Blockieren, Rebellieren, Stören

#Macht+Protest #Klima #Lokales

Rebellion Wave in Berlin Anfang Oktober: Menschen ketten sich freiwillig an Ministerien, verharren friedlich stundenlang in Sitzblockaden auf Straßen. Mit Bannern in den Händen und Fahnen in der Luft wird gesungen, gelacht und gewartet, bis die Politik sich äußert oder die Polizei räumt. Als Teil der Ortsgruppe Göttingen von der Klimagerechtigkeitsbewegung Extinction Rebellion [XR] durfte ich mit nach Berlin reisen, um mit bis zu tausend weiteren Aktivist*innen mehrere Tage lang mit spektakulären Aktionen auf die Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Bunt, laut und gewaltfrei. Extinction Rebellion im gewaltfreien Kampf um's Überleben 

[Text: Vanessa Bokelmann | Fotos: Sandra Doneck, Max Schlag]

 

Manch eine*r wird sich nun fragen: „Extinction wer? Ich kenne nur Fridays for Future.“ Die noch junge Umweltbewegung made in Great Britain versteht sich selbst als eine Rebellion gegen die menschengemachte Klimakrise, die das Aussterben von Lebensgrundlagen, Tieren, Pflanzen sowie der Menschheit zur Folge hat. Der Unterschied zu bereits bekannten Bewegungen in diesem Kontext ist die Protestform des zivilen Ungehorsams, die sich in der Vergangenheit schon des Öfteren als bewährtes Mittel für Systemveränderungen unter Beweis gestellt hat. Hierfür wandern die selbsternannten Rebell*innen zwischen den Sphären der Legalität und der noch vertretbaren Illegalität. Schnell wird mir klar, woher diese Bereitschaft und diese starke Entschlossenheit und Konsequenz kommen, als ein XR-Aktivist aus Göttingen namens Johannes erzählt: „Ich habe besonders in den letzten Jahre die Klimapolitik sehr genau verfolgt und mich auch darüber informiert, was diesbezüglich in den vergangenen 30 bis 40 Jahren passiert ist, und das löst in mir eigentlich unter'm Strich vor allem Verzweiflung aus.“ Eine andere Aktivistin erklärt: „Wenn man bedenkt, wie es um unser Klima steht, reicht es mittlerweile einfach nicht mehr aus, bei den Politiker*innen nett nachzufragen, ob sie unsere Welt retten wollen.“ Eine Masse aus Schildern und Bannern erschlägt einen förmlich mit der Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit dieses Protests: „Ich bin hier aus ANGST um unsere ZUKUNFT“, „There is no Planet B!“ oder „Naturzerstörung = Massensterben“. Diese Worte hinterlassen Eindruck.

 

↑ XR-Aktivist*innen visualisieren mitten in Berlin die Folgen der Naturzerstörung: das Massensterben.

 

Wir sind hier für Eure Kinder!

Verzweiflung, Ungewissheit und Zukunfts-ängste sind wiederkehrende Themen, die die Motivation der protestierenden Menschen ausmachen und die Rebellion antreiben. Denn Fakt ist, wenn wir weiter so wirtschaften und weiter so konsumieren, werden wir bis 2025 garantiert nicht CO2 neutral sein. Stattdessen wird die Erderwärmung weiter steigen, während wir laut der Akademie der Wissenschaften auf einen „ökologischen und zivilisatorischen Systemkollaps“ zusteuern. Meldungen von Hurricanes, Waldbränden, Waldsterben, Dürren, Überschwemmungen und Artensterben häufen sich und das sind keine tragischen Phänomene, die nur einzelne Landstriche betreffen. Dabei handelt es sich um die Konsequenzen aus einer komplexen, gesamtglobalen Vernetzung, einer Verkettung, die wir mit unseren Entscheidungen anfeuern und die auf uns zurückfeuern wird. Ja, auch wir in Europa sind betroffen! Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie es aussieht, wenn man schnell, entschlossen, großflächig und auf wissenschaftlicher Basis handelt. Warum nicht diese Vorgehensweise auf die Klimakatastrophe projizieren? Warum wird selbige in der Gesellschaft nicht als diese akute Bedrohung wahrgenommen, die Wissenschaftler*innen bereits seit 40 Jahren prophezeien?

#MitDerWissenschaft

Unter diesem Motto stand die diesjährige XR-Rebellion Wave, eine Woche des stark symbolträchtigen Aktivismus, der stören will – nein, stören muss, nerven muss –, um einen Dialog in den Medien, in der Öffentlichkeit und in der gesamten Gesellschaft zu eröffnen und eine Reaktion von Entscheidungsträger*innen auf wissenschaftlicher Basis zu erzwingen. Komplett durchorganisiert und auf strenge Geheimhaltung bedacht, bewegten wir uns in verschiedenen Gruppen aus ganz Deutschland in Nacht- und Nebelaktionen durch Berlin. Während wir am Montag um sechs Uhr morgens auf das Verkehrsministerium zusteuerten, erreichte uns die Meldung, dass das Landwirtschaftsministerium bereits erfolgreich von Aktivist*innen in Tierkostümen und einem Tiertransporter blockiert wurde. Euphorie, Spannung und auch bisschen Furcht begleitete mich auf unserer Mission. Die Stimmung in der Gruppe war angespannt, aber auch freudige Erregung machte sich breit. Leider schafften wir es noch nicht mal bis zum Gebäude, weil uns davor die Polizei abfing. Dafür hatten drei andere Gruppen das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei gewonnen und drei Seiteneingänge für sich erobert. Mit zahlreicher Unterstützung von anderen Aktivist*innen konnten zwei Blockaden zwölf Stunden lang aufrechterhalten werden, bis die Polizei die an den Eingängen des Ministeriums geklebten oder mit massiven Ketten und Fahrradschlössern angeketteten Personen befreite. Die Grüppchen, die sich zwar nicht festgemacht hatten, aber trotz vermehrter Aufforderung sitzen geblieben waren, wurden nach einer gefühlten Ewigkeit des Verharrens weggetragen. Mit viel Energie gesellten sich sehr unterschiedliche Menschen – Studierende, Berufstätige, Eltern mit Kindern, zum Teil auch in schrillen Kostümen – aus der parallel laufenden und angemeldeten Demo unter dem Motto „Zug der toten Bäume“ zu den Eingängen. Wir tanzten, wir sangen und bekundeten unsere Solidarität mit den Aktivist*innen in der Blockade – natürlich mit Masken. Eine zentrale Botschaft richtete sich an die Menschen im Ministerium: „Wir sind hier und wir gehen freiwillig nicht mehr weg. Wir fordern unter anderem eine nachhaltige Verkehrswende, die unseren Klimazielen nicht einen Strich durch die Rechnung macht!“

Die Sonne geht auf, die Lobby geht unter

Am Dienstag unterstützten wir mit einer Straßenblockade vor dem Haus der Wirtschaft in Berlin-Charlottenburg 30 Aktivist*innen, die Büroräume des Bundesverbandes Braunkohle [DEBRIV] zu besetzen. Mitgebrachte Akten flogen aus dem Fenster und lose Blätter regneten auf uns hinab. Ein Zeichen gegen die Machtstellung der Kohle-Lobby, die politische Entscheidungen zu ihren Gunsten und gegen die Umwelt beeinflusst. Mehrere Aktivist*innen ketteten sich am Straßenrand fest. Die Schlüssel für die Schlösser wurden mit einer Einladung zum Gespräch mit XR an die CDU und SPD übergeben. Beide Parteien lehnten ab. Am selben Tag geriet auch noch das Wirtschaftsministerium ins Visier der Klimaaktivist*innen. Mittwoch mussten die Politiker*innen im Regierungsviertel quasi nachsitzen, weil die Straßen und Brücken, die zum Bundestag führen, besetzt waren. Donnerstag ging es dem Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie für die Verhinderung von nachhaltigem Klimaschutz an den Kragen. Abends stand die brasilianische Botschaft in einer Kunstperformance  „in Flammen“ – wie der Amazonas. Und so ging es immer weiter. Eine gefühlt endlose Aufzählung von Blockaden, von Störungen und kreativem Protest, als Bäume, Pilze und Tiere verkleidetet, in Farben der Ozeane, mit Theaterinszenierungen und Musikinstru-menten. Zoomt man aus den einzelnen Aktionen heraus, ergibt die Rebellion ein bekanntes morbides Kunstwerk: Es geht nicht nur darum, dass die A49 verhindert wird oder dass der Meeresspiegel nicht weiter ansteigen soll. Natürlich wollen wir das auch, aber vor allem soll ein strukturelles Problem beseitigt werden, das gegen die Umwelt und somit gegen uns arbeitet. 

Ein Experiment mit unserem Planeten

Um die Ernsthaftigkeit der Situation anzuerkennen und ihr entgegenzuwirken, fordert XR zunächst, dass der Klimanotstand ausgerufen und das Ziel der Klimaneutralität bis 2025 ernsthaft und entschlossen in Angriff genommen wird. Dieses Unterfangen könne nur mit einer Art vertiefenden Demokratie umgesetzt werden, erklärt Johannes und führt weiter aus: „Diesbezüglich schlägt Extinction Rebellion als Mittel der Wahl Bürger*innenversammlungen vor, das heißt, zufällig zusammengesetzte Gruppierungen, bestehend aus einer repräsentativen Stichprobe aus der Bevölkerung, die über einen längeren Zeitraum von Expert*innen beraten werden und dann einen Plan beschließen, der das Ziel Klimaneutralität 2025 erfüllen könnte.“ Denn hierbei dürften persönliche Interessen wie die Wiederwahl von Politiker*innen oder der Einfluss von Lobby-Verbänden kein maßgebender Faktor für die Entscheidungsfindung sein. Der gewünschte Querschnitt der Gesellschaft solle eine größere Akzeptanz der Beschlüsse innerhalb der Bevölkerung erreichen. Klar wird, dass XR mit den Parolen auf starke Reflexion des Systems auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene setzt und eine tiefgreifende Veränderung auf eher unkonventionelle Art und Weise fordert und mitgestalten will.

 

↑ Unter anderem dieser XR-Aktivist kettete sich so lange an das Verkehrsministerium in Berlin, bis ihn die Polizei loseiste. 

 

Liebe, Mut, Rebellion

Ich bin schwer beeindruckt, mit welcher Opferbereitschaft und Stärke sich protestierende Menschen so sehr gegen das Artensterben und die Zerstörung unserer Erde einsetzen, dass sie sich [zusätzlich zum legalen Protest] sogar am Hals, an den Beinen und Händen anketten oder ankleben, bis sie von der Polizei befreit und im schlimmsten Fall mit Schmerzgriffen vom Platz entfernt werden. Auch wenn die Stimmung während der Aktionswoche größtenteils ausgelassen war und durchgängig ein Gefühl der solidarischen Gemeinschaft herrschte, hinterlässt der Protest seine Spuren bei den Menschen. Der friedvolle Kampf für das Klima ist bis auf das Äußerste nervenaufreibend, hart und erschöpfend, aber hat trotz der Intensität oberste Priorität. Auch wenn die Rebellion Wave in Berlin 2020 zu Ende ist: Die Rebellion geht mit friedlichen Gesetzes-überschreitungen so lange weiter, bis die Politik oder die Erde uns stoppt. Wer dies zuerst schafft, liegt in unserer Verantwortung.

 

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 24. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Januar 2021.

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