinken gehen.“ Man gewinnt eben nicht jede Verhandlung vollständig.

Vom idyllisch gelegenen Campingparadies Neumann sind es knapp drei Kilometer bis nach Grömitz-City. Gerade weit genug für einen schönen Spaziergang – und nah genug, um das Küstenstädtchen jederzeit wie hier vor Augen zu haben.

Der Tag endet schließlich mit einem Bier vor meinem Van – ohne Johannes, aber mit dem sympathischen Andy2 von nebenan und einer Erkenntnis. Eigentlich sogar mit drei. Erstens: Das bleibt mein Geheimnis. Zweitens: Ein Auto kann auch ohne Keilriemen fahren, bis die Batterie alle ist. Und drittens: Selbstmitleid ist keine Strategie, Krisenmanagement dagegen schon.

 

 

 

 

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