Springschwänze
und andere Sperenzien

#VerwegeneUnternehmer*innen #Lokales  #Klima #Arbeit+Leben

Manche Lebensläufe sind wie aus dem Ei gepellt, andere so kantig, dass man sich daran stoßen könnte. Letztere finden wir spannender. Deshalb portraitieren wir in unserer Serie VERWEGENE UNTERNEHMER Firmengründer, bei denen nicht immer alles rund lief und doch zum Erfolg führte. Unser erster Prototyp ist Boris M. Hillmann, der Geschäftsführer des Göttinger Carsharing-Service YourCar. 

[Text & Foto: Vanessa Pegel]

 

Ein schweißtreibender Tiefpunkt in Boris M. Hillmanns Karriere war der Moment, als er in der Sauna eines Hotels als Handtuchwedler eine Probeschicht absolvierte. Damals war er 37 Jahre alt, hatte gerade seine Doktorarbeit in Umweltökonomie unvollendet ad acta gelegt und brauchte das Geld.

 

Nackte Tatsachen

Leider war die Probeschicht unbezahlt und so sollte es auch bei der folgenden ablaufen. Deshalb sah sich der diplomierte Biologe dazu veranlasst, von einer feucht-fröhlichen Laufbahn als Saunabursche abzusehen und sich stattdessen als fulminanter Autor für ein hiesiges Briefmarken-Fachmagazin zu verdingen. Dort konnte er sein schreiberisches Talent unbehelligt austoben, bis er sich durch eine kurios-famose Kolumne über Hunde und deren Scheiße die Zensur des Chefredakteurs sicherte [nachzulesen auf unserer Homepage: www.vonwegenverlag.de]. Allerdings war er damals mit seinen Gedanken schon längst woanders, denn insgeheim arbeitete er bereits fieberhaft an einem Businessplan für seine Existenzgründung als Carsharing-Unternehmer.

Aus dem Sumpf

Das Thema Mobilität bewegte Boris schon in seiner Kindheit, die er in der Nähe von Ulm in einem Dorf Namens Pfuhl verbrachte. „Pfuhl heißt so viel wie Sumpf“, sagt der smarte 41-Jährige und grinst. Bereits in der Grundschule verdiente er sich ein paar Groschen, indem er andere Kinder mit dem selbstgebauten Fahrradanhänger seines Vaters von A nach B kutschierte. Ähnlich CO2-ausstoßarm sollte auch seine heutige Mobilitätsunternehmung sein. 2015 gründete er gemeinsam mit seinem Kompagnon Andreas Behrens den Carsharing-Service YourCar, der dank seines erdgasbetriebenen Fuhrparks eine äußerst erfreuliche Umweltbilanz vorweisen kann. Von der Idee bis zur Gründung vergingen dreieinhalb sehr lange und zähe Jahre im Leben des Boris M. Hillmann, in denen er nicht nur als Handtuchwedler und Briefmarken-Redakteur jobbte, sondern auch als Plasmaspender, Anzeigenverkäufer, Ghostwriter und Extrem-Reporter tätig war. Doch der Schweiß, die Tränen und das Blut haben sich gelohnt. 

Flausen im Kopf und Hummeln im Hintern

„Im Grunde war das Unternehmertum für mich nicht absehbar“, stellt Boris fest. „Als Kind wollte ich Tierarzt werden, bis die Erkenntnis kam, dass man dabei hauptsächlich mit Hamstern, Hunden und Katzen zu tun hat, die darüber hinaus auch immer alle krank sind. Außerdem war meine schulische Karriere nicht die allerprickelnste. Zuerst war ich auf dem Gymnasium, dann bin ich runter auf die Realschule, von der ich kurzentschlossen mit einem gerade so eben bestandenen Hauptschulabschluss abgegangen bin“, erzählt der Vater einer 12-jährigen Tochter und lacht. Er sei damals zu sehr mit seiner Pubertät beschäftigt gewesen, hatte Flausen im Kopf und Hummeln im Hintern.

Um nicht mit armen, kranken Haustieren, sondern mit exotischen, gesunden Tieren zu tun zu haben, absolvierte der dschungelbegeisterte Abenteurer eine Ausbildung als Tierpfleger im Kölner Zoo. Doch schon bald darauf hatte er genug davon „den ganzen Tag Elefantenscheiße hin und her zu schippen“ und ansonsten nur von den Tropen zu träumen. Deshalb drückte er noch einmal die Schulbank und holte sein Abi nach, um anschließend in Köln und Göttingen Biologie zu studieren.

Über die Internalisierung von Externalitäten

Boris ist Biologe aus Leidenschaft. Eine Zeit lang züchtete er Pfeilgiftfrösche und wenn er über Springschwänze – kleine Urinsekten, die den Fröschen als Futter dienen – referiert, dann fangen seine Augen an zu glänzen. Während seines Studium seien ihm dann auch noch die Pflanzen ans Herz gewachsen. Deshalb spezialisierte er sich auf Botanik, Umweltschutz und Pflanzenbau in den Tropen. Im Hauptstudium ergatterte der ehemalige Hauptschulabsolvent mehrere Stipendien und verwirklichte sich seinen lang gehegten Traum, direkt vor Ort im Regenwald, in Sri Lanka, Kenia und Bolivien Forschungsarbeit zu betreiben. Nach Abschluss seines Studiums, arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Göttingen und begann mit seiner Doktorarbeit in Umweltökonomie, wofür er mehrere Monate in Ecuador verbrachte. 

„Umweltökonomie oder Environmental Economics ist eine Disziplin, die sich an der Schnittstelle von Ökonomie, Ökologie und Politik bewegt“, erklärt Boris, zieht verschmitzt die linke Augenbraue hoch und fügt hinzu: „Dabei geht es um die Internalisierung von Externalitäten, also man schafft Märkte für sogenannte öffentliche Güter. Nehmen wir mal das CO2-Beispiel: Wem gehört die Luft? Niemandem und allen. Wer fühlt sich dafür verantwortlich? Keiner. Die daraus resultierende mögliche Klima-Katastrophe ist hinlänglich bekannt. Deshalb haben Umweltökonomen das Kyoto-Protokoll (mit)erfunden und damit einen Markt geschaffen, auf dem man mit CO2-Zertifikaten handeln kann“,  erläutert der Biologe. „Und dieser Markt soll jetzt das CO2-Problem regeln.“ Was die Politik daraus macht, sei eine andere Sache. Passend dazu lautete auch die Fragestellung seiner bisher noch unvollendeten Doktorarbeit zugespitzt formuliert wie folgt: „Was kostet die Welt und wer bezahlt dafür?“

Das persönliche Problem als Antriebsfeder zum Erfolg

Während seiner empirischen Studien all over the world stolperte er bei einem Besuch seiner Tochter Noelia in Düsseldorf über ein Carsharing-Geschäftsmodell, das ihn auf Anhieb faszinierte, weil es sein Leben auf angenehme Art erleichterte und noch dazu umweltfreundlich war. „Genau das ist auch die Antriebsfeder vieler Existenzgründer: Sie finden die Lösung für ein persönliches Problem, und sind so begeistert davon, dass sie es am liebsten mit der ganzen Welt teilen wollen“, sagt Boris, der damals einen Ausflug mit seiner Tochter plante und auf der Suche nach einem fahrbaren Untersatz war. „Ich habe kein eigenes Auto und ich will auch kein eigenes Auto, denn das ist mir viel zu teuer. Zwar machen sich das die meisten Leute nicht bewusst, aber es ist einfach so. Deswegen war Carsharing für mich schon immer eine Option, aber bei den meisten Anbietern musste man eine Kaution hinterlegen, einen Schlüsselpfand abgeben, eine Grundgebühr zahlen und was weiß ich nicht noch alles. Bei unserem Carsharing-Modell bezahlt man lediglich eine einmalige Anmeldegebühr und anschließend ausschließlich on demand – es kostet also nur Geld, wenn man auch wirklich fährt und man muss noch nicht mal ein Parkticket dafür lösen – zumindest nicht in Göttingen. Dagegen ist ein eigenes Auto, das man kauft, damit es die meiste Zeit auf dem Parkplatz steht, während es Steuern, Versicherung und Instandhaltungskosten kostet, eigentlich nur ein Kapitalgrab. Aus der Gewissheit heraus, dass ich selbst und viele andere Menschen dieses ganze Geld lieber für sinnvolle und schöne Dinge, die Spaß machen, ausgeben wollen, gründeten wir YourCar. Und jetzt mal Hand auf’s Herz: Wozu ein eigenes Auto besitzen, wenn man viele haben kann?“

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 1. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im August 2016.

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