Vom Lockdown zum Burnout

#Seelenleben #Arbeit+Leben

Corona macht nicht nur den Körper krank, sondern auch den Kopf. Zwischen Zukunftsängsten, Desinfektionsspray, Maskenpflicht und ein, zwei, drei G-Regeln ist die Luft dünner und das Leben schwergängiger geworden. Es flutscht nicht mehr.

[Text: Vanessa Pegel | Illustration: Fräulein Freud]

 

Du hast Deinen Job mal richtig gerne gemacht, aber kannst Dich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie das überhaupt möglich war? Dennoch gab es diese Zeit, in der Dir Dein Leben rosig erschien und Du mit Leidenschaft bei der Sache warst. Auch unter erheblichem Zeitaufwand und großem Leistungsdruck waren Dein Engagement und Deine Schaffenskraft ungebremst, denn Du wolltest etwas bewirken und bewegen. Doch aus Gründen, gegenüber denen Du Dich machtlos fühlst, kam es anders als Du dachtest. Der erhoffte Effekt stellte sich nicht mehr ein. Aus Lust wurde Frust. Nach einem Kampf gegen Windmühlen, erdrückten Dich Deine Ideale. Von der Arbeit abschalten kannst Du seither nur noch mit Bier, Zigaretten, Joints oder Schlaftabletten. Mittlerweile kostet es Dich große Anstrengungen, morgens aus dem Bett zu kommen. Ganz zu schweigen von dem Widerwillen, der Dich auf dem Weg zur Arbeit oder ins Home-office überfällt und den Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen, die Dich zwischendurch in Schach halten. „Was hat mich bloß so ruiniert?“, fragst Du Dich und findest keine Antwort in Deiner inneren Leere, wo sich ein Gefühl von Sinnlosigkeit breit gemacht hat ...

Wenn Dir dieses Szenario ansatzweise bekannt vorkommt, wird Dich womöglich Folgendes interessieren: Bei dem oben beschriebenen Zustand von radikaler, emotionaler Erschöpfung mit erheblich reduzierter Leistungsfähigkeit handelt es sich um ein Burnout-Syndrom. Selbiges kann der Endpunkt einer Entwicklungslinie sein, die mit idealistischer Begeisterung begann und aufgrund frustrierender Erlebnisse zu Desillusionierung, Apathie oder auch Aggressivität führte. Mögliche Neben- und Folgewirkungen des Burnouts sind u.a. eine erhöhte Suchtgefährdung und eine gesteigerte Empfänglichkeit für psychosomatische Erkrankungen. Der typische Burnout-Verlauf hat grob unterteilt drei Stufen: Erstens Erschöpfung und Unfähigkeit zur Entspannung, zweitens innere Leere und das zunehmende Gefühl von Hilflosigkeit und drittens gesundheitliche Probleme wie z.B. chronische Schmerzen und Depressionen.

Born to perform

Wir leben in einer Welt, in der Produktivität zählt. Born to perform. Leistung aus Leidenschaft – natürlich auch im Lockdown, dann eben im Home-office. Der 3G-getriebene Mensch als personifizierte Höchstleistung gefangen zwischen den 3H [Homeschooling, Hausarbeit und Homeoffice] mit Angst vor den 3I [infiziert, Intensivstation, Intubation]. Also disziplinieren, kontrollieren, optimieren und perfektionieren wir uns, was das Zeug hält. Wir rackern uns ab, weil wir uns sowieso schon vor Konkurrenz, eigenen Fehlern, Versagen und sozialem Abstieg fürchten und nun auch noch vor Corona. Deshalb jetzt bloß nichts falsch machen! Der Mensch als Maschine oder wie Aldous Huxley 1946 im Vorwort seiner Dystopie „Schöne neue Welt“ die Zukunft in dunkle Farben hüllte: „Ein wirklich leistungsfähiger totalitärer Staat wäre ein Staat, in dem die allmächtige Exekutive politischer Machthaber und ihre Armee von Managern eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrscht, die zu gar nichts gezwungen zu werden brauchen, weil sie ihre Sklaverei lieben.“ Leider lassen Huxleys ultimativen Glückspillen in unserer Corona-Welt beharrlich auf sich warten. Hier gibt’s nur Valium, Tavor, Antidepressiva und bedingt zugelassene Impfstoffe auf Rezept. Vergnügen verboten! Schließlich haben wir es hier keineswegs mit einer schönen neuen Welt zu tun, sondern mit einer Pandemie, die Panik verbreitet und psychische Erkrankungen wie Depression, Angststörung oder eben auch Burnout nach sich zieht, denn Fakt ist: Zuviel Stress macht krank. 

Wenn der Stresspegel überschwappt

Eine ganz normale Stressreaktion läuft folgendermaßen ab: Das Gehirn wittert eine Bedrohung, schüttet blitzschnell Botenstoffe aus und die Nebenniere sendet Stresshormone aus, die den gesamten Organismus unter Strom setzen: Herzschlag und Atem werden schneller, die Muskeln spannen sich an und im Blut schnellen die Zucker- und Fettwerte nach oben, damit genügend Energie zur Verfügung steht, um den Bedrohungsmoment zu meistern. Normalerweise wappnet sich der Körper mit diesem Turboprogramm für brenzlige Situationen, wie z.B. einen Streit, einen Kampf oder eine Flucht. Wenn die Gefahr vorüber ist, sinkt der Hormonspiegel und der Körper kann sich wieder entspannen. Solange es sich dabei nur um kurze Belastungsspitzen handelt, bei denen die Regenerationsfähigkeit erhalten bleibt, kann der Mensch das gut verdauen. Wenn aber der Stresspegel dauerhaft hoch ist, während Ruhepausen, genügend Bewegung und geregelte Mahlzeiten ausbleiben, können Körper und Geist diesem Alarmzustand irgendwann nicht mehr standhalten. Um die permanente Anspannung auszuhalten versuchen Betroffene häufig, sich selbst zu therapieren. Alkohol, Nikotin, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Aufputschmittel und andere Drogen sind die Mittel der Wahl. Das Arbeitsverhalten kennzeichnet sich durch mangelnde Planung, fehlende Übersicht und Ordnung sowie häufige Konflikte mit Kollegen*innen. Innerlich kommt es zu Unruhe, Unzufriedenheit, Ärger, Versagensängsten, Hilflosigkeit, Selbstvorwürfen, Gedankenkreisen, Selbstblockaden und Hoffnungslosigkeit. Im „Endstadium“ des Burnouts erleben die Betroffenen eine existentielle Verzweiflung und einen umfassenden physischen sowie psychischen Erschöpfungszustand, der zu einer handfesten Depression werden kann. Also lieber professionelle Hilfe suchen, bevor es soweit kommt!

Erste Hilfe

Wenn das nächste Mal Dein Puls rast und sich die Stresshormone wie Handschellen um Dein Herz schließen, dann atme tief durch, und sag Dir diesen Satz: „Ich will nicht mehr mein Bestes geben, ich will es wiederhaben!“ Stress und Burnout lassen sich am ehesten zur Räson bringen, wenn Du Dir selber Gutes tust. Versuche einen Weg zu finden, der Dich zurück zu Deiner Mitte führt. Dabei können beispielsweise ausgedehnte Spaziergänge an der frischen Luft oder achtsamkeitsbasierte Bewegungs- und Entspannungstechniken wie Mediation, Yoga, Qigong oder Tai-Chi als hilfreiche Begleiter wahre Wunder vollbringen. Denn permanenter Stress und körperliche Unterforderung sind Gift für Körper und Seele und treffen in einer Corona-Welt mit Quarantäne, Homeoffice und Ausgangssperren häufig aufeinander. 

Hör in Dich hinein, frage Dich, was Dir wirklich wichtig ist und besinne Dich besonders in diesen doofen Zeiten auf das Wesentliche. Viele Menschen wollen jemand sein, der sie gar nicht sind, während die Welt um sie herum aus den Fugen gerät. Um Dich besser zu fühlen, ist es wichtig, Dich selbst zu erkennen. Analysiere Deine Lebensumstände und verändere, was in Deiner Macht steht und Dir zu viel Kraft raubt. Du hast nur dieses eine Leben und es findet jetzt statt, also Handschellen ab, Leinen los und notfalls den Lieblingsspruch von meinem Vater heranziehen: „Gib mir die Gelassenheit, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Niemand kann sich selbst – geschweige denn diese Welt – grundlegend verändern, aber man kann sich finden, und das ändert alles.

 

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WIE AUSGEBRANNT BIST DU?

Natürlich ersetzt dieser Test keine ärztliche Diagnose, aber er kann Dir vor Augen führen, ob Du möglicherweise gerade auf ein Burnout zu schlitterst ... 

 

1. Fühlst Du Dich meistens unwohl, wenn Du morgens an Deine Arbeit denkst?

2. Bist Du tagsüber oft müde, obwohl Du eigentlich genug geschlafen hast?

3. Fühlst Du Dich am Ende eines Tages oft leer und lustlos?

4. Willst Du am liebsten immer alles perfekt machen?

5. Leidest Du oft unter Kopf-, Nacken- oder Magenschmerzen?

6. Ziehst Du Dich mehr und mehr von Deinem Freundeskreis zurück?

7. Verzweifelst Du oft innerlich, wenn Du über die Corona-Thematik nachdenkst?

8. Schaffst Du Dein Arbeitspensum nur mit höchster Anstrengung?

9. Kannst Du schöne Dinge nicht mehr genießen, weil Du ständig unter Strom stehst?

10. Hast Du einen erhöhten Puls oder Blutdruck?

11. Fühlst Du Dich von Deinem Alltag überfordert?

12. Hast Du große Angst, den an Dich gestellten Erwartungen nicht zu entsprechen?

13. Reagierst Du schon bei Kleinigkeiten gereizt, wenn es nicht so läuft, wie Du es Dir vorgestellt hast?

14. Hast Du öfter den Wunsch, alles hinzuschmeißen und davonzulaufen?

 

Auswertung:

0-3 „Ja“: Bei Dir scheint alles ganz in Ordnung zu sein.

3-6 „Ja“: Dein Stresspegel ist erhöht. Könnte es sein, dass Du dazu neigst, Aufgaben vor Dir herzuschieben, sprich zu prokrastinieren? Wenn ja, liegt es möglicherweise daran, dass Du nicht so entspannt und zufrieden bist, wie Du sein könntest. Mehr über Prokrastination, auch bekannt als Aufschieberitis, erfährst Du hier. 

6-10 „Ja“: Du scheinst ganz schön gestresst zu sein. Verschaffe Dir Klarheit über die Ursachen und überlege, was Du selbst ändern und wo Du Hilfe gebrauchen könntest. 

10-14 „Ja“: Dein Stresspegel ist augenscheinlich so hoch, dass Du einen Arzt aufsuchen und Dir Rat einholen sollten, denn Du stehst scheinbar unter Dauerstrom.  

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