Ist das schon Kunst?

#Lokales #Kultur

Das Kunsthaus Göttingen in der Düsteren Straße ist fast fertig – und als solches „deutlich erkennbar“, meint das zuständige Architekten-Paar. Nachdem sich der nebenan wohnende Autor Claudius und die VONWEGEN-Herausgeberin Vanessa lange genug ungläubig die Augen gerieben hatten, floss den beiden Folgendes aus der Feder.

[Text: Claudius Dahlke & Vanessa Pegel | Foto: Claudius Dahlke]

 

Weil Arthur Schopenhauer meinte, Architektur sei „gefrorene Musik“, hören wir gern mal genauer hin. Wir lauschen, um über jene Klänge zu berichten, die auf der Straße vor dem neuen Kunsthaus zu vernehmen sind: von „Pottenhässlich!“ über „Wieso? Ich find’s gelungen!“, „Kunst muss provozieren!“ oder „Kunst darf alles – nee, Moment, Satire darf alles.“ bis hin zu „Pardon, aber soll das etwa so bleiben?“ folgen die spontanen Kommentare der Passant*innen keiner geeinten Melodie. Das Kunsthaus selbst? Schweigt. The Sound of Silence quasi. Aber weniger in Simon & Garfunkels sanftem Sinne, eher schon in der Version der Eschweger Punkband The Bates – mit diesem zunächst unterschwellig aggressiven Zischeln á là Zimbl, dem unvergessenen Sänger und Bassisten, dem die drei Kollegen in ein Finale furioso folgen: THE SOUND OF SILENCE. Dazwischen die Stimmen auf dem Trottoir vor dem Kunsthaus: „Was das wieder gekostet hat!“ – „Jedenfalls gab es 4,5 Millionen Euro Fördergelder vom Bund.“ / „Immerhin hat der Chef von Otto Bock noch ’ne Million draufgelegt und Sartorius spendiert erstmal allen den Eintritt.“ / „Mama, warum hat das Haus gar keine Fenster?“ – „Mäuschen, hat es doch.“ – „Ja. Aber so kleine.“ – „So ein Haus braucht keine Fenster. Irgendwo müssen ja schließlich auch die Bilder hängen.“ – „Mama, kann man da nicht welche drauf malen?“ / „Sorry Leute, jetzt mal im Ernst: Was ist das überhaupt?“

Jetzt mal im Ernst

Um den Antworten auf diese Fragen auf die Spur zu kommen, orientieren wir uns daran, was geschrieben steht: „Die Idee für das Kunsthaus Göttingen wurde aus dem Gedanken heraus geboren, bildender Kunst mehr Raum und Präsenz in der Stadt Göttingen zu geben“, erklärt die zuständige Homepage kunsthaus-goettingen.de. In diesem Sinne wird das Grundstück in der Düsteren Straße 7, direkt neben dem sich eingeschüchtert zusammenkauernden Günter Grass Archiv, derzeit als geplantes Flaggschiff des Viertels fertiggestellt. Bereits 2008 präsentierten der in der Nachbarschaft tätige renommierte Verleger Gerhard Steidl, dem wir auch das Günter Grass Archiv zu verdanken haben, und der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Meyer [SPD] die Idee eines Kunstquartiers mit dem Kunsthaus als Mittelpunkt. Als im Herbst 2020, nach reichlich Gerumpel, Gepumpel, Gewummer, Gehämmer, Gesäge und Gestreiche die Baugerüste entfernt wurden, hieß es dann inmitten dieses einst einzigartigen Fachwerk-Ensembles: „Bitte sehr, hier ist die neue Fassade!“ Nicht nur den observierenden Autoren dieser Zeilen verschlug es sprichwörtlich die Sprache. Klar, fertig, Leute! Denn genau so haben es sich Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut vom Leipziger Atelier ST ausgedacht, was ihnen 2016 den Zuschlag bei einem internationalen Architektur-Wettbewerb bescherte. Aus dem preisgekrönten Architekt*innen-Deutsch: „Die äußere Erscheinung transformiert regionaltypische Details und Geometrien aus dem Kontext der Göttinger Altstadtbebauung in eine eigenständige, moderne Museumsarchitektur. Das neue Haus ist damit im Stadtbild von Göttingen deutlich als Ausstellungsgebäude erkennbar.“ Na gut. Wenn man es weiß, kann man es sich denken, ansonsten besteht die Möglichkeit, es mit einem Parkhaus zu verwechseln. Doch weiter im Text: Tradition und Gegenwart wollen die Thauts aus Sachsen auch in Göttingen verbinden. „Das viergeschossige Haus mit Spitzdach orientiert sich an den benachbarten Fachwerkhäusern – auch hier erweitert sich nach oben hin die Grundfläche.“ Aha. Also Turmbau zu Babel? Das ist, nebenbei bemerkt, übrigens auch der Grund, warum die Düstere Straße Düstere Straße heißt. Nämlich weil die meisten Häuser dort schon im 16. Jahrhundert in Relation zur Straßenbreite allzu forsch in die Höhe gebaut worden sind – als Zeichen finanzieller Potenz und nimmermüden Strebens nach oben, dabei das Licht der Sonne ignorierend.

Es muss was machen

„Es muss etwas mit Dir machen“, hat Werner Feig Ende der 1990er Jahre gesagt. Der damalige Intendant des Jungen Theaters in Göttingen verwies auf sein Verständnis von Kunst: „Wenn die Menschen nicht rausgehen aus dem Saal, ohne wütend oder euphorisch zu sein, dann war’s nix.“ Weil das Kunsthaus offiziell erst im nächsten Jahr eröffnet wird, gehen wir anhand der Pläne, architektonisch beraten, erstmal virtuell hinein: „Das Foyer wird über ein Eingangstor betreten und gibt gegenüber den Blick zum begrünten Innenhof frei.“ Die Besonderheit des Baus sind drei ca. 120 Quadratmeter große und 3,20 Meter hohe, stützenfreie Galerieräume. Dies erlaube über alle Geschosse ein „Höchstmaß an Flexibilität im Arrangement verschiedener Ausstellungskonzeptionen.“ Um Papierarbeiten zu schützen und Videoinstallationen sowie Projektionen zu ermöglichen, hat jeder Galerieraum [!] nur ein [!] großes [?], bodentiefes Fenster, das bei Bedarf verdeckt werden kann.“ An dieser Stelle bekäme Christian Drosten wahrscheinlich einen Herzinfarkt, aber das nur aus aktuellem Anlass am Rande. Zusätzlich verfügt das Haus über vier kleinere Ausstellungsräume. Das Dachgeschoss beherbergt ein rund 100 Quadratmeter großes Forum für „Vermittlungsarbeit und Sonderveranstaltungen.“ Die gesamte Ausstellungsfläche umfasst 736 Quadratmeter.

Mit dem Herzen sehen

Fazit: Man muss das Äußere nicht mögen, weil das Innere mindestens ebenso wichtig ist. Oder mit dem kleinen Prinzen gesprochen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Es bleibt zu hoffen und es wird bestimmt so sein, dass sich die dort ausstellenden Künstler*innen hinter der düsteren Fassade des Kunsthauses einen Platz in die Herzen der Besucher*innen erobern. Als erstes angekündigt sind der amerikanische Pop Art-Künstler Jim Dine mit seiner Ausstellung Poet Singing (The Flowering Sheets) und Zeichnung – Buch – Fotografie der New Yorkerin Roni Horn.

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 23. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im September 2020.

 

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