Von der Geliebten zur Anarcho-Oma und ihrer Kunst des Sichtbarbleibens

#Theater #Porträt #Kultur #Feminismus

Früher besetzte sie Häuser in Berlin, heute gilt Agnes Giese als das Urgestein des Jungen Theaters in Göttingen. Die Bühne ist ihr Lebenselixier, die Macht der Worte ihr Jagdrevier und mit jeder Rolle beginnt sie eine Liebesaffäre, selbst wenn sie unbequem ist. Während andere Schauspielerinnen mit den Jahren oft unsichtbar werden, macht sie das Älterwerden zu ihrer größten Freiheit. Wer sie spielen sieht, will wissen, wie sie das macht.

Text: Vanessa Pegel | Fotos: Bernhard Marks, Vanessa Pegel

 

Agnes Giese fährt Fahrrad. Immer schon. Nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung: „Der Körper muss warm werden, damit das Hirn läuft“, sagt sie. Vielleicht ist das ein gutes Bild für ihr Leben am Theater. Erst die Bewegung, dann das Denken. Erst das Tun, dann die Haltung. Und die ist bei ihr klar: lieber frech als brav – aber immer mit Respekt. Frech im Sinne von mutig. Für etwas einstehen, ohne andere zu überfahren.

Seit über dreißig Jahren gehört Agnes Giese zum Jungen Theater Göttingen. Man nennt sie dessen Urgestein. Sie selbst sagt: „Als ich mit 35 hier anfing, war ich die Älteste. Jetzt bin ich es immer noch. Allerdings bestand das Ensemble damals fast nur aus Menschen zwischen Anfang zwanzig und vierzig. Heute ist es ein Mehrgenerationenhaus. Und das ist eigentlich viel schöner.“

Die Bühne als Forschungsraum

Agnes Giese liebt Wiederholungen und erfindet sich doch ständig neu. Jede Vorstellung ist anders, weiß sie. Und genau darin liegt für sie der Reiz. Theater ist kein fertiges Produkt, sondern ein fortlaufender Prozess. Auch nach der Premiere. Vielleicht gerade dann. Texte lernt sie nicht, indem sie paukt bis zum Erbrechen. Sie dringt in sie ein. Versteht sie. Liebt sie. Theatertext ist kein Gedicht, sondern Handlung, also verhandelt sie, verteidigt, greift an, erklärt. „Wenn klar ist, warum man etwas sagt und zu wem, kommt der Text von selbst. Dann wird Sprache zur Landschaft, durch die man sich bewegt“, schwärmt Agnes. 

Und wenn eine Rolle allzu sperrig ist? Dann arbeitet sie so lange an ihr, bis sie etwas findet, das sie lieben kann. Sonst, sagt sie, macht es weder Spaß noch Sinn. Dieses Forschen hört nie auf – auch nicht vor Publikum. Im Gegenteil: Erst dort zeigen sich neue Ebenen. Deshalb erobert sie auch nach über zwei Jahren und mehr als 50 Vorstellungen immer noch gerne für Loriot die Bühne, auch wenn sein Frauenbild zu wünschen übrig ließ und er, wie Agnes sagt, „der absolute Dominator“ war.

Agnes Gieses in ihrer Garderobe im Jungen Theater.

 

Reparieren, was die Gesellschaft verfallen lässt

Ende der siebziger Jahre beginnt Agnes Giese als eine von neun aus rund 400 Bewerber:innen ihre Schauspielausbildung in West-Berlin – und gerät fast zeitgleich in die Hausbesetzerbewegung am Winterfeldtplatz. Leerstand, Entmietung, Verfall – dagegen richtet sich der Protest, den sogar ihre Eltern gut finden. Zweieinhalb Jahre lebt sie mit zwanzig Menschen in einem Hinterhaus. Große Küche, riesige Töpfe, gemeinsames Essen. Renovieren, Durchbrüche, Fenster einbauen. „Instandbesetzen“ nennen sie das. Nicht nur billig wohnen, sondern reparieren, was die Gesellschaft verfallen lässt. Diese Zeit prägt sie nachhaltig. Gemeinschaft, Verantwortung, Aushandlung. Theater im echten Leben. Ihre besten Studienjahre, stellt sie rückblickend fest.

Frauenbewegt und männerdominiert

Agnes Giese ist Feministin. Heute sagt sie das fast selbstverständlich. Früher war das Wort radikaler, härter besetzt. Damals war sie Teil der Frauenbewegung. Am Theater wird Feminismus für sie vor allem im Umgang mit Texten konkret. Denn die klassische Theaterliteratur und somit auch die Besetzungscouch ist nach wie vor patriarchal geprägt: viele Männer, wenige Frauen, noch weniger Text. „Redeminuten sind Macht“, sagt Agnes. Und Frauen haben davon traditionell zu wenig, auch am Theater. Überleben müssen sie viel zu oft mit diesen Rollen: die Ehefrau, die Geliebte, die Verlassene und sinnbildlich die Erna aus Horváths Kasimir und Karoline. Jeden Tag kommt Erna zu den Proben und später zu den Vorstellungen, wird von ihren männlichen Kollegen fertiggemacht und darf nicht aufmucken, weil es nicht im Text steht. „Das erlebt man als Frau am Theater tausendfach“, stellt Agnes fest. „Vielleicht nicht so extrem wie bei Erna, aber es bringt die Alltags-Arbeitsbiografie vieler Schauspielerinnen auf den Punkt – besonders zwischen Mitte dreißig und fünfzig.“ Ständig Frau in Beziehung zu Mann. Kaum eigene Existenz. Da ist die Literatur wahnsinnig altmodisch – auch die zeitgenössische. Immer noch. Leider.

Erst später öffnet sich wieder etwas – eine Art Freifahrtschein. „Die Anarcho-Oma-Ebene“, sagt Agnes liebevoll und glänzt in Harold und Maude weit über unsere Stadtmauern hinaus bis zu den Privattheatertagen in Hamburg. Widerspenstig, klug, inspirierend. Von solchen Stoffen wünscht sie sich mehr: über das Älterwerden, das Rausfallen aus dem Beruf, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden – gern auch humorvoll wie einst die grandios-famose Maude oder aktuell die schillernde 86-jährige Mutter in Meyerhoffs Man kann auch in die Höhe fallen. 

Offensichtlich sind es ganz schön viele Stücke, in denen Agnes aktuell mitspielt.

 

Familiärer Cosmos statt Haifischbecken

Von 1983 bis 1991 ist Agnes am Staatstheater in Kassel engagiert. Nach der Wende kehrt sie aus Neugier noch einmal nach Berlin zurück, arbeitet am GRIPS Theater, erlebt in einer freien Theatergruppe spannende, aber auch verwirrende Ost-West-Begegnungen. „Obwohl wir die selbe Sprache gesprochen haben, haben wir uns oft nicht verstanden, weil wir aus vollkommen unterschiedlichen Lebensrealitäten kamen.“ 

In jener Zeit fühlt sich Agnes oft verloren. Berlin ist ihr zu groß geworden, zu hart: ein Haifischbecken. 1995 zieht es sie nach Göttingen ans Junge Theater. Eine bewusste Entscheidung für Struktur. Für einen Ort, der trägt. Das Haus ist klein, familiär, fordert Verantwortung. „Ein Baby, das immer gefüttert und gerettet werden muss“, sagt sie. Genau das gefällt ihr. Hier bleibt sie und findet auch privat ihre große Liebe. Hier wird sie älter, wächst über sich hinaus, wird sichtbarer, nicht unsichtbar.

Weitergeben, was trägt

Neben der Bühne unterrichtet Agnes Giese seit vielen Jahren. So hat sie viele Kinder, obwohl sich für eigene nie genug Zeit und Raum eröffnet haben. Seit 25 Jahren leitet sie den Jugendclub des Jungen Theaters. Darüber hinaus hat sie die Theater-AG der IGS Geismar unter ihren Fittichen, wo sie im Team mit IGS-Lehrer:innen unter anderem den Sommernachtstraum auf queer inszenierte und damit sogar zum Theatertreffen der Jugend in Berlin eingeladen wurde. Last but not least: Dozentin an der Schauspielschule Kassel ist sie auch noch.

In ihrer Nachwuchsarbeit setzt sie auf das Anleiten ohne Dominieren. Auf eine Atmosphäre, in der junge Menschen sich selbst finden und ihre eigene Fantasie entfalten können. „Im Jugendclub sollen alle ihre Stärken entdecken. In der Schauspielschule geht es darum, Texte wirklich zu durchdringen – und auch Täler zu durchlaufen. Sich anzufreunden mit einem Text, bis er etwas zurückgibt“, sagt sie.

Es rund machen

Demnächst will Agnes ihre Stelle am Jungen Theater reduzieren. Nicht, weil sie müde wäre, sondern weil sich ihr Blick verändert hat. Weniger spielen, mehr weitergeben. Weniger müssen, mehr wollen. Älterwerden bedeutet für sie kein Verschwinden, sondern eine Verschiebung: weg von der Pflicht, hin zur Freiheit. Weg vom Funktionieren, hin zum Widersprechen. Das jetzige Kapitel ihres Lebens nennt sie: „Es rund machen.“ Nicht Vollendung. Kein zur Ruhe setzen. Sondern nur dann und wann ein Innehalten, das Kraft hat. Agnes Giese bleibt auf der Bühne und dahinter, denn da gehört sie hin. Sie ist frech genug, um dem Alter ihren Mittelfinger zu zeigen und klug genug, um zu wissen, wie sie ihr Spiel in Schach hält.

 

Selfie der Beteiligten an diesem Artikel: die Schauspielerin Agnes Giese, die rasende Reporterin Vanessa Pegel und der Fotograf Bernhard Marks

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig Anfang Februar 2026 im Gesellschaftsmagazin für Südniedersachsen "meineRegion"

 

 

Ihr mögt unseren Stoff zum Reinziehen?

Dann spendet uns gerne ein paar Kröten in unsere Kaffeekasse.

Weiterschmökern auf der Startseite...