Heinz Strunk und die berüchtigten vier F 

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31.10.2021 | Deutsches Theater | 19 Uhr: Als Gründungsmitglied der Telefoncomedycrew "Studio Braun" gelangte er zu gnadenlosem Ruhm und spätestens nach seinem Buch "Fleisch ist mein Gemüse" und dem legendären Film "Fraktus" brannte sich sein Name tiefgängig ein. Am 31. Oktober liest er im Rahmen des Göttinger Literaturherbst aus seinem verbal-brutalen, genialen Beziehungsdrama-Roman "Es ist immer so schön mit dir". Grund genug, um in seiner Vergangenheit nach Vorzeichen für die Strunkschen Liebesprobleme zu fahnden, bevor wir einen Sprung in die Gegenwart wagen. Ein Gespräch mit Heinz Strunk über die berüchtigten vier F: Feiern, Freiheit, Fleckenteufel und Feuchtgebiete. 

[Text: Vanessa Pegel | Fotos: Dennis Dirksen, Rowohlt]

 

Hallo Heinz. Wie war dein Wochenende?
Es war hysterisch und körperlich sehr anstrengend.

Was hast du gemacht?
Ich bin gerade auf Lesetour und war am Freitag ordentlich unterwegs, obwohl ich davor schon drei Tage auf dem Buckel hatte und dann ging das irgendwie bis um vier.

Interessant. Was genau ging bis um vier?
Die allgemeinen Verlustierungen im Nachtleben. Am nächsten Tag musste ich nach Kiel fahren und war dann 350 km noch halbwegs besoffen, als ich gefahren bin. Dort bin ich dann auch noch mal aufgetreten und das ging tatsächlich bis Sonntag um acht. Da musste ich wieder nach Hamburg und jetzt bin ich irgendwie so ein bisschen durch. 

Was hast du gerade an?
Einen Traininganzug.

Welche Farbe?
Das ist ein helles Grau.

Dein im Januar erschienenes Buch heißt „Fleckenteufel“. Im Wesentlichen geht es um Bibelstunden, Samenergüsse, Arschschweiß- und Verdauungsprobleme. Kann man das so sagen?
Das kann man natürlich überhaupt nicht so sagen. Es handelt sich um einen universellen Jugendroman! Alle Parameter der Pubertät und der damit verbundenen Irrungen und Wirrungen werden abgehandelt und eins davon sind halt eben diese Unterleibsprobleme. Aber das ist ja nur ein Aspekt, der zwar ziemlich grell geschildert wird, aber deswegen trotzdem nicht das Buch dominiert, wie ich hoffe.

Trotzdem fand ich es schon ziemlich beeindruckend, dass du es geschafft hast, die Worte „Wichsen“ und „Kacken“ in einem Satz unterzubringen.
Ich würde das jetzt nicht unbedingt als Meisterwerk bezeichnen, aber na ja ...

Was hast du denn mit deinem Protagonisten Thorsten Brunke gemeinsam?
Ich hatte tatsächlich mit dem gemeinsam, dass ich erst spät gewachsen bin. Das war ein Problem, das für Jungen durchaus bedrohlich ist.

Wie groß bist du jetzt?
1,82 m.

Dann ist ja noch alles gut geworden.
Ja, normal groß. Viel kleiner dürfte man heute eigentlich gar nicht mehr sein. Aber das ist schon okay. Ich bin damals wirklich nicht effizient gewachsen und daran habe ich mich erinnert und dann habe ich das in mein Buch einfließen lassen.

Kleine Männer neigen häufig sogar ohne Grund zum Minderwertigkeitskomplex.
Ja. Und man sieht ja auch, dass kleine Männer sich dann immer irgendwie auf anderen Ebenen behaupten müssen. Und das wird dann meistens unangenehm.

„Alles wegwichsen. Wut, Enttäuschung, Trauer, Ärger und Hass verwandeln sich in Wichse.“ Das klingt praktisch. Funktioniert das wirklich?
Ja, ähm, das geht, ähm, wenn man tatsächlich unter diesem Aspekt wichst, dann geht das, aber auch ungefähr nur für eine Minute. Danach stellt sich die Verzweiflung in potenzierter Form ein.

„Mir ist eh schon alles peinlich genug. Ich schäme mich zu Tode, seit ich denken kann, und weiß nicht wofür, wird schon stimmen.“ Welche Bedeutung hat das Wort Scham für dich?
Eine offensichtlich große. Das ja ein entscheidendes Ding in der Jugend, dass man nicht weiß, wo man hingehört in der Welt, und dass man sich tendenziell für alles schämt. Deswegen ist der eben von Dir zitierte Satz quasi der Schlüsselsatz des Buches.

Und schämst du dich immer noch?
Also ich wüsste jetzt nicht, wofür ich mich schämen sollte. Ehrlich gesagt, bin ich jetzt mit meinen 46 Jahren da angekommen, wo ich sagen würde: Das ist jetzt mal erfülltes Menschsein.

Seit wann befindest du dich schon in diesen Zustand?
Den habe ich tatsächlich erst seit sehr kurzem und zwar seit November, seitdem ich Junggeselle bin. 

Seitdem du Junggeselle bist? Aber im Oktober hast du doch noch in einem Interview gesagt, du hättest eine Frau kennen gelernt, und du äußertest die Hoffnung, dass diese Frau gewisse unangenehme Eigenschaften deinerseits in die richtigen Bahnen lenken könnte.
Das habe ich möglicherweise so gesagt oder anders, das weiß ich jetzt nicht so genau. Auf jeden Fall war das eine große Täuschung, und das will ich jetzt auch gar nicht weiter ausdiskutieren. Das wäre ja ein sehr langes Thema für sich. Ich kann nur sagen, dass es mir jetzt gerade im Moment und schon seit ein paar Monaten so gut geht, wie ich es gar nicht gedacht hätte, dass es mir jemals gehen könnte.

Und das liegt alles nur daran, dass du keine Frau an deiner Seite hast?
Ich gehe mal davon aus, ja. Ich wüsste nämlich keinen anderen Grund, sonst hat sich nicht allzu viel verändert. Das ist für mich dann der ursächliche Zusammenhang.

Was haben die „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche und dein „Fleckenteufel“ gemeinsam – außer die Covergestaltung?
Die Cover sind selbstverständlich ein ganz klares Marketingding und ich finde in Wahrheit natürlich, dass das Buch ein anderes Cover verdient hätte. Aber da bin ich dann Wirkungsmechaniker und es geht eben auch um Verkaufszahlen. Und ich gebe unumwoben zu: Wenn die Feuchtgebiete nicht gewesen wären, hätte es mein Buch zumindest in der Form nicht gegeben. 

Wie viel mieser Charakter steckt in dir?
Ich finde, dass ich generell dazu neige, immer etwas extrem zu leben. Im Moment habe ich eine extreme Partyphase, die ich mir aber auch gestatte, weil das ja sozusagen Ausdruck meiner neu gewordenen Freiheit ist. Ich würde mal sagen, ich lebe kein normales Leben. Ich sag immer in aller Arroganz: Für mich gelten andere Maßstäbe. 

Also hast du kein schlechtes Gewissen nach Partyexzessen.
Nee, ich hab ja lang genug ein schlechtes Gewissen gehabt. Jetzt wüsste ich nicht, wieso ich eins haben sollte. Ich mach ja meinen Kram.

Dafür bedanken wir uns sehr.

PS: Dieses Gespräch zwischen Vanessa und Heinz wurde im März 2009 erstmalig veröffentlicht. 

 

JETZT ZUR GEGENWART: 

ES IST IMMER SO SCHÖN MIT DIR

31.10.2021 | Deutsches Theater | 19 Uhr

Zerschlagene Träume, unerreichte Ziele und fatale Begierde, bis ins Groteske gesteigerte Absonderlichkeiten und hochprozentige Abgründe sind das Spezialgebiet von Heinz Strunk. Doch auch wenn dieser brachial begnadete Autor und intellektuelle Querulant par excellence stets mit elementarer Einsamkeit, expliziter Notgeilheit und dem voranschreitenden körperlichen Verfall zu kämpfen hat, wird er nicht müde, nach den geheimen Zutaten der ihm nur schwerwiegend zugänglichen Arten der zwischenmenschlichen Vereinigung zu fahnden. In seinem aktuellen verbal-brutalen Liebestriebe-Roman Es ist immer so schön mit dir widmet er sich der in vielerlei Hinsicht zwanghaften Beziehung mit der hungerleidenden Schauspielerin Vanessa [die Namensgleichheit mit der Autorin dieser Zeilen ist natürlich rein zufällig – zum Glück]. Von blauäugiger, aber keineswegs unschuldiger Sehnsucht zerrieben bis an den Rande des Wahnsinns getrieben durchfahren seinen Protagonisten trockenhumorige tiefste Höhen und höchste Tiefen. Als Meister des derb-dreisten inneren Monologs lässt Heinz Strunk keine Gelegenheit ungenutzt, den Haupt- und Nebendarsteller*innen sowie scheinbar rein zufällig auf dem Plan seiner galgenhumorigen Gedankenwelt erscheinenden Statisten in allen deprimierenden Einzelheiten das dralle Leben einzuhauchen. Achtung, Spoileralarm! Am Ende der Geschichte ist Strunks Protagonist, der möglicherweise Strunk selber ist, wieder da, wo er bei unserem Interview vor über zehn Jahren schon war: vögelfrei und Lust dabei. 

Um sich mit Strunk zu amüsieren, empfehlen wir dringend hier und jetzt Karten zu reservieren. 

 

 

 

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