Portrait einer Verdächtigen

#Macht+Protest #Lokales

Vor gut einem Jahr fiel ein Sonderkommando der Hamburger Polizei in die Göttinger Innenstadt ein und verschaffte sich teilweise mit Rammböcken Zutritt zu mehreren Wohnungen, um dort nach Beweisen für begangene Straftaten auf dem G20-Gipfel zu suchen. Doch was ist eigentlich dabei herausgekommen? Die Antwort lautet: nichts. Nachdem wir damals ausführlich den Polizei­präsidenten* zu Wort kommen ließen, erzählen wir nun die Geschichte einer Verdächtigen: Annette Ramaswamy, 62 Jahre jung, examinierte Krankengymnastin und glückliche Mutter von sieben Kindern. Alles begann damit, dass Annette auf dem G20-Gipfel in Hamburg für eine bessere Welt demonstrieren wollte und dort erst mal für drei Tage im Knast landete. Oder ging es schon früher los?

[Text: Vanessa Pegel | Foto: Annette Ramaswamy]

Politisch aktiv geworden ist Annette in der Anti-Atomkraft-Bewegung, weil ihr der Zustand unserer Welt besonders wegen ihrer damals noch jungen Kinder auf der Seele brannte und sie sich dafür einsetzen wollte, dass selbige in eine gesunde Atmosphäre hineinwachsen können. Als in Tschernobyl die Nuklearkatastrophe ausbrach, hatte sie gerade ihr viertes Kind geboren. „Mein Mann und ich sind damals total in Panik geraten und haben Unmengen an Trockenmilchpulver aus alten Beständen aufgekauft“, erinnert sie sich. „Als meine zweijährige Tochter damals aus Jux und Dollerei aus einer Pfütze trinken wollte, bin ich ausgerastet. Es war also zu dieser Zeit alles ganz schrecklich, deshalb hat man sich in Gruppen wie Mütter gegen Atomkraft zusammengetan, um sich auszutauschen und gemeinsam zu demonstrieren.“ 

Über 30 Jahre später hat Annette die Hoffnung auf eine bessere Welt noch immer nicht aufgegeben und sie geht dafür auch heute noch auf die Straße. Warum sie auf den G20-Gipfel gefahren ist, erklärte sie in einer Rede, die sie im Rahmen einer Stadtführung anlässlich des Jahrestages der Hausdurchsuchungen im Dezember letzten Jahres gehalten hat, wie folgt: „Im Juli 2017 trafen sich in Hamburg die 20 wichtigsten Staaten zur Konferenz. Ihre Anführer sind diejenigen, die verantwortlich sind für Klimakatastrophe, Landraub, Ausbeutung und Kriege. Mit wirtschaftlichen Sanktionen und militärischem Druck sind sie verantwortlich für Tod und Vertreibung von Millionen von Menschen. Um meine Empörung und Wut gegen diese menschenverachtende Politik auszu­drücken, bin ich nach Hamburg gefahren. Ich wollte mit vielen Menschen auf der Straße sein, blockieren und demonstrieren, um zu zeigen: Wir wollen eure Politik nicht!“ Annette sagt, was ihr nicht passt und das passt manchen Menschen nicht. Ein schmerzhafter Dorn im Auge ist ihr auch jegliche Form von Faschismus.

 

Name: Annette Ramaswamy | Alter: 62 Jahre | Wohnhaft: Göttingen

 

Exkurs: Das knallrote Gummiboot 

Als Jens Wilke und seine Schergen gemeinsam mit Lars Steinke von der AfD Ende 2015 eine ihrer „Mahnwachen“ in Duderstadt am Obertorteich abhielten, pustete sich Annette mit einem Freund ein knallrotes Gummiboot auf und paddelte, bewaffnet mit Sirenengeheul und lauter Musik, beherzt auf die nationalsozialistische Zusammenkunft drauflos, sodass Jens Wilke kaum noch sein eigenes Wort verstand. Dafür kassierten die beiden eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs, die dann wieder fallengelassen wurde, aber Wilke war natürlich not amused. Als er später im Kreistag für die NPD kandidierte und Annette ihn beim Reingehen mit Glitzer überschüttete, wuchs seine Begeisterung ins Unermessliche. So kam es, dass Annette nach dem Besuch einer Anti-Nazi-Demo in Göttingen beim Kaffee­kochen aus dem Fenster ihres Hauses blickte und Wilke und sein „Freundeskreis“ aus einem vollbesetzten Auto wilde Botschaften wie „Der Krieg hat begonnen!“ durch die heruntergekurbelten Scheiben grölten. „Damals hat mein Mann die Polizei gerufen, aber die kam erst ein paar Stunden später“, so Annette und weist darauf hin, dass die Insassen des Autos am selben Abend noch zwei Menschen am Albaniplatz verprügelt haben, die ebenfalls zuvor demonstriert hatten. 

Annette versteht nicht, wieso es auf den Kundgebungen von Jens Wilke und seinen Kameraden immer so aussieht, als würde die Polizei den Nazis eine Bühne bereiten, damit sie ungehindert ihre Parolen verbreiten können, und fragt sich, warum kein Polizist zur Stelle ist, wenn sie in ihrem Vorgarten Terror verbreiten oder auf ihren „Mahnwachen“ feist grinsend den Hitlergruß zeigen, der nun mal aus gutem Grund verboten ist. Wenn sich ein*e oder gar mehrere Polizist*innen dazu aufraffen könnten, den einen oder anderen Hitler grüßenden Neo-Nazi standesgemäß zurechtzuweisen und zumindest seine Personalien für weitere Schritte festzuhalten, wäre das tatsächlich mal ein schönes Zeichen dafür, dass die Polizei eben wirklich nicht auf dem rechten Auge blind ist, wie mancherorts vermutet wird. Also worauf noch warten? 

Drei Tage Knast

Doch nun erstmal zurück zu Annette und den Ereignissen auf dem G20-Gipfel. „Ich bin ganz luxuriös mit dem ICE nach Hamburg gefahren, und bin dann am Morgen um kurz nach vier auf eine Demo gegangen. Dabei waren sich alle einig, dass wir mit einer Sitzblockade ein Zeichen setzen wollten, indem wir dafür sorgen, dass die Herrschaften zu spät zu ihrer Konferenz kommen“, erläutert sie. „Auf dem Weg dorthin waren die Straßen komplett ruhig, aber am Himmel kreisten schon Hubschrauber und plötzlich fingen alle an zu rennen. Zuerst habe ich gar nicht verstanden warum, aber kurz darauf sah ich die Wasserwerfer und dann wurde ich selber zur Seite gespritzt. Wir waren der Polizei in die Falle gegangen. Viele der ca. 200 Demonstrant*innen haben versucht, über ein Fabrikgelände davon zu kommen, woraufhin ein Geländer eingestürzt ist. Deshalb gab es auch so viele Verletzte. Dann kamen ganz viele Krankenwagen, überall auf der Straße lagen Leute und auf jedem kniete ein Polizist. Als einer von ihnen zu mir sagte, dass ich bleiben sollte, wo ich bin, hätte ich mich vor lauter Panik sowieso schon keinen Millimeter mehr bewegen können“, erinnert sich die examinierte Krankengymnastin. Nachdem sie ein paar Stunden gefesselt auf der Straße gesessen hatte, wurden sie zusammen mit anderen Demonstrant*innen zur sogenannten Gefangenen-Sammelstation, kurz : GESA, gefahren. Weil sie sich weigerte, in eine Zelle zu gehen, ohne vorher telefonieren zu dürfen, landete die 62-Jährige in Einzelhaft und musste sogar ihre Schnürsenkel abgeben. „Deshalb konnte ich in meinen Converse-Schuhen nicht mehr richtig laufen – schon gar nicht als sie mir Fußfesseln [!] anlegten, um mich in einem Gefangenenbus in einen richtigen Knast nach Billwerder zu befördern und später noch mal nach Hahnöfersand zu verlegen. Ich glaube, das Ganze war komplett übertrieben“, sagt Annette und lacht im Nachhinein über ihre drei Tage Knast. 

Die SOKO Schwarzer Block

Ein halbes Jahr später fällt eine Sonderkommission aus Hamburg, die sogenannte SOKO Schwarzer Block, bei Annette und ihrer Familie gewissermaßen mit der Tür ins Haus und sucht nach Beweisen für Verbrechen, die auf dem G20-Gipfel verübt worden sind. „Dem Durchsuchungsbefehl zufolge haben sie nach meinem Handy gesucht und das haben sie auch sofort gefunden, denn es lag direkt auf dem Küchentisch, aber gesucht haben sie trotzdem weiter. Acht Stunden lang!“, stöhnt Annette, die sich während dieser Zeit ebenso wie ihr Mann und ihre 94-jährige Tante nicht frei bewegen und mit niemandem außer der Anwältin reden durfte. Am Ende hat das Sondereinsatzkommando dann die Computer und damit die Arbeitsgrundlage von ihrem Mann mitgenommen, der einer Lehrtätigkeit nachgeht und sich als Politiker bei den Piraten engagiert, denn Annette hat gar keinen eigenen Computer. „Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mal, was die Polizei gesucht haben könnte“, seufzt sie, „jedenfalls haben sie nichts gefunden.“ 

Annette ist eine lebensfrohe Frau mit viel Humor und einer gehörigen Portion Courage. Sie mag in ihrem Kampf für eine bessere Welt einen leichten Hang zum zivilen Ungehorsam hegen, schelmisch mit einem knallroten Gummiboot gegen faschistische Strömungen ins Feld paddeln oder aufmüpfig bei einer Straßenblockade ihr Sitzfleisch beweisen, aber Polizisten zu vermöbeln, Geschäfte zu plündern oder Autos anzuzünden ist definitiv nicht ihr Ding. Welche elementare Straftat, die den Polizeieinsatz in ihrem Haus verhältnismäßig erscheinen lassen würden, hätte sie auf dem G20-Gipfel noch begangen haben können? Beihilfe zu einer Sitzblockade, die gar nicht stattfand? Schwerer Landfriedensbruch auf der Flucht vor den Wasserwerfern der Polizei? 

Der Zwischenfall in der Roten Straße

Kurz nach den Hausdurchsuchungen war die Empörung groß. Nicht nur die Betroffenen, sondern auch viele andere Göttinger Bürger*innen und so manche*r Politiker*in fragten sich, ob ein derartiger Polizeieinsatz tatsächlich notwendig war. Spätestens, wenn man dann auch noch erfährt, dass ein anderer der Verdächtigen, dessen Wohnung ebenfalls durchsucht worden ist, während des G20-Gipfels erwiesenermaßen nicht einmal in Deutschland, sondern im Ausland war, kommen Zweifel auf. Deshalb war auf der Demonstration, die ein paar Tage nach den Hausdurchsuchungen stattfand, auch ziemlich viel los. Annettes Sohn Marian fungierte als Ordner der Demo und sprach sich bis zu einem gewissen Zeitpunkt sogar sehr konstruktiv mit der Polizei ab, um den Verlauf des Demonstrationszuges abzustimmen. Doch in der Roten Straße kam es dann plötzlich zu einem Zwischenfall, den sich bisher niemand so richtig erklären kann. „Marian machte ein Zeichen, dass die Demonstranten weiter gehen sollten, nachdem sie kurz zum Stillstand gekommen waren“, erinnert sich Annette, die sich am Rand der Demo aufhielt. „Als der Zug sich wie eine Welle wieder in Gang setzte, liefen die Polizisten plötzlich frontal auf die Demo zu und rissen meinen Sohn um, der noch schrie: ‚Lassen Sie mich los, ich bin doch Ordner!‘ Dann lag er auf dem Asphalt und wurde mit dem Kopf auf den Boden gedrückt. Ich versuchte, mich zwischen den Stiefeln der Polizisten zu ihm hindurch zu drängeln, aber es gelang mir nicht. Kurz darauf schliffen sie meinen offensichtlich bewusstlosen Sohn ins Polizeiauto, was mich in pure Panik versetzte, und später stellte sich heraus, dass sie nicht etwa zur nächsten Ambulanz, sondern zum Polizeirevier mit ihm gefahren sind“, erinnert sich Annette und weist auf Videoaufnahmen* hin, um das geballte Grauen dieser Situation nachvollziehen zu können.  

Ungefähr 40 Minuten später hatte Marian das Polizeirevier bereits wieder verlassen und war ziemlich lädiert zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Wenn die Polizei ihn wegen irgendeines Verbrechens für schuldig befunden hätte, dann verwundert es doch, dass sie ihn so schnell wieder frei ließen – vor allem, wenn man noch Annette und ihre drei Tage Knast vor Augen hat. „Ich bin davon überzeugt, dass das alles so gar nicht hätte passieren sollen, weil es eigentlich gar keinen Sinn gemacht hat“, sagt sie. „Warum haben die Polizisten meinen Sohn, den Ordner der Demo, drangsaliert, anstatt mit ihm zu reden, was zuvor ja auch gut geklappt hatte? Wieso haben sie plötzlich mit Schlagstöcken auf ein Transparent und die dahinter stehenden Menschen eingeprügelt?“

Die Konsequenzen

Möglicherweise ist auf der besagten Demo aus irgendeinem Grund unter den Polizisten Panik ausgebrochen. Man hörte, dass einer von ihnen in der Roten Straße gegen einen Baum gedrückt worden sei, woraufhin ihm andere zur Hilfe eilen wollten. „Aber dort steht doch nach der Sanierung der Straße gar kein ernstzunehmender Baum mehr“, wundert sich Annette und sie hat recht. Jedenfalls wurde das interne Verfahren gegen den Braunschweiger Polizisten, der ihren Sohn auf der Demo in der Mangel hatte, im Januar ohne eine nachvollziehbare Erklärung eingestellt. Annette bekam eine Anzeige wegen Beleidigung, weil sie irgendwann in diesem ganzen Tohuwabohu verzweifelt in die Menge schrie: „Das ist ja wohl hier das Allerletzte!“ und sich davon ein Polizist persönlich angegriffen fühlte. Doch diesen Vorwurf befand ein Richter für haltlos. Offen bleibt nun noch Marians Verfahren, der sich wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt vor Gericht verantworten muss.

Aufgeben ist keine Alternative

Hat Annette nach den ganzen Geschehnissen noch Vertrauen in den ausführenden Arm unseres Staatsapparats? „Ich habe langsam das Gefühl, dass sich die Polizei alles so hindrehen kann, dass am Ende jemand anderes die Schuld hat“, seufzt sie. Würde sie nochmal auf eine G20-Demo wie in Hamburg gehen? „Unbedingt! Es ist mir nach wie vor unheimlich wichtig, mich einzusetzen und mich nicht mit den Lügen von Politikern und ihren Kumpanen abzufinden. Ich will auch weiterhin gemeinsam mit vielen anderen Menschen für eine bessere Welt ohne Rassismus, Faschismus, Ausbeutung, Umweltverpestung und Krieg, sondern mit grenzenloser Solidarität aktiv eintreten.“ Wie man ihrer Ansicht nach so eine Welt etablieren könnte? „Ich weiß es auch nicht“, antwortet sie, „vielleicht brauchen wir eine Revolution.“

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 15. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Januar 2019.

 

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