Jenseits des Klimawandels

#Macht+Protest #Seelenleben #Klima #Lokales

Natürlich weiß man, dass es Menschen gibt, die den Klimawandel leugnen, aber wenn einem so jemand im eigenen Freundeskreis begegnet, dann trifft einen der Schlag. Was soll man dazu sagen? Ein Erklärungsversuch.

[Text: Vanessa Pegel & Andreas Steppan | Fotos: Andreas Steppan]

 

 

Mehr als 9.000 Menschen gingen am 20. September 2019 in Göttingen für das Klima und gegen die systematische Zerstörung unseres Planeten auf die Straße. Als wir vom achten Stockwerk des Neuen Rathaus* auf sie hinunter blickten, kamen uns vor Rührung fast die Tränen. Ein Hoffnungsschimmer machte sich am Horizont breit. Vielleicht ist diese Welt doch noch zu retten, wenn so viele Menschen bereit sind, dabei mitzumachen. Doch die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten. Sie ereilte uns ein paar Tage später, als wir mit einer Freundin gemütlich auf der Terrasse zusammensaßen und selbige allen Ernstes Folgendes sagte: „Den Klimawandel gibt es doch gar nicht!“ Wie bitte, was war denn das? Sogleich schwirrten irrationale Fragen in der Luft, die von Null auf Hundert dicker wurde: Hat man sich komplett in diesem Menschen getäuscht? Kann man mit jemandem, der dieser Ansicht ist, befreundet sein? Ist diese Person vielleicht dabei, den Verstand zu verlieren? Hat man es womöglich am Ende auch noch mit einer AFD-Wählerin zu tun, ohne es bemerkt zu haben? Der Blutdruck kochte hoch – auch bei unserer Freundin, die sich unverstanden und angegriffen fühlte und die Frage nach der AFD als persönlichen Affront betrachtete. Immerhin. Vielleicht war auch sie noch zu retten.

Klimawandel als Glaubensfrage

Während wir aufgeregt auf unsere Freundin einredeten, um sie davon zu überzeugen, dass der Klimawandel sehr wohl in vollem Gange ist, was jede Menge seriöser Wissenschaftler*innen bestätigen, eröffnete sie uns, dass Greta Thunbergs Eltern schließlich auch nur gekauft seien. Das hätte sie auf YouTube erfahren. Aha! Sofort kamen noch mehr unangenehme Fragen auf: Befinden wir uns mittlerweile etwa alle in unserer eigenen Informationsblase? Leben wir in Zeiten von Fake News, in denen Facebook, Google und Konsorten entscheiden, welche Informationen wir zu sehen bekommen, etwa alle in vollkommen unterschiedlichen Welten, weil immer weniger Menschen sorgfältig recherchierte Artikel in seriösen Zeitungen lesen? Wie leicht man als vermeintlich vernünftiger Mensch zum Opfer einer Desorientierung werden kann, wenn man jeder Quelle auf YouTube vertraut und per se für bare Münze nimmt, was einem im world wide web von einem perfiden Algorithmus [siehe dazu auch www.vonwegenverlag.de/algorithmus] als das einzig Wahre ganz weit oben präsentiert wird, schockierte uns zutiefst. Ist man erstmal wie unsere Freundin auf dem falschen Dampfer in See gestochen, kann man offensichtlich schnell im Wirrwarr der Informationsflut untergehen und mit einem digitalen Tunnelblick seinen gesunden Menschenverstand in Gefahr bringen. Nachdem unsere Diskussion zuerst immer hitziger wurde, kühlte sie sich jedoch dann glücklicherweise wieder ab, als sich herausstellte, dass unserer Freundin die Rettung unseres Planeten durchaus sehr am Herzen liegt, auch wenn sie auf YouTube offensichtlich falsch abgebogen war.

An alle Zweifler

Interessanterweise stellten wir während unseres Streitgesprächs fest, dass es im Zweifelsfall gar nicht darauf ankommt, ob es den Klimawandel tatsächlich gibt oder nicht und ob wir ihn selbst verursacht haben oder nicht, weil die Menschheit ihn gar nicht braucht, um sich ihrer eigenen Existenzgrundlage zu berauben. Denn der Klimawandel ist nur ein Schauplatz von vielen auf dem Schlachtfeld der Zerstörung unseres Planeten durch unser rücksichtsloses Leben. Fakt ist, dass wir kontinuierlich dabei sind, unsere Meere, unsere Atemluft und unsere Böden zu vergiften. Als ginge uns die Zukunft nichts an, verschleudern wir sinnlos unsere naturgegebenen Ressourcen und sorgen mit unserer Lebensweise dafür, dass zuerst Tier- und Pflanzenarten aussterben, bevor es uns dann bald selber an den Kragen geht. Die Fridays For Future-Bewegung hat wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Thematik gelenkt. So gingen im Rahmen des Klimastreiks am 20. September weltweit Millionen Menschen auf die Straße. Doch was folgt aus diesen Protesten? Ein Klimaschutzpaket von unserer Bundesregierung, das seinen Namen nicht verdient. Die Maßnahmen muten eher an, als ob auf der einen Seite die Klimaaktivist*innen beschwichtigt werden sollen, während auf der anderen Seite aber auch keine anderen Interessengruppen – also der Teil der Wirtschaft, dem Profit über alles geht – vor den Kopf gestoßen werden dürfen. Entschlossenes Handeln sieht anders aus. E-Mobilität hört sich beispielsweise zunächst einmal gut an. Aber solange dies bedeutet, dass fossile Brennstoffe im Kraftwerk statt im Motorraum verbrannt werden, könnte die Förderung des E-Autos zum bloßen Konjunkturpaket degenerieren. Entschiedenes, zweckgerichtetes Handeln würde einen konsequenten, systematischen Umbau der Infrastruktur hin zu einer dezentralen, regenerativen Energieversorgung sowie einen enormen Forschungsaufwand im Bereich der alternativen Speicherungstechnologien bedingen. Aber gerade Ersteres wird durch unser Klimapaket sogar noch erschwert. Während an kleinen Details herumgedoktert wird, werden die großen Stellschrauben völlig ignoriert. Wie lange kann ein System existieren, das bei begrenzten Ressourcen auf endloses Wachstum ausgerichtet ist? Wäre eine Reduktion des Konsums oder ein Trend zur Regionalisierung anstatt an zunehmender Globalisierung auf wirtschaftlicher Ebene festzuhalten nicht ein möglicher Lösungsansatz, den man in Betracht ziehen könnte?

Nach uns die Sintflut

Demonstrieren ist ein guter Anfang und je mehr Menschen auf die Straße gehen, desto besser. Aber sich auf den Protest zu beschränken und ansonsten so weiter zu machen wie bisher, bedeutet, die Verantwortung an andere, die Entscheider, abzugeben – ein Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit. Wer wirklich etwas bewegen will, tut noch viel mehr – im Kleinen und im Großen. Denn jeder Schritt von jedem*r in die richtige Richtung vergrößert die Chance, dass wir nicht weiter in unser eigenes Verderben rudern. Ob man sein eigenes Gemüse ökologisch anbaut, damit anfängt, Bäume zu pflanzen und weniger Fleisch zu essen, auf's Fahrrad oder in den Zug steigt anstatt ins Auto, ob man beschließt, sich der Forschung nach alternativen Technologien sowie Gesellschafts- und Lebenskonzepten zu widmen oder den Weg in politische Institutionen, Organisationen und Unternehmen zu wagen, um selbst an der Entscheidungsfindung mitzuwirken [mehr Inspirationen dazu auf www.vonwegenverlag.de/weltretten] – Hauptsache, man hört endlich damit auf zu leugnen, dass wir Menschen uns ändern müssen, damit wir langfristig eine Chance zum Überleben haben. Wir müssen damit aufhören, uns wie rücksichtslose Arschlöcher zu verhalten, und den Beweis antreten, dass es uns nicht egal ist, ob nach uns die Sintflut kommt! Schließlich geht es um alles – Leben oder Sterben – vielleicht nicht für Dich, aber sehr wohl für die Spezies Mensch und das gesamte Artengefüge. Welchen Weg wählst Du?

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 19. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Oktober 2019.

 

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