Pornöse Poesie für alle

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Wer war eigentlich dieser Dichter namens Gottfried August Bürger [1747-1794], nach dem eine Göttinger Hauptstraße benannt worden ist, und wieso kennt ihn kaum jemand, obwohl nicht nur die berühmt-berüchtigten Abenteuer des Lügenbarons von Münchhausen, sondern auch geradezu pornöse Poesie aus seiner Feder stammen? Das fragte sich das derzeitig in der Bürgerstraße 15 ansässige Junge Theater und ließ Peter Schanz ein sehr unterhaltsames Theaterstück über das bewegte Leben und frustrierte Streben dieses Sturm und Drang-Poeten verfassen. Bürgerdenkmal im Jungen Theater

[Text: Vanessa Pegel | Fotos: Dorothea Heise]

Ohne große Erwartungen ließen wir uns in der flauschigen Atmosphäre des Jungen Theaters auf bequemen Sesseln nieder, um uns durch die lustvolle Spielkunst von Agnes Giese, Jan Reinartz, Jens Tramsen und Steffen Ramswig am Piano in Bürgers Wirken und Würgen verführen zu lassen. Sein zum Scheitern verurteiltes Ziel: Poesie für alle. Das Ergebnis: Goethe und Schiller schämten sich noch zu Bürgers Lebzeiten stellvertretend für ihre Zunft, Brecht schimpfte erst im Nachhinein über dessen für die damalige Zeit drastische Liebeslyrik wie beispielsweise dieser:

Die Umarmung

Wie um ihren Stab die Rebe
Brünstig ihre Ranke strickt.
Wie der Epheu sein Gewebe,
An der Ulme Busen drückt,
Wie ein Traubenpaar sich schnäbelt,
Und auf ausgeforschtem Nest,
Von der Liebe Rausch umnebelt,
Haschen sich und würgen läßt …

In einem abwechslungsreichen Bühnenspiel erfahren wir, dass der Pfarrerssohn G.A. Bürger das wilde Leben und die Frauen liebte, mit dem Göttinger Hainbund verkehrte und die politischen sowie sozialen Verhältnisse kritisierte. Einziger Wermutstropfen, den ich hier trotz meiner grundsätzlichen Begeisterung für das „Bürgerdenkmal“ nicht unter die gemütlichen Teppiche im Theatersaal kehren kann: Natürlich mussten wieder auf Teufel komm raus zwei Lieder geträllert werden, denn ohne Singsang scheint im Jungen Theater kein Stück mehr über die Bühne zu gehen. Dieses Mal wurden „Sorry seems to be the hardest word“ von Elton John und „Eisbär“ von Grauzone zum musikalischen Bürgerkrieg freigegebenen. Dank Agnes Gieses grandioser Strahlkraft, die auch noch wirkte als sie ein Bärenkostüm trug, konnte man die Eisbär-Einlage aber noch als irgendwie süß über sich ergießen lassen.

Jens Tramsen, hat viele Gesichtsausdrücke und es bereitet großes Vergnügen, sie anzuschauen.

Alles in allem war dieser poetische, humorvolle, dramatische und temperamentvolle Theaterabend dennoch ein absolut empfehlenswertes Erlebnis – auch weil es am Ende noch auf eine überraschende Wendung hinauslief, indem die dritte und letzte Gemahlin des Lügenbaron-Erfinders ins Spiel kam: die feierwütige Lyrikerin, Dramatikerin und Performance-Künstlerin Elise Hahn, die Bürger in einem ihrer Gedichte einen scherzhaften Heiratsantrag machte, den er für wahr nahm, was er aufgrund ihrer „Liederlichkeit“ alsbald bereuen sollte …

Wenn Agnes Giese und ihre überragende Strahlkraft auf der Bühne stehen, dann fällt es schwer, noch jemand anderes zu sehen, denn alle Augen sind auf Agnes.

Die Advokaten der Sittlichkeit, die den Dichter Bürger der Schändlichkeit bezichtigten, bei dem Versuch, sich von ihren eigenen Fesseln zu befreien.

Jan Reinartz wie immer klar und deutlich zwischen den Kisten.

Die nächsten Vorstellungen von Bürgerdenkmal gibt es am 2. und 16. Juli, 31. August, 17. und 18. September 2021 jeweils um 20 Uhr im Jungen Theater.

 

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