Zu groß

#DunkelDuscht  #Macht+Protest #Klima

Sind die Probleme, mit denen sich die Menschheit derzeitig konfrontiert sieht, schlicht zu groß, um sie noch bewältigen zu können? Oder woran liegt es, dass wir ständig gegen dieselbe Wand rennen und aufgehört haben, uns die richtigen Fragen zu stellen, geschweige denn endlich damit anzufangen, vernünftige Antworten zu finden, fragt sich am Rande der Resignation unser Kolumnist Herr Dunkel. 

[Text: Herr Dunkel |  Illustrationen: Sarah Elena Kirchmaier]

Björn Höcke droht der Journaille und wünscht süffisant noch eine angenehme Karriere; nur so für den Fall, dass er noch eine „politisch interessante Figur“ in diesem Land werde – könne doch sein. Als ich das sah, die Schnipsel vom abgebrochenen Interview des ZDF, zog dieser Konjunktiv begleitet von brennenden Fackeln und kurzgeschorenen Fahnenträgern kurz vor meinem inneren Auge auf irgendeinem namenlosen Boulevard vorbei und ich dachte: „Scheiße Mann, man stelle sich vor: Björn Höcke, eine politisch interessante Figur?!?“ Andererseits: wer will in diesen Zeiten schon eine politisch interessante Figur in diesem Lande werden? Das wäre in etwa doch so, als würde man zum Stand von 0:13 in der 87. Minute als Hoffnungsträger für die Fußballnationalmannschaft der Färöer Inseln eingewechselt. Ein kleiner Klaps auf die Schultern, jetzt hau sie wech! Oder? Aber kategorisch ausschließen? Schließe Deine Augen, lege Dich zurück und sprich es aus: „Das wird [bei uns in Deutschland] unter keinen Umständen passieren!“ Ich persönlich bekomme nach der Trump-Wahl, dem Brexit, dem WM-Aus in der Vorrunde solche Sätze nicht mehr raus. Ich bin skeptisch geworden, ach was, fatalistisch und zwar im eigentlichen Wortsinne, ich befürchte wirklich, dass der Mensch sich seinem Schicksal wird ergeben müssen, dass wir und unser Wille dem Gang der Dinge nichts mehr entgegenzusetzen haben, weil die Systeme, die aufeinanderprallen, zu komplex geworden sind, die globalen Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen, in ihrem Wesen zu groß, schlicht zu groß, als dass wir sie noch bewältigen könnten. Dies auch schon deshalb, weil wir nicht einmal dazu bereit sind, sie mit uns in Beziehung zu setzen. Auch wenn es sich das Gros der kognitiv Bessergestellten nicht vorstellen kann, aber für einen signifikanten Teil unserer Gesellschaft bleiben die Auswirkungen der globalen Klimaveränderungen genauso im Bereich der Glaubensausdeutung, wie es Greta Thunberg der amerikanischen Gesellschaft attestierte. Fakten mögen es ja sein, aber sie fühlen sich nicht so an! Gerade jetzt im sonnigen Spätsommer treten die Ungläubigen morgens vor die Tür, blinzeln in die milde Sonne und atmen zufrieden ein und aus. „Schööön!“ Goldener Herbst und Apokalypse gehen nicht gut zusammen und überhaupt: Im politischen System ist die Rolle der Bedenkenträger eben nicht für alle vorgedacht und schon gar nicht in einer Zeit, die sich durch das „sich folgen“ konstituiert. Es ist wie in den US-amerikanischen Endzeitblockbustern der späten 1990er Jahre, die es heute nicht mehr gibt, weil das alles bereits erzählt ist und die Realität der Fiktion jegliches Dystopiepotenzial genommen hat. Da ist die anonyme Schar an Menschen. Arglos leben sie ihr Leben, so wie es gemeinhin ist: Barbecue, Rasenmähen, ein paar Körbe werfen vor der Doppelgarage. Zur gleichen Zeit piepst irgendwo im Nordpolarmeer eine Sonde eigenwillig vor sich hin. In der weiteren „Handlung“: Mahnende Wissenschaftler, arglose Politiker, nervöse Militärs und eines ist gewiss: nach zwei Dritteln des Films dreht der Plot und die, die von allem profitierten und zu borniert waren, um zu verstehen oder aufzuklären, wollen sich im Angesicht der großen Katastrophe entweder nur selbst retten – schubsen dabei auf dem Weg zur Rettung noch ein paar Kinder weg und schreien hysterisch – oder aber sie spielen den Ball der Verantwortung in einem letzten Plädoyer an jene, die sie nicht gehindert hätten, also an alle anderen: Ihr seid alle Teil des Spiels!!! Und dann schwappt die große Welle über sie und die Vorgärten derer hinweg, die nur den amerikanischen Traum leben wollten und am Ende dann die Abblende mit dem Stelzendorf vor dem sengenden Abendrot im spiegelglatten Meer. 

PS statt IQ

Was ich damit sagen will: So wird es nicht kommen! Es läuft etwas subtiler. Und dennoch. Die Auswirkungen der Klimaveränderungen werden eben jenen, die das alles nicht wahrhaben wollen, immer mehr in die Hände spielen. Seht her, Ihr Klimaschützer! Hätten wir schon viel früher in die innere und äußere Sicherheit investiert, anstatt Euren Spinnereien hinterherzuhecheln, dann hätten wir jetzt hier nicht die Kriminalität, den Terror, die sozialen Verwerfungen! Und genau hier liegt das Paradox unserer Zeit: Weil uns das alles zu groß ist, denken wir zu klein und kriegen damit eben nichts gebacken. Ein System der Mittelmäßigkeit. Und wenn man mit dem richtigen Blickwinkel auf das Ganze schaut, sieht man da so eine Homer Simpson-Gestalt, die mit ihrem gelben Eierschädel immer wieder vor dieselbe Wand läuft und dann verwundert „Autsch!“ schreit – wirklich immer und immer wieder. Wahrscheinlich liegt’s am Reptiliengehirn. Passt immer. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Mensch in seinen Grundanlagen – und aus evolutionsbiologischer Sicht hatte er ja nicht so wirklich viel Zeit, um sich zur Perfektion zu treiben bzw. treiben zu lassen – einfach nicht dazu in der Lage ist, nachhaltig zu handeln und zu leben. Sinngemäß wiedergegeben hat der Mensch in seiner Entwicklungsgeschichte hin zum aufrecht gehenden Homo Sapiens zu schnell die Hände freigekriegt und dann angefangen bis hin zur Atombombe, zum Cyberwar und Social Networking nützliches, aber auch gefährliches Zeug zu entwickeln, das er besser nicht in den Händen halten sollte. Mit Blick auf die Welt als Ganzes ist der Mensch dabei aber Jäger und Sammler geblieben. Er kapiert die größeren Zusammenhänge einfach nicht und weil dem so ist, ist all das, was den Menschen treibt und das, wonach er strebt, doch meist frei von Tugend und Moral. Es geht um Effizienz. Um Effekt. Es muss wuppen, funzen, qualmen und plattmachen – PS statt IQ! Nicht ohne Grund sind die großen Innovationen in Kriegszeiten entstanden, zum Töten – und wenn der Krieg dann vorbei war, zur Ausbeute der natürlichen Ressourcen. Hier wie dort lebensfeindlich und doch: der Mensch erscheint dabei zwar gewissenlos und amoralisch, prinzipiell böse ist er aber eigentlich nicht, eher wie ein spielendes Kind im Sandkasten, das immer perfidere Methoden entwickelt, um Ameisen oder andere Insekten zu zerquetschen, zu zerstückeln, zu verbrennen – „schau, ich kann es, zehn auf einmal!“ 

Moral und die Suche nach dem guten Leben im Kreise der anderen, das sind Fragen, die sich die Gesellschaft als Ganzes stellen muss, um zu bestehen. Wenn wir dies nicht mehr tun, einfach nicht mehr tun, dann müssen wir uns selbst dahingehend aufklären, warum wir aufgehört haben, die richtigen Fragen zu stellen.

Nutzen­maximierende Maßlosigkeit 

„It’s the economy stupid!“ Diese einst im Wahlkampf Bill Clintons entstandene Mahnung, womit Wahlen neben allem anderen Gedöns vor allem zu gewinnen seien, ist wahr und entlarvend zugleich. Es ist das „Ja, ich will!“ und „niemals genug!“, dem wir uns nicht entziehen können. Der Mensch kann sich der kapitalistischen Logik nicht mehr entwinden oder sagen wir, er hat dies nie vermocht. Als unsere urzeitlichen Verwandten noch in vagabundierenden Banden durch die Steppen Afrikas marodierten, kam ihnen bei einem üppigen Busch voller saftiger Beeren eben nicht in den Sinn: „Uhhh, den naschen wir aber heute nur halb herunter, den Rest heben wir uns auf für morgen, übermorgen, schlechte Zeiten!“ Nein, die haben ihn klargemacht. Komplett. Den ganzen Busch! Bevor es andere tun konnten und sich damit einen Vorteil verschafften im Kampf jeder gegen jeden. Hobbes irrte nicht! Und überhaupt, „klar, wir könnten unsere Kernreaktoren und Kohlekraftwerke alle abschalten, aber dann freuen sich die Polen!“, und freilich, „wir könnten unsere energieintensive Schwerindustrie abbauen, aber dann belegen die Chinesen diese Schlüsseltechnologien und die haben es ja nun erst recht nicht so mit Umweltstandards!“ Das vielzitierte „Weiter so!“ erscheint in dieser Logik gar als eine Form des Klimaschutzes. Das wollen die ganzen ideologisch Verbohrten nur einfach nicht kapieren! DAS ist Realpolitik!!! Lass es auf Dich wirken! Am Grundimpuls der nutzenmaximierenden Maßlosigkeit hat sich folglich in Tausenden von Jahren Mensch nichts geändert. Es steckt in unserer Natur. Heute hat uns die Ökonomie fest im Griff. Sie transformiert unmittelbar jegliche soziale Schwingung in ein passendes Konsumangebot – das Gemeinschaftliche ins Egoistische – und kehrt so das, worum es eigentlich einmal ging, ins Absurde – sie bedient, schändet und bestimmt zugleich den Zeitgeist und am Ende steht immer wieder dieses „Aber das ist es doch, was ihr wolltet!“. Ihr seid alle Teil des Systems! Alles bloß Markt, Angebot und Nachfrage und die Straßen voller E-Scooter. Für die Umwelt! Hier ist die Politik gefragt und gefordert, doch die zentrale Entscheidungsinstanz unseres pluralistisch-repräsentativen Meinungsbildungssystems steckt in einer manifesten Krise. Zu einer Unzeit. Wie sich das äußert? Nun, man will zwar die großen Bretter bohren, sich der existentialistischen Fragestellungen der Menschheit an ihrem Scheideweg annehmen, weil man verstanden habe und den Protest der Jugend und ihre Begehren vernommen habe, doch am Ende soll Politik dann eben doch nur das sein, was möglich ist!

Ich bin ja hier auch nur der Dunkel. Was weiß denn ich! Was ich aber weiß, ist, dass wenn es stimmt, was die Wissenschaftler sagen, und zum Wissen sind sie doch da – am Alfred-Wegener-Institut, am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, die klugen Köpfe im Weltklimarat –, dann reicht das eben alles nicht, auch das nicht, was jetzt im ach so großen Wurf des Klimapakets der visionsfreien und vor sich hingammelnden großen Koalition herausgekommen ist. Wollen wir eine Chance erhalten, die sensiblen globalen Klimasysteme zu stabilisieren, so müssen wir an unserem kombattanten Verhältnis zu unserer Umwelt und letztlich zu uns selbst so ziemlich alles ändern, unser Sein in der Welt völlig neu denken und gestalten. Diese Gefälligkeitsprosa rund um jenes „Wir haben verstanden!“, gerahmt von Pendlerpauschalen und C02-Zertifikaten werden auf das Weltklima frei von nennenswerten Effekten sein – reine Symbolpolitik, die niemandem weh tun soll.

Die Welt als sterbenskranker Mensch gedacht 

Man stelle sich die Welt als einen schwerkranken Menschen vor, der nach einem schwerwiegenden Infarkt dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen ist. Er sitzt nun beim Arzt seines Vertrauens auf der Liege und hört sich an, dass er sein Leben umstellen muss, radikal, sonst war es das: weniger Alkohol, keine Zigaretten mehr, mehr Bewegung, weniger Aufregung, gesünder essen, viel Gemüse, nicht mehr so fett, geregelter Schlaf – Abnehmen, Sport, sofort! Ja, wer sagt denn da: „Ach kommen Sie schon, nur noch ein Jahr, ja?“ oder „Das ist nur Ihre Meinung, sie universitätsverzogener Eierkopp!“, wahlweise auch „Ich glaube nicht an den nächsten Infarkt, das ist nur eine Erfindung des Marburger Bunds. Man will mir was wegnehmen!“ Und nebenbei bemerkt: Welcher Arzt würde im Vorfeld sagen: „Hmh, das kann ich ihm nicht sagen! Das macht ihm nur schlechte Laune. Ist ja auch so fordernd. Und dann kommt er nicht mehr, und auch nicht seine Frau, und seine Kinder!“ In diesem Bild erscheinen die Dinge klar. An dieser Bruchkante des Lebens, wenn einem die Endlichkeit des eigenen Seins so erbarmungslos vor Augen geführt wird, wird der Mensch demütig und ist bereit für alles, wenn es nur nützt. Ich mache mir und Dir da gar nichts vor. Ich spüre das so auch nicht und deshalb möchte ich, dass die Politik mir den Weg weist. Ich wäre bereit. Ein bisschen Nachdruck braucht es da schon. Unser Einsatz im Kampf um das globale Überleben kann doch nicht an der schwarzen Null scheitern. Ich bin nicht naiv, sondern makroökonomisch durchaus wohl gebildet, und dennoch: am Ende des Tages ist Geld doch nur lustig bedrucktes Papier – ein Bedeutungsträger, eine Verabredung. Wenn die Welle schwabbt, wovor ein aktueller IPCC-Sonderbericht warnt, wird der rettende Strohhalm der Hoffnung unbezahlbar sein. Erklärt das doch mal einem Kind, dass die Rettung der Welt nicht finanzierbar ist oder ungerecht für die Pendler in den Flächenländern. Ich habe es probiert. Sie können das nicht verstehen,  weil es Quatsch ist. Wir müssen aus dieser Denke raus. Schnell. Das ist nicht naiv. Es ist geboten. Vielleicht mal wieder über ein Wahlrecht ab 16 nachdenken oder 14, 12!? Irrationaler kann es nicht werden!

 

PS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 19. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im November 2019. 

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