Wie man die Liebe ... 

#Seelenleben #Sex

Was bisher geschah: Viele von uns halten es mit Partnerschaften wie mit einer Fahrradreparatur: Man frickelt sich so durch. Die innere Beziehungsschablone, nach der wir agieren, ist porös und auch in der Schule lernten wir wenig Brauchbares darüber, wie Partnerschaft geht. Das Licht am Ende des Tunnels ist: Wir sind wandlungsfähig. Ob es also so weitergeht wie bisher, entscheiden wir jeden Tag neu. Was das konkret bedeutet, soll hier verbal befummelt werden.

[Text: Manfred Langer aka Manni | Illustrationen: Charlotte Karnasch]

 

Als Single über der 30 erntet man in unserer Gesellschaft häufig schräge Blicke. Denn bei vielen gilt noch immer der irrwitzige Glaube, ein Leben sei erst in einer Partnerschaft erfüllend. Das Lebensmodell Single wird in unserem Kulturkreis nicht ausreichend gewürdigt und geschätzt. Lebt man dieses Modell, macht sich zuweilen das Gefühl breit, man sei defizitär. Dieser Wahnsinn bewirkt, dass viele Singles meinen, sich anstrengen zu müssen, um eine*n Partner*in zu finden, um dazuzugehören. Ein weiteres Resultat ist, dass man sich irgendwann fragt, ob mit einem selbst irgendetwas nicht stimmt, weil „alle“ anderen schließlich in Partnerschaften sind. Nur man selbst nicht. Im Gerichtssaal des Über-Ichs lautet das Urteil ganz klar: Beziehungsun­fähig nach § Sex.

Ein fragwürdiges Vorbild für Partnerschaften

Manche Menschen gehen davon aus, dass alles im Universum seine Richtigkeit hat. Wenn dem so ist, dürfen wir uns als Single gern fragen, wieso wir derzeit keine*n Partner*in haben sollen. Was dürfen wir aus der Situation lernen? Wie gut kennen wir uns selbst und was glauben wir darüber, wie Zweisamkeit zu laufen hat? Die Masse behauptet gern so schwulstiges Zeug wie: eine Beziehung sei nur gut, wenn man mindestens ein Mal pro Woche Sex hat. Oder man könne nur einen einzigen Menschen gleichzeitig lieben. Wenn man zwei liebt, sei man schräg, wird einem suggeriert, krank oder sonst was. Vor allem muss man dann eines: sich sofort entscheiden. Eine weitere wahnwitzige Annahme ist, dass, wenn man als Paar einige Jahre zusammen ist, man aber auch bitteschön zusammenziehen muss. Weil so viele so denken [und handeln], werden diese Glaubenssätze schnell als sogenannte Wahrheit übernommen. Die Frage, ob wir es selbst tatsächlich genauso sehen und empfinden, wird nicht mehr gestellt. Denn was die Gesellschaft macht, muss doch richtig sein.

Unzählige Songs und Filme handeln davon, dass man in einer Partnerschaft den anderen brauchen muss. Dass man ihn benötigt, um glücklich zu sein. Oft sind es aber Abhängigkeitsverhältnisse, die dort geschildert werden. I need you. You belong to me, i can‘t live without you. Das Ganze mit ein paar Takten romantischer Musik beschmiert wie ein Nuttellabrot und fertig ist das zuckersüße Klischee. Aber handelt es sich dabei um ein Bild von Freiheit? Oder doch eher um das eines Junkies, der zur im Löffel brodelnden Suppe spricht? Die Weise, in der im Mainstream Partnerschaft gezeichnet wird, ist riskant. Denn sie unterstellt, wir seien alle gleich. Unser Glück ist: Mainstream ist ein vorlauter Hosenscheißer, der nur vor einer Sache wirklich Angst hat: Individualismus.

Die DNA jeder Partnerschaftsschrottung

Wir entscheiden täglich auf’s Neue, wie wir unserem Partner begegnen wollen. Und auch, ob wir überhaupt mit ihm zusammen bleiben möchten. Führen wir uns das vor Augen, wird klar, um was es in Partnerschaft auch geht: um Verantwortung. Wenn wir bei jemandem bleiben, für den wir kein gutes Wort mehr übrig haben, ist das unsere Verantwortung. Konsequenz ist manchmal unbequem. Zu sich selbst zu stehen auch. Doch beides ist unerlässlich, wenn man eine gute Partnerschaft führen will. Denn wir müssen sie zuallererst mit uns selbst führen können, bevor wir uns auf andere einlassen. Bedingungslose Selbstakzeptanz ist notwendig, wenn man eine Zweisamkeit genießen und nicht von ihr abhängig sein will. Bücher wie „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ können uns dabei unterstützen, unsere Beziehungsstrukturen und Fallstricke zu erkennen. Der plakative Titel dieses Buchs offenbart eine tiefe Wahrheit: Wenn wir mit uns selbst zufrieden sind, vergrößert sich der Spielraum. Und umgekehrt. Selbstzufriedenheit geht einher mit Selbsterkenntnis, damit, dass wir um unser Wesen wissen. Doch nicht nur die sonnengefluteten, weißen Strände unter Palmen, sondern auch die vom Nebel durchwaberten Moore und Klippen. Es geht in einer Partnerschaft nicht darum, die sogenannten schlechten Eigenschaften abzustellen. Mal ganz davon abgesehen, dass dies gar nicht funktioniert, dürfen wir uns fragen, wer denn überhaupt entscheidet, dass eine Eigenschaften schlecht ist. Oft sind sie es nämlich nur in Verbindung mit einer bestimmten Person. Und wer kritisiert sie denn am vehementesten? Die Menschen, die uns anders haben wollen, als wir sind. Das ist leider keine Liebe. Dazu später mehr. Durch Bewusstmachung und Annahme der eigenen Baustellen ist also viel gewonnen. Denn nur, was uns bewusst ist, können wir ändern. Mit dieser Herangehensweise leisten wir die größtmögliche Beziehungsarbeit für die aktuelle Partnerschaft und alle, die da noch kommen mögen – vor allem aber für die Beziehung zu uns selbst.

Muschmusch und der Erziehungsauftrag

Und wie fühlt sich Liebe nun an? Das wissen viele, die ein Haustier haben. Haustiere haben den Vorteil, dass keine großen Erwartungen an sie gestellt werden. Der Hund soll vielleicht ein bisschen hören. Oder auch nicht. Egal. Lieben wir Tiere nicht um ihrer selbst willen? Wenn Dir die Katze in der komplett gefliesten Wohnung auf den einzigen Teppich vor der Dusche kackt, verkaufst Du sie dann? Nein. Du sagst: „Böse Muschmusch! Komm, jetzt mache ich das sauber und dann gibt’s eine schöne Packung Sheba für meine Fee!“ Das Haustier ist, wie es ist, und wird so nicht nur akzeptiert, sondern geliebt. Weil es eigensinnig ist. Individuell. Und wir dürfen gern begreifen, dass es mit den Menschen ebenso ist. Doch was tun wir stattdessen? Wir erziehen aneinander herum. Wollen erreichen, dass der andere mehr so wird, wie wir ihn haben wollen, und am besten auch noch die gleichen Bedürfnisse hat wie wir selbst. So geht doch Beziehung, oder?

Man muss dem anderen sein unangenehmes Verhalten abgewöhnen, jawohl! Nur ist er dann leider nicht mehr so, wie zu der Zeit, als wir uns in ihn verliebt haben. An dieser Stelle geht oft der Respekt füreinander verloren. Eine mögliche Lösung ist, den Appell herauszunehmen und Ich-Botschaften zu senden. Aus dem Fingerzeig „Nie hältst Du Dich an Abmachungen“ wird ein „Es verunsichert und verletzt mich, wenn Du Dich nicht an unsere Abmachungen hältst. Ich würde mir von Dir wünschen, dass…“ Von eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu sprechen, kann eine Partnerschaft entlasten. Aus dem Vorwurf wird eine Ich-Botschaft. Danach können wir in buddhistischer Demut loslassen. Kommt unsere Botschaft an und verändert etwas, ist das schön. Falls nicht, dürfen wir uns fragen, wie wir mit der neuen Situation umgehen möchten. Vielleicht kommt dann irgendwann die Sache mit der Konsequenz ins Spiel? Wenn wir jedoch den Anspruch an den anderen in uns tragen, der andere soll so sein, wie wir es gern wollen, sollten wir das Projekt Partnerschaft besser vorerst anderen überlassen. Oder an uns arbeiten. Natürlich wollen wir alle die schönen Seiten einer Partnerschaft, sicher. Doch es zeigt sich, dass wir diese nur genießen können, wenn wir die Bereitschaft mitbringen, auch die Ecken und Kanten in und an uns selbst zu sehen. Und anzunehmen. Was wir ansonsten erleben, mag zwar nett und erfüllend sein und kann man auch noch dreißig Jahre so fortsetzen, aber Liebe und eine Begegnung auf Augenhöhe ist es dann wahrscheinlich nicht.

Willst Du Romantik oder eine erfüllte Beziehung?

Romantik ist eine feine Sache. Blöd ist nur, wenn der Abgleich zwischen romantischer Vorstellung aufgrund gesellschaftlicher Prägung und Realität nicht funktioniert. Glauben wir demütig den ganzen Kram, der uns durch die „Mehrheit“, durch Filme und Songs über Liebe vorgegaukelt wird, haben wir ein Problem. Nicht nur mit uns selbst und unseren Menschenbildern, sondern auch mit den Partner*innen. Denn es geht bei dieser Begegnung auf Augenhöhe, die sich Liebe nennt, vor allem darum, einen gewissen Grad der Selbsterkenntnis erreicht zu haben. Peter Hoeg beschrieb diesen Umstand in Das stille Mädchen mit den Worten: „Wenn die Liebenden sich ernsthaft einander nähern, werden sie dazu gedrängt, das andere Geschlecht in sich selbst zu erforschen.“ Das scheint es zu sein. Das große Yin und Yang im Universum. Indem wir uns selbst wirklich und ganz sehen und anerkennen, können wir auch andere wirklich und ganz sehen und dadurch in ihrer Einmaligkeit belassen und so lieben, wie sie sind.

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