Über das geheime Sex­leben der Orchideen 

#Naturwunder #Sex #Lokales

Jeder kennt Orchideen von den Fenstersimsen zuhause bei Oma, Tante, Mutter oder auch bei sich selbst. Dass es bei uns auch heimische, teilweise leider sehr bedrohte, wilde Orchideenarten gibt, ist schon deutlich weniger Menschen bekannt. Und dass manche Orchideen sogar richtig sexy sind, das weiß nun fast niemand. Diesem Unwissen soll daher in diesem leicht unsachlichen, aber nicht gänzlich unwissenschaftlichen Artikel begegnet werden.

[Text: Boris Hillmann |  Illustrationen: Fräulein Freud, Charlotte Karnasch] 

↑ Taufeuchte Lippen, lasziv gedrehte Zungen, triefende Vulven und andere wollüstige Feuchtgebiete recken sich empor und betteln förmlich darum, endlich begattet zu werden. 

 

Es ist natürlich auch Ansichtssache. Aber allein schon das Wort „Orchidee“ lässt sich schwerlich ohne erotischen Unterton aussprechen. Dieser wohlklingende Begriff ist vom Familiennamen Orchidaceae abgeleitet und die Pflanzengattung der Orchis umfasst auch eine Reihe bei uns heimischer Arten. Das Wort Orchis wiederum kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Hoden“. Nun mag man sich fragen, wo um Himmels Willen diese exotisch anmutenden Königsblumen ihre Eier haben? Oder wurden Orchideen Anno Domini gar als Potenzmittel missbraucht? Weit gefehlt!

Tatsächlich weisen viele heimische Arten in ihrem unterirdischen Gemächt zwei hodenähnliche Geschwülste auf. Die Pflanzen bilden diese Organe zur Speicherung von Nährstoffen, um genug Energie­reserven für den Wiederaustrieb im kommenden Jahr zu haben. Ein „Ei“ wird also jedes Jahr neu gebildet, während das andere vom Vorjahr regelrecht „leergesaugt“ wird. Dieser eigentümlichen Anatomie hat die Gattung Orchis auch ihren deutschen Namen „Knabenkräuter“ zu verdanken. Manche Vertreter, wie das männliche Knabenkraut [Orchis mascula], sind mit recht stattlichen „Cochones“ ausgerüstet, bei denen der eine oder andere Zeitgenosse vor Neid nur erblassen kann. Um als Durchschnittsmann mit ähnlichen Relationen auftrumpfen zu können, müsste man sich vermutlich Eier vom Vogel Strauß in die Hosentaschen schieben.

Wollüstige Feuchtgebiete

Doch wenden wir uns nun vom Gehänge der Pflanzen ihrem weitaus ansehnlicheren, folglich oberirdischen Erscheinungsbild zu: der einzigartigen Blüte. Dem fünfstrahligen Grundaufbau immer folgend, gibt es unzählige Variationen, Abwandlungen und die skurrilsten Formen im Reich der Orchideenblüten. Taufeuchte Lippen, lasziv gedrehte Zungen, triefende Vulven und andere wollüstige Feuchtgebiete recken sich empor, buhlen um Aufmerksamkeit und betteln förmlich darum, endlich begattet zu werden.

Ejaculato praecox

Auch hier gibt es einige heimische Orchideenarten, welche eine sehr ungewöhnliche Sexualität für ihre Bestäubung entwickelt haben. Die Vertreter der Gattung Ophrys, im deutschen hölzern „Ragwurz“ genannt, zählen zu den schönsten und seltensten Blütenpflanzen Europas. Die Arten bilden Blüten aus, die in den Augen von einigen Wildbienenmännchen beim Vorbeiflug wie deren willige Weibchen aussehen, so dass die Insekten kurzum zur Landung ansetzen und die Blüten sogleich beglücken wollen. Die irregeführten Bienenmännchen sollen die Pflanzenblüte während des vorgetäuschten Sexes dann eigentlich bestäuben, was nicht immer gelingt. Ob es sich hierbei um eine Art von „Ejaculato praecox“, also dem vorzeitigen Samenerguss, seitens der Bienenmännchen handelt, auf den sich die Pflanzen evolutionär noch nicht angepasst haben, oder ob die Bienenmännchen den Fake-Sex schnell durchschauen, ist nicht geklärt. Manche Art, wie Ophrys apifera, die Bienenragwurz, begnügt sich daher mit Autogamie. Mit anderen Worten: sie macht es sich selbst.

 

PS: Der interessierten Leserschaft sei noch der Hinweis mitgegeben, diese seltenen, teilweise bedrohten und gesetzlich geschützten Pflanzen bitte keineswegs zu pflücken. 

PPS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 23. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im September 2020.

 

 

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