Manchmal vermutet man die eigene Libido ungefähr dort, wo auch einzelne Socken nach der Wäsche verschwunden sind: in einem Paralleluniversum jenseits vom grauen Alltag und ohne Verpflichtungen. Sie war mal da. Ganz klar. Hat geschmust, geflirtet, gefummelt und sich verlustiert. Und jetzt? Funkstille. Blowin’ in the Wind.
Text: Vanessa Pegel | Foto: Kat Hackenberg
Die schlechte Nachricht zuerst: Man kann die Libido nicht herbeizwingen. Kein Fingerschnipsen (außer vielleicht ein wirklich gekonntes an der genau richtigen Stelle) bringt sie zurück. Die gute Nachricht lautet: Sie ist selten wirklich weg. Wahrscheinlich ist sie bloß beleidigt, überfordert, gelangweilt, erschöpft oder einfach kurz mal raus, Luft schnappen.
Die Libido hat keinen Schalter – aber einen Taktstock. Sie ist ein Orchester aus Hormonen, Gedanken, Emotionen und Körpergefühl. Wenn die Oboe erschöpft und die Trompete beleidigt ist, bläst die Dirigentin das Konzert lieber ab. Gründe für Unstimmigkeiten gibt es viele, zum Beispiel diese: Stress, Überforderung, Leistungsdruck, Unsicherheit, Beziehungskonflikte und ungelöste Probleme, Langeweile zu zweit, fehlende emotionale Nähe, unterschiedliche Bedürfnisse der Beteiligten oder das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen.
Kein Raum für Eskapaden
Mal ehrlich: Wer gleichzeitig an die Steuererklärung, die Einkaufsliste und den letzten passiv-aggressiven Chat denkt, strahlt selten erotische Abenteuerfreudigkeit aus. Doch Lust braucht Raum oder besser gesagt: Leere. Ein Abend ohne Bildschirm. Ein lauschiger Spaziergang mit der Option zum Deep-Talk mit Dir selbst oder Deinem Lieblingsmenschen. Ein Moment ohne To-do-Liste. Klingt ungefähr so spektakulär wie Haferbrei? Ist aber der Anfang von allem. Denn genau da passiert etwas Unverschämtes: Du kommst Dir selber auf die Spur.
Let it flow: Dein Sexualchakra
Wenn die Libido abhanden gekommen ist, wird der eigene Körper häufig zur Baustelle erklärt. Zu schlapp, zu wabbelig, zu verspannt, zu irgendwas. Dabei ist Lust erstaunlich genügsam. Sie braucht kein Perfekt, ihr reicht ein „ganz okay“. Ein Gefühl von: Ich wohne gern in diesem Körper. Und genau hier kommt Bewegung ins Spiel. Nicht als Selbstoptimierung, sondern als Rückeroberung von dem Bereich, den wir gern ignorieren: Hüften, Becken, unterer Bauch. Also da, wo unsere Emotionen sitzen, Spannungen parken – und Deine Lust theoretisch noch irgendwo einen Zweitschlüssel hat.
In der Yogawelt nennt man diesen Bereich das Sakralchakra (Svadhisthana Chakra), auch bekannt als Sexualchakra – eine energetische WG für Gefühl, Kreativität und Sinnlichkeit. Wenn da die Rollläden unten sind, wird’s schwierig mit dem inneren Feuer. Wie Du Dein Svadhisthana anheizen kannst, erfährst Du bei uns und zwar hier: „Kiss your Asana“.
Der Lustkiller im Kopf
Der größte Lustkiller sitzt allerdings nur selten im Körper. Sondern im Kopf. Er heißt „Ich sollte…“, „Ich müsste…“ oder „Was, wenn…“ und ist ungefähr so sexy wie ein Steuerbescheid. Der Trick ist nicht, diese Gedanken loszuwerden (Spoileralarm: unmöglich), sondern sie von der Bühne zu schubsen. Fühlen statt funktionieren. Lust ist kein Projekt mit Deadline. Eher ein Spaziergang ohne Ziel. Orgasmusdruck hat hier nichts zu suchen. Wer ständig fragt „Sind wir schon da?“, verpasst oft die schönsten Stellen.
Reden hilft.
In Beziehungen wird das Thema Lustverlust gern totgeschwiegen. Wie ein Mitbewohner, der heimlich ausgezogen ist. Alle wissen, dass er weg ist, aber keiner spricht darüber. Dabei kann ein einfacher Satz ohne jeglichen Vorwurf wahre Wunder wirken: „Ich fühl mich gerade nicht so verbunden mit meiner Lust.“ Zack. Der Elefant im Raum hat einen Namen. Und verliert schlagartig an Gewicht.
Wenn die Libido verlustig bleibt ...
... dann lohnt sich ein tiefergehender Blick. Körperliche Ursachen, hormonelle Veränderungen (Stichwort: Wechseljahre) oder mentale Belastungen spielen oft eine größere Rolle, als man denkt. Natürlich schadet es auch nicht, Deine gesamte Beziehungskiste mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht ist nicht nur die Libido, sondern auch die Liebe lädiert und braucht eine Heilung oder verlangt nach einer Trennung. Sich dabei professionelle Hilfe zu holen ist kein Drama, sondern ziemlich erwachsen.
Die Sache mit der Socke
Man sucht. Man flucht. Man bäumt sich auf. Man kapituliert vielleicht sogar. Und dann tauchen sie plötzlich alle wieder auf: Die Socke, der Mitbewohner, die Lust, die Sinnlichkeit, das Begehren, die Erotik, die Libido und Du selbst in Deiner inneren Mitte.
PS: Diese Kolumne erschien erstmalig im April 2026 im Magazin „MeineRegion".
Hat Dir der Artikel gefallen?
Du magst unseren Stoff zum Reinziehen?
Dann lass gerne unsere Kaffeekasse klingeln. Wir sagen Dankeschööön und auf Wiedersehen!