Frau sein. Mann sein. Mensch sein.

#Macht+Protest #Feminismus #Gleichberechtigung #Männer #Seelenleben

An alle Stirnrunzler*innen, die sich nicht von geschlechtsspezifischer Ungleichheit betroffen fühlen und es trotzdem aufmerksam lesend bis hierhin, zum zweiten Teil dieses Artikels*, geschafft haben: In dieser Ausgabe des VONWEGEN-Magazins erfahrt Ihr mehr über Frauen in der Rushhour des Lebens, über das Mamawerden, über Alleskönnerinnen, die sich das Leben schwer machen, darüber, warum und wie die Boulevardpresse Frauen beeinflusst, und wieso „feminine values“ früher oder später die Machokultur besiegen werden. Es geht auch um verstaubte Glaubenssätze in der Berufswelt, um Prinzessinnen und Feuerwehrmänner der nächsten Generation und um unseren Einfluss als Eltern. [Teil 2] 

[Text: Sabine Grähn | Illustrationen: Laura Finke]

 

Sobald das erste Kind kommt, tragen Frauen durchschnittlich nur noch 23 Prozent zum Familieneinkommen bei, weil die Gesellschaft nicht bereit ist, Familien – im speziellen Frauen – eine Karriere neben dem Beruf einzuräumen. Gute Jobs werden nicht an Mütter vergeben, die in Teilzeit arbeiten. Männer hingegen werden nicht gefragt, ob sie Kinder haben oder bekommen möchten, weil gar nicht davon ausgegangen wird, dass sie mit der Betreuung großartig was zu tun haben. Denn in der Arbeitswelt gelten immer noch diese Annahmen: Mütter – vor allem mit kleinen Kindern – melden sich oft krank, sind daher unzuverlässig anwesend, unkonzentriert bei der Arbeit und leisten weniger. Zudem organisieren sie Geburtstage, backen Kuchen, nehmen Kinderarzttermine wahr, bringen die Kinder zur Kita, schleppen Turnbeutel hinterher und werden angerufen, wenn es eine Beule am Kopf zu beklagen gibt. Lange habe ich mich gefragt, warum das so ist. Heute, wo ich selbst Mama bin und mit Mamas zu tun habe, bin ich zu folgendem Ergebnis gekommen: Mamas, Ihr seid selbst schuld! Solange wir diese Rollenstruktur annehmen, nimmt sie uns sicher keiner weg. So kommt es dazu, dass einer Frau im Gegensatz zu einem Mann niemals eine Frage wie diese gestellt wird: „Du hattest doch eine brillante Berufslaufbahn vor dir, warum gibst du das auf?“ Und was würde sie sagen, wenn doch jemand fragt? Wahrscheinlich „Och, ich fand das mit den Kindern dann doch zu anstrengend.“ Was daraufhin folgt, ist wohl breite Zustimmung. Wenn diese Antwort hingegen von einem Mann käme, wäre die Reaktion eher Unverständnis nach dem Motto: „Was für eine Vergeudung!“ Unsere Gesellschaft, Jugendliche inklusive, geht auch heute noch stillschweigend davon aus, dass die Frauen die Betreuung schon übernehmen werden. Dass Männer den „Einschnitt“ hinnehmen und beispielsweise Teilzeit mit ihrem Arbeitgeber verhandeln, ist immer noch die Ausnahme. Ich gehöre zu den glücklichen Ehefrauen eines entsprechenden Exemplars. Danke, lieber Tobi! Und an alle Frauen da draußen: Bis zu dieser Vereinbarung war es kein Spaziergang. Männer, die über zwei Vätermonate Familienzeit einfordern, orientieren sich oft um, weil ihre Arbeitgeber sich querstellen. Frauen nehmen im Schnitt zwölf Monate Elternzeit, Männer eineinhalb. Beim Elterngeldbezug ist es ähnlich: Frauen bekommen durchschnittlich 13,8 Monate Elterngeld, Männer 3,7 Monate. Auch nach der Elternzeit ändert sich die Rollenverteilung nur selten. Frauen beginnen oft in Teilzeit zu arbeiten oder sind in Ehrenämtern tätig, Männer arbeiten in Vollzeit. Eine Zahl macht das besonders deutlich: Frauen bekommen 53 Prozent weniger Rente als Männer, also quasi die Hälfte. Hallo Frauen, ist Euch eigentlich klar, was Ihr alles aufgebt? Natürlich ist das, was Euch die Biologie in der Schwangerschaft und Stillzeit durch die Flut Eurer Hormone abverlangt, unvergleichlich und intensiv. Neun Monate mit Eurem Baby eins zu sein, es zu gebären und Mama zu werden, geht natürlich nicht ohne Spuren an Euch vorbei. Es verändert Euch zutiefst, Eure Lebensziele, Euren Glauben, Eure Ängste. Wachsein bei jeder kleinsten Bewegung, während Euer Partner unbeirrt weiter schnarcht, und dazu diese nie zuvor dagewesene Liebe gund diese fiesen Verlustängsten. Das ist ein Cocktail, der erst einmal verdaut werden muss. Alles hat seine Zeit und Berechtigung. Aber Ihr dürft Eure neue Rolle auch mit Eurem Partner teilen, ohne eine Rabenmutter zu sein. Leider zeigt die Realität eine andere Wahrheit in der Welt der Mamas. Mütter wollen, viel mehr als die meisten Väter, jeden einzelnen Entwicklungsschritt mitbekommen und können auch nach der Stillzeit schwerer loslassen. Doch was wäre, wenn es dabei gar nicht ums Loslassen geht? Selbstverständlich wollen wir für unsere Schützlinge da sein und sie begleiten. Das ist ganz natürlich. Aber was wäre, wenn es neben dem „Abschieben unserer Kinder“ noch die Möglichkeit der Gleichberechtigung in der Partnerschaft gäbe, die Euch beiden ermöglicht, Ihr selbst zu bleiben und Euch zu verwirklichen? Schon mal darüber nachgedacht? Bascha Mika stellt in ihrem Buch Die Feigheit der Frauen fest, dass Frauen häufig freiwillig auf ihre Unabhängigkeit verzichten. So sagen zum Beispiel 60 Prozent, sie fühlen sich allein für die Kinder verantwortlich, obwohl die meisten ihre Männer an ihrer Seite haben. Verrückt, oder? Mädels, traut es Euren Männern zu! Wer Vater wird, darf auch Vater sein!

Frauen unter Frauen: Alleskönnerinnen, die sich das Leben schwer machen

Zu Beginn glauben wir, Beruf, Familie und Selbstverwirklichung ginge alles gemeinsam. Aber in der Realität merken wir als Mamas: Es geht doch nicht! Wir beginnen zurückzustecken, um all unseren Rollen gerecht zu werden – vor allem der als Mutter. Frauen tun häufig so, als würden diejenigen, die als Individuen am gründlichsten verschwinden, ihr Kind am meisten lieben. Ist die Entscheidung, sich selbst im Stich zu lassen, das, was unsere Kinder von uns brauchen? Wir wurden darauf konditioniert, unsere Liebe zu beweisen, indem wir uns selbst langsam aber sicher auslöschen. Was für eine Bürde wir unseren Kindern damit zumuten: zu wissen, dass sie der Grund sind, weshalb ihre Mütter aufhörten, ein eigenes Leben zu führen. Besonders für unsere Töchter, für die wir zumeist die größten Vorbilder sind, die lernen, welches grausame Schicksal sie ereilt, wenn sie sich entschließen, selbst Mutter zu werden. Denn wenn wir ihnen vorleben, dass die Verwandlung in eine Märtyrerin die höchste Form der Liebe ist, werden auch sie zur Märtyrerin. Sie werden sich verpflichtet fühlen, mindestens so zu lieben und nur so viel zu leben wie auch ihre Mütter es taten. Zudem machen wir Mamas uns noch gegenseitig das Leben schwer. Wir überbieten uns in sauberen Fußböden und selbstgebastelten Einladungskarten. Wir werden keinem der an uns selbst gestellten Ansprüche gerecht und haben deshalb ständig ein schlechtes Gewissen, nirgends ganz zu sein – zu wenig Mutter, zu wenig bei der Arbeit. Nehmen wir uns also vor, weniger perfekt, aber dafür mehr wir selbst zu sein, setzen wir Prioritäten und schaffen uns Freiräume innerhalb unserer Beziehung, unseres Umfeldes, in unserem Alltag.

 

Ein Plädoyer für die Zukunft

Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen und sind vor allem nur möglich, wenn wir Frauen als Mütter weiterhin sichtbar sind. Eine veränderte Arbeitskultur wird sich nur dann entwickeln, wenn Mütter anwesend sind und mitgestalten, wenn wir mit unseren Männern verhandeln, unsere innere Stimme nicht überhören, wenn wir auch mal nicht perfekt sind, und die Boulevardpresse und die Glotze aussparen. Denn auch hier sind die Rollen klar verteilt. Auf das gesamte Fernsehprogramm kommen laut Panoramareport auf eine Frau zwei Männer, im Kinderprogramm auf eine weibliche Hauptfigur vier Jungen und das Expertenfernsehen besteht zu 80 Prozent aus Männern. Es sind also immer noch Männer, die uns die Welt erklären und unsere Helden sind. Wir sind längst nicht soweit, wie wir alle gern wären. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Reden wir darüber, setzen wir uns ein. Ja, es ist anstrengend, schweißtreibend und erfordert Kraft! Wenn wir aber nicht weiterkämpfen, verlieren wir das, was wir uns bisher erarbeitet haben – und damit meine ich die gesamte Gesellschaft, nicht nur die Frauen. Weg mit verstaubten Glaubenssätzen wie Karrieremachen in Teilzeit geht nicht! Frauen und Männer können auch in 80 Prozent ihrer Arbeitszeit Leistungsträger sein. Und wie sie das können! Wenn Effizienz am Arbeitsplatz gebraucht wird, stellt Eltern ein, liebe Chefs! Nie habe ich mehr in so wenig Zeit geschafft wie als Mutter im Kinderfrei. Und darum geht es doch: um Zielerreichung und nicht darum, wer als letztes das Licht ausmacht.
Schluss mit der Machokultur! Die „feminine values“ haben in Ländern wie Island in Zeiten der Finanzkrise gezeigt, wie aus erhöhter Diversität eine stabile Ökonomie entstehen kann, und welchen Mehrwert Frauen in Führungspositionen für Unternehmen haben. Zudem ist es kein Geheimnis mehr, dass Frauen an der Führungsspitze Firmen nachhaltig erfolgreicher machen. So gelingt es Unternehmen mit einem hohen Anteil weiblicher Führungskräfte besser, ihre Risiken zu senken und nachhaltigen Erfolg zu erzielen. Eine Studie des Peterson Instituts for International Economics kam zu dem Ergebnis, dass ein um 30 Prozent höherer Frauenanteil in der Chefetage mit einem um 15 Prozent erhöhten Netto-Umsatz einhergeht. Der Zugewinn an Diversität durch die sogenannten „weiblichen Attribute“ ist also messbar. Es geht nicht nur um den Kampf der Frauen selbst, sondern um die Betroffenheit der gesamten Gesellschaft, die sich dafür einsetzen muss, Gleichberechtigung auf allen Ebenen durchzusetzen. Dazu braucht es eine deutliche Intensivierung der Debatte, sodass Gleichberechtigung als Randgruppenthema gesamtgesellschaftlich in die Mitte rückt und sich sogar ein Friedrich Merz bei Anne Will nicht mehr blamieren muss, wenn es ums Gendern geht.  Meiner Meinung nach braucht es auch Gleichstellungsgesetze mit Quoten auf Bundes- und Landesebene, damit Wirtschaft und Politik deutlich durchlässiger und beweglicher werden. Anreizsysteme schaffen nicht nur für Frauen und Mütter, sondern vor allem für eine emanzipierte Gesellschaft von Männern und Frauen, Möglichkeiten dafür, dass menschliche Eigenschaften völlig geschlechterunabhängig zu selbstverständlichen Werten heranwachsen können.

Glaubenssätze und Rollenbilder der nächsten Generation

Geschlechtsspezifische Erziehung? Das gibt es heute nicht mehr. Dachte ich auch. Bis ich mir selbst auf die Schliche kam, indem ich bei Kindern und Jugendlichen nachfragte, was sie werden wollen. Bei Mädchen steht Prinzessin ganz oben, ältere Mädchen möchten Lehrerin, Erzieherin oder Psychologin werden. Jungs hingegen träumen von einer Laufbahn als Bauarbeiter, Feuerwehrmann oder Polizist, ältere liebäugeln damit, IT-Spezialist, Ingenieur oder Automechaniker zu werden. Oder werfen wir wieder einen Blick in den Zeitungskiosk: Schaut man auf die Titelblätter der Fernsehzeitschriften, wissen Mädchen sofort: Frauen müssen vor allem gut aussehen. Daneben weitere Headlines, die ins Auge stechen: Frauen kämpfen gegen Problemzonen und sprödes Haar, sind Engel oder Biest und den Rest des Tages damit beschäftigt, tolles Essen zu kredenzen und es allen schön recht zu machen. Mädchen bekommen früh beigebracht, dass es darum geht, zu gefallen. Sie werden zu artigen, lieben und zurückhaltenden Damen geformt – ganz unbeabsichtigt. Ganz logisch, dass die Mädchen dann im übertragenen Sinne Prinzessinnen werden wollen, weil diese schön sind, sittsam und von allen geliebt werden. Also ordnen sie sich unter und lassen ihr Feuer unter dem Deckmantel des Gefallenwollens verschwinden, während sie um Sympathie heischen [man höre sich dazu den Song Gelernt von Käptn Peng an]. Jungs hingegen wissen schon in frühster Kindheit, wie sie ihre Muskeln spielen lassen, sehen, wie ihre Vorbilder kämpfen, um die Dornenhecken zu durchdringen und den Drachen zu besiegen, um die Prinzessin zu erobern oder ein wahrer Held zu sein. Na klar werden sie zu Männern, die gelernt haben, das Leben zu meistern, indem sie ihre Macht und Besitztümer erkämpfen und beschützen, während sie ihre Emotionen nur ungern an die Oberfläche lassen. Ungesund! Unsere Kinder tragen selbst irgendwann aktiv zur Konstruktion ihres Geschlechts und ihrer damit assoziierten Rollen bei, indem ihre Interessen, Vorlieben und Talente auf die Möglichkeiten stoßen, die ihre Umwelt ihnen bietet. Nehmen wir es also nicht vorweg, reflektieren wir, was wir ihnen bieten, und lassen wir zu, dass unsere Mädchen rumschreien, wütend sind, Fußball spielen, mutig, dreckig und kompliziert sind. Geben wir ihnen die Erlaubnis, Raum einzunehmen, statt nett und zuvorkommend zu sein. Fragen wir unsere Jungs im Gegenzug regelmäßig nach ihren Gefühlen, Hoffnungen und Träumen, provozieren wir echte verletzliche Gespräche, damit sie nicht zu erwachsenen Männern werden, die sich nur über Sport, Sex und Politik unterhalten dürfen und in Beziehungen keine echte Nähe zulassen. Loben wir ihr Feingefühl, ihre Empathie! Lassen wir sie weinen, still, unsicher und verletzlich sein, damit sie lernen, dass sie das Leben nicht allein schultern und sich nicht ständig zusammenreißen müssen. Unsere Schwiegertöchter werden es uns danken. Geben wir unseren Kindern die Freiheit, ganze Menschen mit der Bandbreite aller Emotionen zu sein!  Dann haben wir schon viel getan und der lebenslange Kampf unserer Kinder ums Ganzbleiben und Menschsein wird ein wenig leichter. 

 

PS: Den ersten Teil dieses Artikels findet Ihr übrigens hier.

PPS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 26. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im August 2021.

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