Zufriedenheit 
und wie man sie anlockt

#Seelenleben 

Nachdem wir Euch in unserer vorherigen Ausgabe mit dem Thema Glück zu Leibe gerückt sind*, hat sich unser Autor Manni nun die Zufriedenheit zur Brust genommen. Dabei stellte er fest, dass die beiden oft verwechselt werden, obwohl es eigentlich ganz einfach ist, sie auseinander zu klamüsern. Man muss es nur machen. Manni tat es und liefert uns nun eine kleine Anleitung, um das Glück und die Zufriedenheit bei den Hörnern zu packen.  

[Text: Manfred Langer aka Manni | Illustrationen: Fräulein Freud]

Leider kann man weder Glück noch Zufriedenheit irgendwem durch eine Biopsie als Gewebeprobe entnehmen, auf einen Objektträger legen und dann unter dem Mikroskop analysieren. Weil diese Befindlichkeiten erst einmal in ähnlichem Gewand daherkommen und sich beide gut anfühlen, kommt folgende Frage auf: Das Glück und die Zufriedenheit, sind das nicht unterschiedliche Namen für dieselbe Sache? Ist das nicht alles eine Mischpoke? Wer das eine ist, ist doch automatisch das andere auch, oder? Nein, so einfach ist das nicht! Hier ein paar Eckdaten zu den Unterschieden, die durchaus Beachtung finden sollten. Der auffälligste Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit mutet allerdings etwas sexistisch an. Denn:

Auf die Länge kommt es an

Befragt man eine beliebige Kohorte Mensch danach, was sie unter Zufriedenheit versteht, reichen die Antworten auf dem Zeitstrahl unseres Lebens weit in die Zukunft: um Sicherheit geht es dann, um Dauerhaftigkeit, so etwas wie Heirat, unbefristetes Arbeitsverhältnis, Eigentumswohnung, Bausparvertrag oder sonst irgendwie ein paar Mark fünfzig auf der hohen Kante, mal in den Urlaub und natürlich ein Auto mit TÜV vor der Tür. Danach ist dann aber auch schnell Schluss mit dem ganzen Konsumquatsch und es geht ans Eingemachte. Knallst Du beim Pärchen-Abend die Zufriedenheits-Frage auf den Tisch wie die vierte Sieben beim Mau-Mau, geht die Diskussion schnell in Richtung Lebensentwurf, Planung, Weitsicht, Dekaden und grundsätzliche Haltung dem Leben gegenüber. Aber leider, leider scheint es nicht so zu sein, dass ein zufriedenes Leben auch automatisch mit Glücksmomenten gespickt ist wie Omas Sonntagsbraten mit Speckstreifen. Zufriedenheit ist also bei vielen Menschen mit etwas Dauerhaftem assoziiert.

Glücksmomente

Tritt Glück ein, wird im Gehirn ein Feuerwerk abgebrannt. Und wie das bei Feuerwerken so ist: nach kurzer Zeit sind sie vorbei. Das Pendant zu dem Zufriedenheits-Thema beim Pärchen-Abend wäre hier: Ein Tag im Heide-Park, Verknalltsein, ein Bündel Fuffies finden und hemmungslos verprassen oder auf dem Weg zum Finanzamt von George Clooney respektive Angelina Jolie angesprochen und nach der Telefonnummer gefragt werden. Der eigenen wohlgemerkt! So funktioniert Glück. Der hierfür ausgeschüttete Botenstoff ist Dopamin. Nun könnte man ja meinen, dass dicht aneinander gekoppeltes Glück zu Zufriedenheit führt. Da muss ich aber leider den FALSCH-Buzzer drücken: Möööööp!!! Klappt so nicht. Dieses Konstrukt nennt sich dann bald Sucht. Führt ins Desaster. Denn die Areale in unserem Kopf, in denen Glück produziert wird, sind dieselben, in denen Sucht entsteht. Auch wenn die Evolution ein ziemlich heißer Feger ist und eine Menge toller Dinge angeleiert hat – für dauerhaftes Glück hat sie unseren Biochemie-Haushalt nicht ausgestattet. Sie hat ihm viel mehr einen Riegel vorgeschoben: Je dichter getaktet Glück stattfindet, desto schneller und mehr nutzt sich seine Intensität ab wie die Hacke Deiner Lieblingsschuhe. Und? Hast Du immer noch Bock auf jeden Tag das totale Glück erleben? Oder darf es vielleicht doch ab und zu ein wenig Zufriedenheit sein?

Ohren auf und hineingehorcht

Bei einem kleinen Exkurs in die Phonetik, also die Wissenschaft der sprachlichen Laute, stellte ich Folgendes fest: Hört man sich die Worte Glück und Zufriedenheit einmal laut ausgesprochen an, ergeben sich dabei gravierende Unterschiede. Zufriedenheit. Vier Silben. Man kann das Wort trennen. Zu-frie-den-heit. Zu Frieden. Man kommt zu Frieden. Wow! Frieden. Klingt nach Beruhigung bis ins Knochenmark. Auf der anderen Seite: Glück. Eine Silbe. Untrennbar. Kommt in einem Rutsch. Wie das dazugehörige Gefühl auch. Bäm! Knallt – phonetisch gesehen – vier Asse auf den Tisch. Sprich beide Worte langsam acht Mal hintereinander laut aus und Dir wird klar: Zufriedenheit klingt nach einem tragfähigen Fundament, nach in sich Ruhen und nach wohl überlegter Planung. Glück hingegen ist ein Tropfen purer Freude mit Vanillegeschmack und Sahnehäubchen obendrauf, der aus dem Wasserhahn des Lebens in Dein Herz tropft und es öffnet wie eine Lotusblüte. 

Glück ist ein barfüßiger Hippie

Beides – Glück und Zufriedenheit – sind subjektive und voneinander unabhängige Zustände. Sie können einander bedingen, müssen aber nicht. Wenn wir beispielsweise darüber nachdenken, uns beruflich zu verändern, um mit unserem Leben zufriedener zu sein, ist es ausgesprochen hilfreich zu wissen, welche Tätigkeiten uns glücklich machen. Dabei lohnt es, einen Blick auf die Hobbys zu werfen. Denn da geht die Reise hin. Hobbys machen froh. Kein Mensch dreht sich in der Freizeit aus Langeweile mit einer Kombi-Zange am Ohr. Hobbys sind schön. Ihre DNA sollte mit der von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung oder Selbständigkeit gekreuzt werden. Ehe ist auch schön. Für manche jedenfalls. In einer Studie des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman fand man heraus, dass verheiratete Frauen mit ihrem Leben zwar insgesamt zufriedener sind, aaaaaber: Glücklicher sind die Single-Frauen, denn sie erleben mehr Glücksmomente. Vielleicht weil sie eher etwas unternehmen und somit schneller in neue Situationen gelangen. Inwieweit sich diese Studienergebnisse auf Männer übertragen lassen, kannst Du ja beim nächsten Pärchen-Abend in die Runde geben. Und nach dem dadurch provozierten Gender-Eklat vielleicht als Single nach Hause gehen.

Butter bei die Fische

Alle wollen immer wissen, was sie tun können, um dieses oder jenes zu erreichen. Oder zu werden. Dieser Wunsch nimmt zuweilen bizarre Formen an. Wir fragen uns beispielsweise, was wir aktiv dazu beitragen können, mehr zur Ruhe zu kommen. Oder wir kaufen uns drei Bücher über Minimalismus. Oder fummeln vier Stunden am Smartphone herum, um eine App zu installieren, die misst, wie viel Zeit wir am Handy verbringen. Dahinter steckt das menschliche Bedürfnis nach Entwicklung. So auch bei der Frage, inwiefern man Einfluss auf Glück und Zufriedenheit hat. Hier einige Antwortversuche aus der Forschung: Verbringe viel Zeit mit Freunden und Familie. Dass wir soziale und mitfühlende Wesen sind, weiß man inzwischen – sogar im Eichsfeld. Dass man im Organismus von Menschen mit vielen sozialen Kontakten deutlich weniger Stresshormone wie beispielsweise Cortisol findet als in dem von Einzelgängern, weiß hingegen kaum jemand. Und übrigens: Auch Haustiere sind soziale Kontakte. Geh also lieber hinaus in die Welt und mach was Neues, denn Trott gebiert kein Glück und auf lange Sicht auch keine Zufriedenheit, sondern Langeweile. Das Kaufen von Dingen ist zwar ein müder Abklatsch vom Glücksgefühl, der daraus resultierende Effekt hat aber eine miserable Lebensdauer. Beethovens fünfte läuft vermutlich länger. Tun wir aber etwas Neues  – einen Kurs belegen, eine Sprache lernen, eine Nachtwanderung unternehmen – entsteht ein Hochgefühl mit einer längeren Halbwertzeit als Plutonium. Neugierde ist somit der V8-Motor der Glücksmaschine. Wenn wir zur Arbeit pendeln, sollten wir Alternativen suchen. Unzählige Studien zeigen, dass die Gattung der gemeinen Pendler weniger glücklich ist [und eine niedrigere Lebenserwartung aufweist] als Menschen, die vor Ort arbeiten. Natürlich sollte auch unsere Arbeit Freude bereiten. Und zwar uns. Die Journalistin Bronnie Ware sagte dazu: „Wenn wir eine Arbeit machen, die wir lieben, fühlt es sich nicht wie Arbeit an. Es ist dann einfach nur eine natürliche Verlängerung unserer selbst.“ Die Verlängerung unserer selbst – diesen Satz dürfen wir uns auf der Zunge zergehen lassen. Auch können wir mehr von den Sachen machen, bei denen wir die Zeit vergessen. Und nein, Flatrate-Saufen gehört nicht dazu! Es geht um Aktivitäten, in denen unsere Selbstwirksamkeit sichtbar wird. Etwas Kreatives. Etwas basteln, ein Bild malen, die Tagebücher vom Dachboden holen und weiter schreiben, ein schlechtes Gedicht entwerfen. Denn wie sagte schon Hermann Hesse: „Das Machen schlechter Gedichte ist noch viel beglückender als das Lesen der allerschönsten.“ Und vor allem: Singen! Wenn wir zehn Minuten singen, schüttet der Körper so viele Glückshormone aus, wie bei einem 60 Minuten Dauerlauf. Kennen Deine Nachbarn schon Deine Gesangsstimme? Nein? Dann gib Kette, am besten unter der Dusche,  denn im Badezimmer befinden sich geflieste Bassreflexröhren. Zum Thema Musik sagte Albus Dumbledore irgendwo bei Potter: „Musik – ein Zauber, der alles in den Schatten stellt, was wir hier treiben.“ Sie wirkt sogar noch stärker, wenn wir sie selber machen.

Lang lebe die Zufriedenheit

Zufriedenheit findet also eher im Alltäglichen statt, das Glück tanzt aus der Reihe. Zufriedenheit ist von Dauer, Glück gleich wieder verpufft, es verlässt uns in dem Augenblick, in dem wir feststellen, dass wir glücklich sind. Und wir töten es, wenn wir es festhalten wollen. Es trainiert unser Loslassen. Im Glück existiert kein gestern und kein morgen, die Zufriedenheit braucht beides. Glück ist extrahierte Gegenwart, ein herunter geköcheltes, federleichtes Elexir aus konzentriertem Jetzt. Im Glück gibt es keine Zeit. Und doch ist kaum etwas endlicher.

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 18. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im August 2019.

 

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