Diesseits des Patriarchats

#Feminismus #Gleichberechtigung #Macht+Protest

Über Margarete Stokowski liest man sehr oft, dass sie „die wichtigste junge Stimme des Feminismus“ sei. In Zeiten, in denen einige Feminist*innen vor allem dadurch auffallen, ihren Aktivismus entweder darauf zu beschränken, das Wort Empowerment möglichst oft und unpassend in eine Konversation zu streuen, ohne auf Worte Taten folgen zu lassen, oder sich aber wissentlich die Chance auf jeglichen Dialog mit ganzen Bevölkerungsgruppen verbauen, indem sie andere allzu gerne an den Pranger stellen, mag sich so manche*r unsicher sein, ob das ein Kompliment sein kann. Doch ihr neues Buch mit dem optimistischen Titel „Die letzten Tage des Patriarchats“ macht klar: Kann es, ist es und muss es sein, denn die Gleichberechtigung der Geschlechter ist noch lange nicht dort angekommen, wo sie sein sollte.

[Text & Illustrationen: Sarah Elena Kirchmaier]

 

Vor zwei Jahren wurde es ungemütlich: Untenrum frei, Stokowskis erstes Buch, erschien und öffnete vielen Menschen im deutschsprachigen Raum die Augen dafür, dass Sexismus und Frauenfeindlichkeit noch lange nicht Geschichte sind, auch wenn viele Leute einem dies weismachen wollen. Indem sich ihr Erstlingswerk an Stationen der Biografie seiner Autorin entlanghangelte, zeigte es: Immer noch zu viel Bullshit, den Mädchen und Frauen mitmachen müssen, und immer noch zu viele Mädchen und Frauen, die glauben, sie sollten das Ganze einfach hinnehmen. Es zeigte aber auch, dass man wütend sein kann und sollte, wenn einem diese Ungerechtigkeiten widerfahren. Stokowski, die sich fühlt, als habe sie sich zu lange mundtot machen lassen, verschafft ihrem Druck Luft – mit Riesenerfolg. 

Machtmissbrauch und Muschilecken

Ihr neues Buch Die letzten Tage des Patriarchats ist eine Kolumnen- und Essay-Sammlung, die sich den Feminismus zwar als Schwerpunkt gesetzt hat, aber auch nicht davor zurückschreckt, auf gesellschaftliche Missstände anderer Art aufmerksam zu machen. Sie diskutiert, warum es ihrer Meinung nach einen Unterschied zwischen der Abschaffung sexistischer Werbung und Prüderie gibt, weshalb die Ausschreitungen beim G20-Gipfel eigentlich gar nicht so anarchistisch waren, aus welchen Gründen sogar ein Rainer Brüderle vielleicht noch eine zweite Chance verdient haben könnte, und plädiert dafür, mehr Lesbenpornos zu gucken. So sehr dass auch nach einem willkürlichen Anekdoten-Potpourri klingen mag, behält Stokowski dabei die größeren gesellschaftlichen Zusammenhänge immer im Blick und zeigt auch ihren kritisch gesinnten Leser*innen: Hey, vielleicht regen wir uns über scheinbare Kleinigkeiten doch eigentlich zurecht auf. Selbst wenn man mit manchen ihrer Ansichten nicht konform geht – auch wenn man sich dem feministischen oder linken Spektrum zuordnet – muss man neidlos anerkennen, dass sie ihre Gedankengänge so zugänglich wie möglich darlegt, ohne dabei an Substanz einzubüßen. Und an all jene, die finden, das höre sich trocken, langweilig und wie schon zehnmal durchkaut an: Es gibt ein ganzes Kapitel, in dem es fast nur um's Vögeln geht!

Rhetorische Retourkutschen

Warum diese Autorin so wichtig ist: Sie schafft es, die Balance zwischen ernsten gesellschaftlichen Themen und amüsanten persönlichen Stories zu halten. Ihre Essays und Kolumnen sind weder belehrend noch uninformativ, weder naiv-optimistisch noch hoffnungslos-resignativ. Und, was am wichtigsten ist: Sie lassen einen mit dem Gefühl zurück, dass man kein moralischer menschlicher Müll ist, wenn man nicht jeden Aspekt des feministischen Diskurses mit ungeteilter Aufmerksamkeit verfolgt oder schlicht über bestimmten Themen noch gar nicht nachgedacht hat, denn Stokowski macht Feminismus für Menschen auch außerhalb der akademischen Blase. Man merkt aber auch, dass sie genau weiß, wann es sich auf keinen Fall lohnt, zweite Chancen zu vergeben: Menschen, bei denen klar ist, dass sie es einfach nicht begreifen wollen und kein Konzept von Anstand und Respekt haben, fallen ihrem Scharfsinn und Wortwitz zum Opfer. Dass Stokowski bei dem ganzen Blödsinn, den sie sich anhören muss, nicht auch mal komplett austickt, ist ebenso verwunderlich wie bewundernswert. Sie sieht sich, wie so viele in der Öffentlichkeit stehende Frauen, die ihre Meinung vertreten, permanent mit Kritik konfrontiert, welche sich nicht auf ihre Inhalte beschränkt, sondern meint, auch ihre Person – inklusive Herkunft und Körper – unter der Gürtellinie attackieren zu müssen. In der Kommentarspalte ihrer Kolumne für Spiegel Online finden sich beispielsweise Gewaltandrohungen und Beleidigungen, bei denen sich wohl der gesamte reaktionäre Dreck schon lang in Muttis Schoß ausgeheult hätte. Aber Margarete Stokowski lacht darüber, druckt sie in ihrem Buch als anschauliche Beispiele für misogynen Scheiß ab und zeigt ihren Hatern auf diese Weise den wohl coolsten Mittelfinger überhaupt.

Die Vulva Dialoge

Am 17.10. können wir uns auch live und in Farbe von Margarete Stokowskis Wortgewandtheit überzeugen. Dann nämlich kommt sie im Rahmen des Literaturherbstes nach Göttingen, um mit Madita Oeming, Pornoforscherin, und Louisa Lorenz, Organisatorin der ClitNight [einem Workshop, bei dem die anatomischen und kulturhistorischen Wissenslücken zur weiblichen Genitalanatomie geschlossen werden sollen] zu diskutieren. Dabei wird sich das Gespräch um die weibliche Sexualität drehen und die Fragen, wieso selbige mit so vielen Tabus behaftet ist und warum der männliche Teil der Bevölkerung noch immer glaubt, dass es ihm obliege, über Frauenkörper zu urteilen. Der Abend in der Galerie Alte Feuerwache dürfte ebenso lehrreich wie schonungslos werden und so manches vorherrschende Klischee aufbrechen. Und das ist gut so! Denn eines ist klar: Wenn genug Menschen die Bereitschaft hätten, sich den Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft mit so viel Witz, Scharfsinn und Unnachgiebigkeit in den Weg zu stellen wie Margarete Stokowski, dann wären die Tage des Patriarchats wohl wirklich gezählt.

 

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 13. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im März 2019.

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