Komisch, oder?

#Kultur #Kunst #Ausstellung #Lokales

Von der Kunst, in der richtigen Realität zu sein: Ein Versuch über den Göttinger Elchpreis-Gewinner Eugen Egner und seine Parallel-Universen.*

[Text: Claudius Dahlke | Kunstwerke: Eugen Egner | Fotos: Vanessa Pegel, Manuela Egner]

↑ „Glücklich ist“ von Eugen Egner

 

Es muss ziemlich genau 1989 gewesen sein. Und es schien unglaublich unwirklich: Die Mauer fiel, fremde Menschen lagen feiernd sich in den Armen, eine Grenze löste sich auf. Ich weiß noch, unterwegs im Zugabteil diskutierten zwei einander offensichtlich Unbekannte, womit man besser fotografieren könne: Mit Schwarzbrot oder mit Weißbrot; mit letzterem würden die Bilder nicht so grobkörnig. 

Obwohl ich mich heute noch genau zu erinnern meine, wie die Reisenden aussahen und was sie sprachen, kann ich nicht mehr mit Gewissheit sagen, in welchem Magazin mir jenes Bild begegnete. 'Titanic'? 'Kowalski'? Der Zeichner jedenfalls hieß Eugen Egner, und der mir bislang unbekannte Künstler hatte einen neuen Fan: mich. Aber es sollte noch besser kommen. Denn keine 35 Jahre später findet sich quasi vor der Haustür unerwartet Unwirkliches: „Gestützte gespenstische Erscheinung bei Vollmond“ kündet das Plakat die gleichnamige Ausstellung im Alten Rathaus Göttingen an. Gezeigt werden Werke von, wie schön: Eugen Egner. Und quasi als Zugabe erhält er zudem den diesjährigen Satirepreis „Göttinger Elch“ (*siehe Infokasten am Ende des Artikels). 

Ein Erfinder zuvor nie erdachter Welten

Was den 1951 in Franken geborenen und seit 1955 in Wuppertal lebenden Zeichner, Schriftsteller und Musiker so besonders macht? Er ist „Erfinder zuvor nie erblickter, der Schöpfer zuvor nie erdachter Welten“, erklärt die Elch-Jury, tituliert ihn „Großmeister der phantasievollen Groteske und der grotesken Phantastik.“ Seine „traumhaft skurrile Schreib- und Zeichenkunst“ seien „ein Spiel ohne Grenzen, dem die Wirklichkeit zum Spielzeug wird.“ Was aber sind das für Welten? Von welcher Wirklichkeit ist die Rede? Betrachten wir, bevor es zur Ausstellung geht, zunächst das Plakat. Zentral im Bild, durch die Abkürzung G. g. E. b. V. gekennzeichnet und von einer Art Maulschlüssel aufrecht gehalten, befindet sich die Titel-gebende „Gestützte gespenstische Erscheinung bei Vollmond“. Die an und für sich unverdächtige Zahl „107“ wird von einer Sprechblase ummantelt, die einer Gestalt entfährt, der eine Art Handpuppe aus dem Kopf zu wachsen scheint. Die Gestalt hat eine Hand signalisierend erhoben, gegenüber einer Küchengabel, die laut Aufschrift „Für schwerste Soßen“ mannsgroß bereit steht. Hinter der Figur scheinbar schwebend „Jazz-Atome“, die aussehen wie Miniatur-Zwieback. Ein molekularer Grundbestandteil dieser Egnerschen Welt, und zudem vielleicht Gedächtnisstütze, dass der Künstler als Gitarrist des Improvisations-Trios „Gorilla Moon“ so unberechenbar spielt wie er zeichnet? Und warum die Stütze für die „gespenstische Gestalt“? Weil sie sonst einfach... umfällt. Das liegt zumindest nahe.

Denn auch Eugen Egners fremde Welten, auf Zeit beheimatet in der ersten Etage des Alten Rathauses zu Göttingen, scheinen nach einer wohlbestimmten – wenn auch eigenen und nicht leicht zu durchschauenden – Logik zu funktionieren, zudem die uns bekannten Naturgesetze einfach außer Kraft gesetzt werden. Und schon befinden wir uns inmitten der Ausstellung, rund 200 Exponate aus mehr als 50 Jahren. Oft genügt ein einzelnes Bild, um ein vollständiges Parallel-Universum zu entfalten. So wie bei Marcel Proust der Geschmack eines Gebäckstückchens, einer Madeleine, genügt, um die Erinnerung an  eine vergangene Welt „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Roman kunstvoll wieder zu beleben.

Während der französische Schriftsteller sich durch den Genuss eines echten Kekses (anderen Quellen zufolge eines Stücks Zwieback) in seine wahre Vergangenheit zu begeben vermag, geht Egner – so ist doch sehr zu hoffen und auch zu vermuten – anders vor. Begegnungen im Alten Rathaus: Ein zu Pferde um die Straßenecke galoppierender Reiter, der brennt und somit Malerei-historisch an die surreale Giraffe von Salvador Dalí erinnert, ja, was reitet den denn seinerseits? Der Teufel wohl weniger, Egners Bildtitel legt indes die „Dringlichkeit der Alltagsgeschäfte“ nahe. Überhaupt Flammen an unvermutetem Ort: „Ihr Ausweis ist abgelaufen, und Sie tragen das Feuer auf der falschen Schulter“, erklärt der Ordnungsbeamte dem just Kontrollierten. Oder Sägen, ein Grundmotiv par Excellence. Die junge Mutter freut sich: „Uns ist ein Kind geboren.“ Des frischgebackenen Vaters Antwort: „Ich säg's durch.“ Und das ist erst der Auftakt zu regelrechten Sägeorgien... Was soll man dazu noch sagen? „Glücklich ist, wer vergisst, dass er nicht zu retten ist!“ Sich vollkommen frei eine dazu passend enthemmte Gestalt vorzustellen, wird von Egners gezeichneter Feiernatur in müheloser Konsequenz noch übertroffen. Seine Menschenwesen wirken ansatzweise, als hätten sie sich heimlich aus den Werken von Otto Dix, Manfred Deix oder George Grosz geschlichen und unterwegs uns unbekannte, aber umso wirkungsvollere Drogen genommen. Oder als hätten wir unterwegs uns unbekannte aber umso wirkungsvollere Substanzen konsumiert.

 

Den ganzen Tag geweint, Abends dann kräftig auf die Pauke gehauen!

Wie aber geht der so genannte „Multikünstler“ Egner bei seinen optischen Kompositionen vor? Klar, wie viele Kolleginnen und Kollegen arbeitet er in Personalunion als Architekt, gleichsam Bauingenieur und -meister, Dekorateur und Handwerker. Mit Pinsel und Feder natürlich, aber ebenso als Tischler bzw. Schreiner – Stichwort Säge – trennt er fein säuberlich aus unserer realen Welt heraus, was er für seine „richtige“ gerade braucht. Was das denn für eine Säge sei, mit der er dies bewerkstelligt? Ein multifunktionales Laser-Werkzeug modernster Fabrikation? Egner, dessen Naturell umgekehrt proportional zum LSD-Expressionismus seiner Bilder eher zurückhaltend, friedlich und fein wirkt, dürfte die Frage höflich ignorieren. Oder andeuten, dass eine Auskunft nicht per se klärende Antwort sei.

↑ „Evolution" von Eugen Egner

 

Ohne einen deutschen Großmeister des Feinhumors wäre Egners Weg ohnehin anders verlaufen. Loriot, bürgerlich Vicco von Bülow, zeigte sich angetan vom 1986 erschienenen Bildband „Als die Erlkönige sich Freiheiten herausnahmen“ und empfahl den noch unbekannten Künstler weiter an den renommierten Haffmanns Verlag. Mit Erfolg, denn dieser veröffentlichte von Egner u. a. „Der Universums-Stulp“, „Die Eisenberg-Konstante“ und „Aus dem Tagebuch eines Trinkers (Das letzte Jahr)“. In letztgenanntem Werk hält der vom Alkohol benebelte, berauschte und befeuerte Held fest: „Den ganzen Tag geweint, Abends dann kräftig auf die Pauke gehauen!“ Und er vermerkt, viel über Parallel-Universen gelesen zu haben; jedoch als er – vermutlich logisch-konsequent verführt vom Rausch – versucht „hinüberzugelangen“, die finale Notiz: „Hässlicher Sturz“. 

Eugen Egner selbst bewegt sich hingegen mit traumwandlerischer Sicherheit in seine Welten hinein, darin herum und... wieder hinaus, während dem ahnungslosen Betrachter Hören und Sehen vergeht. Um den wohl entscheidenden Unterschied zwischen grotesker und realistischer Erzählweise zu verdeutlichen, lassen wir Heiko Arntz zu Wort kommen, ehemaliger Cheflektor des Haffmanns Verlag und jetzt freischaffend tätig: „Das groteske Erzählen trägt den Charakter eines Gedankenspiels, das eine Welt immer erst errichtet, in der dann womöglich Abenteuerliches geschieht. Der Autor realistischer Prosa dagegen ist abhängig von einer unausgesprochenen Vereinbarung, die er und der Leser getroffen haben: Die Welt, um die es gehen soll, sei die, in der wir leben.“

↑ „Marktreif" von Eugen Egner

 

Damit wären wir gemeinsam mit Arntz einer Definition oder besser Wesensbestimmung der Groteske schon sehr nahe. Friedrich Theodor Vischer legte in seiner 'Ästhetik' von 1875 sozusagen den Grundstein: „Das Groteske ist das Komische in der Form des Wunderbaren.“ 120 Jahre später ließ sich der Begriff des Wunderbaren dank Lektor Arntz „ohne größeren Bedeutungsverlust in den Begriff des Phantastischen verwandeln“; setzt man nun für das Groteske die Groteske und stellt alles ein wenig um, ergibt das: „Die Groteske ist das Phantastische in der Form des Komischen.“ Dabei findet Eugen Egner unaufhörlich Antworten auf Fragen, die schlicht noch nicht gestellt wurden. Bleibt als Frage – auch und jetzt gerade in Bezug auf diesen Künstler -  ob 'komisch' im Sinne von lustig gilt, oder eher im Sinne von seltsam, wie beispielsweise im Satz: „Das riecht aber komisch.“ Düfte und Geschmackserlebnisse zaubern á là Proust Erinnerungen hervor, was auch wissenschaftlich erforscht und erwiesen wird, Egners aktuelles Buch heißt dessen ungeachtet „Ihr Radio hat eine wichtige Nachricht für Sie!“ „The maddest scientist in European literature“, hat ihn die London Times genannt, und  Herbert Rosendorfer, dem wir die Zeit- und Raum-krümmenden „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ und ein Menschen-entleertes „Großes Solo für Anton“ verdanken, schlug Egner einst für den Nobelpreis, „mindestens aber zur Papstwahl“ in Rom vor.

So oder so; in der Literatur kommt man da wohl kaum an Franz Kafka vorbei. E.T.A. („Gespenster-“) Hoffmann, Ilse Aichinger, Lewis Carroll und Boris Vian seien ebenfalls und in vorderster Reihe erwähnt, wenn „alles in Frage gestellt wird, was gemeinhin als Faktum gilt und mit absurdem Witz und lakonischer Selbstsicherheit alles bewiesen, was sonst als unbeweisbar gilt.“ So bilanziert der Kritiker Peter Haffner seine Lektüre des Romans „The third Policeman“ des irischen Autors Flann O'Brian, dessen geisterhafte Verwandtschaft zu Egner ein Werk ermöglicht hat, „in dem nahezu alles vorkommt außer einem dritten Polizisten.“

 

„Holzwolle" von Eugen Egner

 

Rausch, Traum und Wahn

Zurück im Alten Rathaus Göttingen, erfindet Eugen Egner Bilder für drei Bewusstseins-veränderte, aber – umgekehrt proportional zu ihrer Wahrhaftigkeit – als wirklich empfundene Zustände: Rausch, Traum und Wahn. Nicht zufällig findet sich so bei Egner ein optisches Echo von Psychiatrie-Patienten, deren Werke als „Gugginger“-Künstler oder durch die „Prinzhorn“-Sammlung den Weg „nach außen“ in die Öffentlichkeit gefunden haben. Die in Göttingen ausgestellte „Landpartie zu dritt“ lässt mit diesem Hintergrund einen erweiterten Horizont schon diesseits der Waldbäume zu. Denn während der erste Protagonist „Hiba“ ruft, der Mittlere „Habba“ und der Dritte im komisch (seltsam? lustig?) gewandeten Bunde mit „Jaaa“ komplettiert, hat Egner handschriftlich darunter kommentiert: „Obwohl ich heute noch detailliert angeben kann, wie wir aussahen und was wir sprachen, vermag ich nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen, wer von den dreien ich war.“ Nach Umfragen hatten 90 Prozent aller Menschen mindestens einmal ein Déjà-vu, vergessen aber meist nach einer gewissen Zeit, wo und wann es zuletzt auftrat. Das Gegenteil übrigens, das Gefühl von Fremdheit in einer vertrauten Umgebung, vermittelt uns – als Grandseigneur des Jamais-vu („nie gesehen“) – Eugen Egner derzeit im Alten Rathaus. Dort begeben wir uns natürlich auch auf die Suche nach den Experten für Brot-Fotografie. Und... können sie schlicht nicht entdecken. Komisch, oder?

 

 

* Elch für Egner

Eugen Egner

 

„Gestützte gespenstische Erscheinung bei Vollmond“ im Alten Rathaus: Die Ausstellung ist bis zum 17. April 2022 zu sehen, und der Künstler erhält quasi als Zugabe für sein Lebenswerk den diesjährigen Satirepreis „Göttinger Elch“. Dieser wird seit 1997 jährlich in Anerkennung eines Lebenswerks und/oder einer Multibegabung satirischer Provenienz vergeben. Der Elch ist dotiert „mit einer prachtvollen Urkunde, einer massivsilbernen Elch-Brosche und 99 Dosen 'Original Göttinger ELCH-Rahm-Süppchen' (bis 2015), 3.333.33 Euro in bar sowie der Ausrichtung einer Preisträger-Veranstaltung“. 

Eugen Egner ist der 25. Elch-Preisträger. Vor ihm wurden ausgezeichnet: der Cartoonist Chlodwig Poth (1997), der Zeichner und Schriftsteller Robert Gernhardt (1999), der Kabarettist Gerhard Polt (2000), der Kolumnist und Übersetzer Harry Rowohlt (2001), die Karikaturistin Marie Marcks (2002), der Zeichner und Dichter F. W. Bernstein (2003), der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger (2004), der Komiker Otto Waalkes (2005), der Zeichner Hans Traxler (2006), der Zeichner und Musiker Ernst Kahl (2007), die bayerischen Volksmusiker und Kabarettisten der Biermösl Blosn (2008), der Musiker, Schriftsteller und Filmemacher Helge Schneider (2009), der Komödiant und Musiker Olli Dittrich (2010), der österreichische Kabarettist Josef Hader (2011), die Karikaturistin und Autorin Franziska Becker (2012), der Maler Michael Sowa (2013), der Kabarettist Georg Schramm (2014), der Maler und Zeichner Rudi Hurzlmeier (2015), der Schriftsteller Max Goldt (2016), der Maler und Zeichner Gerhard Glück (2017), die Autoren und Satiriker Pit Knorr und Wiglaf Droste (2018), der Karikaturist, Cartoonist, Comicstripzeichner und Ölmaler Gerhard Haderer (2019) und die Kabarettistin, Sängerin und Schauspielerin Maren Kroymann (2021).

Pandemiebedingt wird 2022 gleich zwei Mal der Göttinger Elch überreicht: Gemeinsam geehrt werden Maren Kroymann und Eugen Egner am 9. April 2022 um 19 Uhr im Deutschen Theater Göttingen. Die Veranstaltung wird live im Internet übertragen. 

 

Zu allem Überfluss sieht der VONWEGEN-Autor Claudius Dahlke [links im Bild] dem Multitalent Eugen Egner auch noch auf verblüffende Weise ähnlich ...

 

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