Frau sein. Mann sein. Mensch sein.

#Macht+Protest #Feminismus #Gleichberechtigung #Männer #Seelenleben

Dass viele Frauen und die meisten Männer heutzutage der Ansicht sind, der Kampf um Gleichberechtigung sei abgeschlossen, hat unsere Autorin Sabine zum Nachforschen angeregt. Ihre Erkenntnisse zeigen, wie stark alte, verstaubte Rollenbilder tatsächlich immer noch in unserer Gesellschaft verankert sind, und geben Anstöße, wie wir endlich über sie hinauswachsen können. [Teil 1]

[Text: Sabine Grähn | Illustrationen: Laura Finke]

 

Szenen einer Ehe: Der Mann kommt abgekämpft nach Hause, legt die Beine hoch, wird bekocht und bedient. Die Frau macht den Haushalt und kümmert sich um die Kinder. Frauen wurden „das schwache Geschlecht“ genannt, gehörten an den Herd und trugen Schürzen – am besten die mit Rüschen. Laut Gesetz hatten sie keine Rechte, aber ihre Pflichten waren gesetzlich vermerkt. So entschied das Bundesverfassungsgericht 1959, dass eine Frau ihrem Mann zu Diensten sein muss und dabei zu lächeln hat. Ohne die Zustimmung des Ehemannes gab es für Frauen keine Berufsausübung und keine Kontoeröffnung. Auch wenn diese starken Ausprägungen verkrusteter Rollenbilder heute eher selten sind, behaupte ich, dass sich viel zu viele Frauen immer noch stark in alte Rollenbilder fügen und sich dabei selbst verlieren – bewusst oder unbewusst. Darum möchte ich mit Euch erforschen, wie es heute um die Gleichberechtigung steht, wenn wir wirklich ganz genau hinschauen. Natürlich haben wir seit 1919 mit der Einführung des Frauenwahlrechts und der Aufnahme der Gleichberechtigung von Mann und Frau ins Grundgesetz im Jahre 1949 durch Elisabeth Selbert – übrigens eine von fünf Frauen unter 300 Studierenden der Rechts- und Staatswissenschaften an der Uni Göttingen – viel erreicht, keine Frage. Doch Gleichberechtigung entsteht nicht nur auf dem Papier und Diskriminierung hat viele Gesichter, die häufig nur Betroffene zu sehen bekommen. Und genau genommen war auch das Papier in den letzten 100 Jahren überaus geduldig: Einen Kita-Rechtsanspruch sowie die Einführung der Vätermonate gibt es erst seit den 1990ern und – haltet Euch fest – die Vergewaltigung in der Ehe wurde erst 1997 unter Strafe gestellt! Unvorstellbar und darum umso verwunderlicher, dass viele junge Frauen, die heute die Welt erobern wollen, glauben, sie hätten die gleichen Chancen wie jeder Mann. Der Kampf um Gleichberechtigung scheint für sie schon vor langer Zeit gekämpft worden zu sein. Für sie gibt es augenscheinlich erst einmal nichts mehr zu tun. Warum dies ein Irrtum ist, wo wir herkommen, was Frauen erlebt haben, die sich in ihrer Rolle in der Gesellschaft als nicht gleichberechtigt empfinden, und was mir sonst auf meiner Recherche begegnet ist, will ich mit Euch teilen.

Feminismus und Emanzipation: ein Randgruppenthema?

Diese Emanzen: geduldet und belächelt, aber zu wenig ernst genommen, in Schubladen gesteckt und nicht angehört. Eine Randgruppe, die meckert, nie genug bekommt und irgendwie auch ein bisschen schräg ist. So ungefähr hörten sich überwiegend die Antworten an, als ich meine weiblichen und männlichen Interviewpartner*innen quer durch die Gesellschaft nach ihrer Meinung zu Feminismus und Emanzipation befragte. Es handelte sich also erst einmal um Geringschätzung des Themas. Wenn ich diese Mehrheit dann fragte, was dieses Thema denn mit ihnen persönlich zu tun hat, ging es ausschließlich Frauen und auch nur einen Bruchteil der Befragten überhaupt etwas an. Im Schnitt äußerten sich dazu vor allem junge Mütter, die zuerst einmal tief durchatmen mussten. Darauf folgten Ausführungen über Rollenbilder und Überforderung, dass die Männer nun mal mehr verdienten und die Frauen deshalb bei den Kindern bleiben und im Anschluss den beruflichen Abstieg und Teilzeitjobs in Kauf nehmen müssten – für die Familie. Auf die Frage „Was kannst Du zur Gleichberechtigung beitragen?“ folgte in überwiegender Mehrzahl ein Lächeln oder ein Schulterzucken und im besten Fall die Hoffnung, ein gutes Vorbild für die eigenen Kinder abzugeben. Aha. Hier hätten wir schon einmal einen wichtigen Schlüssel für Veränderung, auf den wir später noch zu sprechen kommen. Zunächst aber zu einer erschreckenden Erkenntnis, die tief blicken lässt: Das Thema Gleichberechtigung scheint gesamtgesellschaftlich unwichtig zu sein und betrifft, wenn überhaupt, vor allem junge Mütter. Denn das böse Erwachen, dass wir damit noch längst nicht soweit sind, wie wir glauben, kommt wenn nicht im ersten Job, dann mit dem ersten Kind. Ich fragte weiter und schaute mir diese Bereiche genauer an. Hierbei sprangen mir zunächst Unterschiede der Frauen in Ost und West entgegen. Dazu ein kleiner Exkurs der zeigt, wo wir Frauen eigentlich herkommen.

Exkurs: Ein Blick hinter die Kulissen in Ost und West

Im Westen sorgten Alice Schwarzer und die Frauenbewegung für ein vermeintliches Ende der Ungleichheit. Die Einführung der Pille 1960 und die ersatzlose Streichung des Paragraph 219a des Abtreibungsverbots im Jahr 1974 wurden als Meilensteine der Gleichberechtigung gefeiert. Dass die Pille trotzdem jahrzehntelang in westdeutschen Schlafzimmern als verrucht galt, Frauen weiterhin für Abtreibungen diffamiert wurden und Kindererziehung und Haushalt dennoch größtenteils Frauensache blieben, sei mal dahingestellt. Alles Weitere zwischen den Zeilen war augenscheinlich nur für eine „kleine“ Gruppe betroffener Frauen spürbar und wurde entweder gar nicht bemerkt, erfolgreich weggeatmet, stillschweigend akzeptiert, totgeschwiegen oder in die Emanzen-Schublade verbannt. Oder was hast Du – und damit meine ich nicht nur unsere Leserinnen – in Deiner frühen Sozialisation zum Thema Gleichberechtigung erfahren und gelernt?

Im Osten war das Thema offiziell erledigt. Das idealisierte Vorbild der Frau war die arbeitende Mutter. Die Konkurrenz der Systeme bestand somit auch in der Rolle der Frau, die sich der Staat natürlich zunutze machte. Schließlich hatte er damit schon einmal etwa die Hälfte der Bevölkerung hinter sich. Ein schlauer, aber rückblickend durchschaubarer Schachzug. Mit der „Antihausfrauen- Kampagne“ wurden Hausfrauen in den 1950er Jahren als Schmarotzerinnen tituliert. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie ihre Kinder zu Egoman*innen erziehen, weil sie als Mütter nicht der Gesellschaft dienten. Schließlich gab es staatliche Förderungen für die Ausbildung von Ingenieurinnen und Technikerinnen und es war ganz normal, dass Frauen große Kräne bewegten und in klassischen Männerberufen arbeiteten. Dass Frauen hierbei Mittel zum Zweck der Mangelwirtschaft waren, aber nur sehr selten in Führungsposi-tionen gelangten, während Männern die besser bezahlten Planstellen vorbehalten waren, war hierbei Nebensache. Zum ersten Mal in der Geschichte waren Frauen offiziell gleichberechtigt, erfolgreich und mächtig stolz – zurecht. Die Folge dieses anderen Extrems der Mutter in Vollzeitarbeit jenseits der Mauer führte allerdings dazu, dass Säuglinge mit wenigen Wochen in Krippen abgeschoben wurden und Schichtarbeiterinnen ihre Kinder sogar die ganze Woche fremdbetreuen ließen und nur am Wochenende zu Gesicht bekamen. Wichtig war, dass die Frauen schnell wieder in den Beruf kamen, koste es, was es wolle. Die damals schon bekannten Ansätze der Bindungstheorie zwischen Mutter und Kind wurden aus der DDR verbannt, Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet nicht publiziert. Aus heutiger Perspektive sehen wir auf beiden Seiten der damaligen Mauer Fragezeichen und erkennen beharrliche Unterordnung von Frauen und Müttern im jeweils vorherrschenden Gesellschaftssystem. Doch darüber sind wir längst hinaus, oder?

Weiter oben wird es eng

Theoretisch starten Frauen und Männer mit gleichen Chancen, wobei dem Statistischen Bundesamts zufolge Mädchen besser in der Schule sind, junge Frauen häufiger studieren und bessere Abschlüsse als Männer vorweisen können. Auf dem Weg nach oben werden die Frauen allerdings immer weniger und in den wichtigen Führungspositionen fehlen sie fast gänzlich [siehe Info-Kasten rechts]. Liegt das an der Rushhour des Lebens zwischen 25 und 35, in der sich alles entscheidet? Partnerschaft, Karriere und Familienglück? Oder werden sie von Männern rausgedrängt? Liegt es an den alten, verankerten Rollenbildern in den verstaubten Chefriegen? Sind die Frauen nicht selbstbewusst genug? Wollen sie keine Führungsverantwortung oder haben sie vielleicht zu wenig Lust auf Macht und Wettbewerb? Fehlt es ihnen an Zielstrebigkeit und Ehrgeiz? Haben [unsere] Männern etwas damit zu tun? Sehen wir als Gesellschaft den Mehrwert der Qualitäten von Frauen nicht? Diese und weitere Fragen suchen Antworten, wenn wir wirklich etwas verändern wollen.

Frauen in der Rushhour des Lebens

Wenn Frauen nach der Schule oder nach dem Studium ins Berufsleben eintreten, dann bleiben ihnen ungefähr zehn Jahre, um sich selbst sowie ihren Platz in der Arbeitswelt zu finden, um dann mal schnell Kinder zu kriegen, bevor es zu spät dafür ist. Das ist dann auch genau der Zeitpunkt, wo der Welpenschutz im Beruf ausläuft und für viele Frauen der Kampf gegen unsichtbare Mächte und gläserne Decken, gegen zementierte Machtverhältnisse und Rollenbilder beginnt. Frauen berichteten mir von übergangenen Gehaltsverhandlungen, Beförderungen, Informationslücken und reinen Männernetzwerken, wo Entscheidungen ohne ihre Anwesenheit beim Sport oder beim Bier getroffen wurden, als auch über die Art und Weise, wie mit ihnen gesprochen wird. Die Bandbreite reicht von Sprüchen wie „Schön, dass jetzt eine Frau im Team ist, die kann Kaffee kochen!“ über „Für eine Frau machst du das echt gut.“ bis hin zu Berührungen, die nicht erwidert zu Problemen am Arbeitsplatz führen. Nach dem Aufstieg von der Berufseinsteigerin zur geschätzten Kollegin gab es für die meisten karrieretechnisch deutliche Unterschiede zu ihren männlichen Kollegen. Häufig hatten sie zwar die Position auf dem Papier, aber nicht in der Realität. Zudem hinderlich für Frauen ist das Phänomen, dass Männer gern Männer einstellen. Das ist keine Diskriminierung per se, sondern liegt daran, dass wir gerne mit Menschen arbeiten, die uns ähnlich sind. Wir fördern Gleichgesinnte. In vielen von Männern dominierten Branchen ist es daher schwierig, für Frauen Fuß zu fassen. Zuerst sind es persönliche Kontakte, dann sind es Netzwerke, die den Frauen fehlen. Sind sie dennoch eingestellt oder sogar befördert worden, stellen sie oftmals zu viele Fragen und suchen offen das Gespräch mit Kolleg*innen, um sich Rat zu holen, besser zu werden, dazuzulernen und bieten im Gegenzug auch ihr Feedback an. In ihrer Wahrnehmung sind diese Verhaltensweisen ganz natürlich und ein großer Mehrwert für die gemeinsame Arbeit, die zu einer deutlich hochwertigeren Performance in Prozessen und dem Ergebnis des Teams führen. Doch für ihre männlichen Chefs sind diese unterschiedlichen Betrachtungen auf dem Weg zum Ziel nur hinderlich, ein Zeichen von mangelnder Zielstrebigkeit, Schwäche und daher reine Zeitverschwendung, also nicht führungsadäquat. Mit einem Blick in berufliche Erfolgsratgeber, habe ich dann etwas besser begriffen, dass im beruflichen Umfeld die Regeln leider häufig rein „männlich“ sind. Erfolg funktioniert übers „Mannsein“. So wird Frauen u.a. geraten stets zielgerichtet, rein faktenbasiert und dominant auf das augenscheinlich ranghöchste Mitglied in der Runde zuzugehen, mit ruhiger und tiefer Stimme zu sprechen, fokussiert bei sich und ihrem Ziel zu bleiben und kaum Kompromissbereitschaft zu zeigen. Dann, so versprechen diese Ratgeber, hört die ganze Runde mit. Lächeln ist hierbei nur sehr sparsam einzusetzen. Rangordnung und Dominanz siegen über nachdenken oder gar Schwäche zeigen. Einer der Erfolgsratgeber empfiehlt sogar Stimmtraining für Frauen und Schulung von Schlagfertigkeit, um beim ersten Spruch so zurückzuschlagen, dass darauf nichts mehr folgt. Kurzum: Verhalte Dich wie ein Mann, um Erfolg zu haben. Klingt das irgendwie krank oder unmenschlich?  

Gut sein reicht nicht

Frauen denken häufig, sie müssten nur gut sein, dann wird es schon werden. Doch die sogenannte gläserne Decke, die sie daran hindert, die Karriereleiter emporzusteigen, stellt sich nicht selten als Betondecke heraus. Mann traut es den Frauen nicht zu, weil Mann ihre Arbeits- und Verhaltensweisen missdeutet und ihre menschlichen Zügen als Schwäche missversteht. Frauen hinterfragen häufiger zuerst sich selbst, anstatt ihren Gegenüber anzuklagen und zu sagen: „Fehlt es Dir vielleicht an Empathie und Menschlichkeit?“ In der Folge beginnen sie zu zögern, treten zurück, lassen Männern den Vortritt. Vielleicht denken sie auch, das muss ich mir nicht antun, und stellen sich damit selbst ein Bein. Ich könnte jetzt sagen: „Wenn wir nicht mutig genug sind, um den Kampf zu führen, können wir uns auch nicht beschweren, dass es zu wenige Frauen in Führungspositionen gibt.“ Ja, da ist auch was dran, aber ich möchte gern zudem fragen: Macht es vielleicht auch Sinn, parallel über einen anderen Schritt nachzudenken? Nämlich den kranken „Kodex des Mannseins“ zu überdenken und uns allen endlich zu erlauben, einfach nur Menschen zu sein? 

 

Wo bleibt die Emanzipation der Männer? 

Die Erkenntnis der vorherrschenden männlichen Kommunikation in der Arbeitswelt brachte mich zum Nachdenken und ich schaute genauer in die Welt der Männer. In den Nachrichten zum Beispiel begegnete mir Folgendes: Mehrere Politiker, die man überführt hatte zu lügen und zu betrügen, um sich ihre Macht zu sichern, männliche Polizisten, die auf unbewaffnete einprügeln, ein 16-jährige Amokläufer, Massenvergewaltigungen, schwule Mobbing-Opfer, die sich das Leben nehmen, Kriegsrückkehrer, die dem Druck ihrer posttraumatischen Belastungsstörungen nicht standhalten können, sich aber trotzdem keine Hilfe suchen. In meinem Umfeld: Männer und Frauen, die ihre Söhne nicht mit Puppen spielen ließen, die keine „Mädchenfarben“ tragen durften, Männer, die ganze Abende mit ihren männlichen Freunden verbrachten und am Ende nichts Persönliches von ihnen erfahren hatten. Offene, verletzliche Beziehung zwischen Männern tauchen auch in Filmen kaum auf, ebenso selten Männer, die weinen. Schmerz wird als Schwäche betrachtet. „Richtige“ Männer wissen seit frühstem Kindesalter „Indianer kennen keinen Schmerz“, „Sei kein Weichei“ „Steh deinen Mann“ „Da muss man Eier haben“. Eigenschaften wie Mitleid, Weichheit, Ruhe, Unsicherheit und Empathie werden in unsere Kultur als weiblich bezeichnet. Und Männer haben früh gelernt, dass sie alles sein dürfen, bloß nicht „weiblich“. Das sind Glaubenssätze, die zu vermeintlichen Gewissheiten wurden, die tagtäglich gelebt werden. Ein bisschen wie vortrefflich programmierte Affen, oder? Dabei sind diese mitfühlenden Anteile gar nicht weiblich, sie sind menschlich! Ich frage Euch, liebe Männer, liebe Gesellschaft, warum haltet Ihr an diesen falschen Glaubenssätze fest? Diese Attribute weiblich zu nennen, dient dem Machterhalt und dem Status quo dieser Gesellschaft, denn so können wir sie an Frauen geringschätzen und an Männern mit Scham belegen. Alles, was einen Jungen menschlich macht, gilt für einen „echten“ Mann häufig immer noch als etwas, das unter dem Deckmantel des Verschweigens und in sich Hineinfressens versteckt werden muss. Männer, wollt Ihr nicht selber aus Eurem Käfig? Mit der Hoffnung, dass Ihr das Thema weiter beleuchtet und etwas daraus macht, lasse ich Euch heute mit dieser Frage zurück.

 

In der nächsten Ausgabe des VONWEGEN-Magazins erfahrt Ihr mehr über Frauen in der Rushhour des Lebens, das Mama werden, Alleskönnerinnen, die sich das Leben schwer machen, darüber, warum und wie die Boulevardpresse die Frauen beeinflusst, und wieso feminine values früher oder später die Machokultur besiegen werden. Es geht auch um verstaubte Glaubenssätze in der Berufswelt, um Prinzessinnen und Feuerwehrmänner der nächsten Generation und unseren Einfluss als Eltern.

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 25. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im April 2021.

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