Why We Matter: Das Ende der Unterdrückung

#Kultur #Bücher #Feminismus

„Nicht gesehen zu werden, nicht gehört zu werden, ist unerträglich. Weil es unsere Menschlichkeit infrage stellt.“ So beginnt die Politikwissenschaftlerin, Aktivistin und Sachbuchautorin Emilia Roig ihr aufrüttelndes Werk. Wie man Systeme der Unterdrückung benennt, marginalisierte Perspektiven sichtbar macht und radikale Solidarität praktiziert, verrät sie uns in ihrem Buch „Why We matter: Das Ende der Unterdrückung“. 

[Text: Vanessa Bokelmann | Fotos: Emilia Roig, Aufbau Verlag]

Die in der Nähe von Paris aufgewachsene Gründerin des Center for Intersectional Justice in Berlin führt entlang von episodenhaften Erzählungen aus ihrer Lebensrealität als Tochter eines jüdisch-algerischen Vaters und einer aus der damaligen französischen Kolonie Martinique stammenden Mutter in intersektionale postkoloniale Theorien ein. Ganz niedrigschwellig macht sie den Weh zu einem Perspektivwechsel frei, der das historische Gewordensein von scheinbar natürlichen Normen und Strukturen in Europa benennen und dekonstruieren soll. Denn das Fundament der Unterdrückung fußt allein auf konstruierte soziale Kategorien, die einzelne Gruppen mit Merkmalen markieren, die als Legitimation für Hierarchien und daraus abgeleiteten Diskriminierungserfahrungen herangezogen werden, um Kapitalinteressen durchzusetzen und Privilegien zu sichern. Dabei stellt sie heraus: 

Nicht alle Arten von Ungleichheiten und sozialen Hierarchien lassen sich ausschließlich durch den europäischen Kolonialismus erklären, aber die Reichweite, der Umfang und Einfluss des europäischen Kolonialismus und der weißen Vorherrschaft auf die gegenwärtigen globalen, nationalen und lokalen systemischen Ungleichheiten ist enorm.“ 

Emilia Roig macht deutlich, dass wir alle in diesen Mustern sozialisiert sind, die unsere Wahrnehmung der Realität derartig prägen, dass wir sie unhinterfragt als Norm akzeptieren. Konkret arbeitet sich die Autorin in Essayform an verschiedenen Bereichen des Alltags ab, um diese Strukturen aufzudecken. Angefangen bei der privaten Familiensphäre, in der „Hautfarben nicht gesehen werden“, eine Ehe doch nicht so progressiv ist, wie sie scheint, und das „Queer Awakening“ lange auf sich warten lässt, schafft es Roig eine Brücke zu schlagen zwischen der Öffnung ihrer persönlichen Gefühlswelt und der Vermittlung von grundlegender Theorie. Selbst bei der Aufarbeitung von institutionalisierten Unterdrückungsmechanismen im Bildungs-, Rechts- und Gesundheitssystem oder bei Konzeptionen zu Repräsentation in Medien und Wissenssystemen, schafft es die Autorin, ohne zu hohen akademischen Buchstabensalat die wichtigsten Inhalte treffsicher zu transportieren. Dabei wird bei den sehr unbequemen und manchmal sehr intimen Erzählungen kein Blatt vor den Mund genommen. Der anekdotenhafte Schreibstil ist so plastisch und radikal ehrlich, dass man sogar manchmal vergisst, ein lehrreiches Sachbuch in der Hand zu haben. „Why We Matter - Das Ende der Unterdrückung“ ist eine empfehlenswerte Einladung zur Perspektiverweiterung für alle, die noch nicht so wirklich warm mit postkolonialen oder intersektionalen queer-feministischen Theorien geworden sind.

 

 

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