Pflege in Not

#Macht+Protest #Seelenleben #Arbeit+Leben

Als Pflegekraft aus Überzeugung geht man heutzutage schnell selbst psychisch und physisch am Krückstock, weshalb kaum noch jemand diesen Beruf ausüben möchte. Dies stellt in einer alternden Gesellschaft wie der unseren ein elementares Problem dar. Deshalb fordert unser Freund Gunna, seines Zeichens examinierter Altenpfleger aus Leidenschaft, eine Revolution in der Pflegebranche, die am besten sofort beginnen muss.

[Text: Gunthard E. Schleipen aka Gunna protokolliert von Vanessa Pegel Illustrationen: Emma Thiere]

Als ich vor dreiundzwanzig Jahren meine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger abgeschlossen hatte, prognostizierte man mir einen krisensicheren Beruf – allerdings mit möglichen Problemen im Rücken, psychischen Belastungen und geringem Verdienst. Genauso kam es dann auch, aber dennoch: Schon alleine die Freude, einen Beruf auszuüben, der mir den Sinn des Lebens vermittelt und jeden Tag vor Augen führt, wie wertvoll die Gesundheit für den Menschen ist, scheint mir eigentlich unbezahlbar zu sein. Was aber derzeit in der Pflegebranche passiert, ist beängstigend hoch drei: Bürokratiewahnsinn gekoppelt mit ver-sicherungsstatistischen Kapriolen, die den Sinn des Ganzen – also die menschenwürdige Pflege – geradezu verhöhnen. So kommt es beispielsweise dazu, dass Pflegekräfte ihre ohnehin schon viel zu kurz bemessene Zeit, die sie pro Patient zur Verfügung haben, damit verbringen müssen, krude Listen für die Pflegeversicherung auszufüllen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, die dafür sorgen, dass die vielleicht gut gemeinten, aber schlecht gemachten Lösungsversuche der Politik an der Realität zerschellen, weil dort immer noch Faktoren wie Überbelastung, resistente Viren und das Gewinnstreben der Heimbetreiber herrschen. Natürlich ist die Crux für die gesamte Problematik das Erreichen eines immer höheren Lebensalters. Was eigentlich ein Grund zur Freude sein sollte, wird von den Alternden jedoch nicht durchgängig als oberster Anspruch angesehen. Denn schließlich kostet so ein Pflegeheimplatz im Monat schon mal das Doppelte einer Mittelklassekreuzfahrt, wobei der Service im Vergleich dazu eher mäßig ist. 

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Wenn man mich fragt, ist es nun allerhöchste Zeit, dass sich ein gewiefter Anwalt die Mühe macht, den Pflegevertrag eines Patienten auf Herz und Nieren zu prüfen. Dies könnte wie folgt aussehen: Man nehme die im Pflegevertrag festgelegten Dienstleistungen sowie den Personalschlüssel und setze beides in Relation zur Wirklichkeit. Im Anschluss kürzt man dann – ähnlich einer Mietminderung im Immobilienbereich – den fehlenden Prozentsatz bei der monatlichen Zahlung der Aufenthaltskosten für das Pflegeheim. Selbstverständlich muss dieses Unterfangen bis zum europäischen Gerichtshof durchgekämpft werden, weil unsere derzeitigen Politiker*innen an dieser Misere maßgeblich beteiligt und ganz offensichtlich nicht in der Lage sind, dieses Problem in den Griff zu bekommen, bevor sie bald selbst im Altenheim landen und ihr politisches Versagen am eigenen Leib zu spüren bekommen. Wenn sich so ein gewiefter Anwalt finden ließe, dann ginge bestimmt ein Ruck durch Deutschland und die pflegebedürftigen Menschen sowie die pflegenden Angehörigen, denen ich übrigens allergrößten Respekt entgegenbringe, als auch die Pflegekräfte selbst hätten Grund, ein Feuerwerk der Menschlichkeit zu entfachen.

Eine Frage des Respekts

In einer alternden Gesellschaft, die sich als zivilisiert betrachtet, erwarte ich viel mehr Respekt vor dem Altwerden. Doch durch die Abschaffung des Zivildienstes ist ein weiterer wichtiger Eckpfeiler im Krisengebiet der Pflegebedürftigkeit weggebrochen. Denn die paar Menschen, die sich im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in Altenheimen engagieren, können nur schwer wettmachen, was die Flut an langhaarigen Kriegsdienstverweigerern damals geleistet hat: nämlich freudige Ausdrücke auf die Gesichter von alten Menschen zu zaubern. Was ich als große Chance im Kampf gegen die Verwahrlosung der Seniorengeneration sehe, ist die Suche nach ausländischen Pflegekräften. Denn im Vergleich zu Deutschland ist in vielen anderen Nationen die Verantwortlichkeit für den älteren Teil der Bevölkerung größtenteils in der Familienstruktur eingebettet, wo es noch einen Hauch von Geborgenheit gibt. Doch anstatt sich darauf zu fokussieren, den Erdball von Mexiko über den Kosovo und Serbien zu durchreisen, um Pflegekräfte anzuwerben, ist es meines Erachtens darüber hinaus geradezu lebensnotwendig, auch Mitglieder unserer Stammeskultur von dem wunderbaren Dienst am hilfebedürftigen Mitmenschen zu überzeugen und dies auch durch finanzielle, bürokratiefreie und arbeitsplatzverbessernde Maßnahmen zu untermauern. Was nun also tun? Erstmal keine Panik, denn die Gesellschaft wird sich zwangsläufig entwickeln müssen. Der Graben zwischen alt und jung, fit gegen senil oder auch Unerfahrenheit versus Abgeklärtheit schafft zwar Spannungen, aber setzt eben auch Energien frei. Ob und wie jemand sein Alter verbringt, liegt natürlich an der finanziellen Absicherung und/oder den geschaffenen Netzwerken, seien es rein familiäre oder freundschaftliche Ankerpunkte. Altersflucht in tropische Gegenden könnte ebenso eine Lösung sein wie Alten-WGs in selbst verwalteten Anwesen. Schließlich wurden in den Nachkriegsjahren auch hierzulande Häuser gebaut, die so geräumig sind, dass die nächste Generation dort genügend Platz zum Leben hat. Leider Gottes sind es aber dann genau diejenigen Angehörigen, die eigentlich dort einziehen sollten, die ihre Eltern lieber ins nächste Aussen-hui-und-innen-pfui-Heim abschieben, um das mit Blut, Schweiß und Tränen gebaute Familiendomizil an den nächstbesten Immobilienhai zu verhöckern, damit der Designerbungalow mit Kiesauffahrt und Hauptsache-kein-Laub-Garten bezogen werden kann. Nachhaltigkeit und ein liebevoller Umgang mit seiner Familie ist eben nichts für jeden! Deshalb hier ein Aufruf an alle alternden Menschen mit undankbaren Kindern: Lasst nicht zu, dass dies Euer Schicksal wird! Baut Eure Häuser zu Alten-WGs um, anstatt sie schon zu Lebzeiten zu vererben! Wenn bei den gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Umgangsformen eine neue Miteinanderkultur entstehen soll, liegt es an uns allen, die Weichen neu zu stellen, eigene Ansprüche zu justieren und bescheidene Wünsche zu formulieren. Der wichtigste Aspekt bleibt aber der Respekt vor denen, die uns einst groß gezogen haben. 

Too old to die young

Ob wir wollen oder nicht, früher oder später werden wir alle alt sein, wenn wir nicht vorher den Löffel abgeben. Also nehmen wir uns doch mal kurz die Zeit, um uns selbst zu fragen, wie wir dann gerne leben und behandelt werden möchten. Es gibt so viele Möglichkeiten, dem Still-satt-und-sauber-Prinzip etwas entgegenzusetzen, das menschenwürdig ist. Packen wir’s an! Die Pflege hat es verdient, besser verstanden, anerkannt und bezahlt zu werden, denn die Dankbarkeit derer, die auf Hilfe angewiesen sind, ist zwar mit schnödem Mammon nicht zu bezahlen, sollte sich aber dennoch finanziell und ideell auszahlen. Gerade mit Blick auf unser eigenes Altern sollten wir uns klar machen: Wir bereuen nicht das, was wir getan haben, sondern das, was wir nicht gemacht und somit vertan haben. Pflegerevolution jetzt!

 

PS: Aufgrund der Zustände in vielen Altenheimen hat sich Gunna im Juni 2017 dazu entschlossen, stattdessen lieber für den PHB [Pflege, Hilfe & Betreuung e.V.] zu arbeiten. Dort kümmert er sich mit viel Herz und Hingabe um einen elfjährigen beatmungspflichtigen Jungen in einer 24-Stunden-Betreuung.

 

PPS: Dieser Artikel erschien erstmalig in der 21. Ausgabe des VONWEGEN-Magazins im März 2020. 

 

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