Ein Tor zur Hölle und in die Freiheit

#Netzwerken 

Das Darknet ist für viele Menschen ein ominöser Ort, der meistens im Zusammenhang mit Kinderpornographie sowie Waffen- oder Drogenhandel in den Medien auftaucht. Wir wollten wissen, was dahinter steckt, aber fürchteten uns, das Tor zur dunklen Seite des World Wide Web zu durchschreiten. 

[Text: Anna Kunzmann & Vanessa Pegel  Illustration: Niclas Kersting]

Der Tor-Browser ist die Eintrittskarte ins Darknet. Nach der Installation dieses kostenlosen Programms können wir anonym im Internet surfen. Dazu werden unsere Suchanfragen über verschiedene Server geleitet, womit unsere IP-Adresse so sehr verschleiert wird, dass es nahezu unmöglich ist, sie bis zu uns zurückzuverfolgen. Theoretisch haben wir nun auch Zugriff auf alle Webseiten im Darknet, aber praktisch zu finden sind sie nicht, denn sie verbergen sich hinter kryptischen Geheim-Adressen – den sogenannten Onion-Urls. Um in die dunkle Seite des World Wide Web abzutauchen, brauchen wir einen von diesen speziellen Zahlenchaos-und-Buchstabensalat-Links, die nur mit Tor funktionieren und nicht mit .de, .net oder .com enden, sondern mit .onion. Also suchen wir nach einer Art Suchmaschine fürs Darknet – eine sogenannte Hidden Wiki. Dabei handelt es sich um eine Seite, die ähnlich wie Wikipedia funktioniert und Links zu einschlägigen Webseiten sammelt und kategorisiert. Während unserer Recherche stoßen wir dann auch auf so eine Hidden Wiki-Adresse, allerdings erfahren wir darüber hinaus, dass man im Darknet unter anderem auch Auftragskiller engagieren kann und dass der Mord an Journalist*innen extra kostet. Danach sind wir erst mal bedient und stellen uns folgende Frage: Wollen wir wirklich wissen, was das Darknet sonst noch so für uns bereit hält?

Grenzen-und Skrupellosigkeit

Natürlich wollen wir das, denn sonst wären wir keine Journalistinnen, aber wir haben auch Angst um unser Seelenheil, also fragen wir jemanden, der sich damit auskennt: Jörg Gottschalk, Polizeioberkommissar der Task Force Cybercrime / Digitale Spuren, kurz TFCCDS, in Göttingen. „Die Nutzung des Darknet ist straffrei“, stellt er klar. „Nur illegales Handeln ist verboten – genau wie im ‚normalen‘ Internet und im wahren Leben.“ Dazu zählen natürlich auch das illegale Downloaden von Filmen und Musik, das Kaufen von Drogen und die Beauftragung eines Auftragskillers – ob im Internet oder im Stadtpark. Die typischen Straftaten im Darknet sind, laut Gottschalk, dieselben wie in der richtigen Welt. Die Täter*innen zu finden, sei jedoch erheblich schwieriger, aber nicht unmöglich. So konnte die Polizei beispielsweise schon diverse Fälle von Kindesmissbrauch aufklären, indem sie für die Fahndung Bilder von Tätern oder Opfern aus dem Darknet nutzte. Auf unsere Frage, ob unsere Vorstellungskraft für die Machenschaften in diesen unzähligen geheimen Netzwerken, aus denen sich das Darknet zusammensetzt, wohl ausreicht, antwortet Gottschalk: „Ich weiß nicht, wie groß Ihre Phantasie ist.“ Auch wenn wir dachten, sie würde weit reichen, hört sie schon auf, als er von Auftragsvergewaltigungen anfängt und betont, dass die ihm bekannten Straftäter, die sich das Darknet zunutze gemacht haben, meistens keinerlei Reue zeigen. Ob es solchen Menschen nicht klar ist, dass auch eine Vergewaltigung, die sie übers Netz in Auftrag geben und mit Bitcoins – so heißt die allgemein anerkannte digitale Währung im Darknet – bezahlen, reale Konsequenzen hat? Noch während wir vom kalten Grauen erfasst sind, wird uns Folgendes bewusst: Nicht das Darknet oder der Tor-Browser sind das Problem, sondern die Menschen, die diese technischen Möglichkeiten für ihre menschenunwürdigen Verbrechen instrumentalisieren. 

Anders gedacht

Der Tor-Browser kann in die Abgründe der menschliche Seele führen, doch er kann auch als Tor zur Freiheit dienen. In einem demokratischen Staat machen sich die wenigsten Menschen Gedanken, wenn sie ihre Meinung frei äußern – ob auf Facebook, Twitter oder der Jodel-App. Solange sie anschließend lediglich mit unerwünschter Werbung belästigt werden, scheren sich die wenigsten darum, dass Google und Konsorten oft mehr über sie wissen, als ihre besten Freunde, weil sie brennend an unseren Daten und Suchanfragen interessiert sind, um sie aufzubereiten und zu Geld machen. Doch in vielen Ländern mit diktatorischen Strukturen wird man nicht nur mit Spam überhäuft, sondern wandert ins Gefängnis, wenn man die „falschen“ Suchbegriffe eingibt, kritische Meinungen äußert oder einen geschmacklosen Witz erzählt [siehe Deniz Yücel]. Dank Tor können sich dort lebende Menschen unabhängig von Zensur und Unterdrückung informieren und Webseiten aufrufen, die durch das jeweilige Regime gesperrt sind – beispielsweise kann man in einigen diktatorischen Staaten weder auf Wikipedia noch auf unabhängige Nachrichtenportale zugreifen. In Nordkorea ist sogar der Großteil des World Wide Web gesperrt – das Internet besteht dort aus ca. 28 Webseiten. Hierzulande kennen viele Menschen mehr Porno- und Online-Shopping-Seiten. Darüber hinaus eröffnet das Darknet Menschen, die von ihrer Regierung unterdrückt, misshandelt und gefoltert werden, die Möglichkeit, ihr Leid nach Außen zu kommunizieren, ohne vom dortigen Regime zur Rechenschaft gezogen zu werden. So finden nicht selten Berichte, Bilder und Videos aus Krisengebieten wie Syrien, Ägypten und dem Iran ihren Weg in die westlichen Medien und werden dann beispielsweise in der Tagesschau gezeigt.

Google is watching you 

Dass auch die Regierungen der USA und von Großbritannien mit Hilfe ihrer Geheimdienste ihre Bürger*innen überwachen, ist durch das Engagement von Personen wie Edward Snowden in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Dieser enthüllte im Sommer 2013 die weltweiten Spionage- und Überwachungspraktiken und löste die NSA-Affäre aus. Seitdem ist er auf der Flucht und nutzt das Darknet beispielsweise, um unbehelligt mit anderen Whistleblowern zu kommunizieren. Snowden resümierte: „Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die so etwas macht. Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich mache und sage, aufgenommen wird.“ Wir auch nicht, denken wir, aber vielerorts ist es eben schon soweit. Nicht umsonst bringen wir den regimekritischen Artikel der VONWEGEN-Autorin Anna Melamed, die gerade in China ein Auslandssemster verbringt, erst in unserer nächsten Ausgabe, wenn sie wieder zurück in Göttingen ist. Denn in Sachen Darknet sind wir schließlich noch blutige Anfängerinnen. Doch auch hierzulande haben immer mehr Internetnutzer*innen die Nase voll davon, dass Konzerne wie Google mit ihren Daten machen, was sie wollen. Sie wehren sich dagegen, zum gläsernen Menschen zu mutieren und nutzen Tor, um anonym im Internet zu surfen. Schließlich vertrauen wir unserem Computer, Laptop oder Handy die intimsten Dinge an. Ob in Sachen Termine, Online-Banking und -Dating oder bei Problemen hinsichtlich der Gesundheit, Beziehungen und Sexgewohnheiten sind diese Kommunikationsgeräte oftmals unsere ersten Ansprechpartner. Und alles andere speichern wir dann in der Google-Cloud. 

Tor zur Welt

Es heißt zwar immer, Google weiß alles, doch in Wirklichkeit beherrscht dieser Internet-Gigant nur einen Teil des World Wide Web. Mit Hilfe von Tor kann Google uns mal gerne haben, denn damit können wir diese Suchmaschine anonym benutzen. Und mal ehrlich: Haben wir nicht alle etwas zu verbergen? Selbst wenn wir nur darauf bedacht sind, unsere teilweise peinlichen Suchanfragen nicht an die große Glocke zu hängen. Der Tor-Browser kann das Tor zur dunklen Seite der Macht sein, weil er Perversen, Dealern und Killern die Möglichkeit eröffnet, im Darknet anonym ihr Unwesen zu treiben. Doch er bietet auch ganz „normalen“ Internetnutzer*innen und Aktivist*innen ein Schlupfloch, wo sie sich jenseits von Datenkraken und staatlicher Überwachung informieren und austauschen können. Im Darknet ist es wie im richtigen Leben: Man kann zum Mörder mutieren oder für ein menschenwürdiges Leben kämpfen. Es kommt ganz darauf an, wonach man sucht.

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 9. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Januar 2018.

Weiterschmökern auf der Startseite...