Schnipo Schranke

#Kultur #Interview #Musik #SatzFetzen

„Hab dein Handy mit den Arschbacken gehalten, nur um dich zu unterhalten. Dacht’, du findest so was komisch, seitdem liebst du mich platonisch.“ Schnipo Schranke, das ist pornös--desaströse Poesie vom Feinsten gepaart mit Klavierakkorden, Synthie-Versatzstücke, autodidaktischen Drumbeats und studierter Blockflöte. Am 4. August tritt dieses herzlich schmerzbefreite HipHop-Chanson-Duo aus Hamburg im Dots auf. Zuvor spielten wir mit Fritzi und Daniela eine Runde Satzfetzen und sprachen über Schwächen und Abgründe, Liebe und Streit, Dope und die eigenen Eltern, bis wir schließlich bei Rocko Schamoni und Sex landeten.

[Text: Vanessa Pegel | Fotos: Simone Scardovelli]

 

 

Viele Journalist*innen wollten Euch unbedingt in der Hamburger Schule oder wenigstens als Feministinnen verorten und schienen dann regelrecht beleidigt zu sein, als Ihr davon nichts wissen wolltet. Könnt Ihr Euch das irgendwie erklären?

Es ist überhaupt nicht so, dass wir mit Feminismus nichts am Hut haben. Selbstverständlich sind wir für die Gleichberechtigung aller Geschlechter! Aber es stört uns, wenn uns jemand von außen unbedingt einen Stempel aufdrücken will, nur weil wir Frauen sind und schmutzige Wörter in den Mund nehmen. Wir haben die Band nicht gegründet, um feministisch etwas voranzutreiben, sondern weil wir etwas machen wollten, das uns Spaß macht. Wir wünschen uns, dass es egal ist, ob wir Frauen sind, weil wir bestimmt auch als Männer gut wären.

In Euren Liedern verarbeitet Ihr am liebsten Eure eigenen Schwächen und Abgründe, indem Ihr sie gnadenlos unverblümt in Szene setzt, was dann ominöser Weise irgendwie eine tröstliche Wirkung ausübt, oder?

Auf jeden Fall. Wenn wir Songs schreiben, dann trösten wir uns am Anfang in erster Linie selbst. Das ist dann immer wie eine kleine Therapie, die tut dann vielleicht auch erstmal weh, aber wir haben die Erfahrung gemacht, umso mehr es wehtut, desto mehr erreicht es dann auch andere. 

Seid Ihr im wahren Leben wirklich so unzertrennlich und chillt ständig zusammen rum, wie man sich das vorstellt?

Unbedingt! Seitdem die Band so hammermäßig abgeht, bereuen wir es oft, dass uns kaum noch Zeit bleibt, über andere Themen zu reden als Schnipo Schranke.

Streitet Ihr Euch auch manchmal?

Neeeiiiiiinnn! Wir streiten uns eigentlich so gut wie nie, aber wir haben auch mega Schiss davor! Zwischen uns besteht schließlich nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch ein großes Abhängigkeitsverhältnis. Wenn wir uns streiten, dann steht unsere Existenz auf dem Spiel. Deshalb sind wir voll die Schisser und haben Angst vor sozialen Konflikten – die untereinander fürchten wir am meisten, deshalb lassen wir sie am liebsten aus. Abgesehen davon sind wir der Meinung, dass man im Leben über alles vernünftig reden kann und gar nicht streiten muss. Um das zu lernen, ist so ein Abhängigkeitsverhältnis eine gute Schule.

In Eurem Song „Beste Freunde“ rechnet Ihr gnadenlos miteinander ab. Gab es während des Songwritings keinen Moment, in dem eine von Euch ein bisschen eingeschnappt war?

Wir haben uns natürlich nur die Dinge an den Kopf geworfen, die uns nicht ernsthaft verletzen. Gerade arbeiten wir an einem Remake des Songs. Deshalb haben wir uns erst neulich wieder damit auseinandergesetzt, womit wir uns im Jahre 2018 gegenseitig dissen können, und wenn dann dabei rumkommt, dass ich [Daniela] stinke, dann kann mich das überhaupt nicht verletzen.

Das hört sich super an! Ich habe mich schon gefragt, warum dieses großartige Lied nicht auf einem Eurer bisherigen Alben drauf ist.

Das kommt jetzt auf’s nächste. Soviel können wir ruhig schon mal verraten.

„Mother was a lie, father was a joke. That’s why I love dope“, heißt es in Eurem Song „Dope“. Sind Eure Eltern wirklich so grauenvoll oder kam diese Zeile zustande, weil Ihr für eine gute Punchline auch Eure Omi verkaufen würdet? 

Erstens thematisiert der Song nur meine [Danielas] Kindheit und zweitens ist da sicherlich einiges schief gelaufen, aber das heißt nicht, dass ich meine Eltern nicht lieb habe. Doch manchmal muss man eben über bestimmte Sachen auch mal abkotzen. Dabei sind die  Songs eigentlich immer eine emotionale Momentaufnahme, die sich dann ja weiterentwickelt. Und in diesem Song geht es eben um den Moment, in dem man mal kurz seine Eltern hasst. Ich würde sogar behaupten, dass der Song mir dabei geholfen hat, dass es jetzt nicht mehr so ist.

Ist Fritzis Vater eigentlich wirklich Pfarrer?

Nein, das war nur wegen der Punchline. Aber er ist tatsächlich Moraltheologe.

Oh Gott. Wie kommt er mit Eurem Sound klar? 

Er findet ihn gut. Unsere Eltern kommen eigentlich alle gut damit zurecht.  

Ihr scheint ständig Liebeskummer zu haben. Ist das wirklich wahr, oder schreibt Ihr nur so gerne darüber? 

Gerade haben wir erfreulicherweise keinen Liebeskummer mehr, aber damals schon! Derzeitig haben wir es beide geschafft, glücklich in der Liebe zu sein, deshalb interessiert uns dieses Thema gerade nicht so brennend.

Ich gratuliere! Aber worum geht’s denn dann auf Eurer nächsten Platte?

Um viele Dinge, und es geht tatsächlich auch um Liebeskummer, fällt mir gerade auf, allerdings ist der schon ein bisschen länger her. Aber es geht auch um Selbsthass und um Beziehungsprobleme, denn sogar in einer glücklichen Beziehung ist nicht immer alles rosig. Es wird sowohl aus der Vergangenheit als auch aus der Gegenwart und der Zukunft berichtet. 

Ging eigentlich mit Rocko Schamoni was? Immerhin seid Ihr auch wegen ihm nach Hamburg gezogen, wie Fritzi in einem Interview mit der taz verlauten ließ, woraufhin Daniela anmerkte, dass die Betten dort für Euch schon gemacht gewesen seien, was irgendwie tief blicken lässt …

Das war so nicht gemeint! Wir haben ihn nur mal auf einer Lesung getroffen, wo wir ihn ganz schön voll gelabert und ihm unsere Platte gegeben haben. Daraufhin hat er sich in Hamburg tatsächlich für uns eingesetzt, sodass wir dort gleich einen guten Draht hatten, aber seitdem haben wir uns eigentlich nicht mehr gesehen. Wir hatten also keinerlei sexuelle Beziehung zu Rocko Schamoni, falls Du das wissen wolltest. 

Irgendwie hatte ich mir das erhofft, aber macht auch nix.

Leider kam es nicht dazu.

Schade. Trotzdem vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

SATZFETZEN*

*[Beim Satzfetzen beginnt VONWEGEN einen Satz, den die charmant-blümeranten Girls von Schnipo Schranke beenden.]

Worte sind für Euch … der Ausdruck der Seele.

Eure Texte schreibt Ihr am liebsten, wenn … es uns besonders schlecht geht.

Die Blockflöte ist ein supergeiles In­strument, weil … es unheimlich viel Zeit und Intellekt erfordert, um das herauszufinden.

Eure drei hervorstechendsten Eigenschaften sind … erstens der Gestank, zweitens können wir ganz schön lustig sein und drittens sind wir natürlich derzeitig die beste Band der Welt.

In Sachen Selbstvertrauen seid Ihr … unschlagbar.

Das letzte Mal so richtig glücklich wart Ihr, als … wir mit der Band in Schweden im Urlaub waren.

Am Wichtigsten ist Euch … Schnipo Schranke.

Das Problem mit der Liebe ist, dass … man nicht darauf verzichten kann, dass man sie nicht verlieren möchte,  und dass man sich nicht gegen sie entscheiden kann.

Als Pimmelreiter braucht man unbedingt … was zu rauchen.

Am allermeisten nervt Euch, dass … wir nicht immer so glücklich sind wie in Schweden.

Wenn Ihr erstmal so richtig fame und stinkreich seid, dann … haben wir ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd.

Wenn nicht, dann … machen wir solange weiter Musik, bis wir ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd haben.

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 12. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im Juli 2018.

 

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