Über die metastasierende Dummheit 

#DunkelDuscht #Seelenleben #Macht+Protest

Im Niemandsland frei von Kausalität und gesundem Menschenverstand wächst und gedeiht sie, die Dummheit, es sind Blumen des Bösen, die für sich allein noch etwas torkelig sind. Doch bindet man sie zusammen, dann stehen sie stramm, wie in dieser Kolumne von Herrn Dunkel.

[Text: Herr Dunkel | Illustration: Sarah Elena Kirchmaier]

 

Unlängst las ich in in einem kleinen Kinderfreizeitpark im Hessischen auf einem Holzschild vor einem elysisch und friedvoll daliegenden Bachlauf: „Vorsicht, natürliches Fließgewässer. Direkter Kontakt kann zu Hautreizungen führen. Betreten auf eigene Gefahr.“ Was für ein ungeahntes Monstrum!

Vor so einem Schild bleibt man nach einer Weile der spontanen Belustigung etwas ratlos zurück. Hier betritt man ja nicht die Karpaten in ihrer düsteren Erhabenheit oder eine wackelige Hängebrücke, die etwas unmotiviert über einer Klamm baumelt, sodass jeder Versuch, sich von einem Ende zum anderen zu hangeln, zu einem grobfahrlässigen Wagnis geriert. Nein, hier haben wir einen klar plätschernden Bach, der dazu einlädt, die Beine hinein baumeln und mal Fünfe gerade sein zu lassen. Als Kinder haben wir ganze Tage in solchen Bächen verbracht, mit triefnassen Klamotten kehrten wir abends heim, wir schlotterten etwas und die Lippen waren blau – aber Hautreizungen!? Ich möchte wetten, dass dieses Schild selbst den Betreibern peinlich ist. Nachhaltiges rurales Lebensglück geht in deren Parkanlage eine lässige Liaison mit Fahrgerätschaften ein, an denen selbst die innenstädtische Vollbart-meets-Foodtruck-Fraktion ihre helle Freude hätte. Für die Tierfreunde gibt es dort viel Federvieh und Puscheliges zum Kraulen, Ponyreiten, lebendig oder elektrisch - kurzum: dieser Ort ist in Ordnung, vereint, was gut bis o’kay ist. Man könnte einfach nur da sein, einen schönen Tag verbringen, mit oder ohne Kinder, noch 'ne Wurst essen oder ein veganes Süppchen schlürfen; aber nein, hier hat dann jemand Pusteln am Popo bekommen und stante pede prozessiert. Zweifelsohne war dies ein Mensch ohne Geist und Anstand, anderenfalls hätte er es wohl erduldet und zwar mit Würde, anstatt unschuldige Natur wie einen schmierigen Herrenwitz abzuurteilen.

Rotfleckige Erregung im Webergrillfuhrpark

Solche Schilder, stehen sie denn im öffentlichen Raum, sind wie Lackmuspapier, sie sind der Indikator zur Vermessung gesellschaftlich kultivierter Dummheit, einer letztlich gefährlichen Dummheit, weil sie um sich selber weiß und sich aggressiv gegen Widerstände durchsetzt. Hier geht es nicht um persönliche Einfältigkeit, um das Spüren eigener kognitiver Grenzen, es geht vielmehr um eine Art kollektiver Beschränktheit, die zur selben Zeit Kalkül und Methode ist. Sie fordert Raum und nimmt ihn sich, sie rückt vor und besetzt, lässt Schlagbäume herunterrasseln, wo man sich zuvor noch frei bewegen konnte. Zum besseren Verständnis muss man es sich wohl in seine Nachbarschaft verorten. Klinkerfassade und Jägerzaun, extrabreite Garage, davor ein jagdtauglicher SUV, OBI-Gartenhäuschen, darauf ein Metallraubvogel zum Verbrähmen der Krähen, ein paar kleine Geweihe an der Tür, Gummistiefel, Gartenzwerg mit Stinkefinger, die obligatorischen gelb-schwarzen Schildchen. Es wird gewarnt vor dem Hund, mit ironischem Spott, „Ich bin schneller als du!“ oder „Hungriger Dobermann inside!“, auch „Betreten“ ist „verboten!“, „Eltern haften für ihre Kinder!“, „Parken verboten!“, „Wenden verboten!“, „Keine Werbung!“ und natürlich ist alles „videoüberwacht!“. Keine Frage, hier leben Arschlöcher, das zieht wohl kaum jemand in Zweifel. Diese Leute drängeln vor in der Schlange und wollen dann gesiezt werden, sie zelebrieren gesellige Abende mit ihren Kegelfreunden, mögen am Tage aber das Geschrei deiner Kinder nicht, wenn sie in rotfleckiger Erregung ihren Webergrillfuhrpark mit reichlich Brennspiritus hochfahren, dann hat der halbe Wohnblock was davon, aber wehe der Wind weht ihnen eine nur blasse Ahnung deines Feierabendkippchens auf die Waschbetonterrasse - und überhaupt: fotografier ihnen nicht ins Gesicht, du begehst eine Straftat! 

Blumen des Bösen

Auffällig ist hierbei, dass die Dummen eine natürliche Affinität zur Jurisprudenz haben. Während der Hausarzt auf dem Lande der beste Freund der alten Menschen ist, die sich nach Kontakt und sozialer Nähe sehnen, zieht es den Blöden zum wahlweise schaffenden oder durchsetzenden Arm des Gesetzes. Weil diese ihm seine Welt zurechtrücken, ihn schützen vor dem Geschmeiß da draußen, sie erlauben es ihm, durch Paragraphen gestützt, seinem durch Ressentiments beatmeten Bedürfnis nach Protektion Ausdruck und Durchsetzung zu verleihen. Das Recht ist der letzte Zaun in einer Grenzanlage, die im Wesentlichen aus einem widrigen Stacheldrahtgewöll krudester Weltanschauung besteht, ein karges, sinnbefreites Niemandsland frei von Kausalität und gesundem Menschenverstand. Dort wächst und gedeiht sie, die Dummheit, es sind Blumen des Bösen, die für sich allein noch etwas torkelig sind, so wie Pfingstrosen. Doch bindet man sie zusammen, dann stehen sie stramm und die Blödheit bekommt noch dazu so eine unerträglich unbegründete Arroganz, die sich schlicht nur daraus nährt, mit dieser dämonischen Dummheit nicht allein zu sein. Auf diesem fruchtlosen Boden wird man diesen Menschen argumentativ nicht mehr Herr. 

Wie die Pelle das Brät

Mit Dummen zu diskutieren, ist so wie mit einer Taube Schach zu spielen. Zuerst schlägt sie mit ihren Flügeln die Figuren um, dann kackt sie dir auf das Brett und am Ende stolziert sie davon, so als hätte sie dich in unter zehn Zügen mattgesetzt. Menschen, die dafür sorgen, dass Schilder aufgestellt werden, auf denen sinngemäß steht, dass Wälder auch irgendwie scheiße und gefährlich sind, sind eben genau solche, die in einer größeren Runde ihren Unfug immer ein bisschen zu laut herumblöken und dann drehen sie sich grinsend und nickend umher, um sicherzugehen, dass es möglichst viele mitbekommen und dann, wenn sie sich so richtig warmgelaufen haben, dann wird es auch immer ein wenig burschikos und zotig. Wer sich da in ihrem kleingeistigen Einzugsgebiet befindet, muss nun aufpassen: war man eben nur bloßer Beistand, wird es einem jetzt von jeder Seite besorgt und wenn man dann nicht auf der Hut ist, findet man sich plötzlich wieder in einer definitiv schlechten Gesellschaft. In diese wird man unbarmherzig eingewoben - mit gehangen, mit gefangen.

Dumme jenes impertinent-aggressiven Typus’ haben immer das Gefühl, dass man ihnen etwas wegnehmen will, etwas, das sie sich auf jeden Fall verdient haben. Dabei liegen sie einem Trugschluss auf, und zwar jenem, dass dies über ihr bloßes Dasein begründet sein muss. Wer es mit der Forderung nach Werkegerechtigkeit ernst nimmt, würde ja wohl kaum zu dem Schluss gelangen, dass Bier trinken auf einem vollgepupsten Sofa, Mitmenschen tyrannisieren und hin und wieder mal jemanden anzeigen genug sein könnten, um sich irgendeiner privilegierten Klasse angehörig zu fühlen. Mit Argwohn beäugen sie ihr soziales Biotop, das gleichzeitig auch deines ist, was eine komplette Abgrenzung von Dummen deutlich erschwert; ihr Bedürfnis nach persönlicher Sicherheit bei gleichzeitiger totaler Selbstbestimmtheit und Kontrolle aller erdenklicher Lebensbereiche überzieht letztlich auch dich wie die Pelle das Brät.

Wie sich Dummheit in unserer heutigen digitalisierten Medienwelt perpetuiert, dürfte ja hinlänglich bekannt sein; um die Mechanismen der Echokammern und Filterblasen in ein Bild zu fassen, stelle ich mir diese antiken griechischen Bilder vor, auf denen sich Knaben im Kreistanz so von hinten annähern, sich verbinden, so möchte ich mal sagen, und dann ist es am Ende doch so, als drängen sie alle in sich selber ein, oder nicht? Im Internet bumsen sich also alle selbst von hinten; die Bekloppten, versteht sich – vielleicht bekommt man ja auch davon Ausschlag am Gesäß. Naja, ungefähr so. Und dann sagen sie: so isses! Und sie hören nur: so isses! Und man kann machen, was man will, weglaufen, hineilen, die Dummen sind immer schon da, zumeist in irgendwelchen Kommentarspalten und wenn sie Ausgang haben, auch auf öffentlichen Plätzen. Wir sind das Volk! Hier marschiert der nationale Widerstand!

Um diesem Phänomenen der kollektiven Dummheit, die sich mehr und mehr Raum nimmt, zu begegnen, wird es mehr brauchen, als nur selbst nicht bekloppt zu sein, oder sich dies schlicht einzubilden und dabei zu hoffen: wir sind mehr! Mit Seehofer etwa, der mit seinem „die Migration ist die Mutter aller politischen Probleme“ in meine letzten Zeilen grätscht und nun auch noch einen Platz hier erhält, sehen wir, wie sehr jene kollektive Dummheit bis hinein in das zentrale politische Entscheidungssystem metastasiert und von dort weiter in die Gesellschaft streuen wird. Ein Innenminister, der aus Angst vor Stimmenverlusten seiner Partei öffentliche Debatten wider besseren Wissens vergiftet, ein Präsident des Verfassungsschutzes, der hier bereitwillig sekundiert, gewählte Volksvertreter, die in laufende Kameras fabulieren, dass die gut dokumentierten gewaltvollen Übergriffe auf Ausländer oder Vertreter der Presse in Chemnitz die Kreation einer durch das Kanzleramt dirigierten Fake-News-Kampagne seien, zeigen uns, dass Figuren wie Donald Trump keine surrealen Karikaturen sind, die nur in Arealen der Vereinigten Staaten, deren Volksseele mit naiv warmherzig umschrieben ist, Wirklichkeit werden. Weil der Platz hier wieder einmal nicht reicht: Wehrt euch gegen die Dummheit! Bitte bald, von mir aus #aufstehen, wenn’s hilft!

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 13. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im März 2019.

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